Aufstehen muss man in der Tat früh. Kurz nach sechs, um 9.30 Uhr in
Titchfield zu sein. Zum Glück ist das meiste Anmarsch zum Bus, der
selbst weniger als eine Stunde braucht. Das wird sich lösen, wenn
ich erstmal ein Fahrrad habe. Nichtdestotrotz habe ich ca. 1,5
Stunden von Tür zu Tür. Da hören die schlechten Nachrichten aber
auch schon auf. Ich wurde an der Rezeption von meiner direkten
Vorgesetzen abgeholt und direkt an einen Computer im Großraumbüro
gesetzt. Wow – mein erster Arbeitstag! Wie erwartet habe ich den
mit totlangweiligen Einführungshandbüchern und Infomaterial
verbracht, da mein Zugang zum internen Computernetzwerk frühestens
am zweiten Tag eingerichtet sein sollte. Unter anderem bekam ich eine
extra Einführung, wie man richtig auf einem Stuhl sitzt, und das
Handbuch zum Internet behauptet, dass „mit der technischen
Entwicklung bald vielleicht sogar Videos auf Internetseiten gestellt
werden können.“ Alles nötig (größtenteils, damit man sich im
Ernstfall nicht auf Unwissen berufen kann), aber auch langweilig.
Nach nichtmal einer halben Stunde schaue ich schon verstohlen auf die
Uhr, nicht sicher, wie glücklich ich mit meinem neuen Büroleben
wohl werde. Gar nicht schlecht also, dass der Arbeitstag nur 7,5
Stunden dauert und die Arbeitszeiten flexibel sind.
Mein Team (welches genau das eigentlich ist und woran wir arbeiten,
sollte ich erst später erfahren, und mir größtenteils selbst
zusammenkombinieren) ist kürzlich massiv aufgestockt worden und ich
bin nichtmal der letzte, der ankommt. Soweit höre ich nur gibt es „massig Arbeit“ - sobald eben der Internetzugang geht. In der
Zwischenzeit werde ich erstmal mit einer anderen Anfängerin
rumgeführt. Wir sind im dritten und höchsten Stock des zweiten
Kastenblocks auf dem Gelände, jeder der vier Flügel jeder Etage
beherbergt ein Großraumbüro. Alle Räume und Korridore sehen gleich
aus, und obwohl wir allen vorgestellt und rumgeführt wurden, merke
ich mir kaum einen Namen noch Weg. Meine Mitanfängerin ist Irin, Doktor der Chemie,
abgesehen davon bin ich hier scheinbar der einzige Ausländer – vor
allem muss das das einzige Büro auf der Insel ohne Polen sein. Mir
gefällt es zwar nicht, am Schreibtisch zu hocken und den ganzen Tag
auf einen Bildschirm zu gucken, aber ich bekomme, was ich wollte –
überall richtiges Englisch. Auch ist die Atmosphäre freundlich und
vor allem informell. Die Kollegen kommen aktiv auf mich zu, sich
vorzustellen und Hilfe anzubieten. Einer weist mich gleich auf die
Mitfahrbörse hin – leider fährt wider Erwarten niemand aus
Portsmouth zur Arbeit, womit ich weiter auf Bus, Bahn und Rad
angewiesen sein werde. Dresscode gibt es keinen, ich kann mir also
erstmal auch den Anzug sparen und Schuhe tragen, mit denen ich vom
und zum Bus sportlich joggen kann. Es werden viele Witze gemacht, die
meisten sind über meinem Alter und von dem was man so hört schon
lange hier – was ich als gutes Zeichen auffasse.
Auf der ersten Rückfahrt von der Arbeit scheint endlich die Sonne.
Vom Bus sehe ich die gleichen Orte wie bei der Ankunft, aber alles
wirkt gleich viel schöner, besonders die Strecken am Wasser. Am
Abend des ersten Tages habe ich dann mein Gepäck ein dem Hostel in
meine nah gelegene neue Bleibe gebracht, bin also richtig eingezogen.
Ich wohne ganz im Süden von Portsmouth, also genau am anderen Ende
von wo ich eigentlich hinwollte, und damit auch entgegen dem
eigentlich Grund, weswegen ich diese Stadt gewählt habe, der
schnelleren Verkehrsanbindung. Das Viertel Southsea liegt direkt am
Meer – von meiner Haustür keine fünf Minuten zu Fuß. Es ist auch
sozial besser gestellt als der Norden, ruhiger, und mein Haus für
britische Verhältnisse recht groß. Unter dem Dach wohnt der
Vermieter. Daneben gibt es vier Zimmer für insgesamt fünf
Untermieter, vor allem Studenten. Im Moment ist aber wegen der
Sommerpause außer mir keiner von denen da. Bad und Küche sind
modern und voll ausgestattet, außerdem konnte ich ein Küchenfach
voll übrigem Essen übernehmen. Allerdings muss alles mal geputzt
werden. Dazu ein kleiner Hinterhof mit Stühlen, Tischen und genau in
der richtigen Position zur Sonne, wenn sie mal zur gleichen Zeit da
ist wie ich. Da oder am Meer könnte man wunderbar grillen, aber
bisher habe ich noch keine Zeit.
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