Dienstag, 19. Juni 2012

13.06.2012 - Der erste Arbeitstag

Aufstehen muss man in der Tat früh. Kurz nach sechs, um 9.30 Uhr in Titchfield zu sein. Zum Glück ist das meiste Anmarsch zum Bus, der selbst weniger als eine Stunde braucht. Das wird sich lösen, wenn ich erstmal ein Fahrrad habe. Nichtdestotrotz habe ich ca. 1,5 Stunden von Tür zu Tür. Da hören die schlechten Nachrichten aber auch schon auf. Ich wurde an der Rezeption von meiner direkten Vorgesetzen abgeholt und direkt an einen Computer im Großraumbüro gesetzt. Wow – mein erster Arbeitstag! Wie erwartet habe ich den mit totlangweiligen Einführungshandbüchern und Infomaterial verbracht, da mein Zugang zum internen Computernetzwerk frühestens am zweiten Tag eingerichtet sein sollte. Unter anderem bekam ich eine extra Einführung, wie man richtig auf einem Stuhl sitzt, und das Handbuch zum Internet behauptet, dass „mit der technischen Entwicklung bald vielleicht sogar Videos auf Internetseiten gestellt werden können.“ Alles nötig (größtenteils, damit man sich im Ernstfall nicht auf Unwissen berufen kann), aber auch langweilig. Nach nichtmal einer halben Stunde schaue ich schon verstohlen auf die Uhr, nicht sicher, wie glücklich ich mit meinem neuen Büroleben wohl werde. Gar nicht schlecht also, dass der Arbeitstag nur 7,5 Stunden dauert und die Arbeitszeiten flexibel sind.
Mein Team (welches genau das eigentlich ist und woran wir arbeiten, sollte ich erst später erfahren, und mir größtenteils selbst zusammenkombinieren) ist kürzlich massiv aufgestockt worden und ich bin nichtmal der letzte, der ankommt. Soweit höre ich nur gibt es „massig Arbeit“ - sobald eben der Internetzugang geht. In der Zwischenzeit werde ich erstmal mit einer anderen Anfängerin rumgeführt. Wir sind im dritten und höchsten Stock des zweiten Kastenblocks auf dem Gelände, jeder der vier Flügel jeder Etage beherbergt ein Großraumbüro. Alle Räume und Korridore sehen gleich aus, und obwohl wir allen vorgestellt und rumgeführt wurden, merke ich mir kaum einen Namen noch Weg. Meine Mitanfängerin ist Irin, Doktor der Chemie, abgesehen davon bin ich hier scheinbar der einzige Ausländer – vor allem muss das das einzige Büro auf der Insel ohne Polen sein. Mir gefällt es zwar nicht, am Schreibtisch zu hocken und den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu gucken, aber ich bekomme, was ich wollte – überall richtiges Englisch. Auch ist die Atmosphäre freundlich und vor allem informell. Die Kollegen kommen aktiv auf mich zu, sich vorzustellen und Hilfe anzubieten. Einer weist mich gleich auf die Mitfahrbörse hin – leider fährt wider Erwarten niemand aus Portsmouth zur Arbeit, womit ich weiter auf Bus, Bahn und Rad angewiesen sein werde. Dresscode gibt es keinen, ich kann mir also erstmal auch den Anzug sparen und Schuhe tragen, mit denen ich vom und zum Bus sportlich joggen kann. Es werden viele Witze gemacht, die meisten sind über meinem Alter und von dem was man so hört schon lange hier – was ich als gutes Zeichen auffasse.

Auf der ersten Rückfahrt von der Arbeit scheint endlich die Sonne. Vom Bus sehe ich die gleichen Orte wie bei der Ankunft, aber alles wirkt gleich viel schöner, besonders die Strecken am Wasser. Am Abend des ersten Tages habe ich dann mein Gepäck ein dem Hostel in meine nah gelegene neue Bleibe gebracht, bin also richtig eingezogen. Ich wohne ganz im Süden von Portsmouth, also genau am anderen Ende von wo ich eigentlich hinwollte, und damit auch entgegen dem eigentlich Grund, weswegen ich diese Stadt gewählt habe, der schnelleren Verkehrsanbindung. Das Viertel Southsea liegt direkt am Meer – von meiner Haustür keine fünf Minuten zu Fuß. Es ist auch sozial besser gestellt als der Norden, ruhiger, und mein Haus für britische Verhältnisse recht groß. Unter dem Dach wohnt der Vermieter. Daneben gibt es vier Zimmer für insgesamt fünf Untermieter, vor allem Studenten. Im Moment ist aber wegen der Sommerpause außer mir keiner von denen da. Bad und Küche sind modern und voll ausgestattet, außerdem konnte ich ein Küchenfach voll übrigem Essen übernehmen. Allerdings muss alles mal geputzt werden. Dazu ein kleiner Hinterhof mit Stühlen, Tischen und genau in der richtigen Position zur Sonne, wenn sie mal zur gleichen Zeit da ist wie ich. Da oder am Meer könnte man wunderbar grillen, aber bisher habe ich noch keine Zeit.

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