Sonntag, 22. November 2020

Ottomobil

Wir sind alle in großer Gefahr. Otto krabbelt. An einem Tag hatte er den Bewegungsablauf halbwegs unter Kontrolle, am nächsten guckt man einmal nicht hin und er ist im nächsten Zimmer. Selbstverständlich nutzt er seine neue Gabe allein um sich in Gefahr zu bringen. Heiße Heizkörper, Holzkanten, Kabel, wackelige Wäscheständer, alles wird auf kürzestem Wege angegangen. Die Katzen müssen noch weitere Umwege um Ottos begeisterte Klauen machen.

Ich muss also endlich das Haus sicherer machen. Ist nicht so einfach. Steckdosen sind abgedeckt. Bisher bin ich aber an der Anleitung für das Treppengitter gescheitert. Und überhaupt finde ich kaum genug glatte Fläche auf der uralten englischen Haustreppe.

Otto ist dadurch auch schwerer zu hüten. Wie ein Sack Flöhe. Das heißt leider auch, dass ich noch seltener Zeit zum Telefonieren nehmen kann. Und dann geht die Stimmung, so positiv die Entwicklung allgemein ist, auch ganz schnell wieder ins Loch wo die Gedanken darum kreisen, wie Menschen und Orte inzwischen fast nicht mehr ganz wirklich sind. Wenn ich Otto abends schlafen lege liege ich noch einige Zeit neben ihm im Bett in der Dunkelheit und lasse meine Gedanken schweifen. Häufig gehen sie nach Torun oder Rostock. Interessanterweise nicht auf die Farm oder Lodz wo ich länger gewesen war. Aber ich denke mir auch, dass diese Orte mir selbst nicht mehr so alltäglich wie immer implizit gedacht sein werden, wenn ich sie irgendwann endlich Ellie vorstellen kann.

Ansonsten hat Otto
  • richtig lange Haare, und zwar meine
  • bei der letzten Untersungung 11 Kilo gewogen (nicht 12,5 Kilo wie letztens geschrieben; unsere Hauswaage ist wohl nicht so gut). Damit ist er in den zwei schwersten Prozent aller Babys, aber aufgrund seine Länge wundert das auch niemanden
  • angefangen weniger Milch zu trinken. Auch das ist kein Wunder so wie er auf alles Essbare losgeht
  • einen ersten Zahn im Oberkiefer. Beißen ist jetzt nicht mehr unbedingt niedlich
  • eine kurze Schlafregression durchgemacht. Manchmal übt er im Schlaf immer noch Krabbeln. Dann sieht man seinen fluoreszierenden Nuckel leuchtend in der Nacht schweben
  • sein erstes Paket bekommen. Eigentlich für uns alle gedacht war es einfach zu schön zu sehen, wie er es mit seinen Händchen erkundete
An Wochenendetagen nehme ich Otto seit Kurzem morgens fast immer zum Spielplatz um der Ecke. Frische Luft für ihn und mich, und Ellie kann in Ruhe Frühstück machen. Unser Wochenend-Rhythmus sieht dann eher so aus, dass er etwa um 7 Uhr aufwacht, dann machen wir uns fertig, schaffen aber meistens kein Frühstück vor seinem ersten Nickerchen. Danach essen wir (eine der schönsten Entwicklungen in unserer Familie) und gehen vielleicht spazieren, dann ist wieder Schlafenszeit. Danach haben wir die größte Chance etwas richtiges zu unternehmen, z.B. einen Ausflug in die Region. Dieses Wochenende waren wir wieder im Dorf Buriton, was ich mit jedem Besuch noch schöner finde. Die Winterlandschaft unter den Buchenwäldern auf der Hügelkette macht mich richtig glücklich. Otto hat das erste Mal ein Pferd gesehen; sein eigentliches Interesse galt aber einem Papierkorb. Mich erinnert der Ort immer mehr an Pölchow bei Rostock, weil dort regelmäßig Züge aus einem Tunnel durch den Wald fahren. Mich hat das als Kind immer fasziniert; Otto sollte besser dasselbe tun. Wir haben einen richtig schönen Spielplatz direkt neben Wald und Gärten entdeckt, wegen dem wir in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger dorthin fahren werden.
Abends habe ich Otto Adventslieder von den den alten Schallplatten gespielt, die bei uns früher immer liefen.

Zuguterletzt haben wir endlich einen Hausmeister gefunden. Der hat unseren Ofen repariert und zwei Glühbirnenhalterungen gleich mit, die seit zwei Jahrne kaputt waren.


Morgens auf dem Spielplatz


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