Montag, 11. Juli 2022

Großer Kleiner Junge

Im Laufe der vorigen Woche haben wir uns größtenteils erholt. Ellie macht wieder brutal Sport, und ich gehe regelmäßig baden.

Vorigen Samstag sind wir mit Otto zum Esel-Asyl auf der Insel Hayling gefahren, weil er sich im Urlaub so gefreut hatte die zwei Esel dort zu füttern. Leider hat ihm das einzige dort anwesende Pferd gleich anfangs Angst gemacht sowas wir nicht lange bleiben konnten.

An meinem Geburtstag habe ich gearbeitet, weil ich den Urlaubstag wahrscheinlich nochmal zum Kinderhüten brauchen werde. Post und Pakete wurden trotzdem gewürdigt; insbesondere die Lieder- und Lesebücher meiner Kindheit, die jetzt auf Otto warten. Ellies Geschenk war eine Übernachtung am Wochenende im renovierten Gästehaus des Umweltzentrum, also in den South Downs. Sie wollte mir Zeit für mich selbst schenken - in der Tat fehlt es uns beiden daran am meisten. Samstag nachmittag sind wir zu dritt hin gefahren. Nachdem Otto auf der Wiese rennen konnte, ist Ellie mit ihm nach Hause gefahren. Ich bin an dem Abend eine Runde wandern gegangen. Dann habe ich mir etwas Zeit zum Lesen gegönnt, in meinem unvergessenen aber inzwischen selten hevor geholten Mittelalterbuch. Später habe ich mich auf eine Wiese gesetzt und zugesehen, wie die Sonne hinter einem Hügel unterging während der Wind durch das Gras wehte und allerlei Tiere umherschwirrten. Das war eine richtige Erfahrung, wie ich sie in meinem früheren Leben häufig gemacht hatte. Einen Abend lang konnte ich das Gefühl dieser Jahre in Hostels in fremden Orten aus der Vergangenheit ziehen.

Leider entdeckte ich, dass ich kein Ladekabel mitgenommen hatte, deshalb gibt es keine Fotos vom folgenden Tag. Da hatte ich mir eine lange Wanderung vorgenommen, nördlich um East Meon herum zum Bahnhof in Petersfield. Die zweite Hälfte war ehrlich gesagt eher Pflicht als Kür, als ich mich bei großer Hitze und zunehmend erschöpft durch die Felder geschleppt habe. Aber gut, wenn man schon mal die Zeit hat kann man auch mal etwas größeres wagen. Die erste Hälfte war wirklich schön. Ich bin die Hügel hoch und runter durch Hohlwege gelaufen, die jetzt im Sommer grüne Tunnel von Haselsträuchern und Eschen sind. Später bin ich noch einen mit Buchenwäldern bedeckten Hügel hoch, das war eine Stunde lang etwas wie im Harz. Kurz vor Mittag verließ ich das schützende Blätterdach, ab da wurde es dann zu heiß. Aber über dem Ort East Meon hatte ich nochmal sehr schöne Blicke. Über mir flogen die Rotmilane, und teilweise unter mir, so steil war der Anstieg. Ich habe insgesamt fünf Rehe gesehen, und das ist hier selten. Nicht wie in Brandenburg, wo die Herden an der Bahnstrecke liegen.

Also, am Ende zu viel des guten. Aber Ellie hat echt gute Ideen. Und ich hab gemerkt, dass ich immer noch große Probleme habe, sie mit Otto allein zu lassen. Im Kopf weiß ich, dass das kein echtes Problem mehr ist. Aber als sie mir ihr Geschenk erklärte, war ich gerührt, dann ergriffen. Da steckt noch was in mir.


Otto Nachrichten

  • Otto versteht jetzt, dass er mal ein Baby gewesen ist. Jetzt ist er ein Großer Junge. Der Bi Ba Butzemann beispielweise ist ein Baby Otto Lied.
  • bei näherem Hinsehen merkt man aber, das er  genau genommen ein Großer Kleiner Junge ist. Keine zweieinhalb Jahre. Aber verdammt wuchtig, und wendig, und eigenständig. Vorbei die Zeiten, wo er Papas Hilfe auf dem Klettergerüst brauchte.
  • ... in der Tat schauen wir seit einiger Zeit mit gewissem Bedauern auf frühere Fotos (vielleicht mit Ausnahme der ersten 6 Monate)
  • Ottos großes Interesse gilt seit einiger Zeit Krabben mit Creme ("creamed crabs"), einem alten Scherz von Ellie und ihrer Schwester, der sich bei Otto ausgesprochener Beliebtheit erfreut

Johannes Nachrichten

  • inzwischen ist mein Besuch beim Tango an Freitagen relativ regelmäßig
  • und diese Woche bin ich, auf Ellies Ermutigung hin, ein paarmal kurz mit einem Kaffee in der Hand zum Meer gegangen. Das ist sehr angenehm, und immer noch ungewöhnlich, weil ein bisschen wie früher.
  • ich lese Obamas Autobiographie mit immer größerem Vergnügen







Am besten fand Otto wieder den Esel aus Plastik


Ellie hat für mich einen Bienenstich improvisiert

Meine Abendwanderung. Man beachte oben den Mond


Auf der Wiese des Umweltzentrums


Montag, 27. Juni 2022

Die Idee war gut

Nach der Reise nach Deutschland wollte Ellie auch mal ihre Familie in Kent besuchen. Sie hat dafür zum Geburtstag ihrer Schwester Amber drei Nächte in einer Ferienwohnung in deren Nähe auf einem wunderbaren Hof mit vielen Tieren gebucht. Otto  konnte Schafe, Schweine, Hühner, Esel, Alpacas und Meerschweinchen sehen. Am Nachmittag durften er und die anderen Kinder sie auch füttern. Unsere Terasse blickte auf die Felder, wir hatten einen großen Garten, morgens sangen die Vögel, abends stieg aus den Wiesen der Nebel. Otto war glücklich ob der Tiere, ich war glücklich ob der Natur, Ellie war glücklich ob des Hauses.

Es hätte alles so schön sein können, wären wir nicht die meiste Zeit abwechselns hundselend krank gewesen. Otto hatte irgendetwas von seiner Tagesmutti mitgebracht, Sonntag ging das los, Dienstag war Ellie dran und Donnerstag ich, als ich 3 Stunden im Auto gefangen war. Unaussprechliche Dinge sind auf der Autobahn geschehen. Die nächsten Tage waren wir abwechselnd krank; Ellie hatte einen Rückfall; einer lag jeweils im Bett während der andere sich im Otto kümmerte. Zu allem Überfluss machte der es besonders schwer, war richtig schwierig, bocksbeinig, absichtlich unartig und kaum abzulenken. Hat Kinder gehauen und Tiere getreten. Ich bin nach diesem "Urlaub" völlig erschöpft.

Donnerstag, als wir anfuhren, sind Ellie und Otto mit Opa Howlett und Frau im historischen Dampfzug von Tenterden, Ellies Heimatort, zur Burg Bodiam gefahren. Als Otto ganz klein war und nur an meiner Schulter schlafen wollte habe ich stundenlang Videos der Strecke geguckt und mich gefreut eines Tages da mitzufahren. Stattdessen lag ich ganz still im Schatten neben dem Parkplatz. Im Ferienquartier bin ich ins Gästebett kollabiert.
Freitag Morgen konnte ich wieder stehen und wir haben Ellies Schwester Amber die Straße runter in Canterbury besucht, wo ich auf dem Sofa wieder eingeschlafen bin. Ich war seit 3 Jahren nicht mehr bei ihr gewesen; heutzutage freue ich mich richtig auf ihr Haus auf dem Feld. Offenbar hat sie inzwischen das Geld sich ein eigenes woanders zu kaufen. Fast schade, ich fahre immer gerne nach Canterbury.
Samstag kamen Ellies Mutter und Schwester zu uns, nur war sie urplötzlich wieder krank und lag den ganzen Tag im Bett. Und Sonntag mussten wir eben wieder los, mit einem letzten Halt bei Amber wo Otto Steinsuppe gemacht hat.

Prinzipiell würden wir uns Gastquartier gerne regelmäßig besuchen, weil es für Otto wirklich perfekt ist. Der war selten soviel draußen. Aber konkret bin ich nach diesem Ausflug einfach erschöpft und meine Stimmung miserabel.

Frühstück mit Blick auf Alpacas




Otto hat gequiekt vor Vergnügen, als er gelernt hat wie man Eseln Gras gibt

Steinsuppe


Samstag, 18. Juni 2022

Raxi rastet

Anfang Juni besuchte uns Friedemann. Er ist auf einer langen Radtour,  von Lübeck über Dover zu uns und dann weiter nach Paris. Mit ihm kamen seine Plüschbegleiter Raxi der Rabi und Sophie die Eule. Nach fast zwei Monaten Fahrt machten sie bei uns das erste Mal länger Pause. Just als sie hier ankamen musste ich mich um Otto kümmern und Friedemann durfte aus erster Hand sehen, dass ich zum Kinderhüten bis heute meine ganze Konzentration brauche.

Am Samstag konnten wir dann endlich etwas zu zweit unternehmen und sind eine besonders schöne Radstrecke von Rowlands Castle nach Petersfield durch die South Downs gefahren. Die fahre ich selbst jedes Jahr ein paar Mal, aber an der Hubertuskapelle haben wir die Räder abgestellt und eine neue Wanderstrecke ausprobiert. Die hat sich als ein richtiges Kleinod rausgestellt, nicht zu kurz, nicht zu lang, Landschaft sehr abwechslungsreich, durch Wald und Kornfelder, Raubvögeln und Schafen und weiten Blicken. Genau auf halbem Weg ist ein sehr schönes Cafe in einem kleinen Ort. Ich werde diese Wanderung auf jeden Fall noch mal machen.

An allen Abenden, und am gesamten Sonntag, sind wir ins Brettspielcafe gegangen. Das war schon bei Friedemanns letztem Besuch so gewesen, noch ohne Kind. Friedemann hat das bei sich in München immer vermisst, und auch ich selbst war seit Ottos Geburt nicht mehr da gewesen. Wie Baden und Tango war es ein unerwartetes Echo meines alten Lebens. Wieder vor den Regalen mit all den Spielen zu stehen war ein richtig gutes Gefühl. Wir haben am Ende vor allem eins gespielt, war mir selbst gehört und seit zwei Jahren hier rum liegt. Zum Anfang der Pandemie wollten Ellie und ich ein Brettspiel kaufen, gezielt vom lokalen Geschäft, in der Illusion wir würden jemals die Zeit und Muße haben es auch zu spielen. Nun, was lange währt wird anders gut als geplant.

Montag habe ich wieder gearbeitet, konnte Friedemann aber noch zu seiner Fähre bringen. Inzwischen fährt die Seine hoch nach Paris.
Die Strecke wollte ich auch mal fahren, vor vielen Jahren, als ich neu in Portsmouth war und mir klar wurde, dass Frankreich für mich noch nie so nah war. Ich hab es dann nie gemacht, und ich bin wirklich neidisch auf Friedemanns Reise.

Otto Nachrichten

  • ist seit Freitag abend erkältet
  • hat seit Kurzem eine spontane Furcht vor Seetang und will daher nicht ans Meer. Dafür sind Plantschbecken aller Art der absolute Renner.

Auf der Wanderung in den South Downs

Otto schreibt seinen Namen in den Sand

Raxi und Sophia lernen Otto kennen


Sonntag, 5. Juni 2022

Eigentlich will ich nur noch Kuchen

Ich hatte jetzt fünf Tage frei, dank verschiedener royaler Feiertage, und wusste partout nichts mit mir anzufangen. Da hat man einmal Zeit, und dennoch gibt es zwischen Schlaf und Schlaf nur Pausen. Einen Nachmittag bin ich etwas ins Grüne gefahren. Am Tag darauf hatten Ellie und ich lange, lange einen Tag für uns geplant. Aber wieder einmal fiel die Tagesmutti aus, und so schön es auch ist mit Otto frei zu haben, zu zweit hätte nicht geschadet. Wir hatten geplant, irgendwo im Grünen in Ruhe einen Kuchen zu essen, rein zu Ehren des 70. Thronjubiläums der Queen. Irgendwie habe ich nie die kleinen Kuchen vergessen, die uns vor Jahren zur Hochzeit von Harry und Meghan kredenzt worden waren. Kleine Kuchen und Ruhe, man verlangt ja nicht mehr viel. Zu unserer Überraschung wurde an diesem Tag fast gar nichts gemacht in Portsmouth und wir sind stattdessen ins Umweltzentrum gefahren. War auch schön. Kuchen haben die da auch. Und Ellie trug ein schönes Kleid. Otto scheint letztens etwas mehr Interesse an Natur zu zeigen; man ist ja schon für wenig dankbar.

Wirklich toll wurde es erst Samstag, als wir mehr oder weniger spontan von einem Dorffest in Droxford am Fluss Meon erfuhren. Der Ort ist ja an sich schon schön; wir hatten Otto da letztens erst Pferde zeigen können. Für die Queen hat man sich aber richtig Mühe gegeben. Die zwei größten Häuser im Ort haben ihre Rasen für Stände geöffnet, Oldtimer, Tombola, selbstgemachter Kuchen in der Dorfhalle, Schüler sangen die Nationalhymne, später spielte eine Kapelle; alles organisiert vom Ortsrat. Auf dem Feld hinter der Kirche durften Kinder auf Ponys Reiten und ein Hof brachte Kleintiere zum Streicheln. Die Kirche selbst ist umgeben von einer blühenden Blumenwiese. Otto lachend im langen Gras. Die gute alte Zeit, Heile Welt, Bilderbuch von gestern. Hat trotzdem Spaß gemacht. Wir hatten Glück; waren früh angekommen, haben uns als erste Kuchen besorgt. Ich bereue nur, dass ich nicht viel mehr gekauft habe. Die Schlangen später habe ich gar nicht erst angefangen. Das war der schönste Tag des ganzen Wochenendes.


Als nächstes kommt Friedemann. Der ist heute von Dünkirchen nach Dover übergesetzt und sofern er da nicht ausgeraubt wird kommt er über Hastings und Brighton am Mittwoch bei uns an. Die Tagesmutti ist weiterhin nicht verfügbar; ich muss mir frei nehmen und Otto betreuen, ausgerechnet wenn ich den Kopf frei haben wollte für Friedemann. Wenigstens das Wochenende wird das gehen. Montag darauf nimmt er dann von hier die Fähre nach Caen und radelt von da nach Paris.


Otto-Nachrichten

  • seit kurzem darf nur noch er selbst sich Dau Dau nennen, zum Spaß. Ich werde korrigiert, dass er Otto heißt. Irgendwann wird er wirklich nur noch Otto sein, und dann werden wir Dodo vermissen.
  • er ist auch kein Baby mehr, sondern ein großer Junge. Allerdings ist er "mein Baby", woraufhin er auf die entsprechende Person zuläuft und gekuschelt werden muss. Dann hat er gern alle Leute aufgezählt, die ihn lieb haben und freut sich.
  • er ist spürbar glücklich nach einer Woche nur bei seinen Eltern. Will alle paar Minuten kuscheln.
  • letztens habe ich ihn das erste Mal alleine Karussell fahren lassen. Auf der Seebrücke. Jetzt bleibe ich mit ihm erstmal dem Meer fern, sonst zeigt er sofort den Strand runter und will da wieder hin.


Johannes-Nachrichten

  • ich habe die Artus-Sage wieder aufgegeben. Zu albern. Ich lese wieder Obama, und ein paar Harzer Sagen, die ich gratis elektronisch gefunden habe.







Mittwoch, 1. Juni 2022

Dau Dau

Letztes Wochenende waren zu Ellies Freunden nach Hastings eingeladen, zum 7. Geburtstag ihrer Tochter. Ellie hatte diese Freunding im Studium kennengelernt; wir hatten sie über die Jahre ab und zu besucht, zuerst in London, und später sind sie mit ihren zwei Kindern nach Hastings gezogen. Das sind etwa zwei Stunden Fahrt; so lange hat Otto hier drüben noch nicht im Auto gesessen, aber nach der Reise nach Deutschland hat uns das keine Sorgen mehr gemacht.

Wir haben trotzdem auf halbem Wege Halt und ein Picknick gemacht. Dazu bot sich der Devils Dyke (Teufelsdeich) an, ein bekanntes Stück der South Downs praktisch über Brighton. An der Stelle läuft die Hügelkette langsam ins Meer, sodass man von oben sowohl weit aufs Wasser als auch weit ins flache Land im Norden gucken kann. Otto war ganz fröhlich auf der Wiese; gut zu wissen dass wir sowas jetzt machen können.

Auch eine Geburtstagsfeier war neu für Otto. Unsere Freunde hatten eine Menge Platz zu Verfügung, im Garten eines großen Hauses. Otto konnte endlich auf eine Hüfpburg und auch sonst viel rumrennen. Die Kinder waren alle ein paar Jahre älter als er, aber die interessieren ihn ohnehin maximal als Studienobjekt. Es hat ihm alles sehr gut gefallen.

Ich bin ihm immer hinterher, damit Ellie Zeit für ihre Freundin hatte. Ich selbst habe nicht viel von ihnen gesehen, denn wir brachten unsere Kinder zu genau versetzten Zeite ins Bett und am nächsten Morgen war die Mutter ob Migräne nicht ansprechbar, sodass wir relativ früh wieder gefahren sind. Der Morgen war mir aber angenehm; ich war sowas wie ausgeschlafen und Otto war viel in ihrem großen Garten unterwegs. Ein bisschen spielte er auch mit den Kindern, bzw. mit deren Spielzeug und er hat sehr brav geteilt.

Er ist dann auf der Rückfahrt aber eingeschlafen, was eine echte Besonderheit ist. Wahrscheinlich ist das Spielen mit anderen Kindern für ihn so aufregend, dass er sich davon erholen muss. Bei der Tagesmutter macht er ja auch immer Mittagsschlaf, den er bei uns schon vor Ewigkeiten abgesetzt hatte. Und wenn wir ihn da abends abholen, ist er immer total unter Strom und schläft ewig nicht ein. Gut das mal direkt zu beobachten.


Kurznachrichten

  • Otto nennt sich seit kurzem "dau dau", eine selbstironische Version von "dodo" bisher
  • Ich lese seit Kurzem eine Version der Legende von König Arthus. Ziemlich deppert.


Devil's Dyke

Anderer Leute Spielzeug


Pause auf der Rückfahrt


Sonntag, 29. Mai 2022

Echos

In der letzten Zeit habe ich zwei Dinge aus meinem alten Leben gemacht, die lange Zeit völlig undenkbar gewesen waren. Letzten Sonntag war ich relativ spontan anbaden. Mit dem wärmeren Wetter war ich mit Otto häufiger am Meer und habe ihn seine Füße ins Wasser stecken lassen. Während der Pandemie haben scheinbar viele Leute angefangen zu baden; ich habe das Gefühl, dass mehr Leute als früher im Wasser sind. Und da war es Sonntag morgen so voll, dass ich dachte, vielleicht findet sich ja heute nochmal die Zeit. Früher wäre es mir nie in den Sinn gekommen, Ellie allein zu lassen, nur um mich zu vergnügen. Ich hatte immer dieses schöne Bild, dass Otto sieht, wie sein Papa schwimmen geht, dass das Meer für ihn so etwas schönes ist wie für mich. Noch bräuchte ich Ellie, die auf ihn am Strand aufpasst. Aber ich kann mir wenigstens vorstellen, dass wir irgendwann gemeinsam baden gehen.

Am Freitag drauf bin ich abends zum Tango gefahren. Sieben Jahre lang habe ich das kaum eine Woche ausfallen lassen, um dann ganz plötzlich zweieinhalb Jahre völlig aufzuhören. Es war wieder relativ spontan, nachdem ich mit einer Bekannten aus dem Kurs gesprochen hatte. Es war eine ganz tolle Erfahren, abends aus dem Haus zu kommen, und wie sich die Leute gefreut haben mich zu sehen (es sind fast alles noch die üblichen Verdächtigen). Es war schön, die Bewegungsabläufe zu spüren und sich körperlich zu betätigen, wo ich ja häufig die ganze Arbeitswoche nicht aus dem Haus trete. Und es ist ganz erstaunlich, was der Körper alles noch kann. Erstaunlich vieles ging noch, und oft wusste ich selbst nicht, was ich jetzt als nächstes machen würde. Ich glaube nicht, dass ich bereits regelmäßig jeden Freitag hingehen werden kann. Aber allein zu sehen, dass dieses Leben noch irgendwo existiert, ist schön.

Samstag, 21. Mai 2022

Uropa bietet schnelle und bequeme Verbindungen zwischen Insel und Festland

Seit letzter Woche geht Otto nach langer Unterbrechung wieder zur Tagesmutti. Das hat seinen Rhythmus sofort und vollkommen durcheinander gebracht. Wochenlang hatte er jeden Tag wunderbar geschlafen, jetzt kommt er wieder völlig wuselig zurück, braucht ewig zum Einschlafen und wacht dann den ganzen Abend lang wieder auf. Ellie und ich pendeln zwischen Wohn- und Schlafzimmer, bis man ihn irgendwann, relativ früh, ins Bett holen und damit selbst schlafen gehen muss. Die Abende sind dadurch kaum den Namen wert; weder kann ich etwas erledigen noch kriege ich Ellie zu sehen. Manchmal ist die Frustration wieder immens, wenn auch kleinste Aufgaben wochenlang rumliegen und man das Gefühl hat sich nur im Kreis zu drehen.

Samstag haben wir bei Sonnenschein Frühstück am Meer gegessen. Otto war sehr vom Anblick des Luftkissenboots angetan, auf Englisch Hovercraft, was er genauso ausspricht wie "Uropa". Anschließend sind ins Dorf Droxford am Fluss Meon gefahren. Das uns aus der Vergangenheit vertraute Cafe in der Kirche hat expandiert und wir haben draußen im Gras gesessen und später in der Spielecke der Kirche. Ein Pfad läuft am Fluss entlang, an der alten Mühle vorbei zu einer Stelle, wo Otto mit den Füßen ins Wasser kann. Da waren bereits ein paar Jugendliche mit einem Pferd, dass sie wie Pippi Langstrumpf den Lauf auf und ab ritten. Könnte ich Otto nur so etwas bieten.

Am Sonntag habe ich mich bei Regen nachmittags abgeseilt und ein Waldstück erkundet. Ich muss einfach den Mai nutzen, wenn alles blüht. Der Wald ist ein kleines Schutzgebiet, vierzig Minuten Fahrt nördlich von Portsmouth, in den South Downs. Hohe alte Bäume, dichtes Gehölz, wo die Natur wachsen kann wie sie will. Gerade jetzt ist alles mit Grün überzogen, Blätter oben, Moos auf Totholz unten, Teppiche von Bärlauch und viele Orchideen. Daneben liegt ein großes Feld (ehemals muss das alles mal der Park eines großen Hauses nebenan gewesen sein) von wo viel Wildwechsel stattfindet. Ich hab zwei Rehböcke gesehen und ein Raubvogel wollte sich gerade in einer Baumkrone niederlassen, eh er mich bemerkte.


Otto Nachrichten

  • Blumen gießen ist weiterhin ein beliebter Spaß und seit kurzem darf Otto seine Gießkanne abends auch mit in die Badewanne nehmen
  • Neues Hobby: Mülltonnen raustragen. Müllautos waren schon immer eine Attraktion, aber weil Otto schon ein großer Junge ist, hilft er Papa jeden Donnerstag Morgen, die Tonnen vors Haus zu stellen
  • Neulich hatten wir ein paar Bekannte mit Kindern zu Besuch und Otto hat vorbildlich geteilt Essen und Spielzeug geteilt.

Johannes Nachrichten

  • eine Weile hatte ich überlegt, mehr Jane Austen zu lesen. Aber am Ende fiel mir ein, dass ich ja noch Barack Obamas Autobiographie fertig lesen könnte. Trotz aller Müdigkeit steht mir auch abends häufig noch der Kopf danach.
  • In den Zeiten, als wirklich keine geistige Kraft mehr übrig war, hatte ich mir mit bunten Computerspielen beholfen. Das beste davon habe ich kürzlich beendet: Der Fluch von Monkey Island, ein Klassiker von 1997, den ich aber nie gespielt hatte. Ob auf Brett oder Computer, richtig gute Spiele fühlen sich an wie richtig gute Bücher. Ich habe gleich nochmal angefangen, denn zum Glück gibt es einen zweiten Modus mit mehr Rätseln.