Dienstag, 19. Juni 2012

12.06.2012 - Risikoprämie


Nun wurde das ganze erstmal schlechter, bevor es besser wurde. Ich hatte mich ja aus rein romantischen Gründen entschieden, erst kurz vor Arbeitsbeginn nach England zu fahren und war das Risiko eingegangen, die vorher über das Internet mit Wohnungsagenturen besprochenen Quartiere dann ohne zeitlichen Spielraum auch mehr oder weniger nehmen zu müssen. Dienstag morgen ging es bei andauerndem Nieselregen aus dem Hostel ganz in den Norden der Stadt zur Besichtigung. Ich wollte im Norden wohnen, um die Arbeitsanfahrt zu verkürzen. Denn Portsmouth ist eine Insel und alle Ausfallstraße gehen durch den Norden. Überhaupt war die Verkehrsanbindung der Grund, Portsmouth Southampton vorzuziehen, abgesehen von der hier öffentlich zugänglichen Unibibliothek. Nun, als ich also nach langem Laufen das völlig leere Minizimmer mit Etagenbad und -küche zu sehen bekam, musste ich schon schlucken. Aber gut, Bett und Kommode wurden mir auf Wunsch reingestellt. Auch brachte Recherche bei den benachbarten Maklern zutage, dass nur diese Agentur Einzelzimmer vermietet. Im allgemeinen kauft man hier nämlich ein ganzes Haus, oder mietet es zumindest im ganzen. Das Zimmer hätte ich also haben können, würde ich sofort 400 Pfund einzahlen und später noch mehr für Kaution, Provision und erste Miete. Nun, erstmal bin ich zurück ins Zentrum gelaufen, wobei ich auf dem Weg schonmal das lokale polnische Netzwerk angezapft habe. Marcin in der Bank und Magda im Handyladen erzählten mir neben viel nützlichen informellen Inforationen vor allem, dass Southampton viel besser ist als Portsmouth. Die Wohnungssorgen weiter im Kopf schlenderte ich anschließend zum Unigelände und dort zufällig direkt in die Wohnungsberatung. Schon in der Information erfuhr ich, dass meine Agentur den schlechtesten Ruf der ganzen Stadt hat, die Hilflosigkeit von Neuankömmlingen gerne ausnutzt und Kautionen einbehält. Meine Lageeinschätzung ließ sich sehr gut in einem Wort zusammenfassen. Schließlich war es praktisch unmöglich, innerhalb einiger Stunden etwas anderes zu finden. Ich nahm mir dann aber noch ein Liste von Untermieteangeboten mit, auch wenn die eigentlich nur Studenten wollen, und eigentlich hätte die Uni mir sowieso nicht helfen müssen.
 Nun machte ich doch wieder eine Erfahrung, die ich über die Jahre eigentlich immer wieder erlebt hatte, nämlich das es nie ganz so schlimm kommt und man immer eine Lösung findet, wenn man erstmal vor Ort ist. Schnell war die Liste durchprobiert und tatsächlich zwei Leute auch zur Arbeitszeit erreicht, die in der Tat auch Nichtstudenten nehmen würden. Hätte ich mit ähnlichem Druck meine Arbeit suchen müssen, hätte sich das derzeitige Problem nie gestellt. Ich konnte mir beide Häuser auch gleich angucken, beide waren sehr schön, und das zweite habe ich dann auch genommen – noch rechtzeitig, um anschließend das Spiel der polnischen Mannschaft im Gemeinschaftsraum des Hostels zu sehen, das auf einmal viel freundlicher wirkte. Bin ich in Rostock ein optimistischerer Mensch geworden, so hat sich die Risikobereitschaft gerade ausgezahlt. Übrigens auch finanziell, denn so spare ich neben Nerven gute 300 Pfund Vermittlungsgebühr. So ging ich vor dem ersten Arbeitstag vertrauensvoll schlafen.


Mein Bett und Wäschetrockner, hinter dem Vorhang links hängen Jacke und Anzug.

Schreibtisch und Fenster mit Blick in den Hof.


Dusche.


Restliches Bad.

Die Gemeinschaftsküche, neben der Spüle meine neue Thermoskanne damit man nach dem Aufstehen oder nach der Arbeit nie ohne warmen Tee dasteht.

Durchgang von der Küche in den Hof.

Der Hof, wo auch mein Fahrrad stehen wird.
Blick vom Hof zu meinem Zimmer mit dem offenen Fenster. Unten die Fahrräder der noch abwesenden Mitbewohner.


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