So war das natürlich nicht geplant. Heute fühle ich mich wie am
Abend, als ich nach Warschau gezogen bin – mit der Frage, soll es
das gewesen sein, hab ich wirklich nichts besseres geschafft, in neun
Monaten? Furchtbar einsam, aus der besten Gesellschaft gerissen, und
hier auch noch Angst, wie wird die Arbeit, wie wird die Wohnung –
und, was, wenn ich das wirklich zwei Jahre lang durchziehen soll? Und
ich könnte auch das gleiche Fazit ziehen wie noch letzten September,
als ich York mit dem Gefühl verließ, viel weniger gemacht zu haben
als ich hätte können.
Es wird jedes Mal schwerer. Noch nie hatte ich so einen Kloß im
Hals, wie als die Waggontüren in Rostock zugingen. Und wie zum
Zeichen war in Lübeck neben dem Bus ein Kiosk mit „Bilety do
Polski“ - Fahrkarten nach Polen.
Kaum zu glauben, dass die letzte Anreise fast zwei Jahre her ist. Als
die grünen Hügel Englands wieder auftauchen, wirkt das letzte Mal
wie gerade erst gewesen. Und seit wir uns Calais genähert haben,
regnet es ununterbrochen. Mein erster Eindruck vom Land, wie schon
2010: ist das alles runtergekommen. Und grau. Und schmuddelig. Und
der Regen. Und die Herberge ist winzig, die Rezeptionistin sieht aus
wie meine komische Mitbewohnerin, das Zimmer riecht merkwürdig. Nun,
dafür ganz im Süden von Portsmouth, praktisch am Meer.
Über allem aber ist der Verlust der Freunde. Auch wenn die
Arbeitssuche so erfolglos war, das letzte dreiviertel Jahr in Rostock
war doch ein sehr schönes. Die Sonne, das Meer und die Straßenfeste
der letzten Woche gegen den Beton und Regen hier. Ich sollte in
Warschau sein und Zweifel aufschreiben, ob das weniger an Gehalt das
mehr an Freunden wert ist oder nur wieder ein Zeichen von
Wohlstandskinderomantik. Hätte ich damals das Studium in Polen
gewählt, wäre ich jetzt gerade kurz vor dem Abschluss. In dem Sinne
habe ich auf der Anreise meinen Beitrag zur Völkerverständigung an
einer verlorenen Polin aus rein eigennütziger Sprachnostalgie
geleistet.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen