Am Freitag, Tag drei, habe ich endlich erfahren, was wir eigentlich
machen! Für solche Details hatte meine Chefin nicht die Zeit gehabt,
sodass ich es mir so nach und nach zusammenklauben musste. Gut, dass
ich keine Angst habe zu fragen (vor allem nach den inflationären
Abkürzungen) und mir die anfängliche Verwirrung dann doch irgendwo
bekannt ist – vielleicht waren die Praktikas doch nicht ganz
umsonst. Trotzdem bin ich immer wieder erleichtert, wenn die Antwort
dann doch nichts völlig offensichtliches ist und ich mich nicht so
schwer von Begriff fühle wie z.B. seinerzeit bei Motyka. Es sieht
also so aus: 2011 wurde in Großbritannien ja eine komplette
Volkszählung durchgeführt. Die hatte ich ja selbst als Anwohner
auch noch ausgefüllt. Die Daten werden seitdem zusammengezählt und
der erste Teil soll in nicht allzuferner Zeit (wann genau darf ich nicht sagen!) veröffentlicht werden. Ich arbeite in
der Volkszählungsabteilung, genauer gesagt in der
Veröffentlichungsabteilung, noch genauer gesagt im Team „Analyse
und Maßnahmen“ - und das klingt auf englisch noch eindrucksvoller.
Wir schreiben am Kommentar zu dieser Veröffentlichung. Dazu wurde
festgelegt, welche Daten besprochen werden sollen und wir denken uns
dazu vermutlich neben einer genehmen Botschaft noch schicke
Seitengestaltung aus. Also nicht nur Analyse, sondern auch
Publikation – passt mir doch recht genau ins Konzept. Die ersten
Tage habe ich damit verbracht, zu verschiedenen Themen
Vergleichsdaten zu suchen, die nicht aus der Volkszählung kommen.
Das macht mir schon Spaß, Informationen zu jagen. Die britischen
Statistiken bieten auch eine Menge Gelegenheit zur Schnitzeljagd, da
sie im Gegensatz zu anderen Ländern und Organisationen nicht sehr
zentralisiert sind. Je nach Thema sucht man da bei anderen
Ministerien und Vereinen. Wir bereiten unsere Version zur letzten
Prüfung vor. Darum arbeiten wir auch die nächsten zwei
Wochenenden durch, das heißt drei Wochen ohne Pause. Außerhalb der Arbeit ist die
erste Woche natürlich vollständig von Organisation und
Einrichtung beansprucht worden, das erste freie Wochenende wird
meinen bulgarischen Freunden in Birmingham gehören, sodass ich
diesmal meine Stadt frühestens in einem Monat wirklich erkunden
werden kann, ganz zu schweigen von der Umgebung und der Isle of
Wight.
Auf der Rückfahrt aus Titchfield fällt mir einmal mehr auf, welchen Unterschied
das Wetter macht. Scheint bei Feierabend die Sonne, sehe ich vom Bus
pittoreske Dörfer; bei Regen dagegen nur lebensfeindliche Sozialblocks.
Anstatt dem direkten Bus nach Portsmouth probiere ich einmal den, der
zu Fähre am Westufer des Hafens fährt. Von dort setze ich in der
Abendsonne über, was sich auch nach langen Arbeitsstunden als beste
Entspannung erweist. Zu Hause dagegen fällt mir auf, dass englische
Häuser alle einen spezifischen Geruch haben. Leicht süßlich.
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