East Cowes
Während der Großteil von Chor und Orchester in einer Jugendherberge an der Ostküste schlief, hatten Ellie und ich entschieden in einer Pension in East Cowes zu übernachten, näher am Konzert. Für die Überfahrt nahmen wir zum ersten Mal die Autofähre, die näher an unserem Ziel anlegt. Außerdem läuft sie länger als die kleinen Fähren, sodass wir 40 schöne Minuten auf dem Oberdeck in der ab und zu durchscheinenden Sonne hatten.
Am anderen Ufer erwartete uns eine merkwürdige Überraschung: gerade hatten wir auf der Hauptstraße unsere Bushaltestelle gefunden, da kam plötzlich Mathieu angeradelt. Wie sich rausstellte, war er einen Tag auf der Insel, aber dass er gerade zu diesem Zeitpunkt an der gleichen Stelle auftauchte, war für mein Gehirn im ersten Moment etwas zuviel. Viel konnten wir auch nicht sagen, denn der Bus kam ebenfalls. Mathieu fuhr abends zurück und kam daher nicht zum Konzert.
Wir lieferten erst unser Gepäck in der sehr geschmackvoll eingerichteten (weil von Ellie ausgewählten) Pension am Hafen von East Cowes ab. Das war mal mehr als das gewöhnliche Extrazimmer bei jemandem, sondern planvoll gestaltet und dekoriert. Ellie war vor allem von Bad und Qualitätsmatratze begeistert, deren Hersteller und Model sie sich gleich aufschreibt. Ellie mag Komfort.
Von dort liefen wir nachmittags eine halbe Stunde zur Kirche, entlang von Haus Osborne, dem alten Sommersitz von Königin Victoria und größtem Touristenmagnet der Insel. Ich war dort 2012 gewesen.
Nun hatte die gute Victoria ihren Stempel auch auf unserer Kirche der Hl. Mildred hinterlassen. Dort ist sie mit Familie zum Gottesdienst gegangen und hatte sich dafür nicht nur eine königliche Loge bauen lassen, sondern hat gleich ihren Mann Albert (aus dem Hause Saxe-Coburg und Gotha) auf einen Umbau losgelassen. Dazu sind verschiedene Einrichtungsstücke von ihrer musischen Tochter Louise gebaut worden. Auf dem Friedhof drumherum liegen verschiedene Hoheiten und Eminenzen, vor allem aber liegt die Kirche an der Medina, getrennt nur durch eine Feldwiese. Und dazu die in diesem Land so untypische Stille der Isle of Wight - ich beneidete Mathieu an diesem Tag regelmäßig um seine Radfreiheit.
Konzert
Nach einer Probe wurde uns Fish und Chips kredenzt und wir hatten einige Zeit für Muße vor dem Konzert. Unser Programm waren neun Volkslieder aus der Region, von den Volkstumforschern des späten 19. Jh. aus verschiedenen Armenhäusern gerettet wie es damals Mode war. Sechs davon waren von Gustav Holst bearbeitet, den wir seit seinem Programm vor einem Jahr sehr schätzen. Nach einer Pause standen einige Instrumentalversionen des Uniorchesters auf dem Programm.
Nun muss ich leider berichten, dass wir zum ersten Mal in meiner Chorkarriere ein Stück abbrechen und neu anfangen mussten. Mir war es ob meiner Position ganz hinten nicht zu Ohren gekommen, aber die Soprane (also auch meine Freundin...) sind wohl völlig durcheinander gekommen. Meine Stimmgruppe hatte sich zwar nichts zuschulden kommen lassen (Bässen passiert sowas nicht), aber mir zitterten danach etwas die Beine. Ich lächelte tapfer bis zum Ende und sagte mir, dass die Leute auf der Insel nicht direkt an Spitzenauftritte gewöhnt sind, aber ich nahm es mir mehr zu Herzen, als der Anlass wert war. Ich sollte dazu sagen, dass sowas laut Ellie bis dahin nur einmal passiert war. Aber eine Aufnahme, die ich etwas später erhielt (ausgerechnet zu diesem Fiasko habe ich endlich eine Aufnahme, in der ich auch noch durchgenend zu sehen bin), klang entsetzlich, egal ob sie nun direkt vor dem Alt aufgenommen worden war. Da hilft auch keine Entschuldigung, dass wir nicht viel Probezeit gehabt hatten.
Aber nicht nur deshalb stahlen Ellie und ich uns in der Pause mit einer Flasche Wein nach Hause. Der jüngere Teil von mir bedauerte zwar, nicht mit anderen zu feiern, aber das größere Altteil war froh, vor Mitternacht auf der besten Matratze der Welt zu schlafen. Ich habe mir bereits die Noten für unser Herbstprogramm besorgt, Hummels Messe in h-moll, falls unser Dirigent noch will.
Burg Carisbrooke
Sonntag morgen haben wir mit unseren alten Knochen erstmal auf dieser Matratze gelegen und Musik gehört, während draußen der Regen fiel. Dann wurde uns einmal der Luxus zu Teil, Frühstück gemacht zu bekommen. Während der Rest des Chors an diesem Tag nach Frühstück nach Hause fuhr, sind wir zur Burg Carisbrooke gefahren. Die hatte ich bereits 2013 besucht. Sie ist die größte Befestigung der Insel und für Ellie vor allem wegen ihrer Verbindung zu Karl I. interessant. Das war der erzkatholische König, der einen Bürgerkrieg gegen Cromwells Parlamentarier verlor. Bevor er in London geköpft wurde, war er auf Carisbrooke erst Gast, dann, nach zwei Fluchtversuchen, Gefangener.
Der Tag war frühherbstlich, wenn auch nicht zu kühl, und die Burg wohl auch daher nicht überlaufen. Wie das gesamte Wochenende habe ich auch hier Ruhe und Grün sehr genossen. Während die Burg selbst zwar interessant aber nicht spektakulär ist, hat man von den Mauern doch eine sehr schöne Sicht über die Felder ins Land, und dazu genug Zeit, sich nicht beeilen zu müssen. Nachdem wir uns bis in den Bergfried und wieder runter gemüht hatten, haben wir Cream Tea getrunken, wie die anderen Frührentnerpaare.
Auch wir fuhren anschließend zurück zur Fähre, deren Sonnendeck wir an diesem Tag nicht nutzen wollten. Eine schöne Erfahrung blieb und aber noch: kurz vor Portsmouth hielten wir, um einen schönen Dreimastsegler vorbeizulassen. Das war wohl ein exklusiveres Kreuzfahrtschiff für meine besserverdienenden Tage. Segler vor der Küste sind sehr schön anzusehen.
![]() |
| Das Kreuzfahrtschiff "Seacloud II". Quelle: OceanEvent |

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen