Montag, 18. Februar 2013

Birmingham


Zweieinhalb lange Monate hat es leider gedauert, bis ich meine zauberhaft Kalina wiedersehen konnte. Und nur ein kurzes Wochenende hatten wir! Auch mit einigen extra einstudierten neuen Salsaschritten im Kopf, dem Dreispitz darüber (die Haare waren leider nicht so weit nachgewachsen wie geplant, Kalina warn von Anfang an gegen die Kürzung) und dem ebenso neuen Gehstock (eigentlich ein umgedrehter Golfschläger) in der Hand kaum genug Zeit, um sich auf den neuesten Stand im gegenseitigen Leben zu bringen. Versucht haben wir es mit aller Macht. In Anbetracht der neuesten kulinarischen Experimente haben wir Samstag morgen die Markthallen erforscht und daraus später eine Makrele zum Abendbrot geholt. Zum Mittag hat mich Kalina in ein sehr gutes portugiesisches Café geführt. Im Museum des alten Juwelierviertels waren wir, was mit seinen leeren Backsteinbauten und Ahnungen aus größeren Zeiten eine Erinnerung an Lodz heraufbeschwor, wären die Straßen nicht immer noch so still und resigniert.

Der Höhepunkt war ein großer Masken-Salsaball in der großen Halle der größten der städtischen Universitäten. Vier Stunden haben wir getanzt, und nach ausgiebigen Vergleichsstudien konnte ich wieder bestätigen, dass niemand so leicht durch die Luft gleitet wie Kalina.

Wie meine sonst so gerne langschlafende Tanzfee morgens um zehn ausgangsbereit war, ist mir ein Rätsel. Ich selbst habe es nur geschafft, weil ich eine Woche vorher akzeptieren musste, dass ich einfach mehr Schlaf brauche und ausgeruhter war. Aber vielleicht lag es auch daran, dass wir den weltbesten Plan für gutes Wetter hatte, nämlich den Zoo. Das war umso besser, da auch Kalina noch nicht da gewesen war, ebenso wie ihre von mir ebenfalls hochverehrte Schwester Gergana, die sich netterweise anschloss. Und was für ein schöner Spaziergang mit Sonnenschein, vielen Kindern und zwei Meerschweinchen, die schwer mit frischem Frühlingsgras beschäftigt waren. Und ganz zum Schluss liefen wir noch an den stillen Kanälen der Innenstadt, zur alljährlichen Osterglockenzeit. Ein viel zu kurzes Wochenende – ich kann nur hoffen, dass der geplante Ausflug nach York zustande kommt.


Die zwei modischsten Mädchen auf den Straßen Birminghams.


Im Juweliersviertel.

So einen Knauf für meinen Gehstock!

Sowas gef'ällt mir.

Reich und schön



Ausgehbereit
Heimgehbereit.



Ich war interessant, weil meine Hand kurz vorher noch einen Apfel gehalten hatte.

Freitag, 8. Februar 2013

03.02.2013 – Drei Spitzen und sieben Schwestern

Ein Wochenende nach dem gemeinsamen Ausflug nach Winchester hatten wir uns in noch größerer Besetzung zum Besuch der Sieben Schwestern verabredet. Das ist ein Naturpark um eine Formation von sieben weißen Kreideklippen am Meer östlich von Brighton. In Brighton selbst war ich das letzte Mal im Herbst mit Monika und einigen Gästen gewesen.
Mathieu und ich wurden von Carla abgeholt, einer Portugiesin aus dem Ort Swindon nordwestlich von Southampton. Das Pärchen aus Southampton, mit dem wir letzte Woche unterwegs gewesen waren, trafen wir in Brighton. Der Samstagmorgen war sonnig und ich nahm meinen Dreispitz auf seinen ersten großen Einsatz. Nach einem Mittagessen aus Fish and Chips an der windig kalten Küstenstraße erreichten wir die Sieben Schwestern relativ spät und kamen über schlammige Wege erst kurz vor Sonnenuntergang an den Strand. Das war aber schöne Abendstille zwischen zwei Hügeln und Vogelbrutgewässern und erinnerte mich an die Ostsee, als der Weg einen immer näher an das Rauschen der Brandung führte. Wie bereits früher bemerkt wirkt das Meer bei Brighton viel größer, weil der Blick zum Horizont nicht von der Isle of Wight begrenzt wird.

Bei Dunkelheit gingen wir zurück in Brighton mit einer portugiesischen Freundin Carlas in ein kleines Konzert und anschließend durch ein, zwei Pubs und nach Mitternacht ganz kurz tanzen mit einigen gruseligen Gestalten zu den Hits der 80ern.

Einige der Schwestern im Hintergrund.
Kurz vorher hatte die Sonne die Klippen noch strahlend weiß gemacht.

Brighton ist in Sachen Nachtleben Portsmouth ganze Dimensionen voraus, sein Ruf zieht Unmengen Nachtschwärmer aus dem nahen London zu Spaß am Meer. Auch lässt sich der Ruf als hippes Pflaster nicht bestreiten. In den dekorativ und musikalisch tollen Kneipen hielt nur Platzmangel mein Tanzbein still und ich habe zum ersten Mal gut angezogene Engländerinnen gesehen, was ich ihnen auch gerne gesagt habe. Andererseits habe ich auf dem Weg nach Hause auch die bisher schlimmsten Exzesse an systematischer Selbstzerstörung gesehen, und leider bewohnten einige davon die Nebenzimmer unseres Hostels.
Am diesigen Sonntag suchten wir uns ein spätes Frühstück in den bunten Straßen des Hippieviertels und den „Gassen“, dem zentralen Gelände für Besucher mit Läden und Gastronomie. Auf der Rückfahrt nach Portsmouth hielten wir auf mein Betreiben noch in Arundel an, einer kleinen Stadt, deren massive Burg und katholische (!) Kathedrale Monika und mir seinerzeit von der Autobahn ins Auge gefallen war. Nach diesem Wochenende mit lauter Leuten in meinem Alter konnte mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier betrachten und für fast ausgeglichen empfinden. Mitte Februar besuche ich wieder Kalina zu einem Maskenball, weshalb ich mir das vorhergehende Wochenende kategorisch zur Erholung freigehalten habe.

In den wenigen freien Momenten allein habe ich Riekes Weihnachtsgeschenk ausgelesen. Interessanterweise wurde das gleich von einer Art verspätetem Geschenk in einem geheimnisvollen Paket ersetzt. Über die Feiertage hatte ich mich in Templin mit Friedemanns gläubiger Schwester über Existenz und Natur der Hölle unterhalten. Das hat sie scheinbar zum Anlass genommen, mit Informationsmaterial aus ihrer Gemeinde zukommen zu lassen.

Montag, 28. Januar 2013

Ecce gratum ver!

Der Januar war ein Monat ruhiger Wochenenden und trotzdem kritischen Schlafmangels. Trotz guter Vorsätze habe ich schnell wieder angefangen, zu spät zu schlafen. Höhepunkt war ein Tag Schnee, für den sofort die Katastrophenpläne aus den Schubladen geholt wurden. Kein Wunder, einheimische Kollege sagen sie sähen zum dritten oder vierten Mal im Leben Schnee in diesen Breiten. Also wurde schon am Vortag dieses einzigen Schneetags geplant und überlegt, ob das Büro nicht am besten gleich geschlossen wird. Das wurden dann zwar nur andere (der öffentliche Dienst arbeitet, die privaten nicht!), aber mein Team war auch das einzig vollständige auf der sonst außergewöhnlich stillen Etage, da viele Kollegen lieber zu Hause blieben. Schließlich sind die Straßen so eine Sache, wenn Winterreifen weder Pflicht noch leicht erhältlich sind. Dementsprechend habe ich reihenweise durchdrehende Reifen schon an kleinen Steigungen gesehen, und dutzendweise wurden Autos auch einfach am Straßenrand verlassen. Ein Kollege hat so wohl einmal sechzehn Stunden im Wagen verbracht. Am 30. Januar veröffentlichen wir den nächsten Satz Daten aus der Volkszählung. Diesmal sind die Arbeiten dazu aber erstaunlich pünktlich verlaufen und die Chefs haben weniger Stress als früher. Mitte Februar geht meine direkte Vorgesetzte für ein halbes Jahr in ein anderes Projekt, Ersatz kommt wurde aber noch nicht verraten.
Am zweiten Januarsonntag war ich zum ersten Mal bei der russisch orthodoxen Gemeinde, die sich ca. alle zwei Wochen zu mir bis dahin nie passenden Terminen trifft. Zu meiner Überraschung besteht die kleine Gruppe überwiegend aus Briten. Einen sehr guten kleinen Chor haben sie auch für ihre Gesänge, die für mich der Hauptanziehungsgrund sind. Ich habe danach brav beim Abbauen geholfen und wurde zum Gemeindeessen eingeladen. Dabei habe ich eine der vielen lokalen Bulgarinnen kennen gelernt, die gerne singt und an der Uni arbeitet. Darum habe ich sie zum Unichor eingeladen. Die ist am folgenden Mittwoch auch tatsächlich erschienen und hat sogar gleich eine Freundin mitgebracht, aber besonders begeistert sahen sie dann nicht aus und sind auch nicht wieder gekommen. Überhaupt hat der Chor über Weihnachten ein seiner Drittel Mitglieder verloren. Das ist zum neuen Jahr wohl normal, für mich aber trotzdem wieder ein Zeichen, wie wenig die meisten Menschen machen.
Ein erfolgreicherer Kontakt ist allein mein französischer Bekannter Mathieu, mit dem ich wieder beim Filmverein zu Dark Horse und danach trinken war. Im Pub haben wir eine Gruppe Leute kennen gelernt, die mehrmals die Woche unter Anleitung von Armeeangehörigen auf der großen Wiese am Meer Sport treiben, was ich mir vormerkte. Einige Tage darauf bin ich noch einmal allein in den polnischen Film In Darkness von Agnieszka Holland gegangen. Der behandelt eine Gruppe Juden in der Kanalisation von Lemberg und ist mir aufgrund der vertrauten Sprache und Umgebung mehr an die Nieren gegangen, als ähnliche Filme früher.
Samstag morgen habe ich mich tatsächlich der Sportgruppe angeschlossen, die nicht weit von meinem Haus auf der großen Wiese am Wasser trainieren. Nach zehn Minuten hab ich gejapst und habe nach weiteren zehn schamvoll aufgageben. Trotzdem ist das eine gute Art, das Wochenende zu beginnen. Das war gerade an diesem wunderschönen Sonnenmorgen zu merken, der nach dem Herbst und Winter eine erste Ahnung brachte, was in einer Seestadt der Sommer bringen könnte. Morgens als es noch still war, klarer blauer Himmel, glitzerndes Wasser, Möwenkreischen, Schiffe. Keine zehn Minuten weiter habe mir zum ersten Mal vom Markt am Fischereihafen eine frische Makrele zum Mittag geholt. Auf dem Rückweg sah ich, dass dieser Morgen die Leute aus den Häusern geholt hatte, und sie zum ersten Mal durch die Einkaufsstraße von Southsea flanierten und durchaus schon draußen vor den Cafés saßen. (Am folgenden Montag gab es einen richtig ordentlichen Sturm, mit handfester Brandung, die schönen Tanggeruch in die Nase trieb, und das weckt in mir das gleiche Glück, am Meer zu leben, wie ein Sonnentag.) Zum Makrelenmachen ist der nicht weit wohnende Mathieu gekommen, der mich auf den Fischmarkt erst aufmerksam gemacht hatte. Selbstredend will ich jetzt richtig Fischmachen lernen, jedes in Portsmouth verbrachte Wochenende damit beginnen. Das trifft sich gut, da ich auf der Suche nach neuen Rezepten war. Ente habe ich wie geplant erfolgreich probiert und auch die letzten Probleme des Brotbackens gelöst. Einmal habe ich auch Banizza allein probiert, was ich das letzte Mal noch zusammen mit Monika im Herbst gemacht hatte. Irgendwas hat gefehlt.

Letztes Abendmahl
Abends schließlich bin ich nach Southampton gefahren, zur Abschiedsfeier einer sehr netten italienischen Kollegin. Das war im kleinen Kreise des informellen internationalen Mittagstischs im Büro, wo sich diverse Immigranten zusammenfinden, weil man sich irgendwie näher ist als den Einheimischen. Dementsprechend war das ein Gelegenheit, einige der wenigen persönlichen Kontakte potenziell auszubauen. Den positiven Einfluss dessen habe ich gut wahrgenommen, auch wenn der Weggang der ob ihres unzerstörbaren Lächelns allseits beliebten Silvia ein dementsprechender Verlust ist.


Beim Abschiedsessen für die selig lächelnde Silvia in der Mitte. Man beachte meine Fliege und weiße Blume in der Jackettasche, zu Recht strahlt und funkelt es um mich.

Am nächsten Morgen haben die Muskeln erst richtig weh getan. Praktischerweise konnte ich ihnen etwas Auslauf geben, denn ich habe mich Mathieu Richtung Winchester angeschlossen, der zwei frisch immigrierte Freunde aus Southampton mitnahm, ein spanisch-französisches Pärchen. In Winchester war ich im Juli gewesen, aber diesmal schien es um einiges belebter zu sein. Das lag neben der Gesellschaft auch am hervorragenden Wetter, das im Januar die Außenplätze der Cafés füllte, auch mit uns. Nächstes Wochenende wollen wir gleich weiter fahren, zu einer bekannten Felsformation nahe Brighton.
Die Wochenenden vor Ort haben auch Zeit zum Lesen und Üben erlaubt. Das Buch Die Kunst kein Egoist zu sein, das ich zu Weihnachten bekommen hatte, habe ich fast geschafft. Lange wird es aber nicht mehr so ruhig bleiben. Mitte Februar gehe ich in Birmingham mit Kalina auf einen Maskenball. Am ersten Märzwochenende werde ich endlich wieder mit wunderbare, wunderschöne Ania wieder, die Zierde Rostocks, und anschließend meine wunderbare, wunderschöne  Kasia, die Zierde meiner Lodzer Zeit, die ja seit kurzem leider Zierde die von Celle geworden ist. Später im März besucht mich Papa, Ostern will ich selbst wegfahren, vermutlich Richtung York. Und dann ist Frühling und mich wird vermutlich wenig zu Hause halten.

Oben mit und oben ohne
Zum Schluss ein kleiner Eindruck vom Ergebnis eines gemeinsamen Neujahrsvorsatzes mit Friedemann, sowie vom Beginn meiner privaten Hutsammlung.

Der Dreispitz stammt vom Weihnachtsmarkt in Frankfurt/Oder und ist nach Vergrößerung endlich angekommen!
Diesen Halbzylinder habe ich auf dem Weihnachtsmarkt in Portsmouth erstanden. Ich hätte mir lieber einen richtigen Zylinder kaufen sollen.



Während Friedemanns Besuch im November hatten wir festgelegt: zu Neujahr Haare ab. Im Gegensatz zu ihm fehlt mir aber die Zeit, auch den Rest abzurasieren.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Uneinsame Insel

Die Zeit steht im Zeichen einer erneuten Suche nach einem Sozialleben. Samstag abend bin ich wie geplant zur Isle of Wight übergesetzt. Das ging darauf zurück, dass mich kurz vor Weihnachten unabhängig voneinander sowohl meine ehemalige Gastgeberin dort wie auch ihr Mitbewohner ohne besonderen Grund angerufen hatten, was ich sehr geschätzt hatte und wir vereinbarten hatten, uns mal wieder zu treffen. Das war auch gut getroffen, da in der ersten Woche zurück wieder das Gefühl von Leere ohne Menschen zurück kam. Ich kam dann auch zu einem großen Abendessen von und mit zwei Französinnen und dazu dem deutschen Mitbewohner.

Sonntag bin ich nach dem Frühstück allein zur Burg Carrisbrooke gefahren. Die liegt im im Zentrum der Insel, nah der Hauptstadt Newport, und war so etwas wie das militärische Hauptquartier in Elisabethanischen Zeiten. Sie ist an sich nichts außergewöhnliches, abgesehen von der Rolle als Gefängnis für Karl I vor seiner Hinrichtung nach dem Bürgerkrieg, und einer netten Vorführung, wie ein Esel den Brunnenzug bedient, und einer Gruppe russischer Mädchen. Aber sie liegt doch recht hübsch auf einem Hügel mit schöner Aussicht in alle Richtungen. Nur war an diesem Tag starker Nebel, was die Schiffe in der Meerenge mit dumpfem Tuten honorierten.

Dienstag ging es mit einem Bekannten in den Kinoclub. Diese kleine Privatinitiative war mir von Anfang an bekannt, aber ich hatte immer nach Aktivitäten „mit Leuten“ gesucht, anstatt still Filme zu sehen. Zu meiner Überraschung waren da aber auch Menschen, aus der Türkei, Italien und Bulgarien, die auch alle sehr zugänglich und engagiert waren, was ich ja immer schätze. Darum gehe ich mit Sicherheit zur nächsten Vorstellung, dann wird nämlich der polnische Film In Darkness im Original gezeigt. Am Mittwoch ging dann sowohl der Chor als auch der wichtigste wöchentliche Salsa-Abend wieder los. Im übrigen macht mir Poulenc's Gloria doch langsam Spaß und außerdem proben wir auch noch Gabriel Faure's Cantique de Jean Racine sowie sein berühmtes Pavane. Zuguterletzt hatte ich nicht gewusst, dass sich eine kleine Gruppe um den Dirigenten danach jeweils in einer der besten Kneipen der Stadt trifft, was ich gerne jede Woche zwischen Chor und Tanzen machen werde. Langsam gehe ich wieder dorthin, von wo ich eigentlich weg wollte: soviel zu tun und so wenig Zeit, wenn man dazwischen auch noch schlafen will; irgendwann werden die Hobbies eher zu Pflichten und aus Spass wird Stress. Aber ich war vielleicht noch nie so voller Ideen und Begeisterung und vielleicht auch nie so bewusst einsam; es ist mir fast unmöglich etwas auszulassen.



Auf der Arbeit schließlich ist es überraschend ruhig, wohl, weil für die kommende Veröffentlichung weniger Gesamtarbeit anstand, und meine Chefin gut geplant hatte. Meine Aufgabe bestand aus zwei der Texte der Publikation. Daneben beschäftigte uns vor allem die Festtagsschokolade, die Kollegen ins Büro abschieben.

Samstag, 5. Januar 2013

Der Rückflug war doch anstrengend: am Neujahrstag bin ich um sechs aufgestanden und kurz vor zehn Uhr abends zu Hause gewesen. Gut also, dass die zwei Wochen in Deutschland wirkliche Urlaubsatmosphäre und ganz viel Schlaf gebracht haben. Ich habe sogar wieder ein Gefühl von einem zu Hause bekommen, inklusive der damit verbundenen Erinnerung, das mir so etwas fehlt. Daher vielen Dank für die Gastfreundschaft auf allen Stationen, auf die ich mich nicht von ungefähr schon in der Auswahl meines Gepäcks verlassen hatte.
Ich hoffe, niemand ist verstimmt wenn ich sage, dass Rostock als letzter Wohnort vor England die meisten positiven Gefühle in mir wachgerufen hat. Das war das so bei jeder Rückkehr in alte Wohnorte merkwürdige, exotische Gefühl von wieder aufscheinender Vertrautheit und gerade nicht mehr passenden Alltagsbahnen. Stundenlang bin ich 'die alten Orte' abgefahren, bei schönster Wintersonne mit der Fähre über den Stadthafen gesetzt und nachdem ich zuerst gefürchtet hatte, dass die Orte ohne die Freunde vielleicht leer wirken, habe ich sogar einige Bekannte wiedergetroffen. Mit einer gern gesehenen Redakteurin des Lokalradios zum Beispiel besprach ich das Kulturangebot, dass im Vergleich zu Portsmouth sehr viel reicher und einfacher erreichbar schien. Konzerte, Konzerte, Theater Theater Theater – und sogar eine Salsaparty. Binnen eines Tages fand ich das in Rostock bestimmende Gefühl wieder, ich kann alles (außer eine Arbeit finden), ich kann mir ganz allein ein interessantes Leben bauen.
Da dann auch Friedemann dazu kam, habe ich auch einige Fotos. Leider keine von der Silvesternacht, in der wir entgegen ursprünglicher Pläne an den Strand in Warnemünde gefahren sind. Das war mehr eine Verlegenheitslösung gewesen, aber unsere niedrigen Erwartungen wurden positiv überrascht. Es war nicht nur trocken, sondern auch die richtige Anzahl Menschen da, nämlich viele, aber gerade gut verteilt an diesem schönen, breiten Strand, von dem ich in Portsmouth nur träumen kann. Und so eine Menge von Feuerwerk habe ich lange nicht gesehen, in Warnemünde und noch weit die Küster hinunter sichtbar, deren Spiegelung das Wasser färbte, unterstützt von den bunt beleuchteten Schiffen.

So bin ich denn müde aber voller Zuversicht nach Portsmouth zurückgekommen, wo es die letzten zwei Wochen durchgehend geregnet haben soll. Dafür konnte ich abends unter den Sternen am Meer nach Hause laufen, mit der aufgefrischten Erinnerung an den Tatendrang, mit dem ich im Juni hier angekommen war. Dazu gehört zuvorderst ein erneuter Anlauf zu einem Sozialleben, weshalb ich am Sonntag meine Gastgeberin vom 15.9. auf der Isle of Wight sowie deren deutschen Mitbewohner besuche, mit dem ich am 23.9. zur Abtei Netley geradelt war. Und dann will ich einige in der Pause erhaltene Inspirationen vertiefen: in die Oper gehen, Ente braten und Philosophie lesen.
Die Arbeit war in der ersten Halbwoche ruhig, denn meine Chefin kommt erst Montag zurück. Für die Veröffentlichung Ende Januar hat sie uns detaillierte Anweisungen hinterlassen, die ich vermutlich doch wieder falsch verstehe.


Die bald verschrottete Georg Büchner morgens im Stadthafen.



Und einige Tage später mit Friedemann an gleicher Stelle.





Das Blumenbild war Kasias Abschiedsgeschenk, als ich 2010 Polen verließ. Nach zwei Jahren Zwischenlagerung in Rostock habe ich es im Zuge der Initiative Weniger Spartanisch leben in meine jetzige Wohnstätte geholt.

Dienstag, 11. Dezember 2012

09.12.2012 - Oxford

Wie ungeduldig habe ich das Ende der Woche erwartet, und am Freitag machte ich endlich früher Schluss und fuhr nach Oxford, wo meine wunderbare kleine Kalina wartete. Seit langem hatte ich nach einem Ort in der Mitte zwischen Birmingham und Portsmouth gesucht, um sich zu treffen und gemeinsam etwas neues zu sehen. Ich hatte uns eine Übernachtung bei einem glückliche Hippiepärchen mit glücklichen Kindern und Katzen organisiert. Die Meerschweinchen durfte ich auch füttern und dann haben wir uns über Lebensmittelkooperativen und Brotbacken unterhalten. Abends saßen wir am Kamin und hörten zu, als der tanzfreudigen Tochter aus dem Buch Willy Wonka und die Schokoladenfabrik vorgelesen wurde. Ich war in der Woche leider etwas krank geworden und froh, dass Kalina auch müde war. Zehn volle Stunden Schlaf wirkten ein echtes Wunder, und zeigten auch, was mein wirkliches hier Problem ist – die Erkältung war für den Rest des Wochenendes praktisch weg.
Morgens liefen wir bei Sonnenschein über bereifte Wiesen und Brücken ins Zentrum, was ziemlich klein ist und nicht so lückenlos historisch wie gedacht. Der Eindruck ändert sich, wenn man die verschiedenen erkennt, die die Hauptsehenswürdigkeiten sind, und wie sie die Struktur der Altstadt bestimmen. Die meisten waren zu, aber ins größte haben wir es geschafft, das Christ Church College, der Welt und allen Touristen bekannt aus den Harry Potter Filmen, für die es die Große Halle stellte. Und wir hatten unerhörtes Glück; gerade als wir durch das Treppenhaus liefen, wurde die Halle geöffnet und wir waren die ersten im Saal, hatten ihn sogar einige Minuten für uns, bevor die Massen nachdrängten und es mehr ein Geschiebe durch die Tischreihen wurde. Sehr schön sind auch die Wildparks des Kollegiums, besonders wenn der Morgendunst darüber liegt. Die hatten womöglich schon Lewis Carrol zu Alice im Wunderland inspiriert. Wir besuchten auch die Markthallen im Stadtkern, wo zu Weihnachten ganzes Wild von den Haken hängt, und auch die Buchhandlung mit dem größten Verkaufsraum der Welt. Unseren Lieblingsort fanden wir auf der vorletzten Station, dem Garten des kleineren Exeter-Kollegiums, wo unsere Gastgeber uns einen Punkt auf der Mauer empfohlen hatten, von dem man einen schönen, versteckten Blick über den Platz mit der Unikirche, der berühmten Radcliff Bibliothek und der noch berühmteren Bodlian Bibliothek hat. Letztere war der Abschluss unseres Besuchs. Wir machten eine Führung durch den mittelalterlichen Prüfungsraum und die Bibliothek, die es als solche ebenfalls in die Harry Potter Filme geschafft hat. Dazu mussten alle Schauspieler und Filmemacher den mittelalterlichen Eid schwören, kein Buch zu stehlen oder zu beschädigen.

Morgens auf dem Weg in die Stadt.

Ein bisschen Farbe in den Winter!


Kalina im Buchladen.


Akademische Werte in jedem Detail (Tor zu einem Kollegiumshof).

Zugang zum großen Speisesaal des Christ Church College.

Allein im großen Saal.


Kalina vor der Rotunde der Radcliffe Bibliothek und der Unikirche.

Mit Gesellschaft und einem Keks in der Hand geht es mir richtig gut.
Vor der Bodlian Bibliothek.

Wir wären gerne auf die längere Tour gegangen, weil uns die Bibliothek sehr gefallen hat, aber wir hatten einen Bus nach Birmingham. Und das war auch gut, da wir dort so noch über den bersten vollen Weihnachtsmarkt laufen konnten, der direkt aus Frankfurt importiert war. Unserer in Portsmouth war im Vergleich eine echte Ausnahme in Großbritannien, da er ein echt britisches Motiv hatte und kein reiner Import war.
Abends bin ich mit allen drei Schwestern auf eine bulgarische Party gegangen. Das hatte ich praktisch seit 2008 in Magdeburg nicht mehr gemacht, wo sie jedes Quartal statt fanden. Was haben wir getanzt zu den Balkanrhythmen dieser alten Zeiten! Sonntag hatten Kalina und ich den botanischen Garten auf dem Programm, was ich in jeder Stadt gerne mache. Umso mehr, da der positive Effekt zweier aktiver, uneinsamer Tage zu wirken begann, und ich Kalina im mediterranen Haus meinen neuen Tangostolz zeigte. Wir sprachen auch lange über meinen derzeitigen Zustand und ich bin mit der Vorstellung nach Hause gefahren, wie sehr mit nicht nur Bekannte fehlen, sondern richtige Freunde, und wie viel wunderbares wir zusammen unternehmen könnten, wenn wir im selben Ort wohnen würden. Zurück war die Einstellung aus Zeiten in York und Rostock, dass ich lieber etwas mit Freunden vor Ort machen würde, als alleine etwas Großes woanders. Allein der Fakt, das das verschüttet worden war zeigt, wie allein ich hier bin.

  

Advent in Birmingham.

Kalinas Weihnachtsgeschenk hatte ich im Theater gefunden und es passt perfekt zu ihrem Schal!

Lebensfreude allenthalben.

Kalina vor dem Bonsaigarten.

Montag abend hat der Unichor seinen letzten Auftritt in diesem Jahr gegeben, mit Weihnachtsliedern in der Kathedrale zum Unigottesdienst. Der Pathos hat Spaß gemacht, aber wir hatten auch zu wenig Vorbereitung gehabt und überhaupt denke ich, dass ich mich nach langem Suchen und Probieren in zu vielen Sachen engagiere und weder für Tango, Singen oder Arbeit genug Zeit zum Üben habe. Letzteres war in den letzten Tagen zum Glück immer ruhiger, da unser Teil am Kommentar zum ersten Teil der großen zweiten Phase der Volkszählungsergebnisse geschrieben war und an höherer Stelle geschliffen wurde. Am Dienstag war dann große Veröffentlichung. Ich war allerdings auf einer kleinen Fortbildung und schaute später unserem Kundendienst über die Schulter, was uns einen Eindruck von den Menschen geben sollte, für die wir schreibene. Allgemein ein Festtag für die Boulevardpresse und das Ende des Abendlandes, denn es gibt weniger weiße Briten und weniger Christen. Ein Lette im Chor erzählte mir eine Witz aus Litauen, das im Land überhaupt keine Emigration gibt, sondern Evakuierung.

Samstag, 1. Dezember 2012

Zeitloses

Nach Friedemanns Besuch begann eine Zeit anstrengender Arbeit, denn nach Monaten kleinerer Aufgaben steht wieder eine große Veröffentlichung wie im Juli an und wir schreiben so viel statistischen Kommentar wie wir können. Da ich mich gleichzeitig meine Tendenz zum Musischen weiter verstärke, ist mein Traum im Moment nicht mehr Beschäftigung, sondern Schlaf und ein Tag ohne Pläne, um einfach mal nur zu lesen. Die Zeit der Ausflüge ist vorbei, mein Leben hat sich fest auf Portsmouth fixiert und da ich mit der Erholung nicht hinterherkomme fahre ich auch mehr Auto und weniger Rad. Nicht zuletzt bin ich dadurch auch wieder dahin gekommen, dass ich in der wenigen unverplanten Zeit Aufgabenlisten abarbeiten muss und nicht mehr in die Bibliothek komme.
Am ersten Wochenende nach dem Besuch war das noch anders. Nach der zweiten Tangostunde Freitagabend, die bis um elf geht, brauchte ich das Wochenende wirklich und verbrachte soviel Zeit in der Bibliothek, wie neben meinen ersten Brotbackübungen blieb.
Den darauffolgenden Samstag war ich arbeiten und am Sonntag auf der Chorgeneralprobe. Da sangen wir zum ersten Mal zusammen mit der Uniorchester. Ich bezweifle inzwischen nicht mehr, dass ich hier eine ganze Menge lernen kann; man mag über die Uni denken was man will, aber der Chorleiter ist große Klasse. Am gleichen Tag bemerkte ich eine kleine Schwellung im Hals, was oft ein erstes Zeichen einer Erkältung ist. Auch darum ließ ich in der Folgewoche das Fahrrad stehen um nichts zu riskieren. Eine Woche später, am 25. November, war Auftritt, in einem klassischen Theater im Opernhausstil mit geschwungenen Rängen und Logen. Mit 650 Leuten war es voller als gedacht und das Konzert das erfolgreichste der kurzen Unigeschichte. Ich half morgens beim Aufbau, und nach der dreistündigen letzten Probe waren auch alle anderen so müde, dass es zu offen gesprochenen bösen Worten zwischen der Sängern mit etwas mehr Ego kam – eine absolute Ausnahme in diesem konfliktscheuen Land. Das Konzert hat mir wieder ungeheuren Spaß gemacht, auch wenn ich mir meiner gesanglichen Grenzen in den letzten Wochen dort bewusst geworden bin. Vor uns traten auch die Bigband und die filmorientierte „Windband“ der Uni auf. Beide ein Beweis, dass die Uni Portsmouth nicht zur Elite gehört, aber lokal doch genug Talent und Engagement vorhanden ist. Jetzt proben wir die kitschigen englischen Weihnachtslieder für einen Unigottesdienst am 10. Dezember und dann beginnen wir Poulencs Gloria. Das ist zwar eine Messe in Latein, scheint mir aber bisher trotzdem modernes Teufelswerk.
Bühnenaufbau im Theater.

Der erste echte Auftritt sein Juni 2011 in York.

Bühne und Logen des Kings Theater aus dem 19. Jahrhundert.
 Weiterhin bin ich dem Ruf eines lokalen Theaters nach Freiwilligen gefolgt und habe eine weitere Woche später am ersten Adventswochenende auf dem Viktorianischem Weihnachtsfest in den historischen Docks gespielt. Bisher schienen mir Weihnachtsmärkte ein relativ junger Import aus Deutschland zu sein. Wie im übrigen fast alle wichtigen Weihnachtstraditionen. Das hiesige aber, das sich selbst als größtes in Südwestengland beschreibt und in der Tat selbstbewusst teuer ist, bezieht sich auf die Zeit des Empires – die hiesige Version der guten alten Zeit wie bei uns das Mittelalter. Dementsprechend ist das sonst Museen und Marine vorbehaltene Dockgelände von mehr Soldaten, Dickenschen Dieben und Prostituierten sowie der Königin selbst bevölkert als von Weihnachtsmännern und Spilwut. Darum wurde ich auch eine Abteilung Stahlarbeiter zugeteilt. Die sollten ursprünglich eine von der Olympia-Eröffnung abgeguckte Choreographie machen, dafür blieb aber keine Zeit. Darum standen wir um einige nachgebildete Stahlträger und improvisierten mit Metallstangen industrielle Rhythmen. Das machte ein paar Stunden Spaß und dann kroch die Kälte auch durch lange Unterhosen. Nach einem ganzen Tag an der mehr als frischen Luft kam ich dann auch nach Hause wie ein echter Eisenschmieder.  Uns fehlte der Mumm, unsere Rolle unter dem Volk richtig auszuleben und uns so warm zu halten. Andere gehen da richtig auf, und eine der besten war eine Bekannte aus dem historischen Dorf mit der ich auf dem Tudorfest in Southampton war – sie spielte eine halbverrückte Alkoholikerin. Die leichten Mädchen mochten ihre Rollen auch durchweg und waren gerne an unserer Arbeitsbühne gesehen.

Stahlarbeiter-Kostüm. Das Schwert habe ich mir nur so genommen.


So sind die Wochenenden ausgeplant und bieten wenig Erholung. Unter der Woche passiert auch sehr viel. Abgesehen von Chor und Salsa verschiebe ich Zeit von Salsa zu Tango. Ich habe echtes Glück gehabt: eine Frau vom Freitagskurs ist auch Anfängerin und will intensiver üben. Wir treffen uns ab und zu und proben, und wenn etwas nicht klappt, teilen wir uns eine Privatstunde. Dadurch habe ich wirklich das Gefühl, dass ich Fortschritte mache wie am Anfang in Salsa.
An einem anderen Abend sah ich, völlig durch Zufall vom Fahrad auf der Heimfahrt, etwas sehr Ermutigendes. Auf der Hauptstraße ist ein Comicladen, und darunter wurde eine neue Malereiausstellung eingeweiht. Mit Wein und vielen Menschen, vielleicht ein Zugang zur lokalen Kunstszene soweit es sie gibt. Und offenbar wechseln die Ausstellungen dort häufig. Es gibt Hoffnung!

Am ersten und letzten Dezemberwochenende fahre ich dann doch noch einem weg. Ich besuche Oxford, wo ich Kalina treffe und von dort mit ihr nach Birmingham fahre.