Montag, 27. Juli 2015

02.07.2015 - Friedemann

Friedemanns Firma nimmt ihre Mitarbeiter jährlich auf einen Ausflug, diesmal nach Schottland. Danach kam er zu mir. Das war der Anfang von zwei Wochen, ja eines ganzen Sommers von Besuchen. Denn kurz nach Friedemann würde Papa kommen und Ende August Mutti und Rieke.
Friedemanns letzter Besuch war im November 2012, also der erste, der zu mir nach Portsmouth kam. Leider hatte er sich diesmal auf dem Weg eine schwere Erkaeltung eingefangen, wegen der er zwei Tage im Bett lag und den Rest der Zeit nicht viel machen konnte. Dabei war das Wetter gerade ihm zu Ehren ein paar Tage richtig gut.

Kayak
Samstag konnten wir noch was unternehmen. Ellie war das Wochenende nämlich auf einem Bauchtanzlehrgang und ich fand es wirklich toll, einmal einen Deutschen dazu haben. Mit Friedemann konnte ich nämlich endlich ein Kayak ausleihen, das wäre mit Ellie schwierig (zu nass, zu kalt). Bootfahren ist seit dem letzten Sommer mein Steckenpferd, am liebsten würde ich eine richtige Kayaktour auf einem Fluss machen, wie 2006 in Polen. In Portsmouth kann man sich auch Kayaks ausleihen, wenn auch nur in einer Meeresbucht, in der die Fahrt natürlich nicht so abwechslungsreich ist wie auf einem Fluss. Fotos unten. Danach haben wir es dank Fahrrädern noch zum Sonntagskonzert geschafft (das wäre mit Ellie auch schwierig, Fahrräder sind gefährlich) sowie in einige Kneipen und noch einmal schwimmen. Dann schon spürte er die Erkältung.
Darum war er am Sonntag darauf nicht wirklich verfügbar, aber dafür kam Kalina, denn es war das jährliche Sommersalsakonzert. Friedemann ist bald nach Hause schlafen gegangen, Kalina und ich hatten richtig Spaß.

Brighton
Mit Ellie sind wir einmal abends am Meer grillen gegangen, und den vorletzten Tag habe ich mir frei genommen und habe Friedemann Brighton gezeigt. Ellie fuhr dort auf eine Konferenz und wir begleiteten sie auf dem Weg. Zur Erinnerung, in Brighton war ich mit 16 für drei Wochen und es hatte zwar nicht sprachlich doch persönlich für mich wichtige Konsequenzen, über die ich mich viel mit Friedemann unterhielt. Davon abgesehen ist Brighton ja vor allem für seinen Strand, die Seebrücke und einen Palast bekannt (und das Nachtleben, aber wir waren ja nur den Tag da), Ich muss mit 16 drin gewesen sein, hatte aber keinerlei Erinnerung, weshalb wir mal reingingen. Der war vom späteren Georg IV. erbaut, einem bekannten Halodri auf dem Thron, der sich einen extravaganzen Partypalast erbauten ließ, außen pseudo-indisch und innen pseudo-chinesisch.

Aktion Echte Männer.





Schließlich sind wir immer noch jung!



25.06.2015 - Was draus machen

Nach dem letztem Eintrag sollte ich vielleicht sagen, dass es ich mich allgemein sehr kräftig fühle und die wiederholte Besprechung meiner Blutwerte den falschen Eindruckt vermittelt. Hätte ich Anfang des Jahres nicht die Blutbilder begonnen, würde ich jetzt im Alltag gar nicht auf die Idee kommen, einen Arzt zu besuchen. Deshalb diesmal (fast) nur gute Nachrichten, um die Besuche Friedemanns und Papas herumgeschrieben, die jeweils einen eigenen Artikel bekommen.

Wieder gesund
Zuerst die nur bedingt positiven Meldungen. Von ärztlicher Seite ist mein Fall in England abgeschlossen. Das vierte Blutbild zeigte eine moderate Verbesserung der bisher immer gemessenen Werte und nur wenige Auffälligkeiten der neu gemessenen Werte. Daraufhin ist es der Hämatologie nicht interessant genug, will sagen ist mein Fall nicht schwer genug für ihr Budget. Mir ist nicht ganz klar, warum eine Verbesserung die drei vorherigen Messungen ungeschehen macht, zumal zwei Werte immer noch außerhalb der Referenzschwelle liegen. Aber der Hausarzt weigert sich direkt, auch nur eine weitere Untersuchung zur Kontrolle zu machen. Auch wenn jede Einzelentscheidung seit Januar an sich nachvollziehbar ist und ich mich ja auch nicht krank fühle, hat mich das letzte halbe Jahr Vertrauen in die Qualität des öffentlichen Gesundheitswesens gekostet. Dementsprechend plane ich, in Deutschland wenigstens noch ein Blutbild und eventuell einen Ultraschall machen zu lassen. Positiv ausgelegt ist natürlich die Zusammenfassung, dass ich offiziell gesund bin.

Sommerloch
Der Sommer hält sich dieses Jahr tatsächlich sklaving an den statistischen Durchschnitt, den er die letzten zwei Jahre so konsequent überschritten hatte. Durchschnitt 20 Grad und Wolken. Dabei so schwül, das man trotzdem nicht mit langen Hosen vor die Tür darf. Das Wasser dagegen ist seit Anfang Juli wundervoll und ich gehe schwimmen, wann immer ich kann.

St Hubertskapelle
Ab jetzt nur Gutes. Ende Juni habe ich zur Abwechslung mal ganz allein wieder etwas neues entdeckt, die St Hubert Kapelle in Idsworth. Seit ich sie nach einem Ausflug mit Ellie vom Zug aus gesehen hatte, in einem Feld wilder Margariten, wollte ich sie unbedingt mal von Nahem besichtigen. Sie liegt in dem schönen Stück Land nördlich von Rowlands Castle, in dem Ellie und ich schön viele Orte besucht haben, den Elisabeth-Landschaftspark, die Steinzeitfarm und zuletzt das Naturzentrum mit Yurte. Nun war die Kapelle etwas zu weit für einen Fußweg, und Ellie fährt ja partout kein Rad. Zum Glück war sie einen Tag in London, sodass ich wie in alten Junggesellenzeiten morgens das Rad zum Bahnhof fuhr und unabhängig erkunden konnte. Das war auch alles sehr schön, insbesondere die Einbettung der Kapelle in die Blumenwiese, wie auf diversen Fotos festgehalten, aber auch historisch interessant. Gebaut war sie ursprünglich vom Vater König Harolds, dem letzten angelsächsischen König von England, gegen Wilhelm dem Eroberer bei Hastings gefallen. Innen ausgezeichnet erhaltene Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert. Schon 13 Uhr war ich zurück in Portsmouth, pünktlich zum Konzert am Meer, das ich allein und mobil in voller Länger hören konnte. Danach war ich im Meer und dann im Rosengarten - solche Tage alleine sind inzwischen so selten, dass ich sie jedes Mal richtig genieße. In der Zwischenzeit war ich gleich noch zweimal dagewesen, inzwischen waren die Margariten verblüht, die Felder dafür aber goldgereift, aber dazu später.

Kalina
Ende Juli besuchte Ellie wieder eine Freundin, diesmal über Nacht, was ich dazu nutzte, selbst zu Kalina zu fahren. Das geschah ziemlich spontan und wir hatten keine weiteren Pläne, außer Bienenstich zu machen, Kalinas Lieblingskuchen aus ihrer Zeit in Deutschland. Der ist uns trotz fehlender Zutaten auch gelungen. Vor allem aber sind wir einmal nicht tanzen gegangen, weil wir beide zu alt und müde waren. Diese Entscheidung häuft sich in letzter Zeit mit allen meinen Freunden, was nicht zuletzt mir sehr entgegen kommt. Gerade durch die Planlosigkeit war das ein kurzer aber sehr angenehmer Besuch. Ich bekam nachträgliche Geburtstaggeschenke, aber dazu in einem anderen Artikel.

Arbeit
Meine Arbeit erwähne ich ja selten, aber meine neue Aufgabe läuft gut und sogar immer besser. Anders als im vorigen Projekt habe ich gute Ideen und kann mit meiner Chefin leichter kommunizieren (und vielleicht herrscht auch ein niedrigerer Anspruch.). Teilweise habe ich morgens richtig Lust auf meine Arbeit, weil ich weiss, was ich mache, oder zumindest das Gefühl habe. Bisher beschäftigen wir uns mit der Überarbeitung unserer Methodik (also wie wir unsere Statistiken herstellen), von August bis September ist dann aber die jährliche Phase, in der wir diese Statistiken dann produzieren.

Vermischtes
Ich habe einen neuen Mitbewohner, einen chinesischen Doktoranten, der für ein halbes Jahr bleibt.

Der letzte Monat war ein teurer, vor allem wegen diversen Fahrkarten, aber auch wegen einer neuen Brille. Ich musste die alte widerwillig ersetzen, nachdem die Linsenhalterung nachzugeben begonnen hatte. Mein Handy dagegen habe ich allein durch Klebeband repariert und es wird  mir auch die nächsten zehn Jahre erhalten bleiben, trotz aller Versuche, mir ein Smartphone überzuhelfen.

Englische Kultur I: das traditionelle Doktorbarett heisst im Englischen "Moertelkelle".
Englische Kultur II: ich habe eine festliche Zeugnisübergabe an Uniabsolventen besucht. Das ist an allen Unis des angelsächsischen Kulturraums so. Ob in Deutschland, weiß ich gar nicht. In Magdeburg bekam ich das nicht mit, weil ich längst in Polen war, und die Einladung aus York schlug ich aus, weil mir sowas ohnehin unsympathisch ist. Die Uni Portsmouth macht das jedes Jahr im Juli, etwa 2 Wochen lang, zwei- bis dreimal am Tag. Ellie muss da mithelfen, die Besucher unter Kontrolle zu halten, und somit konnte sie auch mich reinbekommen, weil ich mir das mal ansehen wollte. In der Tat liegt mir diese Art Veranstaltung nicht, in meinen Augen funktioniert die Vergauklung von Würde und langjähriger Tradition nicht. Wenn alle berobten Absolventen und ihre rausgeputzen Familien sitzen, prozessieren ebenfalls berobte Dozenten hinter einem Zepter zu Orgelmusik ein. Inspiriert sind die Rituale natürlich von Oxford und Cambridge, wo sie eben die Verbindung zur kirchlichen Gründung vor Jahrhunderten haben. Aber sie passen irgendwie nicht an eine junge Uni im akademischen Durchschnitt in einer eher armen Stadt. Und die Dozenten hassen es. Kein Wunder, die müssen sich totlangweilen. Dreimal am Tag hören sie die gleichen Reden. Nur die der Studentenvertreter ist jedes Mal anders - und was ich hörte, war unerträglich. Nun, eine Erfahrung mehr.



Hubertskapelle in Idsworth. Im Sommer eingebetten in ein Margaritenfeld und umgeben von der immer schönen Landschaft in einer der besten Wandergegenden hier. Im Vordergrund Schienen, von denen ich St Hubert das erste Mal gesehen hatte.

Gerade war eine Taufe zu Ende, man ließ mich dann auch in die Kirche.




Detail aus meiner Lieblingskneipe.

Nicht zu sehen: Omas Poloshirt habe ich letztens selbst genäht. Danke Nähunterricht 3. Klasse.




Mittwoch, 17. Juni 2015

Muss ja

Radeln in Richmond
Am ersten Juniwochenende hatte ich einen Tag reserviert um endlich wieder was mit Mathieu zu unternehmen. Das ist zunehmend selten, seitdem er auch eine Freundin hat und sie in einer anderen Stadt wohnt. Ursprünglich war das als Tagesradtour in der Region geplant. Am Ende sind wir bis nach Richmond westlich von London gefahren, dort wohnt ein Freund, der mit auf dem Wochenende Anfang Mai in Exmoor gewesen war. Mit ihm sind wir erstmal entlang der Themse bis zum Hampton Palast geradelt. Dort war ich 2013 mit Kalina gewesen. Richmond ist ein schöner Ort und der Tag war sonnig. Viele Leute und viel Geld war zu sehen, eine wohlhabende Verwaltung hat das alte Kanalsystem gut ausgebaut für Boote und daran entlang sehr angenehme Wege. Erstaunlich gut gekleidete Menschen für England - Zeichen von guter Bildung und Einkommen. Sehr viel Volk aus aller Herren Länder, die aus den weniger schönen Teilen Londons kamen. Wir aßen in einem libanesischen Restaurant an der Themse, bevor wir zurück fuhren und mit den anderen Freunden vom Exmoor-Ausflug den restlichen Abend in einer Kneipe am Fluss verbrachten. Dann ging es mir aus dem Ruder, weil das Abendessen mal wieder viel zu lange dauert und wir erst gegen 23 Uhr zur Rückfahrt aufbrachen.

Sommerloch

Der Sommer ist in diesem Jahr bisher eine Enttäuschung, inbesondere nach dem langen Warten auf ihn. Nach dem ersten Eisbad Ende Mai sind weitere Versuche schrittweise erträglicher geworden, aber es fehlt die Sonne der letzten zwei Sommer, um danach auch am Strand bleiben zu wollen. Ein gutes Gefühl ist es hinterher trotzdem immer und ich bin auch nicht der einzige. Insbesondere alte Frauen sind immer ganz vorne mit dabei. Wenn ich nach der Arbeit auch nicht schwimme, gehe ich doch sehr häufig noch in ein Cafe am Meer, das seit einigen Monaten bis 20 Uhr öffnet. Das ist ein wirkliches Privileg, gerade nach der Arbeit. Die Konzerte am Meer laufen seit Ende Mai auch wieder, aber eins musste bereits wegen schlechtem Wetter abgesagt werden.

Bootnot

Umso bedauerlicher, da ich Mitte Juni mit Resturlaub ein langes Wochenende hatte (was gleichzeitig den dritten Jahrestag meiner Ankunft bedeutet). Zusätzlich habe ich trotz monatelangem Vorwissen versagt einen längeren Ausflug zu organisieren. Pläne gäbe es genug - mit der Fähre nach Frankreich oder die Südküste der Isle of Wight - die nur an solchen seltenen, langen Wochenenden möglich wären. So blieben nur Tagesauflüge. Am ersten Tag sind wir nach Petersfield gefahren, nordöstlich von Portsmouth. Dort ist die einzige mir bekannte Möglichkeit in der Region, auf einem kleinen See ein Ruderboot zu mieten und ich war bitter enttäuscht, als wir vor Ort erfuhren, dass das nur am Wochenende geht. Zurück in Portsmouth bin ich nochmal ins Wasser gesprungen, dann Essen mit Freunden, dann Freiluftfilm über Jimi Hendrix, über den ich praktisch nichts wusste.

Haus Osborne III

Am Tag darauf, einem Freitag, sind wir zum dritten Mal dieses Jahr auf Isle auf Wight gefahren, diesmal um Haus Osborne zu besuchen. Das war der Lieblingsort von Königin Victoria, von mir 2012 zweimal besichtigt. Ellie war noch nicht dagewesen, aber zwei Wochen vorher auf dem Weg zur Kirche in Whippingham zweimal vorbeigelaufen. Gleichzeitig fand eins von jährlich zwei großen Musikfestivals auf der Insel statt (im übrigen seinerzeit einer der großen Auftritte von Jimi Hendrix), sodass es auf der Überfahrt richtig voll wurde. Am Palast angekommen wurde uns jedoch eine ausgesprochen ruhiger Besuch zu Teil. An einem Wochentag war es viel weniger überlaufen, als bei meinen ersten Visiten allein. Ellie und ich halten Victoria und ihren Albert ja für Spießer auf dem Thron und die weniger interessanten Monarchen der britischen Geschichte; der Palast selbst zeugt, wie wohl schon damals von mir angemerkt, mehr von guten elterlichen Absichten denn von Geschmack. Das weite Parkland dagegen war ohne Straßenlärm und mit wenigen Besuchern eine wahre Labsal. Besonders die Schweizer Hütte, das Spielhaus der königlichen Kinder, mit ihren Gärten und Wiesen, hat es uns angetan. Auch der späte Nachmittag am Strand, in einer wohl natürlich ruhigen Bucht, wird mir in Erinnerung bleiben.

Vermischtes

Weniger erfreulich: ein drittes Blutbild zeigt ein weiteres, langsames Abrutschen meiner Werte. Diesmal hat die Ärztin sich dann endlich zu weiteren Untersuchungen entschlossen und die "Chemologie" um Unterstützung gebeten. Die würden mein Blut genauer untersuchen - noch warte ich auf einen genauen Termin. Zu Euren Hinweisen: für einen Hämatologen brauche ich eine Überweisung des Hausarztes. Andere Untersuchungen werde ich vorschlagen. Am schwierigsten ist für mich eigentlich, dass sich Ellie große Sorgen macht. Ich bemühe mich, sie zu beruhigen, aber ich verstehe sie schon sehr gut. Sie war es, die mich überhaupt zum ersten Bluttest gedrängt hatte und ich hatte immer erwartet, dass er nichts ungewöhnliches zeigt, geschweige denn wiederholt. Trotz besten Bemühens kämpfe ich mit der Ungewissheit, was da seit mindestens einem halben Jahr in meinem Körper ist. Auch hilft mir der Zweifel nicht, wie genau meine Praxis mich wirklich untersucht. Den dritten Bluttest musste ich ansetzen, nicht sie. Nicht das ich etwas ändern könnte: ich bin bei der Praxiswahl an meinen Wohnort gebunden und habe sogar schon Glück, dass es eine Praxis gibt, die lange öffnet. Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, aber jedes Mal, wenn ich schon nachmittags müde werde, frage ich mich, ob ich schlecht geschlafen habe oder etwas Schlimmes in mir wuchert. Da ist es kaum ein Trost, dass der Zahnarzt beim letzten Termin kein einziges Loch gefunden hat.

Schließlich ist unser jüngster Mitbewohner nach einem Jahr wieder ausgezogen. Er wird nicht gerade beweint, wieder ein junger Student, dem in der Familie das Putzen nicht beigebracht worden war. Jetzt habe ich nur noch meine zwei Mädchen im Haus. Eine ist ähnlich wie ich meistens bei ihrem Partner. Ich schlafe immer Montag und Mittwoch bei mir zu Haus und habe somit Hoffnung auf einen ruhigen Sommer.


Landeskunde: In unseren Gesprächen über die merkwürdige britische Klassenteilung hat mir Ellie erläutert, dass Doppelnamen in England fast immer auf höhere Familie hindeutet. Wenn die untereinander heiraten, soll keiner der wichtigen Namen verloren gehen. Auch an exotischen Vornamen erkennt man sie, und eben nicht zuletzt an einer ganz merkwürdigen Sprechweise, sowohl in Wortwahl als auch Aussprache, die auch ich inzwischen zu erkennen beginne.


Meine Arbeit läuft weiter gut, mir wird sehr viel Zeit zum Anlernen gegeben. Auch sonst hat man viel Freiraum: neulich besuchten wir das örtliche Meldeamt und schaute uns an, wie sie Geburten, Todesfälle etc registrieren. Denn wir nutzen diese Daten und müssen wissen, was genau wie genau gemessen wird.


Nachträge: nachstehend zwei Fotonachlieferungen. Erst aus Exmoor (mit Mathieu und Freunden, Mai 2015), dann Dartmoor (mit Ellie und Papa, Ostern 2014, neulich auf Ellies Kamera entdeckt.)


Exmoor (Mai 2015)
Reflektorwesten passen immer und überall.





Kaffee und Croissants - hier bekannt als Europäisches Frühstück.
Abschiedsfoto

Dartmoor, Ostern 2014
Ellie unter dem Baum der Erkenntnis.



Einer von vielen alten Steinkreisen a la Stonehenge.






Eine traditionelle Brücke.


Niemand weiß, wann und wie der nackte Mann in den Felsen kam.

Ostereiersuchen für Ellie.



Samstag, 13. Juni 2015

31.05. Inselsingen

Einmal, vor langer, langer Zeit, hatte unser Chor die schöne Idee, auf der Isle of Wight eine Tour mit einer lokalen Folkloregruppe durchzuführen, die uns vorher noch einen Lehrgang gibt. Darauf hatten Ellie und ich sehr gefreut. Ich wegen der Isle of Wight, Ellie wegen der Folklore. Die Gruppe hat sich dann irgendwie zurückgezogen und uns blieb nur ein Konzert, zugunsten der Heizung in der St. Mildred Kirche im Dorf Whippingham. Das liegt bei East Cowes, an der Mündung des größten Flusses der Insel, der Medina, an der Nordküste.

East Cowes

Während der Großteil von Chor und Orchester in einer Jugendherberge an der Ostküste schlief, hatten Ellie und ich entschieden in einer Pension in East Cowes zu übernachten, näher am Konzert. Für die Überfahrt nahmen wir zum ersten Mal die Autofähre, die näher an unserem Ziel anlegt. Außerdem läuft sie länger als die kleinen Fähren, sodass wir 40 schöne Minuten auf dem Oberdeck in der ab und zu durchscheinenden Sonne hatten.
Am anderen Ufer erwartete uns eine merkwürdige Überraschung: gerade hatten wir auf der Hauptstraße unsere Bushaltestelle gefunden, da kam plötzlich Mathieu angeradelt. Wie sich rausstellte, war er einen Tag auf der Insel, aber dass er gerade zu diesem Zeitpunkt an der gleichen Stelle auftauchte, war für mein Gehirn im ersten Moment etwas zuviel. Viel konnten wir auch nicht sagen, denn der Bus kam ebenfalls. Mathieu fuhr abends zurück und kam daher nicht zum Konzert.
Wir lieferten erst unser Gepäck in der sehr geschmackvoll eingerichteten (weil von Ellie ausgewählten) Pension am Hafen von East Cowes ab. Das war mal mehr als das gewöhnliche Extrazimmer bei jemandem, sondern planvoll gestaltet und dekoriert. Ellie war vor allem von Bad und Qualitätsmatratze begeistert, deren Hersteller und Model sie sich gleich aufschreibt. Ellie mag Komfort.
Von dort liefen wir nachmittags eine halbe Stunde zur Kirche, entlang von Haus Osborne, dem alten Sommersitz von Königin Victoria und größtem Touristenmagnet der Insel. Ich war dort 2012 gewesen.
Nun hatte die gute Victoria ihren Stempel auch auf unserer Kirche der Hl. Mildred hinterlassen. Dort ist sie mit Familie zum Gottesdienst gegangen und hatte sich dafür nicht nur eine königliche Loge bauen lassen, sondern hat gleich ihren Mann Albert (aus dem Hause Saxe-Coburg und Gotha) auf einen Umbau losgelassen. Dazu sind verschiedene Einrichtungsstücke von ihrer musischen Tochter Louise gebaut worden. Auf dem Friedhof drumherum liegen verschiedene Hoheiten und Eminenzen, vor allem aber liegt die Kirche an der Medina, getrennt nur durch eine Feldwiese. Und dazu die in diesem Land so untypische Stille der Isle of Wight - ich beneidete Mathieu an diesem Tag regelmäßig um seine Radfreiheit.

Konzert

Nach einer Probe wurde uns Fish und Chips kredenzt und wir hatten einige Zeit für Muße vor dem Konzert. Unser Programm waren neun Volkslieder aus der Region, von den Volkstumforschern des späten 19. Jh. aus verschiedenen Armenhäusern gerettet wie es damals Mode war. Sechs davon waren von Gustav Holst bearbeitet, den wir seit seinem Programm vor einem Jahr sehr schätzen. Nach einer Pause standen einige Instrumentalversionen des Uniorchesters auf dem Programm.
Nun muss ich leider berichten, dass wir zum ersten Mal in meiner Chorkarriere ein Stück abbrechen und neu anfangen mussten. Mir war es ob meiner Position ganz hinten nicht zu Ohren gekommen, aber die Soprane (also auch meine Freundin...) sind wohl völlig durcheinander gekommen. Meine Stimmgruppe hatte sich zwar nichts zuschulden kommen lassen (Bässen passiert sowas nicht), aber mir zitterten danach etwas die Beine. Ich lächelte tapfer bis zum Ende und sagte mir, dass die Leute auf der Insel nicht direkt an Spitzenauftritte gewöhnt sind, aber ich nahm es mir mehr zu Herzen, als der Anlass wert war. Ich sollte dazu sagen, dass sowas laut Ellie bis dahin nur einmal passiert war. Aber eine Aufnahme, die ich etwas später erhielt (ausgerechnet zu diesem Fiasko habe ich endlich eine Aufnahme, in der ich auch noch durchgenend zu sehen bin), klang entsetzlich, egal ob sie nun direkt vor dem Alt aufgenommen worden war. Da hilft auch keine Entschuldigung, dass wir nicht viel Probezeit gehabt hatten.
Aber nicht nur deshalb stahlen Ellie und ich uns in der Pause mit einer Flasche Wein nach Hause. Der jüngere Teil von mir bedauerte  zwar, nicht mit anderen zu feiern, aber das größere Altteil war froh, vor Mitternacht auf der besten Matratze der Welt zu schlafen. Ich habe mir bereits die Noten für unser Herbstprogramm besorgt, Hummels Messe in h-moll, falls unser Dirigent noch will.

Burg Carisbrooke
Sonntag morgen haben wir mit unseren alten Knochen erstmal auf dieser Matratze gelegen und Musik gehört, während draußen der Regen fiel. Dann wurde uns einmal der Luxus zu Teil, Frühstück gemacht zu bekommen. Während der Rest des Chors an diesem Tag nach Frühstück nach Hause fuhr, sind wir zur Burg Carisbrooke gefahren. Die hatte ich bereits 2013 besucht. Sie ist die größte Befestigung der Insel und für Ellie vor allem wegen ihrer Verbindung zu Karl I. interessant. Das war der erzkatholische König, der einen Bürgerkrieg gegen Cromwells Parlamentarier verlor. Bevor er in London geköpft wurde, war er auf Carisbrooke erst Gast, dann, nach zwei Fluchtversuchen, Gefangener.

Der Tag war frühherbstlich, wenn auch nicht zu kühl, und die Burg wohl auch daher nicht überlaufen. Wie das gesamte Wochenende habe ich auch hier Ruhe und Grün sehr genossen. Während die Burg selbst zwar interessant aber nicht spektakulär ist, hat man von den Mauern doch eine sehr schöne Sicht über die Felder ins Land, und dazu genug Zeit, sich nicht beeilen zu müssen. Nachdem wir uns bis in den Bergfried und wieder runter gemüht hatten, haben wir Cream Tea getrunken, wie die anderen Frührentnerpaare.
Auch wir fuhren anschließend zurück zur Fähre, deren Sonnendeck wir an diesem Tag nicht nutzen wollten. Eine schöne Erfahrung blieb und aber noch: kurz vor Portsmouth hielten wir, um einen schönen Dreimastsegler vorbeizulassen. Das war wohl ein exklusiveres Kreuzfahrtschiff für meine besserverdienenden Tage. Segler vor der Küste sind sehr schön anzusehen.
Das Kreuzfahrtschiff "Seacloud II". Quelle: OceanEvent

Montag, 25. Mai 2015

Jute Jurte

Vor etwa einem Jahr habe ich über Mathieu vom "Zentrum für Nachhaltigkeit" erfahren. Das ist ein Umweltprojekt im weiteren Sinn, dem eine Stück grünes Land nordöstlich von Portsmouth, bei Petersfield, gehört. Ganz in der Nähe sind auch vergangene Besuchsziele, wie der Steinzeithof in Butser und der Elisabeth Landschaftspark. Das Zentrum bietet neben Lehrgängen zu verschiedensten alternativen Themen und Baumethoden auch diverse Unterbringung. Seit ich ein Panoramabild in einer Broschüre gesehen hatte, wollte ich dort einmal übernachten und früh morgens den weiten Blick vom Hügel hinunter sehen. Ellie fand dann heraus, dass man auch ohne Zelt kommen und dafür in einer Jurte übernachten kann, war davon als Hippiefamilienkind sofort begeistert, während auch mir der Vorteil von weniger Gepäck gefiel, sodass wir diese Option spontan buchten, nachdem ein Gespräch mit Kalina während ihres Besuchs uns wieder daran erinnert hatte.
Zeit dafür hatten wir am Pfingstwochenende, was für mich gleich 4 Tage lang war, da wir im öffentlichen Dienst noch den Geburtstag der Königin feiern. Am Samstag ging es noch nicht los, denn da hatte Ellie abends endlich mal wieder einen Bauchtanzauftritt, den ich ganz toll fand. Und während sie nachmittags auf Probe war, ging ich im schrecklich kalten Meer anbaden. Vor einem Jahr war zu diesem Zeitpunkt bereits alles viel wärmer. Aber der Rosengarten beginnt zu blühen, in all seiner Schönheit, und der Sommer ist für mich nun endlich da, denn bei 20 Grad schwitze zumindest ich in allem, was dicker ist als ein Tshirt. Die Jacke bleibt endlich zu Hause.
Sonntag fuhren wir dann hin und waren sofort bei der Ankunft begeistert. Endlich einmal ein wirklich großes Gelände, mit wirklichem Wald und wirklich viel Platz, endlich einmal kein Autolärm, nicht einmal entfernter. Der Zeltplatz lag auf einer Lichtung im Wald, die einmal ein Kalksteinbruch gewesen sein mag. Im Hauptbereich tummelten sich Familien, deren Kinder den besten Tag des Jahren haben mussten. Unsere kleine Jurte war durch Büsche davon abgegrenz am Rand. Nebenan stehen die großen Wohnjurten des Personals - eine Mitarbeiterin kenne ich ein wenig vom Salsa und weiß, dass sie dort wirklich ganzjährig wohnen. Kinder- und Hundelärm drangen auch zu uns, aber uns störte das nicht, allein schon durch den Umstand, dass es erkennbar von Bäumen zurückschallte. Und dazu wortwörtlich pausenloses Vogelzwitschern. Ich war restlos begeistert und etwas wehmütig, warum ich so einen Ort nicht häufiger habe.
Ellie war vor allem wegen der Jurte da, mir ging es auch darum den Wald zu nutzen. So sind wir mehrmals den erstbesten Weg hineingelaufen, was ein Vergnügen war. Man kommt auch an Feldern vorbei, einer Naturkläranlage, diversen Hinterlassenschaften von Lehrgängen für Kinder und nicht zuletzt einem Friedhof, genauer gesagt einer Waldbegräbnisstätte, in der sich auch mein Vermieter bereits eine Parzelle gekauft hat.
Abends haben wir vor unserer Jurte gegrillt und später las mir Ellie aus Burnetts Buch "Der Geheime Garten" vor. Vor kurzem haben wir nämlich "Momo" beendet, was ich ihr seit Jahresbeginn vorgelesen hatte. Als es dann zu dunkel zum Lesen war, bin ich noch einmal vor die Tür getreten um die Sterne zu betrachten. Eine Familie hatte sogar ein Teleskop dabei, aber trotz klaren Himmels sah man nicht soviel, wie 2012 auf der Isle of Wight (auf die wir übrigens nächstes Wochenende fahren).
Vermutlich ziemlich früh morgens wurden wir neben Vogelzwitschern tatsächlich vom Hahnenruf geweckt. Die Tage bewölken sich momentan meist, aber in der Morgensonne leuchteten die verschiedenen Baumwipfel über dem Lager, grün, gelb und vor allem rot. Vor und nach dem Frühstück sind wir noch durch den Wald gelaufen. Länger konnten wir nicht bleiben, da zu Hause eine Katze wartete. Aber wir waren restlos begeistert, nicht zuletzt noch einmal, als die meisten anderen Camper weg waren und wir den Zeltplatz für uns und in Ruhe hatten. Ich werde vorschlagen, das nächste Treffen mit Mathieu und Freunden dort in der großen Jurte zu verbringen.

Vermischtes
Weiter unten findet Ihr ein Bild von einem Ratespielabend, in der Tradition des britischen Pub-Quiz, für Unimitarbeiter, zu dem ich auch eingeladen war. Thema war "Klassenarbeit", dementsprechend hat Ellie uns in Schuluniformen eingekleidet.
Im Anschluss einige Nachträge aus Exmoor.

Unsere Jurte. Im Hintergrund die roten Baumwipfel, die am nächsten Morgen so leuchten sollten.

In der Jurte nach der Ankunft. Das Sofa wurde nachts zum Bett.

In Ellie kam, wie immer, das Kind raus.

Als der Fuchs die Gans gestohlen hatte und sie vor seiner Jurte grillte.


Abends stellten wir Kerzen in der Jurte auf. Die hellste war Muttis Weihnachtskerze. Zum Lesen reichte es trotzdem nicht. Aber von Euren Geschenken kommt nie etwas weg.

Morgens im Cafe. Tee muss dann doch sein. Ein Rotkehlchen schloss später mit Ellie Freundschaft.



Beim Uni-Quiz. Schuluniformen nach Idee von Ellie. Ihre ältere Kollegin spielt Klassenlehrerin.


Unser Haus in Exmoor mit Terasse und gutem Blick auf den Fels, auf dem es steht.
Ein Panoramabild vor unserem Haus, mit Lynton, Meer, Klippen und Terasse.

Ziemlich korrekte Darstellung der Wanderungen in Exmoor. Grau, windig, steil.

Mathieu und Carla am Küstenpfad. Der Felsen im Hintergrund ist der Wilde Jack, im vorigen Artikel gezeigt.


Die Hohe Heide des eigentlichen Nationalparks Exmoor.