Sonntag, 22. November 2020

Ottomobil

Wir sind alle in großer Gefahr. Otto krabbelt. An einem Tag hatte er den Bewegungsablauf halbwegs unter Kontrolle, am nächsten guckt man einmal nicht hin und er ist im nächsten Zimmer. Selbstverständlich nutzt er seine neue Gabe allein um sich in Gefahr zu bringen. Heiße Heizkörper, Holzkanten, Kabel, wackelige Wäscheständer, alles wird auf kürzestem Wege angegangen. Die Katzen müssen noch weitere Umwege um Ottos begeisterte Klauen machen.

Ich muss also endlich das Haus sicherer machen. Ist nicht so einfach. Steckdosen sind abgedeckt. Bisher bin ich aber an der Anleitung für das Treppengitter gescheitert. Und überhaupt finde ich kaum genug glatte Fläche auf der uralten englischen Haustreppe.

Otto ist dadurch auch schwerer zu hüten. Wie ein Sack Flöhe. Das heißt leider auch, dass ich noch seltener Zeit zum Telefonieren nehmen kann. Und dann geht die Stimmung, so positiv die Entwicklung allgemein ist, auch ganz schnell wieder ins Loch wo die Gedanken darum kreisen, wie Menschen und Orte inzwischen fast nicht mehr ganz wirklich sind. Wenn ich Otto abends schlafen lege liege ich noch einige Zeit neben ihm im Bett in der Dunkelheit und lasse meine Gedanken schweifen. Häufig gehen sie nach Torun oder Rostock. Interessanterweise nicht auf die Farm oder Lodz wo ich länger gewesen war. Aber ich denke mir auch, dass diese Orte mir selbst nicht mehr so alltäglich wie immer implizit gedacht sein werden, wenn ich sie irgendwann endlich Ellie vorstellen kann.

Ansonsten hat Otto
  • richtig lange Haare, und zwar meine
  • bei der letzten Untersungung 11 Kilo gewogen (nicht 12,5 Kilo wie letztens geschrieben; unsere Hauswaage ist wohl nicht so gut). Damit ist er in den zwei schwersten Prozent aller Babys, aber aufgrund seine Länge wundert das auch niemanden
  • angefangen weniger Milch zu trinken. Auch das ist kein Wunder so wie er auf alles Essbare losgeht
  • einen ersten Zahn im Oberkiefer. Beißen ist jetzt nicht mehr unbedingt niedlich
  • eine kurze Schlafregression durchgemacht. Manchmal übt er im Schlaf immer noch Krabbeln. Dann sieht man seinen fluoreszierenden Nuckel leuchtend in der Nacht schweben
  • sein erstes Paket bekommen. Eigentlich für uns alle gedacht war es einfach zu schön zu sehen, wie er es mit seinen Händchen erkundete
An Wochenendetagen nehme ich Otto seit Kurzem morgens fast immer zum Spielplatz um der Ecke. Frische Luft für ihn und mich, und Ellie kann in Ruhe Frühstück machen. Unser Wochenend-Rhythmus sieht dann eher so aus, dass er etwa um 7 Uhr aufwacht, dann machen wir uns fertig, schaffen aber meistens kein Frühstück vor seinem ersten Nickerchen. Danach essen wir (eine der schönsten Entwicklungen in unserer Familie) und gehen vielleicht spazieren, dann ist wieder Schlafenszeit. Danach haben wir die größte Chance etwas richtiges zu unternehmen, z.B. einen Ausflug in die Region. Dieses Wochenende waren wir wieder im Dorf Buriton, was ich mit jedem Besuch noch schöner finde. Die Winterlandschaft unter den Buchenwäldern auf der Hügelkette macht mich richtig glücklich. Otto hat das erste Mal ein Pferd gesehen; sein eigentliches Interesse galt aber einem Papierkorb. Mich erinnert der Ort immer mehr an Pölchow bei Rostock, weil dort regelmäßig Züge aus einem Tunnel durch den Wald fahren. Mich hat das als Kind immer fasziniert; Otto sollte besser dasselbe tun. Wir haben einen richtig schönen Spielplatz direkt neben Wald und Gärten entdeckt, wegen dem wir in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger dorthin fahren werden.
Abends habe ich Otto Adventslieder von den den alten Schallplatten gespielt, die bei uns früher immer liefen.

Zuguterletzt haben wir endlich einen Hausmeister gefunden. Der hat unseren Ofen repariert und zwei Glühbirnenhalterungen gleich mit, die seit zwei Jahrne kaputt waren.


Morgens auf dem Spielplatz


Sonntag, 15. November 2020

papa post portas

Otto hat seine zweite Erkältung dann doch ziemlich leicht überstanden, und bisher haben sich auch seine Eltern nicht angesteckt. Überhaupt wage ich mich mal an die Behauptung, dass sich unsere Lage und Stimmung im Vergleich zu den erste Monaten verbessert hat. Ich spüre, dass ich mich leichter entspannen kann, dass ich Enttäuschungen besser aushalten kann und das wir regelmäßig einfach als Familie zusammen sein können, ohne das Gefühl eigentlich etwas ganz dringend erledigen zu müssen. Otto ist sehr viel aktiver und selbstständiger. Am 15. November hat er das Krabbeln nach langen Versuchen endlich hingekriegt. Und je besser seine Motorik, desto mehr kann er sich selbst beschäftigen, wodurch wir ab und zu mal kleine Pausen haben.

Diese Woche haben wir seinen Kinderwagen nach vorne gedreht. Otto kann es verkraften uns nicht mehr ständig sehen zu können und kriegt viel mehr zu beobachten, was ihn hoffentlich unterhält, denn besonders gerne war er noch nie im Kinderwagen.

Umso dankbarer sind wir, dass er seit einigen Wochen den Babyträger akzeptiert und sogar zunehmend mag. Wir haben einen zweiten für mich gekauft, damit wir die Träger nicht bei jedem Wechsel verstellen müssen. So kann ich ihn relativ schnell auf einen Spaziergang mitnehmen. Am schönsten ist es, mit ihm in der Mittagspause ans Meer zu gehen. Er mag die Wellen und Vögel, aber vor allem mag er Laternenpfähle gegen den Himmel zu sehen. Leider finde ich es seit meiner Beförderung schwierig genug Zeit für solche Ausflüge zu finden. Die Unmengen Besprechungen und Ottos Schlafrhythmus lässt fast nie die Stunde, die ich brauche. Dadurch komme ich letztens sehr selten aus dem Haus. Werde schon etwas komisch im Kopf, wenn ich drei Tag meine Beine nicht benutzt habe. Wenn es dann am Wochenende auch noch regnet so wie jetzt, muss ich schon wieder aufpassen, dass nichts durchbrennt.

Letztes Wochenende dagegen war eine Freude. Sonntag sind wir mit Ottos endlich mal ins Umweltzentrum gefahren, also das mit den Jurten. Streng genommen war er schon zwei Mal da gewesen, aber noch vor seiner Geburt. Es war ein diesiger Tag, wenige Leute unterwegs, man hatte den Wald für sich. Der klang vor lauter Vogelgesang und ich bin wirklich glücklich, wie aktiv Otto das alles aufnimmt. Ein Wochenende dort mit Kind war schon seit Jahren eine unserer häufigsten Vorstellungen. Mir liegt viel daran, ihm das Naturerlebnis mitzugeben, dass für mich in Brandenburg immer selbstverständlich gewesen war.

Ottos Schlaf ist seit einiger Zeit auch relativ verlässlich und einfach. (Ich sage das mit aller Vorsicht, denn bisher hat es sich nach jeder Feststellung wie dieser sofort verschlechtert.) Abends schläft er meistens fast sofort ein; allerdings ist der Nachtschlaf diese Woche nicht toll gewesen und ich habe nach meinen Schichten verdammt durchgehangen. Tagsüber schläft er seit Kurzem ein, indem er sich zur jeweiligen Person dreht, durch die Stäbe des Bettchens die Hand hält und uns in die Augen blickt. Seine fangen dann irgendwann an zuzufallen.

So ewig wie es mal weg schien, denken wir jetzt zunehmend über das Ende von Ellies Mutterschaftsurlaubs nach. Sie will wenn dann nur Teilzeit arbeiten. Im Idealfall kommt sie sowieso zu mir ins Amt. Dann könnten wir zusammen hier zu Hause arbeiten. Ellies Freundin hat bestätigt, dass sie Otto drei Tage die Woche betreuen wird. Das ist schon mal eine große Erleichterung.

Ich habe die Geschichte von Aladdin aus 1001 Nacht gelesen. Sehr merkwürdig. Außerdem habe ich meinen Mosaikband vom Geburtstag ausgelesen. Brauche also den nächsten, die Abenteuer am Bosporus beispielsweise... Momentan lese ich jeden Abend ein paar Seiten über die Geschichten des antiken Europas.

Schließlich schlaucht mich meine Arbeit momentan ganz schön. Einmal weil ich deswegen nicht viel aus dem Haus komme. Zweitens sind die ganzen Besprechungen anstrengend, weil ich meistens keine Ahnung habe worum es geht. Und ich habe erst jetzt Zugriff auf die notwenigen Systeme, wodurch mir bisher ein Gefühl von echtem Fortschritt fehlt.

Donnerstag, 5. November 2020

Positiv

Nachdem der Flug nach Deutschland nicht stattfand, hatte ich immer noch ein langes Wochenende, denn die genommenen Urlaubstage behielt ich bei. Ellie gab sich große Mühe mich zu trösten. Zum Glück können wir inzwischen immer besser Ausflüge machen. Otto schläft tagsüber zunehmend nur noch zweimal, wodurch wir längere Zeitfenster haben. Samstag sind wir bei Nieselregen nach Emsworth gefahren, einem kleinen Ort, der unspektakulär aber recht nett am Wasser gelegen ist. Für Otto gibt es dort besonders viele Enten und Möwen zu sehen, die er sehr aufregenend findet. Am Tag darauf fuhren wir an den Kanal in Chichester, einem unserer Lieblingsorte, wo wir auch zukünftige Besuche auf jeden Fall mit hinnehmen wollen. Für Kinder ist er besonders gut geeignet, mit seinem einfacher Fußweg, den vielen Enten und Booten. An diesem Tag schien die Sonne und der Sturm verfing sich in den hohen Bäumen, sodass wir einen wunderschönen Spaziergang genossen, mit Entenfutter und Otto war begeistert, die Umrisse kahler Äste über sich gegen den blauen Himmel zu sehen. Die Vision einer möglichen Zukunft.

Otto arbeitet hart am Krabbeln. Ich stelle auch fest, dass wir auf die erste Art und Weise kommunizieren können. Er versteht zum Beispiel, wenn ich es ihm nachmache, beim Frühstück mit dem Arm auf den Tisch zu klopfen, und er macht es mir nach. Aus irgendeinem Grund mag er im Moment besonders das Lied Alle meine Entchen. Er erkennt sich selbst im Spiegel. Und er wiegt 12,5 kg.

Mittwoch abend dann stellten wir mit Schrecken fest: er hat wieder einen Schnupfen. Schock, Horror, schlaflose Nächte.


der kranke Otto warm angezogen im Garten

Kanal von Chichester



Sturm in Southsea


Montag, 2. November 2020

Negativ

Letzten Freitag habe ich vergeblich versucht, zu Muttis 60. Geburtstag nach Templin zu fliegen.

Nachdem Mutti uns auf ihrem Besuch das Leben eine Woche lang wirklich einfacher gemacht hatte, und nachdem später einmal alle meine Schuldgefühle wegen des Kontaktmangels mit der Familie einmal aus mir hervorgebrochen waren, war ich entschlossen, trotz aller Umstände zu ihrem Geburtstag zu kommen. Es gibt nämlich seit Monaten nur noch Verbindungen ganz früh oder ganz spät, wenn ich denn nicht ganz weit anfahren will.

Eine Woche vor Abflug wurde ganz Großbritannien richtigerweise auf die Risikoliste gesetzt, d.h. ich brauchte einen negativen Covid Test. Der durfte maximal 48 Stunden alt sein und das Labor braucht mindestens 24 Stunden - ab Eingang der Probe - in Durham am anderen Ende des Landes. Dann informierten uns Freunde, die uns eine Woche vorher einen ganzen Abend besucht hatten, dass sie beide positiv getestet worden waren. Für mich war der Test auch ziemlich schwierig; ich bin kaum an die relevante Stellen im Rachen rangekommen und war mir gar nicht sicher, ob es überhaupt ein klares Ergebnis bringen wird.

Am Abend vor Abflug war noch nichts da. Nichtsdestotrotz stand ich um 4 Uhr auf und fuhr zum Flughafen. Während der Fahrt bekam Ellie ihr negatives Ergebnis (sie hatte das öffentliche Gesundheitssystem benutzt, während ich es privat machen musste). Also war ich wahrscheinlich auch negativ - wenn es denn ein Resultat gab. Auf Gatwick angekommen hatte ich immer noch kein Ergebnis und ich überlegte, trotzdem einfach zu fliegen. Wahrscheinlich würde das Ergebnis ja noch am Freitag kommen, und wenn nicht könnte ich in Deutschland am Flughafen einen Test machen. Nur, sollte der britische Test unklar sein, müsste ich mich isolieren, soweit das Hotel da mitmachte. Und ob der deutsche Test dann rechtzeitig vor meinem Rückflug Montag 7 Uhr käme? Außerdem waren einige Angaben der deutschen Behörden unklar. Der britische Test durfte nicht älter als 48 Stunden sein - aber 48 Stunden vor was? Abflug? Ankunft? Ich hatte ab Abflug gerechnet, um dem Labor mehr Zeit zu geben. Und ein negativer Test kann die 14 Tage Quarantäne unnötig machen - aber was genau heißt das?

Am Ende entschied ich, dass ich nicht riskieren kann, 14 Tage festzustecken und Ellie alleine zu lassen. Ich saß am Abflugsteig und wartete auf ein Ergebnis, bis sie die Tore zumachten. Dann fuhr ich zurück nach Hause. 18 Uhr kam dann das negative Ergebnis. Seitdem ist aus mir ziemlich die Luft raus und ich frage mich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Besonders, als ich Fotos aus Templin sah. Ich hätte ein Wochenende Urlaub wirklich gebrauchen können. Ellie hat mir am folgenden Tag extra ein Hotelfrühstück gemacht, worauf ich mich so gefreut hatte. Nach 7 Monaten Elterndienst sehnt man sich nach Faulsein. Trotzdem hatte ich gerade nachmittags wieder zu knabbern. Früher hatte ich eine Faustregel, die mit sehr wenigen Ausnahmen immer richtig war, nämlich das man im Zweifel etwas besser tut als es nicht zu tun. Aber am Ende komme ich immer wieder zu dem Schluss, dass ich momentan keinen Spielraum selbst für kleine Risiken habe, wenn es um Kind und Haushalt geht. Nichtsdestotrotz habe ich irgendwie das Gefühl, dass unsere kleine Blase von Haus, Parks und Strand undurchdringlich ist. Ich hatte auch mal eine weitere Regel, dass einmal getroffene Entscheidungen abgeschlossen sind. Wahrscheinlich muss man dafür ausgeschlafen sein.

Dienstag, 27. Oktober 2020

Seit kurzem lese ich wieder etwas Sachliteratur. Das ist insofern bemerkenswert, dass ich bis vor kurzem abends noch Heimatfilme geguckt habe, weil mein Kopf mehr nicht mehr konnte. Mein psychischer Zustand ist aber weiterhin durchwachsen. Allgemein ganz gut. Aber spröde unter Baby-bezogenem Stress. Ende der Woche musste Ellie mehrmals Otto übernehmen, weil er unter meiner Betreuung partout nicht schlafen wollte. Da habe ich mich gleich wieder schlecht gefühlt, dass ich meinen Beitrag nicht leiste. Auch wenn der Kopf weiß, dass es wahrscheinlich einfach nur zufällige Verhaltensfluktuationen sind. Wir haben einen extra Begriff dafür, Baby stuff, also Babykram, wo man nur die Schultern zucken und weitermachen kann. Interessanterweise erinnert sich alle, dass Otto in ganz jungen Tagen eine zeitlang nur auf mir schlafen wollte und sie aus schlechtem Gewissen besonders viel für mich gekocht und geputzt hat. Ich dagegen kann mich daran überhaupt nicht erinnern.

Ausgelesen habe ich den Mosaikband, den ich zum Geburtstag bekommen hatte. Sogar der hatte eine Weile halb gelesen rumgelegen, weil es nichtmal dazu gereicht hatte im Kopf.

Otto war unter der Woche im örtlichen Aquarium. wir sind wirklich froh, wie aktiv er seine Umgebung wahrnimmt. Fische, Krabben und sogar die selten zu sehen Otter, hat er alles mit Lauten bedacht. Am verregneten Samstag sind wir zu dritt gleich nochmal hingegangen; auch mir hat das richtig Spaß gemacht. Vermutlich, weil auch die Vorstellung der Welt unter dem Wasser eine Art Reise darstellt, die mein lokal beschränkter Geist so gerne anstellt.

Essen ist weiterhin seine Leidenschaft. Er isst immer ordentlicher. Nur müssen wir unser eigenes Essen entweder verstecken oder ihm etwas abgeben. Inzwischen isst er, zusätzlich zur Milch, regelmäßig Frühstück und Mittagessen mit uns. Er liebt Gurke und Wassermelone und jeden möglichen Brei. Aber richtig wild wird er, wenn er ein Glas Wasser bekommt. Warum? Babykram. Vor kurzem hat Ellie etwas scharfes Essen ausprobiert. Das Experiment legte nahe, dass sein Geschmackssinn eher nach mir schlägt. Schumänner, schickt Schokolade.

Er sitzt gut aufrecht, kann Sachen in beiden Händen gleichzeitig halten (schlägt sie dann aber meistens nur zusammen), spielt gerne Verstecken, ist mehr und mehr an Tieren interessiert, besonders die Katzen findet er immer aufregender. Aber zu nah darf er nicht, sonst greifen seine Händchen blitzschnell zu. Er muss ganz kurz vorm Krabbeln stehen, aber auf den letzten Zentimetern fällt er weiter auf den Bauch. Er plappert fröhlich vor sich hin und kann vermutlich bald mit nur noch zwei Nickerchen pro Tag auskommen. Womit wir dann mehr Spielraum für Ausflüge hätten.

Sonntag, 18. Oktober 2020

Grenzen

Otto und Ellie haben ihren Schnupfen kuriert und ich bin scheinbar tatsächlich verschont worden. Otto hat gerade eine richtig gute Zeit. Insbesondere wenn er beide Eltern in einem Raum hat kann er gar nicht an sich halten. Unsere Nächte sind aber mittelmäßig, weil er sich permanent auf den Bauch rollt und dabei aufwacht. Wir treffen uns zunehmend mit Freunden, was uns gut tut und Otto eine Bühne bietet. Seit kurzem organisiert jemand regelmäßige Spielstunden, d.h. in einem Park oder bei Regen einer Halle werden Spielstationen aufgestellt, wo sich die Kinder für wenig Geld einige Stunden austoben können.

Ottos neueste Entwicklungen:

  1. lässt sich gelegentlich durch Singen oder sogar durchs Mikrofon des Babymonitors beruhigen.
  2. Hat gelernt sich aufzuregen, wenn er nicht seinen Willen bekommt
  3. sitzt ohne Hilfe in der Badewanne
  4. hat gelernt, dass man mit Wasser plantschen kann
  5. sein kleines Gehirn arbeitet wahrscheinlich am Krabbeln... bisher geht es aber nur rückwärts
  6. er tritt auch wie besessen um sich; vermutlich wird daraus mal das Laufen
  7. er liebt Essen. Wir probieren verschiedenstens, bisher hat er nichts abgelehnt. Im Gegenteilt - man darf ihn fremdes Essen gar nicht sehen lassen, sonst tritt Punkt 2 in Kraft.
  8. plötzlich akzeptiert er den Baby-Träger; wir können ihn also vor unserer Brust rumtragen, er findet das toll und wir haben beide Hände frei. Außerdem kann man so viel besser spazieren gehen, unabhängig vom Untergrund


Ursprünglich wollte ich schreiben, dass ich insgesamt das Gefühl habe mich etwas erholt zu haben. Aber dann haben Ellie und ich uns am nächsten Tag gezankt, weil ein von mir lang erwarteter Ausflug auf der Kippe stand. Dann hat sich Ellie abends nebenbei entschuldigt, während ich noch krampfhaft nach den Worte dafür suchte, und ehe ich mich versah heulte ich Rotz und Wasser auf dem Sofa. Im Gespräch schälte sich raus, dass ich mich zwischen verschiedenen gefühlten Ansprüchen zerrieben fühle:

  • das ich Ellie nicht genug aushelfe, weil sie in meinem Kopf immer noch die ausgebrannte Person aus dem zweiten und dritten Monat ist, die jederzeit zusammen brechen kann
  • das ich mich gleichzeitig schuldig fühle nicht genug mit Freunden und Familie Kontakt zu halten, weder telefonisch noch schriftlich. Ich will das mal ganz klar sagen: ich fühle mich furchtbar, dass ich das nicht mehr schaffe
  • das ich das Gefühl von Kontrolle über mein Leben verloren habe; zusehen muss wie vertraute Orte und Menschen verblassen und einfach nicht die Zeit da ist etwas dagegen zu tun. Das ganze Modell, dass ich im Ausland hängen geblieben bin, aber Kontakt halten kann und regelmäßig persönlich da bin.
Mindestens die letzten Punkte waren schon seit Jahren da, aber unterschwellig, und mein rationaler Teil konnte es kontrollieren. Jetzt bricht es alles hervor, weil ich geistig erschöpft bin. Und vor allem hätte ich nicht mal für eines genug Zeit, und stattdessen zerren alle gleichzeitig an der Zeit, die ich habe.
Alle diese Sachen sind unterbewusst, darum brach es so unerwartet aus mir hervor. Einige sind auch unberechtigt. Aber die ersten Monate Elternschaft haben sich offensichtlich tiefer in uns eingebrannt als ich wahr haben wollte.

Der Ausflug hat dann übrigens noch stattgefunden und mir gezeigt, dass es zwar albern war sich aufzuregen, mir Natur und Draußensein auch bitter fehlen. Wir sind an den Ententeich in Buriton gefahren; aus irgendeinem Grund hatte ich schon vor Ottos Geburt diesen Plan; und es wärmte meine Seele, das Grün, die Ruhe, die Tiere. Eine Woche sind wir nochmal hingefahren, diesmal mit Otto im Träger und es macht uns richtig glücklich, wie er da drin sitzt und auf die Sachen reagiert, die wir ihm zeigen. Ich kann es gar nicht erwarten, ihm die Eisenbahn zu zeigen, die dort im Wald aus einem Tunnel kommt, wenn er ein kleiner Junge ist.

Ein typischer Tag sieht inzwischen so aus:

  • wir stehen etwa 7 Uhr auf
  • ich bespaße Otto, im Garten wenn möglich und idealerweise sieht er Vögel; Ellie macht Frühstück
  • wir essen alle zusammen am großen Tisch; Otto schmiert sich sein Essen ins Gesicht; dann geht er bald wieder schlafen
  • ich fange an zu arbeiten, auch am großen Tisch wo mein Rechner steht
  • etwa 13 Uhr mache ich Mittagspause, eine ganze Stunde lang damit Otto und ich einen Spaziergang zum Meer machen können
  • dann arbeite ich bis etwa 17.30 Uhr.
  • dann übernehme ich Otto; wenn Zeit ist gehen wir nochmal spazieren, sonst gehen wir in den Garten, auch um mir selbst etwas frische Luft zu gönnen
  • Ellie bereitet das Bad vor; gegen 18.30 Uhr geht es los; zum Schluss lesen wir ihm ein Buch vor (meistens fehlt ihm die Geduld) und singen ein paar Schlaflieder
  • dann nehme ich Otto ins Schlafzimmer, gebe ihm noch eine Flasche die er aussaugt wie ein Verhungernder, während ich ihm noch etwas vorsinge
  • dann kommt er ins Bett, ich lege mich daneben und hoffe, dass er nicht allzulange rollt und bald einschläft
  • dann liege ich noch etwas in der Dunkelheit und höre fast die Luft aus mir pfeifen
  • dann gehe ich nach unten und wir haben mit noch etwa anderthalb Stunden für uns... oder für andere Aufgaben. Diese Wahl ist auch schwierig

Ellie und ich scheinen uns seit einiger Zeit einig, dass wir einfach mal einen Termin beim Standesamt machen und heiraten sollten. Um die Erwartungen zu dämpfen: wir reden wirklich nur davon, den rechtlichen Teil zu erledigen. Geredet haben wir davon schon lange; ursprünglich mehr zum Spaß und später, um einen Fakt formal anzuerkennen. Wir hatten über die Jahre auch eine recht klare Vorstellung entwickelt, wie und wo das gemacht werden könnte. Aber jetzt müssen wir sagen: für die große Zeremonie mit Feier und Gästen werden wir auf Jahre hinaus keine Zeit haben. Wir schaffen es nicht mal den kaputten Ofen zu reparieren. Wir würden das auch irgendwann nachholen, für alle. Aber der eigentliche Akt muss dafür nicht warten.

Ich habe jetzt zwei Wochen in meinem neuen Job als Manager hinter mir. Bisher habe ich eigentlich ein ziemlich gutes Gefühl. Ich leite zwei Leute, die einen sehr guten Eindruck machen. Wir sollen mehrer mehrere Datenverarbeitungsleitungen auf Vordermann bringen. Ich habe auch einige Ideen; die Frage ist ob wir die Zeit dazu haben werden neben der Alltagsarbeit.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Schnotto

Diese Woche haben wir Ottos erste Erkältung durchgemacht. Kam plötzlich Sonntag Nacht und hat uns einige schwere Nächte beschert. Erschwerend kam hinzu, dass Ellie sich die Erkältung sofort selbst einfing. Ihre sind immer kurz und schwer. Das hieß, eigentlich hätte sie die ganze Zeit im Bett sein müssen. Ging aber nicht, denn sie musste sich ja um Otto kümmern. Zwei Tage hatte ich mir freigenommen um zu helfen, mehr ging nicht. Ich finde es immer ganz schwierig, wenn sich solche Dilemmata ergeben, wo sich mindestens einer von uns quälen muss, weil einfach nicht genug Arbeitskraft da ist.

Was mich daran erinnert, dass ich im letzten Eintrag ein wichtige Sache vergessen habe: einer der größten Stress Faktoren im Eltern Dasein ist für mich das Gefühl des Kontrollverlusts. Das es ganz egal ist wie gut man plant und was eigentlich gemacht werden müsste, weil die Umstände es immer wieder kurzfristig durchkreuzen. Dazu kommt das Gefühl von Klaustrophobie, weil die Welt so auf das Haus, zwei Parks und den Strand zusammen schrumpft. Ich habe immer das Gefühl on Raum gebraucht und bin darum gerne unterwegs. Das ist ein wichtiges Mittel gegen Stress. Geht alles nicht mehr und man sagt sich solange , dass das alles wieder anders wird, bis man selbst Zweifel bekommt. Das beste Mittel scheint inzwischen einfach Akzeptanz zu sein und darum versuche ich auch ganz bewusst meine Ambitionen am jeden Tag   zu begrenzen und mir mehr freie Zeit zum Faulenzen zu lassen und lokal Bekannte zu treffen. Aber nicht alle Konsequenzen sind einfach zu ertragen. Insbesondere, so viele Leute so lange nicht sehen zu können.

Tagsüber ging es Otto trotz der Erkältung  ziemlich gut. Er quasselt viel - bäbäbä und mämämä. Es fasziniert ihn, seine Hände über Oberflächen zu streichen. Inzwischen freut er sich über die Wellen am Meer, aber am allerbesten ist die Betonmauer an der Promenade.

Zuguterletzt bin ich endlich befördert worden. Das ging plötzlich ganz schnell. Gespräch am Mittwoch, entscheidung am Donnerstag. Tritt bereits morgen in Kraft. Ich komme dazu in eine neue Arbeitsgruppe innerhalb meines derzeitigen Teams. Dort geht es wohl um den Bau einiger neuer Datenverarbeitungsprozesse, aber so wirklich versteht man das eh erst nach einem Jahr darum hier keine weiteren Details. Ich werde auch zwei Leute leiten, wovor ich durchaus etwas Schiss habe. Aber immer voran. Nicht zuletzt kriege ich ja mehr Geld, was ein wenig Ellies Einkommensverlust kompensiert. Und ich habe ohnehin Zweifel das sie in einem halben Jahr tatsächlich zurück in die Vollzeit geht.