Dienstag, 19. Juni 2012

11.06.2012


So war das natürlich nicht geplant. Heute fühle ich mich wie am Abend, als ich nach Warschau gezogen bin – mit der Frage, soll es das gewesen sein, hab ich wirklich nichts besseres geschafft, in neun Monaten? Furchtbar einsam, aus der besten Gesellschaft gerissen, und hier auch noch Angst, wie wird die Arbeit, wie wird die Wohnung – und, was, wenn ich das wirklich zwei Jahre lang durchziehen soll? Und ich könnte auch das gleiche Fazit ziehen wie noch letzten September, als ich York mit dem Gefühl verließ, viel weniger gemacht zu haben als ich hätte können.
Es wird jedes Mal schwerer. Noch nie hatte ich so einen Kloß im Hals, wie als die Waggontüren in Rostock zugingen. Und wie zum Zeichen war in Lübeck neben dem Bus ein Kiosk mit „Bilety do Polski“ - Fahrkarten nach Polen.
Kaum zu glauben, dass die letzte Anreise fast zwei Jahre her ist. Als die grünen Hügel Englands wieder auftauchen, wirkt das letzte Mal wie gerade erst gewesen. Und seit wir uns Calais genähert haben, regnet es ununterbrochen. Mein erster Eindruck vom Land, wie schon 2010: ist das alles runtergekommen. Und grau. Und schmuddelig. Und der Regen. Und die Herberge ist winzig, die Rezeptionistin sieht aus wie meine komische Mitbewohnerin, das Zimmer riecht merkwürdig. Nun, dafür ganz im Süden von Portsmouth, praktisch am Meer.
 Über allem aber ist der Verlust der Freunde. Auch wenn die Arbeitssuche so erfolglos war, das letzte dreiviertel Jahr in Rostock war doch ein sehr schönes. Die Sonne, das Meer und die Straßenfeste der letzten Woche gegen den Beton und Regen hier. Ich sollte in Warschau sein und Zweifel aufschreiben, ob das weniger an Gehalt das mehr an Freunden wert ist oder nur wieder ein Zeichen von Wohlstandskinderomantik. Hätte ich damals das Studium in Polen gewählt, wäre ich jetzt gerade kurz vor dem Abschluss. In dem Sinne habe ich auf der Anreise meinen Beitrag zur Völkerverständigung an einer verlorenen Polin aus rein eigennütziger Sprachnostalgie geleistet.

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