Montag, 25. Juni 2012

24.06.2012 – Große Freiheit Nr. 1

Wie nun die meisten schon wissen, habe ich meine erste Pause gleich voll genutzt und bin auf die Insel vor der Tür gefahren. Am Vortrag haben wir Wochenendarbeit geleistet und der Sonntag wurde uns wider Erwarten freigegeben. Ich hatte mich etwas erholt und außerdem abends wirklich mein Fahrrad zu Hause vorgefunden. Nach dem vielen Gelaufe konnte ich es kaum erwarten, es endlich einzuweihen. Als ein Plan für den ersten freien Tag hersollte, spürte ich trotz mittelmäßiger Wettervorhersage sofort, dass ich auf die Isle of White will. Ziel war nicht Tourismus, sondern einfach Rad fahren, Bewegung, Wasser, das war mir in der letzten Zeit leichter Einsamkeit und Bürositzens Bedürfnis.
Drum bin ich einer Sonntagsmesse voll kreischender Kinder zum Katamaran gefahren - der Passagierfähre zur Insel. Die Überfahrt dauert knapp 20 Minuten und man wird an der langen Seebrücke des Ortes Ryde an der Nordküste abgesetzt, den man ohne Probleme von Portsmouth aus sehen kann. Gleich fällt mir auf, das der Wald wie an der Ostsee bis ans Ufer wächst. Ein Schwall Salzluft kommt mir entgegen, als ich auf der Brücke über den tangbedeckten Strand fahre. Eine kurze Zeit gehe ich durch den Ort, in dessen aufsteigenden Gassen eindeutig Geld steckt. Eine Art Gehlsdorf mit gut situierten Heimen und Alterssitzen.

Ausfahrt aus dem Hafen von Portsmouth.



Blick von der Landungsbrücke auf Ryde.
Dann begebe ich mich auf den Radweg Richtung Osten. Der stellt sich als waschechte Promenade raus, Grün rechts, Sandstrand links, und jetzt wird es auch sonnig und warm. Ich hatte mir die Jacke eingesteckt für Regen, jetzt bräuchte ich eher Sandalen. Hier fange ich auch an, Euch alle anzurufen, darum komme ich erst zwei Stunden später weiter. Bis dahin ist die Promenade immer schöner geworden und die Sonne immer sonniger und das Wasser immer türkiser und das Meer immer belebter. Frachter liegen auf Reede, Kreuzfahrtschiffe, Fähren, Segler und Yachten ziehen durch die Meerenge Solent zwischen Isle of Wight und Festland, über der keine Wolke mehr steht. Ich bin bis in den nächsten Ort gekommen, Seaview, der seinen Namen zurecht trägt. In der transparenten blauen Gischt ist kein Sand, sondern bizarr ausgewaschene Steinformationen. Die Straßen und Häuser gehen bis ans Wasser heran, in den Gärten wachsen Palmen und Lavendel, und an sich hat der ganze Tag ein unverkennbar mediterranes Gefühl bekommen. An einer der Kneipen genehmige mir das erste Eis in England und gucke Schiffe mit den Füßen auf der Seemauer.

Strandweg.

Portsmouth vom anderen Ufer aus gesehen.


Anfahrt auf Seaview.


Die Promenade in Seaview.







Blick von Seaview auf Portsmouth.
Dann fahre ich ins Landesinnere, denn bisher habe ich mehr telefoniert als wirklich in die Pedale getreten, und die Beine kribbeln vor Unterforderung. Auf Straßen zwischen heranwachsenden Feldern hindurch. Nicht ganz eine mecklenburgische Allee, aber doch mit Baumreihen vor dem Grün auf beiden Seiten. Der Wind weht durch die Ähren, die Sonne scheint, von einer Kurve ab lädt ein Weg ins Feld zum ungeplanten Entdecken auf Landwegen ein. Ein Tor mit Briefkasten vor dem Weg kann nur eins bedeuten, er führt zu einer Farm, ganz klar. Aber ich fahre die Straße weiter, die sich aufwärts schlängelt. An einer Stelle öffnet sich der Blick aufs Meer, auf die Reede, wo sich der Solent zum Atlantik öffnet. An diesem Panorama mache ich an einem Hofcafé halt, esse mehr Eis an den Holztischen auf dem Gras. Neben mir rupft ein Schaf Gras, Schweine grunzen, in der Luft zwitschert es; Blumen, Büsche, Sonnenwärme, Schiffe ziehen am Horizont...eigentlich nur ein Wort: Idylle. Für einen Tag sind alle Zweifel vom Tisch: genau so hatte ich mir das Leben hier im Idealfall vorgestellt. Fehlt nur eins: jemand, der mitkommt.


Blick über ein Feld auf die Bucht von Sanddown ganz am Horizont.






Eispause.






Es ist ein bisschen wie vor langer Zeit auf Hiddensee: alles ist erreichbar, und man kommt immer irgendwie ans Meer. Mein Weg führte mich weiter in den kleinen Ort Brading, wo ich kurz am wild wachsenden Friedhof und der Kirche halte. Dann begann ich einen langen Aufstieg zu einem Hügelfort, das ich schon den ganzen Weg über gesehen hatte. Und wie andere mit Kirchtürmen, so muss ich auf sowas immer rauf. Was ich fand, war endlich der ganz offenen Atlantik, von hoch oben, ein Teil eingefasst in einer Bucht wie auf der Farm, der Horizont verschwimmt im Dunst zwischen Wasser und Himmel. Und ganz still ist es, nur die Wellen hört man, sogar oben auf Hügel. Einige Leute mit Ferngläsern sagen mir, die Queen Mary 2 wird aus Richtung Southampton erwartet, aber zu sehen ist nichts.
Nach einigen Irrungen und Wirrungen durch den Busch an den Klippen geht es auf die Rückfahrt. In einer Biegung sehe ich sie fast verschwinden: die Queen Mary 2 zieht aus dem Solent. Neben ihrem massiven Körper wirken die Frachter klein, und sie ist überraschend schnell. Etwas weiter komme ich zurück an die Strandpromenade, die inzwischen fast so leer ist wie das seit Mittag verebbte Meer, und so jage ich mit Höchstgeschwindigkeit immer der Sonne entgegen, die direkt über dem Pier einen Strahl übers Wasser wirft. An Deck der Katamarans spüre ich den den Wind im Gesicht, das Wogen des Schiffs, keine Wolke verhüllt die Sonne, die die die ganze Meerenge erhellt, von Ufer zu Ufer wie auch die Schiffe dazwischen und ihr Strahl auf den Wassern zeigt direkt auf mich.
Sanddown von der Auffahrt zum Hügelfort gesehen.
Sanddown mit Strand.
Auf dem Hügelfort. Der aufmerksame Leser erkennt die das Schiff aus dem Eintrag von genau einer Woche vorher. Aus Richtung Southampton Richtung Osten.

Eine Bucht bei Ebbe.




Die Queen Mary 2 flieht vor der Ebbe.


Landungsbrüce und Ryde am Abend bei Ebbe.

Blick zurück auf die Promenadenstrecke bei Ebbe.
Abfahrt aus Ryde.


Blick zurück auf Seview.


Der Schwesterkatamaran auf dem Weg zur Insel.
Am nächsten Tag nehme ich nach diesem Test das Fahrrad im Zug mit zur Arbeit und reagiere mich nach Feierabend am ganzen Weg nach Hause ab. Ergebnis: in einer Stunde machbar. Und nachdem ich mit der Hafenfähre übergesetzt bin, fahre ich noch die gesamte Promenade ab, von den Hafenmauern bis zur Seebrücke bei meinem Haus, immer am Wasser entlang. Das nach der Arbeit machen zu können, ist ein echtes Privileg. Fehlt nur jemand, der das mitmacht. Einmal will ich die ganze Isle of Wight an einem Wochenende umfahren. Wer kommt mit?

Dienstag, 19. Juni 2012

16.06.2012

Darauf folgte das erste Wochenende – und Samstag war gleich angefüllt mit noch einer Reihe dringender Termine. Zuerst legte ich ein englisches Konto an. Bei der Gelegenheit meldete ich mich nebenbei in der öffentlichen Bibliothek an. Zweiter Punkt: ein Fahrrad muss her, und diesmal soll es durchaus ein gutes sein, um ab und zu zur Arbeit zu fahren. Dazu lief ich lange Wege und lernte Southsea am Wochenende in Aktion kennen. Das ist ja der bessere Teil von Portsmouth, und hat bei Sonne einen richtig dörflichen Charakter mit vielen kleinen Läden und Cafés vollbesetzt mit Leuten wie aus Kreuzberg. Auf dem Weg zu zwei Fahrradläden kam ich sogar an einem jüdischen Friedhof vorbei. Sobald man aber von den Läden wegkommt, sind andere Straßen ausgestorben wie uckermärkische Dörfer am Sonntag. Nach den Geschäften folgte ich noch einem Tipp meines Vermieter, dass in einem Gemeindezentrum abgegebene Fahrräder repariert und verkauft werden. Das nach langem Laufen gefundene Community Centre hat mich sehr an ein Kulturhaus erinnert. Gerade gab man sich richtig Mühe bei einem Fest für begeisterte Kinder. Daneben werden viele Kurse oder ein Gartenprojekt angeboten, für einen marginalen Mitgliedsbeitrag. Hinter dem Gebäude waren die Radleute, alles Freiwillige, was ich hier immer so mochte. Die hatten für mich auch gleich ein Modell, dass allen meinen Ansprüchen genügte, für einen Bruchteil des Ladenpreises. Zusammen mit der Wohnungsfindung trägt das zu erheblich niedrigen Ausgaben bei, als erwartet. Donnerstag kann ich es abholen.
Ein Aushang machte mich auf ein Kirchenfest die Straße hoch aufmerksam, wo ich bei Tee und Kuchen die Beine ausruhte und vermutlich länger mit dem Priester fachsimpelte, als seinem Smalltalkinteresse lieb gewesen war. Überhaupt war das der erste Tag, wo ich einfach mal lange laufen und so einen Teil der Stadt kennen lernen konnte. Zwischen den ganzen gleichen Häusern ist dabei immer wieder was Schönes, ein Park oder ein Teich vor einem älteren Gebäude, wo etwas für die und von der Gemeinschaft erhalten wird, was man bei der Bedeutung von Privateigentum hier gar nicht denken würde. Gleichzeitig sieht England stellenweise aber auch zusammengeschusterter aus als Polen. Die kleinen Geschäfte mit handgemalten Schildern in konvertierten Wohnungen und Garagen, die Kunst der Selbstanpreisung, die offensichtliche Diskrepanz zwischen Superlativen und der schäbigen Wirklichkeit von Arbeitern und Immigranten ist mir manchmal richtig zuwider. Und überall Flaggen – Queen's Geburtstag, Queen's Thronjubiläum, und Fußball.
Sonntag hatte ich zum ersten Mal Zeit für einen reinen Freizeitspaziergang. Der führte mich bei gutem Wetter an die Wasserpromenade, wo am Sonntag sehr viele Menschen unterwegs waren. Endlich hatte ich Zeit, das Panorama voll zu genießen. Die Isle of White liegt viel näher an der Küste als man denkt, man sieht die Häuser der nächsten Stadt am anderen Ufer. Dazwischen herrscht ein reger Verkehr, drei unterschiedliche Fährlinien pendeln hin und her, darunter Katamaran und ein Luftkissenboote. Dazu kommen aus Southampton richtig große Kreuzfahrtschiffe. Der Strand ist bestenfalls steinig und zum großen Teil von einer Seemauer abgeschirmt, an die bei Flut das Wasser direkt klatscht. Wasser und Strand können bei weitem nicht mit der Ostsee mithalten, viel Tang und alles etwas schmutzig. Dafür die Seeluft, die Sonne, die Schiffe – da bin ich ein gutes Stück mehr in Portsmouth angekommen, auch wenn Southampton soviel toller sein soll. Das alles auch praktisch vor meiner Haustür. Am westlichen Ende der Mauer ist wieder Steinstrand bis zum Horizont und davor eine Seebrücke, wie immer in England vollgepackt mit einem angestaubten Casino. Die Straße hoch wohne schon ich. Mein Viertel ist ja das südlichste in Portsmouth, Southsea. Entsprechend dem Namen ist der Promenade vorgelagert ein breiter Grünstreifen, teilweise mit Palmen, der einen fast französischen Eindruck macht. Genau wie ja das ganze Viertel mit kontinentalem Charme kokettiert.
Der "Spinnaker" Turm im Hafen, gesehen von der Fähre, die zwischen Ost- und Westufer pendelt.
Die Autofähre zur Isle of Wight läuft aus. Von der Hafenfähre gesehen.

Sonntag an der Promenade. 
Die Seebrücke.
Die Seebrücke am Ende meines Spaziergangs. Fünf Minuten nach links wohne ich.
Blick vom Strand zur Isle of Wight.
Blick den Strang entlang nach Osten, mit der Seebrücke im Rücken.
Die Isle of Wight von der Strandpromenade aus gesehen. Was die Betoninseln machen, weiß ich noch nicht.
Sie Strandpromenade mit Seemauer.
Blick von der Strandpromenade zum Hafen mit Spinnaker Turm im Westen.
Die Autofähre läuft zur Isle of Wight. Vom Strand aus gesehen.
Die Passagierfähre aus Le Havre läuft ein.

Die Luftkissenfähre läuft aus dem Hafen zur Isle of White aus, von der der Katamaran gerade zurückkommt.
Luftkissen- und Autofähre vor der Hafeneinfahrt.
Die Autofähre läuft von der Isle of White ein, vor der gerade ein Kreuzfahrtschiff aus Southampton entlangläuft.
Ein Kreuzfahrtschiff vor der Isle of White, vom Strand in Portsmouth aus gesehen.
Das Kreuzfahrtschiff fährt aus Hohe See.
Die Fähre aus Le Havre läuft ein. Abends von der Hafenfähre aus gesehen.
Hinter der Fähre aus Frankreich läuft die Autofähre von der Isle of White ein.
Blick ins Hafeninnere bei Abendlicht. Am Ende der Bucht fahre ich jeden Morgen mit dem Bus zur Arbeit entlang.
Mein schönes neues, preiswertes Fahrrad, traditionell blau und etwas zu klein!

15.06.2012


Am Freitag, Tag drei, habe ich endlich erfahren, was wir eigentlich machen! Für solche Details hatte meine Chefin nicht die Zeit gehabt, sodass ich es mir so nach und nach zusammenklauben musste. Gut, dass ich keine Angst habe zu fragen (vor allem nach den inflationären Abkürzungen) und mir die anfängliche Verwirrung dann doch irgendwo bekannt ist – vielleicht waren die Praktikas doch nicht ganz umsonst. Trotzdem bin ich immer wieder erleichtert, wenn die Antwort dann doch nichts völlig offensichtliches ist und ich mich nicht so schwer von Begriff fühle wie z.B. seinerzeit bei Motyka. Es sieht also so aus: 2011 wurde in Großbritannien ja eine komplette Volkszählung durchgeführt. Die hatte ich ja selbst als Anwohner auch noch ausgefüllt. Die Daten werden seitdem zusammengezählt und der erste Teil soll in nicht allzuferner Zeit (wann genau darf ich nicht sagen!) veröffentlicht werden. Ich arbeite in der Volkszählungsabteilung, genauer gesagt in der Veröffentlichungsabteilung, noch genauer gesagt im Team „Analyse und Maßnahmen“ - und das klingt auf englisch noch eindrucksvoller. Wir schreiben am Kommentar zu dieser Veröffentlichung. Dazu wurde festgelegt, welche Daten besprochen werden sollen und wir denken uns dazu vermutlich neben einer genehmen Botschaft noch schicke Seitengestaltung aus. Also nicht nur Analyse, sondern auch Publikation – passt mir doch recht genau ins Konzept. Die ersten Tage habe ich damit verbracht, zu verschiedenen Themen Vergleichsdaten zu suchen, die nicht aus der Volkszählung kommen. Das macht mir schon Spaß, Informationen zu jagen. Die britischen Statistiken bieten auch eine Menge Gelegenheit zur Schnitzeljagd, da sie im Gegensatz zu anderen Ländern und Organisationen nicht sehr zentralisiert sind. Je nach Thema sucht man da bei anderen Ministerien und Vereinen. Wir bereiten unsere Version zur letzten Prüfung vor. Darum arbeiten wir auch die nächsten zwei Wochenenden durch, das heißt drei Wochen ohne Pause. Außerhalb der Arbeit ist die erste Woche natürlich vollständig von Organisation und Einrichtung beansprucht worden, das erste freie Wochenende wird meinen bulgarischen Freunden in Birmingham gehören, sodass ich diesmal meine Stadt frühestens in einem Monat wirklich erkunden werden kann, ganz zu schweigen von der Umgebung und der Isle of Wight.

 Auf der Rückfahrt aus Titchfield fällt mir einmal mehr auf, welchen Unterschied das Wetter macht. Scheint bei Feierabend die Sonne, sehe ich vom Bus pittoreske Dörfer; bei Regen dagegen nur lebensfeindliche Sozialblocks. Anstatt dem direkten Bus nach Portsmouth probiere ich einmal den, der zu Fähre am Westufer des Hafens fährt. Von dort setze ich in der Abendsonne über, was sich auch nach langen Arbeitsstunden als beste Entspannung erweist. Zu Hause dagegen fällt mir auf, dass englische Häuser alle einen spezifischen Geruch haben. Leicht süßlich.

14.06.2012


Am Morgen des zweiten Tages war es auch sonnig und ich bemerkte, dass es trotz der langen Anfahrt doch schön ist, morgens am Busbahnhof zu warten. Der liegt nämlich gleich am Hafen, am Wasser. Man sieht die Fähren pendeln, die alle sieben Minuten Pendler von der anderen Hafenseite ausspucken. Daneben liegt das große Panzersegelschiff HMS Warrior, eins von vier historischen Schiffen vor Ort, und ab und zu schreit eine Möwe. Der zweite Tag war schon viel besser, wenn auch weiter nicht direkt...aufregend. Auf der Arbeit bekam ich Internetzugang - und habe die ersten Aufgaben bekommen! Noch brauche ich Ewigkeiten, obwohl hier weder Internet noch Fernsehen zum Spaß verfügbar sind. Vielleicht war mein Versagen im Studium doch nicht nur Faulheit und Ablenkung?! Noch mehr als gestern fällt mir die Informalität auf. Leute sind schlecht rasiert, die nicht viel älter als ich aussehende Chefin trägt am liebsten kurze Hose und das Kapuzenshirt rutscht von der Schulter.
Die HMS Warrior im Hafen neben dem Busbahnhof.
Und so sieht das ganze bei Ebbe aus.
Die Hafenfähre legt nach der Überfahrt vom Westufer an.

Die morgendlichen Pendler vom Westufer gehen von Bord. Zu Stoßzeiten fährt die Fähre alle siebeneinhalb Minuten.


13.06.2012 - Der erste Arbeitstag

Aufstehen muss man in der Tat früh. Kurz nach sechs, um 9.30 Uhr in Titchfield zu sein. Zum Glück ist das meiste Anmarsch zum Bus, der selbst weniger als eine Stunde braucht. Das wird sich lösen, wenn ich erstmal ein Fahrrad habe. Nichtdestotrotz habe ich ca. 1,5 Stunden von Tür zu Tür. Da hören die schlechten Nachrichten aber auch schon auf. Ich wurde an der Rezeption von meiner direkten Vorgesetzen abgeholt und direkt an einen Computer im Großraumbüro gesetzt. Wow – mein erster Arbeitstag! Wie erwartet habe ich den mit totlangweiligen Einführungshandbüchern und Infomaterial verbracht, da mein Zugang zum internen Computernetzwerk frühestens am zweiten Tag eingerichtet sein sollte. Unter anderem bekam ich eine extra Einführung, wie man richtig auf einem Stuhl sitzt, und das Handbuch zum Internet behauptet, dass „mit der technischen Entwicklung bald vielleicht sogar Videos auf Internetseiten gestellt werden können.“ Alles nötig (größtenteils, damit man sich im Ernstfall nicht auf Unwissen berufen kann), aber auch langweilig. Nach nichtmal einer halben Stunde schaue ich schon verstohlen auf die Uhr, nicht sicher, wie glücklich ich mit meinem neuen Büroleben wohl werde. Gar nicht schlecht also, dass der Arbeitstag nur 7,5 Stunden dauert und die Arbeitszeiten flexibel sind.
Mein Team (welches genau das eigentlich ist und woran wir arbeiten, sollte ich erst später erfahren, und mir größtenteils selbst zusammenkombinieren) ist kürzlich massiv aufgestockt worden und ich bin nichtmal der letzte, der ankommt. Soweit höre ich nur gibt es „massig Arbeit“ - sobald eben der Internetzugang geht. In der Zwischenzeit werde ich erstmal mit einer anderen Anfängerin rumgeführt. Wir sind im dritten und höchsten Stock des zweiten Kastenblocks auf dem Gelände, jeder der vier Flügel jeder Etage beherbergt ein Großraumbüro. Alle Räume und Korridore sehen gleich aus, und obwohl wir allen vorgestellt und rumgeführt wurden, merke ich mir kaum einen Namen noch Weg. Meine Mitanfängerin ist Irin, Doktor der Chemie, abgesehen davon bin ich hier scheinbar der einzige Ausländer – vor allem muss das das einzige Büro auf der Insel ohne Polen sein. Mir gefällt es zwar nicht, am Schreibtisch zu hocken und den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu gucken, aber ich bekomme, was ich wollte – überall richtiges Englisch. Auch ist die Atmosphäre freundlich und vor allem informell. Die Kollegen kommen aktiv auf mich zu, sich vorzustellen und Hilfe anzubieten. Einer weist mich gleich auf die Mitfahrbörse hin – leider fährt wider Erwarten niemand aus Portsmouth zur Arbeit, womit ich weiter auf Bus, Bahn und Rad angewiesen sein werde. Dresscode gibt es keinen, ich kann mir also erstmal auch den Anzug sparen und Schuhe tragen, mit denen ich vom und zum Bus sportlich joggen kann. Es werden viele Witze gemacht, die meisten sind über meinem Alter und von dem was man so hört schon lange hier – was ich als gutes Zeichen auffasse.

Auf der ersten Rückfahrt von der Arbeit scheint endlich die Sonne. Vom Bus sehe ich die gleichen Orte wie bei der Ankunft, aber alles wirkt gleich viel schöner, besonders die Strecken am Wasser. Am Abend des ersten Tages habe ich dann mein Gepäck ein dem Hostel in meine nah gelegene neue Bleibe gebracht, bin also richtig eingezogen. Ich wohne ganz im Süden von Portsmouth, also genau am anderen Ende von wo ich eigentlich hinwollte, und damit auch entgegen dem eigentlich Grund, weswegen ich diese Stadt gewählt habe, der schnelleren Verkehrsanbindung. Das Viertel Southsea liegt direkt am Meer – von meiner Haustür keine fünf Minuten zu Fuß. Es ist auch sozial besser gestellt als der Norden, ruhiger, und mein Haus für britische Verhältnisse recht groß. Unter dem Dach wohnt der Vermieter. Daneben gibt es vier Zimmer für insgesamt fünf Untermieter, vor allem Studenten. Im Moment ist aber wegen der Sommerpause außer mir keiner von denen da. Bad und Küche sind modern und voll ausgestattet, außerdem konnte ich ein Küchenfach voll übrigem Essen übernehmen. Allerdings muss alles mal geputzt werden. Dazu ein kleiner Hinterhof mit Stühlen, Tischen und genau in der richtigen Position zur Sonne, wenn sie mal zur gleichen Zeit da ist wie ich. Da oder am Meer könnte man wunderbar grillen, aber bisher habe ich noch keine Zeit.

12.06.2012 - Risikoprämie


Nun wurde das ganze erstmal schlechter, bevor es besser wurde. Ich hatte mich ja aus rein romantischen Gründen entschieden, erst kurz vor Arbeitsbeginn nach England zu fahren und war das Risiko eingegangen, die vorher über das Internet mit Wohnungsagenturen besprochenen Quartiere dann ohne zeitlichen Spielraum auch mehr oder weniger nehmen zu müssen. Dienstag morgen ging es bei andauerndem Nieselregen aus dem Hostel ganz in den Norden der Stadt zur Besichtigung. Ich wollte im Norden wohnen, um die Arbeitsanfahrt zu verkürzen. Denn Portsmouth ist eine Insel und alle Ausfallstraße gehen durch den Norden. Überhaupt war die Verkehrsanbindung der Grund, Portsmouth Southampton vorzuziehen, abgesehen von der hier öffentlich zugänglichen Unibibliothek. Nun, als ich also nach langem Laufen das völlig leere Minizimmer mit Etagenbad und -küche zu sehen bekam, musste ich schon schlucken. Aber gut, Bett und Kommode wurden mir auf Wunsch reingestellt. Auch brachte Recherche bei den benachbarten Maklern zutage, dass nur diese Agentur Einzelzimmer vermietet. Im allgemeinen kauft man hier nämlich ein ganzes Haus, oder mietet es zumindest im ganzen. Das Zimmer hätte ich also haben können, würde ich sofort 400 Pfund einzahlen und später noch mehr für Kaution, Provision und erste Miete. Nun, erstmal bin ich zurück ins Zentrum gelaufen, wobei ich auf dem Weg schonmal das lokale polnische Netzwerk angezapft habe. Marcin in der Bank und Magda im Handyladen erzählten mir neben viel nützlichen informellen Inforationen vor allem, dass Southampton viel besser ist als Portsmouth. Die Wohnungssorgen weiter im Kopf schlenderte ich anschließend zum Unigelände und dort zufällig direkt in die Wohnungsberatung. Schon in der Information erfuhr ich, dass meine Agentur den schlechtesten Ruf der ganzen Stadt hat, die Hilflosigkeit von Neuankömmlingen gerne ausnutzt und Kautionen einbehält. Meine Lageeinschätzung ließ sich sehr gut in einem Wort zusammenfassen. Schließlich war es praktisch unmöglich, innerhalb einiger Stunden etwas anderes zu finden. Ich nahm mir dann aber noch ein Liste von Untermieteangeboten mit, auch wenn die eigentlich nur Studenten wollen, und eigentlich hätte die Uni mir sowieso nicht helfen müssen.
 Nun machte ich doch wieder eine Erfahrung, die ich über die Jahre eigentlich immer wieder erlebt hatte, nämlich das es nie ganz so schlimm kommt und man immer eine Lösung findet, wenn man erstmal vor Ort ist. Schnell war die Liste durchprobiert und tatsächlich zwei Leute auch zur Arbeitszeit erreicht, die in der Tat auch Nichtstudenten nehmen würden. Hätte ich mit ähnlichem Druck meine Arbeit suchen müssen, hätte sich das derzeitige Problem nie gestellt. Ich konnte mir beide Häuser auch gleich angucken, beide waren sehr schön, und das zweite habe ich dann auch genommen – noch rechtzeitig, um anschließend das Spiel der polnischen Mannschaft im Gemeinschaftsraum des Hostels zu sehen, das auf einmal viel freundlicher wirkte. Bin ich in Rostock ein optimistischerer Mensch geworden, so hat sich die Risikobereitschaft gerade ausgezahlt. Übrigens auch finanziell, denn so spare ich neben Nerven gute 300 Pfund Vermittlungsgebühr. So ging ich vor dem ersten Arbeitstag vertrauensvoll schlafen.


Mein Bett und Wäschetrockner, hinter dem Vorhang links hängen Jacke und Anzug.

Schreibtisch und Fenster mit Blick in den Hof.


Dusche.


Restliches Bad.

Die Gemeinschaftsküche, neben der Spüle meine neue Thermoskanne damit man nach dem Aufstehen oder nach der Arbeit nie ohne warmen Tee dasteht.

Durchgang von der Küche in den Hof.

Der Hof, wo auch mein Fahrrad stehen wird.
Blick vom Hof zu meinem Zimmer mit dem offenen Fenster. Unten die Fahrräder der noch abwesenden Mitbewohner.


11.06.2012


So war das natürlich nicht geplant. Heute fühle ich mich wie am Abend, als ich nach Warschau gezogen bin – mit der Frage, soll es das gewesen sein, hab ich wirklich nichts besseres geschafft, in neun Monaten? Furchtbar einsam, aus der besten Gesellschaft gerissen, und hier auch noch Angst, wie wird die Arbeit, wie wird die Wohnung – und, was, wenn ich das wirklich zwei Jahre lang durchziehen soll? Und ich könnte auch das gleiche Fazit ziehen wie noch letzten September, als ich York mit dem Gefühl verließ, viel weniger gemacht zu haben als ich hätte können.
Es wird jedes Mal schwerer. Noch nie hatte ich so einen Kloß im Hals, wie als die Waggontüren in Rostock zugingen. Und wie zum Zeichen war in Lübeck neben dem Bus ein Kiosk mit „Bilety do Polski“ - Fahrkarten nach Polen.
Kaum zu glauben, dass die letzte Anreise fast zwei Jahre her ist. Als die grünen Hügel Englands wieder auftauchen, wirkt das letzte Mal wie gerade erst gewesen. Und seit wir uns Calais genähert haben, regnet es ununterbrochen. Mein erster Eindruck vom Land, wie schon 2010: ist das alles runtergekommen. Und grau. Und schmuddelig. Und der Regen. Und die Herberge ist winzig, die Rezeptionistin sieht aus wie meine komische Mitbewohnerin, das Zimmer riecht merkwürdig. Nun, dafür ganz im Süden von Portsmouth, praktisch am Meer.
 Über allem aber ist der Verlust der Freunde. Auch wenn die Arbeitssuche so erfolglos war, das letzte dreiviertel Jahr in Rostock war doch ein sehr schönes. Die Sonne, das Meer und die Straßenfeste der letzten Woche gegen den Beton und Regen hier. Ich sollte in Warschau sein und Zweifel aufschreiben, ob das weniger an Gehalt das mehr an Freunden wert ist oder nur wieder ein Zeichen von Wohlstandskinderomantik. Hätte ich damals das Studium in Polen gewählt, wäre ich jetzt gerade kurz vor dem Abschluss. In dem Sinne habe ich auf der Anreise meinen Beitrag zur Völkerverständigung an einer verlorenen Polin aus rein eigennütziger Sprachnostalgie geleistet.