Samstag, 1. Dezember 2012

Zeitloses

Nach Friedemanns Besuch begann eine Zeit anstrengender Arbeit, denn nach Monaten kleinerer Aufgaben steht wieder eine große Veröffentlichung wie im Juli an und wir schreiben so viel statistischen Kommentar wie wir können. Da ich mich gleichzeitig meine Tendenz zum Musischen weiter verstärke, ist mein Traum im Moment nicht mehr Beschäftigung, sondern Schlaf und ein Tag ohne Pläne, um einfach mal nur zu lesen. Die Zeit der Ausflüge ist vorbei, mein Leben hat sich fest auf Portsmouth fixiert und da ich mit der Erholung nicht hinterherkomme fahre ich auch mehr Auto und weniger Rad. Nicht zuletzt bin ich dadurch auch wieder dahin gekommen, dass ich in der wenigen unverplanten Zeit Aufgabenlisten abarbeiten muss und nicht mehr in die Bibliothek komme.
Am ersten Wochenende nach dem Besuch war das noch anders. Nach der zweiten Tangostunde Freitagabend, die bis um elf geht, brauchte ich das Wochenende wirklich und verbrachte soviel Zeit in der Bibliothek, wie neben meinen ersten Brotbackübungen blieb.
Den darauffolgenden Samstag war ich arbeiten und am Sonntag auf der Chorgeneralprobe. Da sangen wir zum ersten Mal zusammen mit der Uniorchester. Ich bezweifle inzwischen nicht mehr, dass ich hier eine ganze Menge lernen kann; man mag über die Uni denken was man will, aber der Chorleiter ist große Klasse. Am gleichen Tag bemerkte ich eine kleine Schwellung im Hals, was oft ein erstes Zeichen einer Erkältung ist. Auch darum ließ ich in der Folgewoche das Fahrrad stehen um nichts zu riskieren. Eine Woche später, am 25. November, war Auftritt, in einem klassischen Theater im Opernhausstil mit geschwungenen Rängen und Logen. Mit 650 Leuten war es voller als gedacht und das Konzert das erfolgreichste der kurzen Unigeschichte. Ich half morgens beim Aufbau, und nach der dreistündigen letzten Probe waren auch alle anderen so müde, dass es zu offen gesprochenen bösen Worten zwischen der Sängern mit etwas mehr Ego kam – eine absolute Ausnahme in diesem konfliktscheuen Land. Das Konzert hat mir wieder ungeheuren Spaß gemacht, auch wenn ich mir meiner gesanglichen Grenzen in den letzten Wochen dort bewusst geworden bin. Vor uns traten auch die Bigband und die filmorientierte „Windband“ der Uni auf. Beide ein Beweis, dass die Uni Portsmouth nicht zur Elite gehört, aber lokal doch genug Talent und Engagement vorhanden ist. Jetzt proben wir die kitschigen englischen Weihnachtslieder für einen Unigottesdienst am 10. Dezember und dann beginnen wir Poulencs Gloria. Das ist zwar eine Messe in Latein, scheint mir aber bisher trotzdem modernes Teufelswerk.
Bühnenaufbau im Theater.

Der erste echte Auftritt sein Juni 2011 in York.

Bühne und Logen des Kings Theater aus dem 19. Jahrhundert.
 Weiterhin bin ich dem Ruf eines lokalen Theaters nach Freiwilligen gefolgt und habe eine weitere Woche später am ersten Adventswochenende auf dem Viktorianischem Weihnachtsfest in den historischen Docks gespielt. Bisher schienen mir Weihnachtsmärkte ein relativ junger Import aus Deutschland zu sein. Wie im übrigen fast alle wichtigen Weihnachtstraditionen. Das hiesige aber, das sich selbst als größtes in Südwestengland beschreibt und in der Tat selbstbewusst teuer ist, bezieht sich auf die Zeit des Empires – die hiesige Version der guten alten Zeit wie bei uns das Mittelalter. Dementsprechend ist das sonst Museen und Marine vorbehaltene Dockgelände von mehr Soldaten, Dickenschen Dieben und Prostituierten sowie der Königin selbst bevölkert als von Weihnachtsmännern und Spilwut. Darum wurde ich auch eine Abteilung Stahlarbeiter zugeteilt. Die sollten ursprünglich eine von der Olympia-Eröffnung abgeguckte Choreographie machen, dafür blieb aber keine Zeit. Darum standen wir um einige nachgebildete Stahlträger und improvisierten mit Metallstangen industrielle Rhythmen. Das machte ein paar Stunden Spaß und dann kroch die Kälte auch durch lange Unterhosen. Nach einem ganzen Tag an der mehr als frischen Luft kam ich dann auch nach Hause wie ein echter Eisenschmieder.  Uns fehlte der Mumm, unsere Rolle unter dem Volk richtig auszuleben und uns so warm zu halten. Andere gehen da richtig auf, und eine der besten war eine Bekannte aus dem historischen Dorf mit der ich auf dem Tudorfest in Southampton war – sie spielte eine halbverrückte Alkoholikerin. Die leichten Mädchen mochten ihre Rollen auch durchweg und waren gerne an unserer Arbeitsbühne gesehen.

Stahlarbeiter-Kostüm. Das Schwert habe ich mir nur so genommen.


So sind die Wochenenden ausgeplant und bieten wenig Erholung. Unter der Woche passiert auch sehr viel. Abgesehen von Chor und Salsa verschiebe ich Zeit von Salsa zu Tango. Ich habe echtes Glück gehabt: eine Frau vom Freitagskurs ist auch Anfängerin und will intensiver üben. Wir treffen uns ab und zu und proben, und wenn etwas nicht klappt, teilen wir uns eine Privatstunde. Dadurch habe ich wirklich das Gefühl, dass ich Fortschritte mache wie am Anfang in Salsa.
An einem anderen Abend sah ich, völlig durch Zufall vom Fahrad auf der Heimfahrt, etwas sehr Ermutigendes. Auf der Hauptstraße ist ein Comicladen, und darunter wurde eine neue Malereiausstellung eingeweiht. Mit Wein und vielen Menschen, vielleicht ein Zugang zur lokalen Kunstszene soweit es sie gibt. Und offenbar wechseln die Ausstellungen dort häufig. Es gibt Hoffnung!

Am ersten und letzten Dezemberwochenende fahre ich dann doch noch einem weg. Ich besuche Oxford, wo ich Kalina treffe und von dort mit ihr nach Birmingham fahre.

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