Nach
Friedemanns Besuch begann eine Zeit anstrengender Arbeit, denn nach
Monaten kleinerer Aufgaben steht wieder eine große Veröffentlichung
wie im Juli an und wir schreiben so viel statistischen Kommentar wie
wir können. Da ich mich gleichzeitig meine Tendenz zum Musischen
weiter verstärke, ist mein Traum im Moment nicht mehr Beschäftigung,
sondern Schlaf und ein Tag ohne Pläne, um einfach mal nur zu lesen.
Die Zeit der Ausflüge ist vorbei, mein Leben hat sich fest auf
Portsmouth fixiert und da ich mit der Erholung nicht hinterherkomme
fahre ich auch mehr Auto und weniger Rad. Nicht zuletzt bin ich
dadurch auch wieder dahin gekommen, dass ich in der wenigen
unverplanten Zeit Aufgabenlisten abarbeiten muss und nicht mehr in
die Bibliothek komme.
Am
ersten Wochenende nach dem Besuch war das noch anders. Nach der
zweiten Tangostunde Freitagabend, die bis um elf geht, brauchte ich das
Wochenende wirklich und verbrachte soviel Zeit in der Bibliothek, wie
neben meinen ersten Brotbackübungen blieb.
Den darauffolgenden
Samstag war ich arbeiten und am Sonntag auf der Chorgeneralprobe. Da
sangen wir zum ersten Mal zusammen mit der Uniorchester. Ich
bezweifle inzwischen nicht mehr, dass ich hier eine ganze Menge
lernen kann; man mag über die Uni denken was man will, aber der
Chorleiter ist große Klasse. Am gleichen Tag bemerkte ich eine
kleine Schwellung im Hals, was oft ein erstes Zeichen einer Erkältung
ist. Auch darum ließ ich in der Folgewoche das Fahrrad stehen um
nichts zu riskieren. Eine Woche später, am 25. November, war
Auftritt, in einem klassischen Theater im Opernhausstil mit
geschwungenen Rängen und Logen. Mit 650 Leuten war es voller als
gedacht und das Konzert das erfolgreichste der kurzen Unigeschichte.
Ich half morgens beim Aufbau, und nach der dreistündigen letzten
Probe waren auch alle anderen so müde, dass es zu offen gesprochenen
bösen Worten zwischen der Sängern mit etwas mehr Ego kam – eine
absolute Ausnahme in diesem konfliktscheuen Land. Das Konzert hat mir
wieder ungeheuren Spaß gemacht, auch wenn ich mir meiner
gesanglichen Grenzen in den letzten Wochen dort bewusst geworden bin.
Vor uns traten auch die Bigband und die filmorientierte „Windband“
der Uni auf. Beide ein Beweis, dass die Uni Portsmouth nicht zur
Elite gehört, aber lokal doch genug Talent und Engagement vorhanden
ist. Jetzt proben wir die kitschigen englischen Weihnachtslieder für
einen Unigottesdienst am 10. Dezember und dann beginnen wir Poulencs
Gloria. Das ist zwar eine Messe in Latein, scheint mir aber bisher
trotzdem modernes Teufelswerk.
| Bühnenaufbau im Theater. |
| Der erste echte Auftritt sein Juni 2011 in York. |
| Bühne und Logen des Kings Theater aus dem 19. Jahrhundert. |
| Stahlarbeiter-Kostüm. Das Schwert habe ich mir nur so genommen. |
So
sind die Wochenenden ausgeplant und bieten wenig Erholung. Unter der
Woche passiert auch sehr viel. Abgesehen von Chor und Salsa
verschiebe ich Zeit von Salsa zu Tango. Ich habe echtes Glück
gehabt: eine Frau vom Freitagskurs ist auch Anfängerin und will
intensiver üben. Wir treffen uns ab und zu und proben, und wenn
etwas nicht klappt, teilen wir uns eine Privatstunde. Dadurch habe
ich wirklich das Gefühl, dass ich Fortschritte mache wie am Anfang
in Salsa.
An
einem anderen Abend sah ich, völlig durch Zufall vom Fahrad auf der
Heimfahrt, etwas sehr Ermutigendes. Auf der Hauptstraße ist ein
Comicladen, und darunter wurde eine neue Malereiausstellung
eingeweiht. Mit Wein und vielen Menschen, vielleicht ein Zugang zur
lokalen Kunstszene soweit es sie gibt. Und offenbar wechseln die
Ausstellungen dort häufig. Es gibt Hoffnung!
Am
ersten und letzten Dezemberwochenende fahre ich dann doch noch einem
weg. Ich besuche Oxford, wo ich Kalina treffe und von dort mit ihr
nach Birmingham fahre.
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