Sonntag, 28. Juni 2026

Gottseidank ging die Hitzewelle erst nach Ellies Reise los. Mittwoch ging es zum ersten Mal seit ich hier lebe auf 30 Grad hoch. Einige Schulen machten dicht; wir holten Otto direkt nach Schulschluss nach Hause und dann auch Sebbi. Man kann sich nur im Haus verstecken und sich so wenig wie möglich bewegen. Donnerstag haben wir Sebbi auf anraten der Kita gleich zu Hause behalten; ich habe den Tag frei genommen und wir sind nur morgens in den Schatten des Spielplatzes gegangen.

Ab Freitag konnte man wieder atmen, aber mir geht es nicht gut, wenn ich aus Deutschland höre. Ich muss mich wirklich gegen eine anhaltende Klimapanik wehren. Und mache mir große Sorgen, in was für einer Welt meine Kinder leben sollen. Und wir haben Glück, am Meer, und noch zehn Grad unter Kontinentaleuropa.

Mit Mühe konzentriere ich mich auf Positive Dinge: Samstag nachmittag war ich mit den Jungs im Freiluftmuseum Butser, während Ellie einen Auftritt hatte. Das war der schönste Moment der Woche, es fühlte sich an wie richtiger, normaler Sommer, wo der Wind durch die Bäume und das Korn rauscht. Otto war motiviert von einer Art Schnitzeljagd und es waren wieder Historiendarsteller da. Verschiedene Handwerker, sogar zwei Schmieden; Otto war sehr interessiert wie die Funken vom glühenden Metall flogen. Beide Kinder bekamen Eis. Sebbi spielte wieder "schlafen" in den Betten der verschiedenen Hütten. Er muss am Ende tatsächlich müde gewesen sein, denn er schlief im Auto sofort ein. Diese Zeit über vergaß ich meine Ängste.

Sonntag vormittag trafen wir uns mit der Familie von Ottos Schulfreund auf einem neu eröffneten Spielplatz. Nachmittag erbat ich mir, allein zurück nach Butser zu fahren, weil es mir weiterhin nicht gut ging. Ich nahm noch unseren Freund Andrew mit. Diesmal konnte ich in Ruhe die Infotafeln lesen und mich mit den Handwerkern unterhalten. Textilfärbung mit Pflanzen fanden wir überraschend interessant. Ein Eisentopf über einem Holzkohlefeuer, darin Wolle in einem gelben Sud. Ellie und ich würden sehr gut zu diesen Menschen passen. Auf dem Rückweg hielten wir noch an der Hubertuskapelle an. Die Schwalben fliegen tief über dem Getreide.

Johannes

ich fliehe vor der echten Welt. Grundsätzlich keine Nachrichten, keine sozialen Medien, nichtmal den Wetterbericht. Ich lese die Drei Musketiere. Gucke und höre alte harmlose 50er Jahre Krimis. Schaue alte Computerspiele wie Filme. Ich mache wirklich nur die Augen zu und warte das es mir besser geht. Warte, dass der Sommer vorüber geht.

Und die Kinder sind besonders lieb, und je lieber sie sind und je mehr sie sich entwickeln, desto mehr tut es mir weh um ihre Zukunft.

Sonntag, 21. Juni 2026

Vatertage

Am letzten Sonntag war in England Vatertag. Zu diesem Anlass fuhr Ellie das Wochenende zu ihrer Schwester nach Kent und ich konnte ganz Vater sein. Nach all den Jahren machte mich das immer noch etwas nervös. 

Samstag morgen fuhren wir mit dem Bus zu Ottos Schwimmunterricht, danach gab es Süßigkeiten auf dem Spielplatz des Stadtmuseums gegenüber. Dann fuhren wir weiter Bus, mit Halt im Hafen, dann nach Hause. Ich machte an beiden Tagen richtig gutes Essen! Nachmittags ging es mit dem Bus zurück zum Sportzentrum zum Familienschwimmen, dann wieder zum Museum Eis essen, dann nach Hause und auf den Spielplatz. Ich ließ die Jungs länger aufbleiben, und wir schliefen alle zusammen in Ottos Zimmer. Sebbi und ich auf dem Ausziehbett. Das klappte wunderbar und hat uns allen drei gefallen.

Sonntag hatte ich ruhig geplant. Vormittags fuhren wir alle zu dritt mit unseren Rädern in den Park, das erste Mal, dass auch ich meins dabei hatte. Aber Sebbi wurde sehr früh müde und wollte stattdessen auf den Spielplatz, wo es sowohl Otto als auch mir zu heiß war. Nach einem weiteren ausgezeichneten Mittagessen fuhren wir Richtung des Wasserspielplatzes beim Canoe Teich. Aber auf dem Weg verletzte sich Sebi seinen Daumen und ein Drama begann. Erstmal standen wir genau zwischen Haus und Ziel in der prallen Sonne. Ich schimpfte zuerst und war nicht lieb genug zu ihm, bis wir Schatten fanden. Erst da dämmerte mir, dass es mehr sein muss man sah, denn er hörte nicht auf zu weinen und schien dann in meinen Armen einzuschlafen. Ich machte in einem Cafe einen kalten Wickel, aber als ich dann nach Hause wollte, brüllte Sebbi noch mehr (und protestierte interessanterweise kaum, obwohl er nicht glücklich war) und zeigte, dass er die Hand bewegen konnte. Also fuhren wir doch zum Wasserspielplatz. Otto fand dort Freunde spielte dort wunderbar im Wasser. Sebbi aber schlief im Bollerwagen ein, während ich über ihm fast heulte aus Angst vor einer Stauchung oder Quetschung. Zum Glück holten mich bekannte Eltern zu ihrem schattigen Picknicklager, boten an, auf Otto aufzupassen und uns zum Krankenhaus zu fahren. Als Sebbi aufwachte, sah er zuerst nicht besser als - bis ihm Kuchen in den richtigen Farben geboten wurde. Dann, als Otto bereits aus dem Wasser kam, wollte Sebbi unbedingt da rein und spielte begeistert. Was mich beruhigte. Trotzdem verfolgte ich auf der Karte genau, wie weit Ellie noch weg war. Schließlich bestach ich die Kinder mit Eis, nach Hause zu gehen. Am Montag ging Ellie doch mit ihm zum Arzt, die aber nichts feststellte.

Diese Geschichte hat mir ein ansonsten gelungenes Wochenende verdorfen und belastet mich immer noch.

Sebbi

will in letzter Zeit immer öfter auf dem Klo sitzen anstatt auf dem Topf.

Sebbi wird langsam zu lang um auf mir zu liegen. Ich werde es vermissen, wie er auf mir einschläft.

Otto

hatte Donnerstag Wandertag zur Burg Portchester. Die kennt er zwar gut, aber diesmal sind sie in den kostenpflichtigen, mittelalterlichen Teil gegangen, der in einer Ecke der viel größeren römischen Anlage steht.

Johannes

ich bin in letzer Zeit oft melancholisch. Mein Leben scheint wieder sehr monoton. Tags schafft man nichts, und abends auch nicht, und die Tage vergehen. Zuinnerst treibt mich vielleicht um, dass ich keine Reise nach Deutschland organisiert habe.

Sonntag, 14. Juni 2026

Samstag nach dem Schwimmen fuhren wir zum Tag der offenen Tür im Überseehafen. Dort läuft der zivile Personen- und Frachtverkehr, der weiter geht als zur Isle of Wight. Er liegt an der westlichen Ausfallstraße, aber man kann ihn schlecht einsehen. Ich selbst war nur zweimal da gewesen: als Ellie und ich nach St Malo fuhr und als ich Friedemann dort ablieferte. Und vor vielen Jahren hat Ellie dort in der Fährabfertigung gearbeitet.

Es war sehr viel interessanter als erwartet: im Terminalgebäude waren viele Stände: die Firma, die das Verladen im Hafen abwickelt, das Wassersportzentrum bewarb Ferienkurse für Ottos Alter, und die Uni Southampton begeisterte alle Kinder mit einem Roboterhund. Sie folgten ihm nach draussen, wo eine Trommlertruppe spielte und diverse große Fahrzeuge warteten. Beide Jungs stiegen in Schaufellader, LKWs und Gabelstapler. Ein Schlepper machte Ballet und spritzte mit seiner Wasserkanone. Am Kai nebenan wurde gerade ein Schiff entladen, und ich ließ mir eine alte Geschichte bestätigen, die ich nie ganz glauben wollte: es bringt mit einem Schwesterschiff tatsächlich jede Woche 40% des britischen Bananenimports ins Land.

Weiter hinten lagen ein Küstentanker, wo uns leider die Zeit ausging, und der Katamaran, der vom Hafenbahnhof nach Ryde auf der Isle of Wight fährt. Auf der Brücke waren zwei Sessel und zwei Kapitänsmützen für beide Jungs, und daneben Radar, Karte, Fahrtregler und Kameras in den Maschinenraum. Das war richtig gut.

Abends dann wollte Otto plötzlich die Stützräder von seinem lange unbenutzten Fahrrad abmachen und auf dem Spielplatz üben. Und zu meiner Überraschung ging es auch sofort problemlos. Er drehte eine Runde nach der anderen, konzentriert und stolz über seinen Fortschritt. Sebbi fährt sowieso mit Inbrungst. Ich freue mich, irgendwann zu fahren zu gehen. Vielleicht sogar zu viert, wenn Ellie wirklich will. Nur schade, dass es hier so wenige lohnende Radwege gibt.

Sonntag mussten wir einkaufen, aber nachmittags gingen wir alle in den Park, damit die Jungs Fahrrad fahren konnten. Otto kurvte durch den ganzen Park und übte am Ende auf den Hindernissen der Skateparks.

Donnerstag, 11. Juni 2026

Letzen Samstag fuhren wir im Regen zum Dorffest in Droxford. War den Versuch wert, lohnte die Strecke aber am Ende nicht. Ich stritt mich mit Otto, was mir wieder den Tag ueber im Magen lag. Ich haette mit den Jungs lieber schwimmen fahren sollen.

Sonntag trafen wir uns mit Ellies Mutter auf dem Landhof Aldingbourne. Ich brauchte mehrere Stunden zum Aufwachen. Zum Glueck waren die Kinder fast immer auf den Spielplätzen und ich musste wenig tun. Zu meiner Überraschung saß ich eine gute halbe Stunde mit Otto im Bastelzimmer und malte.

Und einmal traf sich Ellie mit zwei Freundinnen, die wir früher noch regelmäßig gesehen hatten, bis eine emigrierte und die andere auch ein Kind bekam. Gäste geben mir heute viel mehr als früher. Eine willkommene Abwechslung vom Alltag.

Otto

ist wieder in der Schule. Neues Thema: Ritterburgen. Die Routine tut ihm gut. Ich finde ihn derzeit einfach und lieb.

ich habe das Gefühl, dass Otto inzwischen viele unserer Lektionen verinnerlicht, lieb zu seinem Bruder zu sein und Dinge aus dessen Perspektive zu sehen. Zum Beispiel, dass Sebbi noch nicht lesen kann. Einmal hat er Sebbi explizit gelobt für etwas, dass für ihn selbst inzwischen einfach ist. Ich finde diese Entwicklung sehr schön.

Wir haben das Arbeitsheft zu Ottos Fibel begonnen. Otto zeigt in unserer ruigen Zeit am Abend grosses Interesse daran. Er reagiert allgemein besonders gut auf Raetselhefte.

Johannes

ich hatte letzte Woche etwas falsches gegessen und war vier Tage ausser Gefecht. Bin immer noch vorsichtig was ich esse.

Diese Woche habe ich mich gleich mit zwei deutschen Müttern aus der Schule unterhalten, die in der Nähe wohnen. Eine ist noch länger hier als ich. Ich hoffe auf Kaffee und Kuchen in der Zukunft, damit die Kinder Deutsch hören.