Sonntag, 8. Februar 2015

Langsam mit dem Strom gen Frühling

Die Wochenenden dieses Jahres waren bisher, wenn vielleicht nicht langweilig so doch unspektakulär. Kaum Veranstaltungen und das Wetter natürlicherweise kalt, windig und manchmal regnerisch. An einem Tag fiel für einige Stunden sogar echter Schnee. Wunderschön anzusehen auf den Feldern entlang der morgendlichen Bahnfahrt, mir wurde nochmal regelrecht weihnachtlich zumute. Von solchen Momenten abgesehen zeigt Portsmouth zu solchen Zeiten aber seine Schwächen, wenn man weder Veranstaltungen besuchen noch lange am Meer sein kann. Dementsprechend war es fast günstig, dass sowohl Ellie als auch ich Ende Januar krank wurden - mehr als zu Hause bleiben und ausruhen konnte man ohnehin nicht.

Es war nur ein leichter Infekt, der mich einige Tage lang schwach fühlen ließ, sich dann aber auch zwei Wochen lang nicht völlig zurückzog. Einen Tag habe ich mich sogar krank gemeldet und bin zu Hause geblieben. Und obwohl ich nach ein paar Stunden merkte, dass das auch gut war, mache ich sowas nicht gerne, wie schon in der Schule. Dementsprechend war es in über zwei Jahren auch erst der zweite Krankheitstag. Allerdings war der erste seinerzeit sehr angenehm gewesen und ich hatte schon lange mal Lust gehabt, wieder an einem Werktag durch die Stadt zu spazieren. Die Zeit habe ich dann auch genutzt, ans Meer zu gehen, wo die Sonne schien und am Strand Tee zu trinken. Auf dem Weg hatte ich auch endlich mal wieder Zeit, mich in einem Laden mit einem Lokalpatrioten über ein bekanntes aber nicht mehr existierendes Wahrzeichen der Stadt zu verquatschen.

Das war ein Freitag und zum Tango bin ich abends trotzdem gegangen. Schließlich kam diesmal eine ganze Gruppe Freunde mit. Seit Mitte Januar ist nämlich eine Freundin von Mathieu und mir für einen Monat in der Region, Carla aus Portugal. Es war nicht vergessen, dass wir schon zwei Jahren gesagt hatten, wir müssten mal Tango tanzen gehen. Sie brachte eine weitere Portugiesin mit und dazu stießen der inzwischen aus Asien zurückgekehrte Mathieu, interessanterweise mit seiner Ex-Freundin. Wie ich den wie immer nervösen Anfängern wiederholt versichterte ist unsere Tangogruppe auch freundlich und als Mathieu einmal aufgeben wollte, wurde er von jemand anderem ermutigt und zurückgeholt. Die beiden Portugiesinnen blieben auch bis ganz zum Schluss und wir hatten großen Spaß.

An einem anderen Wochenende gingen Ellie und ich zu einer besonderen Vorführung von Puccinis Turandot. Unser immer noch wegen Renovierung geschlossenes Haupttheater führt mit einer Londoner Uni für Asienstudien ein Projekt, die Oper auf Mandarin und mit chinesischen Instrumenten aufzuführen. Über den Chor hatte ich erfahren, dass sie eine gratis Werkschau anboten. In Portsmouth hat man nicht viele Ansprüche und gerade weil es kostenlos war, wusste ich nicht, was ich erwarten sollte. Zum Glück wollte auch Ellie hin, die eine große Schwäche für Asien hat. Die fünf Sänger und ein Dutzend Musiker stellten sich alle als gut raus und es folgte eine interessante Fragestunde. Dort erfuhren wir, warum Mandarin so überraschend gut als Gesang funktioniert und wie man mit chinesischen Instrumenten Lautstärkeunterschiede erzielt, obwohl sie dafür nicht konstruiert sind. Sollte das Projekt Aufführungsreife erlangen, will man den Chor jeweils mit lokalen Sängern besetzen. Ellie und ich sind bereit.
Während diese Veranstaltung gratis war, haben wir den Besuch der Stadthalle gleich genutzt, ordentlich Geld für zwei Komiker auszugeben. Ross Noble haben wir inzwischen gesehen, ihn kannte ich vorher nicht. Er kann zwei Stunden mit reiner Improvisation füllen und hat dazu einen Akzent aus der Region nördlich von Newcastle. Bei der Gelegenheit hat er uns auf eine neue Attraktion in Portsmouth aufmerksam gemacht, ein Museum für Kreationismus. Ellie und Freunde wollen unbedingt mal hin. Im Dezember dann kommt Bill Bailey, ein alter Hippie und ausgezeichneter Musiker, den mir Ellie schon oft gezeigt hat.

Am Wochenende darauf war das einzig Interessante der Brasilianische Tag eines Cafes in der Nähe. Das war eine Empfehlung meines brasilianischen Tangolehrers. An sich gab es nur sonst nicht gebotene brasilianische Spezialitäten und Musik aus der Dose. Aber sowohl für Ellie als auch mich erstes Mal dort, das Cafe unterscheidet sich nämlich von außen nicht von den üblichen sterilen englischen Lokalitäten. Innen ist es aber wirklich gemütlich und besonders der Garten wird im Sommer sehr interessant sein. Ganz ähnlich haben wir an einem anderen ereignislosen Sonntag eine Creperie ausprobiert und eine von außen nicht sichtbare Dachterasse gefunden.

Eine etwas interessantere Sache ist Ellies Suche nach einem Auto. Ganz sicher ist sie sich noch nicht, aber nachdem sie im Dezember ihren Führerschein bekommen hat, überlegt sie aktiv, sich ein Auto zu kaufen. Nicht zuletzt, um sich erwachsener zu fühlen - wo sie schon kein eigenes Haus hat. Ich kann ihr dabei nicht helfen, aber zum Glück hat sie erfahrenere Freunde und einen Fahrlehrer als Vater.
In diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs in die englische Immobilienkultur. Wie Ihr wisst kaufen die Briten statt zu mieten. Dazu hat mein Statistikamt kürzlich den Hauspreisindex und etwas Analyse veröffentlicht. Demnach sind Hauspreise in einem Jahr durchschnittlich um 11% gestiegen. Was für mich heißt, dass wieder fröhlich in eine Blase spekuliert wird. Ob der Unterschiede zwischen unseren Ländern unterhalte ich mich viel mit Ellie darüber, deren Selbstbewusstsein sehr damit kämpft, mit 30 noch nicht auf der "Hausleiter" zu sein (NB diese Alltagsmetapher suggeriert, es geht auf der Leiter aufwärts). Das gleiche mache ich mit anderen Ausländern; wir halten das Ganze für Wahnsinn. Nichtsgestotrotz, Kalina hat sich gerade ihre Wohnung gekauft, mit einer Hypothek auf 30 Jahre. Und drüben in Polen, wo nach meiner Recherche noch mehr gekauft wird als hier, hat sich auch Daria eine Wohnung gekauft. Zumindest im schönen Breslau.

Zuletzt das neueste aus Chor und Geschichtsbuch: Die Toskana wurde von Napoleon in das kurzlebige Königreich Etruria verwandelt. Nördlich schuf er die Republik Lucca. In Lucca ging Puccini zur Musikschule und schrieb als Abschlussarbeit unsere Messa di Gloria, bevor er zum Studium ging und nie wieder Sakralmusik schrieb.

Die erste Rose ist schon da - der Frühling kommt bestimmt!

Kein besserer Tag um krank zu sein.

Montag, 19. Januar 2015

Noch kann ich mich nicht entschließen, beim nächsten Besuch einen wertvollen Urlaubstag früher zurückzufliegen. Auf jeden Fall war die Umstellung auf Arbeit sehr abrupt; der erste Tag dort schien nicht wirklich real. Am ersten Wochenende haben Ellie und ich auch absichtlich nichts gemacht...bis auf einen Ausflug nach Chichester. In dieser kleinen historischen Stadt nordwestlich von Portsmouth war ich seit Mai 2013 nicht mehr gewesen, als mich ein Frühlingsausflug mit Mathieu dorthin führte. Auch Ellie fährt dort traditionell nur einmal im Advent hin, um mit ihrer Freundin/Tanzlehrerin einzukaufen. Dort gibt es einen ganz supitollen Schokoladen und Ellie brauchte unbedingt Nachschub.
In der Folgewoche haben wir auch neuen Tanzkurs begonnen. Wir wollten beide schon seit einiger Zeit etwas 20er Jahre Stile lernen, ich insbesondere Charleston. Ellie fand uns eine Gruppe, die jeden Donnerstag verschiedene Stile unterrichtet, in unserer ersten Stunde war das Boogie Woogie. Es ist sehr schön, endlich regelmäßig auch mit Ellie tanzen zu gehen. Nur muss ich für diese neue Verpflichtung etwas anderes aus der Woche stoßen, und das wird wohl der Salsa am Mittwoch sein. Seit meiner ersten Stunde vor über fünf Jahren kein Salsa mehr in meinem Leben.
Zusammen singen tun wir sowieso, der Chor ist seit Anfang Januar an Puccinis Messa di Gloria dran. Alle freuen sich, weil das leichter ist als Beethoven. Und was für wunderschöne Melodien - schon die ersten Proben sind eine Freude. Der Chor ist plötzlich auch viel größer als vorher; offenbar gab es während der Weihnachtspause einen Anwerbeaktion. Ich selbst war schon ganz stolz gewesen, zwei neuen Rekruten mitzubringen, einen Italiener in meinem Alter und eine Französin, die extra aus Petersfield anreist.

Es wird Euch freuen, dass sämtliche Kalendar hängen auf der Arbeit, bis auf den mit Fotos von mir natürlich, der steht bei Ellie. In der zweiten Januarwoche konnte ich dann auch meine nicht mitgenommenen Geschenke von der Post abholen. Die meisten wird es freuen, dass ich dafür ein altes Handtuch und meinen verhassten braunen Pullover entsorgt habe. Interessanterweise waren das noch nicht die letzten Weihnachtsgaben. Ellies Geschenk hängt seit 18. Dezember am Zoll fest, denn es kommt direkt aus Russland. Quasi im Gegenzug zu ihrem Saari hat sie mir ein russisches Hemd bestellt, wie ich es im Musical Anatevka lautstark gewünscht hatte.

In Deutschland habe ich viel zu lesen geschafft. Darunter waren Michael Endes Wunschpunsch und Momo (deren englische Version ich für Ellie in der Bibliothek gefunden habe), ein Sachbuch über die Geschichte Brandenburgs und eins über die Kreuzzüge. Jetzt bin ich zurück bei den Verschwundenen Reichen, im Kapitel wie aus Savoi Italien wurde.

Freitag, 19. Dezember 2014

Advent
In diesem Jahr hatte ich tatsächlich die Zeit, den Advent mit Muße zu genießen. Weihnachten war gebucht und organisiert und ich verbringe mehr Abende in Ellies komfortabler Wohnung. In weiser Voraussicht hatten wir schon Ende November zu backen begonnen und hatten bald mehrere Dosen mit Keksen gefüllt. Die Dosen sind übrigens aus Euren Paketen der letzten Jahre - bei mir kommt nichts weg, wie inzwischen auch Ellie weiß.
Auch von Euch bin ich gut mit Heimatgefühl versorgt worden. Genau am Morgen des ersten Dezembers fand ich zu Hause einen Brief von Kasia mit einem Kalender sowie einem Mini-Adventskranz. Zusammen mit Omas Kalender habe ich damit zwei auf der Arbeit stehen, wo ich sie jeden Tag sehe. Nur eine Kollegin hat auch einen Bilderkalender, alle anderen gewöhnliche Schokoladenhalter. Hierzulande sind Kalender zwar überall erhaeltlich und inzwischen auch populär, aber mehr billige Werbeflaeche für die großen Schokoladenfirmen. Natürlich Ellie hat einen Kalender bekommen, und ebenso Kalina. Fünf Jahre war sie in Deutschland, ohne sich unserer ueberlegenen Tradition zu ergeben. Auch in Mathieus Wohnung fand ich übrigens einen schönen Kalender. Wie sich herausstellte, kam der von der deutschen Bekannten des Vermieters.

Als nächstes kam zum Nikolaus ein Paket von Mutti. Das habe ich mit Ellie am Nachmittag zwischen Generalprobe und Konzert des Chors (s.u.) ausgepackt und ihr das Wort Gemuetlichkeit erklaert. Schon am Morgen hatte der Nikolaus Ellie übrigens einen Schuh gebracht. Das Schuh ist inzwischen leer, aber das Paket noch nicht, denn zum Glück steht es bei Ellie außer meiner Reichweite.

Beim Blick auf die hiesigen Häuser fiel mir ein, wie ich vor zehn Jahren die englischen Ganzfassadendekorationen und Plastikgeglitzer beschrieben habe. Nicht nur Lichter, sondern blinkende Lichter, in verschiedenen Farben, gerne wird jede Linie mit einer Lichterkette nachgezogen. Je nach Farbe sieht es aus wie ein amerikanisches Autobahnmotel oder ein Bordell.
Auch auf der Arbeit wurden die Lamettatüten hervorgeholt. Dieses Jahr habe ich gelernt, dass die Bäume nicht allein wegen Unwissenheit und Geschmacklosigkeit schon im November aufgestellt(und mit blinkenden Diskolichtern verziert) werden, sondern, dass das offizielle Tradition ist.

Nun ist aber, wie ich ungern zugebe, nicht alle englische Tradition schlecht. So ist zu meiner Überraschung Adventssingen in den Kirchen sehr populär. Für ihren Heimatbesuch hatte sich Ellie extra auf Karten für die Kathedrale von Canterbury beworben, erfolglos. Auch auf der Arbeit wird von einer Gruppe Christen jedes Jahr ein gut besuchte Veranstaltung organisiert, die ich zum ersten Mal wahrnahm. Dabei erfuhr ich auch, dass es einen Chor im Haus gibt. Dem kann ich mich zwar aus Zeitgründen nicht anschließen, einmal habe ich ihn aber besucht und einige Weihnachtslieder mitgesungen. Mir gefallen die Angebote der Kirchen und ich will das noch einige Male nutzen.

Musik
Die erste Gelegenheit war der alljaehrliche Adventsgottesdienst der Uni. Dieses Jahr hatte ich mich darauf wegen der recht depperten Lieder nicht so darauf gefreut (bezeichnenderweise sagte Ellies neulich, sie denke bei Weihnachten an New York, dementsprechend ist viel der als traditionell betrachteten Musik Pop), wurde dann aber daran erinnert, wie gerne ich aber doch in Kirchen singe.
Der große Auftritt war das Beethovenkonzert am 6. Dezember. Die erste Probe mit dem Orchester war zu allgemeiner Überraschung richtig gut gelaufen, die Generalprobe eine Woche später ziemlich schlimm und das Konzert selbst war irgendwie wieder gelungen. Das Ambiente war ein ganz anderes als im Yorker Münster, wo ich die 9. Symphonie vor vier Jahren zum ersten Mal gesungen hatte. Eine Sporthalle statt des Münsters, das Orchester mehrere Klassen schlechter, weil wir hier keine richtige Musikfakultät haben. Trotzdem erinnerte es mich an das erste Mal, weil die 9. Symphonie trotz des depperten Textes doch toll zu singen ist, wenn erstmal die Musik mitmacht. Mir wird das Proben an Aufnahmen fehlen, dem ich mich dank meines Vorwissens frueh widmen konnte, Jetzt geht das Einüben wieder von vorne los, im Januar mit Puccinis Messi di Gloria, einer willkommenen Rückkehr in singbarere Stimmlagen.

Im Anschluss an das Konzert fuhr ich direkt weiter zur Tangoweihnachtsfeier. Auch auf der Arbeit gab es neben den diversen normalen Festtagsessen ausser Haus, die ich vermeide, einen kompletten Nachmittag im Büro, der mir zugegebenermaßen halbwegs gefallen hat. Da hatte man sich richtig Mühe gegeben und nicht nur Essen sondern auch kreative Spiele gemacht. Einer der Wettbewerbe bezog sich auf eine weitere englische Tradition, den Weihnachtspullover. Die sind absichtlich verziert wie von Mutti gestrickt. Zu sehen z.B. am Anfang von Bridget Jones.
Und schließlich habe ich mit Ellie noch eine Tradition kennen gelernt, das "Panto". Das kommt von Pantomime, ist aber ein normales Theaterstück mit Sprache, für Kinder, recht frei nach traditionellen Stücken und angereichert mit Humor solcherart, das alle Kinder schreien, wenn der Geist hinter dem Protagonisten steht. Unser Lokaltheater zeigte eine lose an Aladins Wunderlampe orientierte Geschichte, aufgepeppt mit C-Prominenz von gestern, laut, mit viel Musik. Den Kindern hats gefallen, uns auch. Am besten fand ich, dass die Schauspieler alle grossen Spass hatten, auf der Buehne einfach mal rumalbern zu duerfen.

Wunderbar
Auch mein zweiter, privater Auftritt des Stücks "Wunderbar" wurde nach vielen Sorgen ein großer Erfolg. Nach der schlechten ersten Probe stellte sich raus, dass ich anhang der falschen Aufnahme geübt hatte - kein Wunder also, dass meine Noten alle nicht passten.. Die folgenden Proben waren ein großer Spaß und der Auftritt selbst mindestens der zweitbeste Beitrag, schließlich hatte ich Unterstützung  von Musikabsolventen, einer lokale Sängerin und am Klavier einer Austauschstudentin aus China. Papa kennt das Format von meinem ersten Auftritt vor zwei Jahren, eine offene Bühne für Musikstudenten und -interessierte. Ich war sehr froh, dass Ellie kommen konnte, schließlich wünsche ich mir immer, dass mich Familie und Freunde auf der Bühne sehen können. Neben uns trat auch meine Gesangslehrerin mit dem Fagott aus und der beste Beitrag kam vermutlich von meiner Mitbewohnerin; wir wussten gegenseitig nichts von unseren Auftritten. Meine Mitstreiterinnen bekamen von mir Blumen und als ich eine weitere meiner Gesangslehrerin gab, hat sie mich spontan umarmte, was hier drüben selten vorkommt (auch wenn sie Amerikanerin ist). Solche Momente persönlicher Wärme sind mir hier immer noch selten und wertvoll. Den ganzen nächsten Tag wünschte ich mir, abends wieder auf die Bühne zu können.

Deutschland in London
Am zweiten Advent sind Ellie und ich nach London in die Museen gefahren. So ein Wochenende hatte ich schon immer vorgehabt, inzwischen aber die Hoffnung aufgegeben, nachdem Wochenenden eigentlich nie mehr frei waren. Die jetzige Entscheidung war relativ spontan und halb mit Ellies Geburtstag verbunden. Fast wäre es noch ins Wasser gefallen, da Ellie krank war. Zum Glück erholte sie sich im Laufe des Wochenendes zunehmend.
Der Samstag war dem Britischen Museum gewidmet, wo wir uns zuerst die schon erwähnte Ausstellung "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" ansahen. Die war kleiner als erwartet, schließlich waren es insgesamt nur 100 Objekte. Dafür war es voll, inklusive vieler Deutscher. Ich muss sagen, dass die Ausstellung trotz ihrer hochkarätigen Exponate nur halb so gut gewesen wäre, hätte ich nicht vorher die Radiosendungen gehört. Erklärung vor Ort ist (unvermeidlich) knapp, es sei denn, man liest das Begleitbuch von 600 Seiten. Was schön wäre, aber eben leider für so viele andere Bücher auch gilt. Besonders im Gedächtnis sind uns eine der allerersten Gutenbergbibeln geblieben, Schilder von den Montagsdemos, das Tor von Buchenwald und Bauhaus-Stuecke. Für mich persönlich waren die Sektion über Bauhaus und Brandenburg-Preußen interessant, zu denen ich Ellie natürlich einiges erzählen konnte.
Im Anschluss hatten wir immer noch mehrere Stunden, den Rest des riesigen Museums mit praktisch der gesamten Menschheitsgeschichte anzusehen. Ich war wider vermeintlicher Erinnerung zum ersten Mal im Britischen Museum und es zu beschreiben wäre zu viel. Ganz toll an England ist aber, dass Museen und Gallerien gratis sind und trotzdem auf Weltniveau sowie ausgesprochen angenehm zu besuchen. Schon praktisch, einmal ein Weltbereich besessen zu haben, man konnte sich alle möglichen schönen Sachen mit nach Hause nehmen.
Am Sonntag gingen wir ins Viktoria-und-Albert Museum, das mir völlig neu war. Es hat keinen bestimmten Fokus, neben europäischer Archäologie war für Ellie China, Japan und Korea dabei und für mich der Nahe Osten. Daneben britische Mode, Eisenwerk und Protestkultur. Ganz besonders hat mich dabei ein (mindestens) lebensgroße Kopie der Trajansäule beeindruckt, die einfach mal im Raum stand, neben kompletten Kathedralenfassaden.
Die Nacht dazwischen sind wir bei Ellie Freundin geblieben, die ich zur 40er Jahre Party zu deren Geburtstag kennen gelernt hatte. Die ist immer ein Erlebnis und hat uns außerdem in ein großartiges indischen Restaurant genommen, dass so billig und deftig war, dass ich mich an polnische Milchbars erinnert fühlte.

Direkt nach unserer Rückkehr sind wir dann direkt noch zum Adventssingen in einer Kirche gefahren. Das bringt mir dann doch richtige Adventsstimmung, Licht nur von Kerzen und richtige Orgelmusik.

Vermischtes
Eine weitere schöne Sache war eine Schnuppersprachstunde in unserer isländischen Bar. Das hatte Ellie entdeckt und zu meiner Freude kamen auch noch Mathieu und zwei Bekannte vom Tango.
Apropos Tango, für Leute mit gutem Internet: ein Video meines Tangolehrers bei einem Interview.
http://www.portsmouth.co.uk/life/it-s-strictly-tango-for-flavio-1-6447026

Ganz in der Nähe der isländischen Bar hat ausserdem eine neue Kneipe aufgemacht. Ihr dunkles Dekor, gutes Essen und hausgemachtes Bier erinnern mich nämlich stark an die Kneipen meiner Jugend in Torun und Lodz. Abgesehen davon schließt sie eine Lücke zwischen zwei bereits vorher immer schöner gewordenen Ecken der Stadt, wo in den letzten zwei Jahren eine ganze Reihe sympathischer Orte entstanden waren. Damit haben wir in dieser Gegend fast sowas wie eine Flaniermeile.

Meine psychologische Beratung ist nach eineinhalb Jahren vorbei. Die Beraterin hat eine neue Arbeit gefunden, aber mir waren auch langsam die Themen ausgegangen. Das gesparte Geld kann ich gut gebrauchen, aber noch wichtiger ist mir die gewonnene Zeit. Die zusätzliche Stunde will ich in Singübungen investieren und hoffentlich andere Abende entlasten.

Mitte Dezember hatte Ellie ungern 30. Geburtstag. Von mir bekam sie dafuer einen indischen Saari. Er kam aus lokalem Laden, der mir schon frueh aufgefallen war; jetzt habe ich endlich jemanden zum Anziehen.

Im Kino habe ich den Film Gravity gesehen. Astronaut sein wäre nichts für mich. Ich brauche festen Boden. Literarisch habe ich in meinem Buch das Kapitel über Preußen gelesen, d.h. das eigentliche Preußen der Pruzzen und Nachfolger.

Anfang Dezember hatte ich mir der Zahnarzt zwei Löcher repariert, die sich doch als größer rausgestellt haben. Jetzt ist aber alles gut verfüllt und in Ordnung.

Dank Lidl konnte der Nikolaus Ellies Schuh ordentlich füllen.

Auch Buddha hatte noch nie ein Nikolauspaket gesehen.

Sonntag, 23. November 2014

Gedankenlos mit guten Zähnen

In letzter Zeit waren wir hier recht nah an Deutschland. Wie ich inzwischen mitbekommen habe, hat die Ausstellung "Deutschland - Gedächtnis einer Nation" des Britischen Museums auch in Deutschland Bekanntheit erlangt. Mir wurde davon zuerst vor einigen Wochen von meiner Gesangslehrerin erzählt und werde Ellie anlässlich ihres Geburtstages an meinem letzten Wochenende vor Weihnachten dorthin und noch in andere Ausstellungen nehmen. Damit erfüllt sich ganz unerwartet doch noch ein schon verloren geglaubter Plan, einmal ein ganzes Wochenende intensiv die Londoner Museen zu nutzen. In der Zwischenzeit verfolgen wir eine begleitende Radiosendung des Direktors des Britischen Museums persönlich. Jeden Tag bespricht er anhand eines von 30 aus insgesamt 100 Objekten der Ausstellung im Radio 15 Minuten lang Aspekte der deutschen Geschichte. Neben einer spürbaren Sympathie für das Land ist es auch sehr gut recherchiert. Insbesondere geht er gut auf Nuancen ein, die für Briten aufgrund ihrer Geschichte schwer verständlich sind, was es für Ellie umso besser macht. Immer wieder überschneiden sich die Themen dann mit ihrem Geburtstagsgeschenk, dem Buch Vergessene Reiche, an dessen Mitte ich mich weiter tapfer herankämpfe. Ellie kennt sämtliche Königskinder Aragons und weiß wann und warum sie zu englischen Königinnen und deutschen Kaisern wurden. Und ich erfahre noch was neues über Polen.
Eine der ersten Episoden, die wir uns angehört haben, behandelt die innerdeutsche Grenze. Praktischerweise konnten wir am gleichen Tag im Internet auch live die Veranstaltungen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls verfolgen. Auch für mich war die Lichtinstallation sehr interessant, weil ich selbst nie genau wusste, wo die Mauer verlief. Außerdem konnten wir Beethovens 9. Symphonie einmal von Profis gespielt hören.

Einige Leute aus dem Dunstkreis des Musikfakultät gaben ein gratis Konzert, wo es ausnahmsweise gute Musik in guter Ausführung gab. Wie immer bei diesen seltenen Anlässen tagträumte ich mich an die HMT. Einen Tag darauf kam Kalina nach Portsmouth und ging mit mir auf die halbjährliche Salsaparty im Spinnaker-Turm im Hafen. Dort war sie zum zweite und ich zum dritten Mal, und mir hat es noch besser gefallen als im Mai, weil weniger Leute reingelassen wurden und man mehr Platz hatte. Kalina blieb über Nacht auf Ellies Sofa und am Folgetag gingen wir alle ins Musical Anatevka. Wieder hat mich beeindruckt, dass es professionelle Kultur praktisch gar nicht gibt, die örtlichen Amateurtruppen dafür zum Teil sehr gut sind. Nur still sein kann das Publikum einfach nie.


Ich selbst habe mir leichtsinnig ebenfalls einen Auftritt eingebrockt. Für die halbjährliche offene Bühne der Musikfakultät habe ich ein Lied auf dem Musical Kiss me Kate angemeldet. Seit Monaten hatte mich meine Gesangslehrerin dazu ermuntert und am Ende habe ich gedankenlos zugesagt. Unterstützt werde ich von einer Sopranin und einer Pianistin, beides studierte Musiker. Die erste Probe war eine Erniedrigung; einmal mehr hat mich meine romantische Ader in die Selbstüberschätzung geführt.


Ähnlich erfolgreich war ich auf meinem ersten Go Kart Rennen anlässlich eines Geburtstages. Ich musste erst verstehen, dass der Wagen in Kurven auch wirklich nicht umkippt, bis ich mit Freude aufs Gaspedal treten konnte. Ellie war um einiges besser im Feld, hatte das aber auch im Vorjahr gemacht.


Mit Mathieu habe ich den alten Film Die Schlacht um Algiers über den algerischen Unabhängigkeitskrieg gesehen. Mir war das zum ersten Mal im Studium von meinem algerischen Französischlehrer gezeigt worden. In der Organisation des örtlichen Filmvereins schloss sich ein kurzes Expertenpanel an, da waren wir in den hinteren Reihen aber schon mit dem Gratiswein beschäftigt.


Gute Nachrichten zum Schluss aus der Medizin: mein erster Zahnarztbesuch seit vier Jahren bescheinigte mir beruhigenderweise 'einen guten Mund'. Nur zwei kleine Füllungen werden Anfang Dezember gesetzt. Mit neuem Vertrauen in meine Zähne habe ich das Keksebacken zum einzig wahren deutschen Advent eingeläutet.

Sonntag, 9. November 2014

Istanbul

Istanbul war ein sehr alter Plan, um nicht zu sagen Traum von mir. Exotik und Zivilisation riefen. Nur Zeit wollte ich ganz viel haben, und das hieß Geld. Darum bin ich erst jetzt gefahren.
Erstmal musste ich mich aber akklimatisieren, nicht nur aufgrund von Stadtgröße und Klima, sondern auch wegen kulturellen Unterschieden. Uns war es unangenehm, in jedes Cafe und Restaurant hineingerufen zu werden und am ersten Tag Straßenkinder abschütteln zu müssen. Unser Hostel wurde von sehr netten Menschen geführt, besaß aber nur die allernötigste Ausstattung. Wände waren dünn und die erste Nacht, ein Samstag, laut. Vor allem Friedemann hat da schlecht geschlafen und wir haben auch beide einen Schnupfen gekriegt. Hatte ich so spät im Jahr auf weniger Touristen und trotzdem gutes Wetter gehofft, gab es Sonne erst ganz am Ende und immer noch Kreuzfahrtschiffe im Hafen.
Umso besser war es, einen Fremdenführer zu haben. Das habe ich nur aufgrund von Papas Empfehlung überhaupt erwogen, und das Geld war gut angelegt. Nicht nur erfuhren wir so viele Zusammenhänge zwischen den Fakten, sondern er sparte uns auch ganze Stunden Anstehzeit in den endlosen Schlangen der Normaltouristen. Natürlich waren die zwei Tage mit ihm trotzdem beinharte Besichtigungsarbeit und wir waren abends immer fertig. Befolgt habe ich auch Opa Tipp und habe mir von Friedemann Pamuks "Istanbul" aus der Lübecker Bibliothek mitbringen lassen. Gefallen haben mir aber nur seine Beschreibungen der Stadt in früheren Zeiten, nicht seine Selbstreflektionen.
Durch all das konnten wir erst nach einigen Tagen richtig entspannen und das positive am Trubel und der Größe einer 15 Millionen Stadt genießen. Dann kamen wir auf unsere Kosten mit Kultur und in den zahllosen spät öffnenden Lokalen, mit zivilisiertem Essen und wie mir erst im Nachhinein klar wurde, ganz ohne Betrunkene.

Zu erzählen gibt es natürlich zu viel. Wie nach unserer Skandinavienreise gibt es daher nur eine Liste persönlicher Lieblingserinnerungen, von mir und dann von Friedemann.


Johannes

  • die rigoroseste Besucherführerin der Welt
  • das Archäologie-Museum, das seit 1970 nicht mehr erneuert wurde und den Weg zur Toilette mit originalen antiken Statuen markiert
  • Bosphorus Tour und Rückmarsch am Tag der Republik
  • die Freskos in der Chora Kirche
  • die Süleymaniye Moschee
  • wir haben Backgammon gelernt
  • türkischer Tee
  • türkischer Kaffee im kleinen Cafe an der Hauptstraße
  • türkisches Essen
  • das Meer auf der Rückfahrt von den Prinzeninseln
  • Fischbrötchen und Nachttee am Goldenen Horn
  • die gut gepflegten Straßenkatzen
  • gelangweilte Verkäufer und Bedienungen die niemals lächeln
  • türkischer 60er Jahre Schlager und Laternen in den Bäumen
  • das Nachtleben in den Seitenstraßen der Hauptstraße im Beyoglu Viertel
  • Navigieren zwischen schwedischem Konsulat und Gymnasium
  • sämtliche Treppen und Bergstraßen
  • Orhan Pamuks Schwermut, Wehmut und Melancholie
  • Hausfrauen lassen Körbe an Leinen das Haus hinunter
  • der Unterschiede zwischen Kebab, Köfte, Dürum und wie man Lahmacün isst
  • iki cay lütfen
  • prophylaktisches Hupen zu jeder Gelegenheit
  • Taxis wo die Gurte erst gar nicht greifbar sind
  • ich habe gelernt, woher das Wort Kiosk kommt

Friedemann:

  • natürlich all die Straßenkatzen an jeder Ecke, vor allem am ersten Sonntag und auf den Prinzeninseln zusammen mit den Straßenhunden
  • der Bummel durch Beyoglu und Galata am ersten Tag, die interessanten Dinge am Wegesrand wie die englische Kirche
  • der Fischmarkt am Abend, und Balik Ekmek
  • der improvisierte Teeverkauf abends neben der Galatabrücke
  • der Bummel auf der asiatischen Seite durch Kadiköy, trotz Regen
  • der Rückweg zu Fuß und mit dem Bus nach der Bosporusfahrt, vorbei an der Festung, dem Luftgewehr auf der Kaimauer und den geschätzten 623 Anglern
  • der Bummel durch die Seitengassen in Beyoglu jeden Abend, die kleine Kneipe mit Buddha 2, der Stammkatze
  • die schöne Atmosphäre in der Süleymaniye Moschee
  • die Rundgänge durch das Basarviertel
  • die Sergius Bacchus Kirche
  • der Gang mir unserem Führer von der Sergius Bacchus zur Fähre, wo wir durch ein einfaches Wohnviertel gelaufen sind und über den Wochenmarkt
  • die Touristenführerin im Dolmabance Palast, die am liebsten unsere halbe Gruppe vom Wachdienst hätte abführen lassen

Blick vom Bosphorus auf unser Viertel, viele Treppen und Steigungen hinauf.
Unser täglich Brot, der Blick auf die Karte im Reiseführer.


Die Stammkatze in unserem Lieblingslokal verteidigte ihre Versorgungsrechte handfest gegen andere Straßenkatzen.

Bei dieser Aussicht beendeten wir den ersten Tag und widmeten uns Tee und Fischbroten.



Gott ist groß, Johannes ist klein.

Viele schöne Farben für Touristen auf dem Basar.


Der Diskopalast Dolmabance, Heim der rigorosesten Fremdenführerin der Welt.
Hier und auf so einem Schiff begann unsere Bosphorusfahrt.


Auf der asiatischen Seite, der Bahnhof der alten Bagdadbahn.
Die Rumelifestung, mir bekannt von Opas Dias, am Tag der Republik geschlossen.
Den Rückfahrt entlang des Bosphorus machten wir mit Bus und zu Fuß, vorbei an vollen Cafes, einer Million Angler und...

...Ballons, die zum Tag der Republik im Wasser mit einem Luftgewehr zerschossen werden durften.




Bei meiner Abfahrt fand Friedemann noch diese Vista.



Montag, 3. November 2014

Bevor ich dann weg bin

Das geschah vor der Reise nach Istanbul.

Sesselreise
Wie ich schon am Telefon habe anklingen lassen, habe ich seit der Erledigung meiner Steuererklärung etwas Zeit und Ruhe. Zum Beispiel kann ich mehr Zeit auf Ellie und Mathieu verteilen. Mit letzterem bin ich zur Sesselreise gegangen, einem weiteren Beweis dafür, dass ich meine Hobbys vor allem mit Rentnern teile. Aber schließlich waren wir uns nach der Veranstaltung einig, dass wir auch gerne im Ruhestand wären. Ein älteres Paar verarbeitet da einmal pro Jahr seine häufigen Urlaube in halbstündige Dokumentationen auf hohem Amateurniveau auf, komplett mit Bildbearbeitung und Kommentar.Dementsprechend war es zu meiner Überraschung auch ausverkauft. Diesmal waren es vier Filme, einer vom Comosee nicht allzuweit von Mathieus zu Hause, und einer aus Berlin. Anhand letzterem konnte ich auch feststellen, dass der Kommentar sehr gut recherchiert war. Die anderen beiden Filme aus den USA haben mir wieder bestätigt, dass mich das Land abseits der Natur irgendwie nicht interessiert. Ich habe sogar meinen eigenen Applaus und Verbeugung bekommen, als der Veranstalter bekanntgab, dass wir jemanden aus Berlin (naja) da hätten. Wir waren die einzigen im Publikum unter 50 und war sofort mit den Veranstaltern ins Gespräch gekommen.

Bristol
Ein Wochenende ging es mit Mathieu zu einem Treffen mit seiner Gang nach Bristol. Ursprünglich hätte auch Ellie mitkommen sollen, aber dann musste sie am Samstag bei einem offenen Tag sprechen. So teilte ich das Wochenende halb und halb und kam früher zurück, damit sie auch nicht zu kurz kam.
Meine beiden Ausflüge nach Bristol im letzten Jahr waren mir in guter Erinnerung in Hinblick auf Kultur, Kulinarisches und die allgemeine Stadtathmosphäre. Unsere Gastgeber Elizabeth und Adrian wohnen dort seit ca einem Jahr in einem alternativen Viertel voller anspruchsvoller Graffiti, für die Bristol bekannt ist (der bekannte Künstler Banksy kommt aus der Stadt). Die Hauptstraße in der Nähe war mir noch nicht bekannt und voller Clubs, Pubs und guter Restaurant. Gerade an diesem Abend ließ an vielen Orten ein Musikfestival. Auf dem Weg ins Zentrum fand ich wieder verschiedene plötzlich auftauchende Kleinode wie ein Haus im Jugendstil, und gegenüber eins in maurischer Art, so wie ich es in postindustriellen Orten ja mag. Am besten war eine große Markthalle, die mir auch nicht bekannt war. Dorthin nahm uns unsere Portugiesin Carla, denn in einer Bude machten Landsleute originale portugiesische Vanillekuchen; die Großmutter füllte gerade das nächste Blech.
Enttäuscht hat mich dagegen die Kunstgallerie Arnolfini am Hafen, die mir im letzten März noch so gefallen hatte. Stattdessen tranken wir ein Bier am Fluss, bis die Sonne weg war.
Später waren wir wieder ausgezeichnet englisch essen. Inzwischen verbinde ich Bristol fest mit guter englischer Küche. Die Tanzversuche in verschiedenen Pubs danach hätten wir uns dagegen sparen können.
Das Frühstück am nächsten Morgen war wie in alten Freiwilligenzeiten. Leider kam ich spät zurück zu Ellie. Dabei sieht sie mich die nächsten zwei Wochenenden ja gar nicht.


Im Ziergarten von Haus Stansted mit der Sonne im Gesicht.



Sonniger Herbst am Meer.


Der Rosengarten ist ganz offenbar klug bepflanzt und erlebt eine zweite Bluete - im September war fast alles weg.

Samstag, 4. Oktober 2014

Sturmfrei

Allein zu Haus
Ein Wochenende hatte ich den ungewohnten Komfort einer eigenen Wohnung, als Ellie in Manchester war und ich ihre vier Wände und Katze hütete. Bei der Gelegenhein habe ich Ellie verstehen gelernt, die wegen der Katze ungern lang aus dem Haus ist. So sehr ich die Katze mag, wuerde mein Lebensstil langfristig kein Haustier vertragen, denn ich schluepfte ganz schnell in meinen normalen Wochenendstil und war fast nur unterwegs. Ganz ehrlich hatte ich mich auf ein Wochenende allein (Freunde waren auch beschäftigt) gefreut, mit Zeit nur für mich und diverse Aufgaben, die immer liegen bleiben. Zum Beispiel früh aufstehen und morgens am Meer spazieren gehen, konzentriertes Lesen und Singen. Daraus ist aber nichts geworden, da die Abende alle viel länger dauerten als gedacht. Schöne Stunden tagsüber waren aber doch drin. Neben vielen kleinen Erledigungen wurde ich Samstag zum Beispiel zum Mittag bei meiner griechischen Freundin Myropi eingeladen, deren Mutter Ellie und mich seinerzeit so verwöhnt hatte.
Am selben Abend hätten wir ja auf der Bühne Tango tanzen sollen, nach der Absage war dann von einer Frau unserer Truppe trotzdem eine Feier organisiert worden. Die hat einen richtigen Landsitz mit einer extra Tanzhalle. Leider ist das Tanzen erst spät in Gang gekommen und ich war dementsprechend spät zu Hause, zumal ich von meinen Fahrern abhängig war.

Oxford

Am Sonntag hatte ich ursprünglich Ellies Abwesenheit für einen ordentichen Ausflug nur mit Mathieu nutzen wollen. Als wir uns für Oxford entschieden, luden wir aufgrund der günstigen Lage Elizabeth und Adrian aus Bristol dazu, aus der Gruppe, die im Sommer in Portsmouth waren und die wir alle, inklusive Ellie, in 3 Wochen besuchen werden. Mathieus polnische Freundin traf ich hier auch zum ersten Mal. Sie kommt aus der Kleinstadt Lowicz nördlich von Lodz, wo ich mehrmals gewesen bin, u.a. zur Fronleichnamprozession. Wir nahmen unsere Räder mit und sich nach der Ankunft erstmal an der Themse langgefahren. Mittag aßen wir am Wasser und gingen dann im Park des Christchurch College spazieren, wo Kalina und ich vor 2 Jahren so glücklich in die historische Esshalle gekommen sind, bekannt aus Harry Potter Filmen. Jetzt stand die Schlange bis vors Tor.
Auch den wunderschönen und viel ruhigeren Park hinter dem Worcester College besuchten wir.
Nur zurück sind wir wieder viel zu spät gekommen. Ich habe noch schnell meine bulgarischen Mitbewohner verabschiedet, die am nächsten Tag auszogen. Dann schnell zurück in Ellies Wohnung und die Katze gefüttert. Montag morgen war ich genauso unausgeschlafen wie nach normalen Wochenenden mit Ellie.

Zu Hause

Ein weiteres Wochenende spaeter habe ich auch Ellies Vater kennen gelernt, der sie fuer einen Tag besuchen kam. Die Eltern hatten sich getrennt, als Ellie 7 war; die Mutter hatte ich beim Umzug vor einem halben Jahr getroffen.

Im Übrigen ist es entgegen landläufiger Erwartung weiterhin möglich und lohnend, schwimmen zu gehen. Abends kommt meistens nochmal richtig die Sonne raus und ich sollte viel häufiger am Meer sein als ich es schaffe. Manchmal ist der Sommer praktisch zurück. Am Morgen vor der Fahrt nach Oxford liefen wir alle in kurzen Hosen und Sandalen rum. Das Licht über dem Meer ließ die Isle of Wight optisch verschwinden und man sah hinaus wie auf offenes Wasser, wie in Warnemünde.

Das Filmfestival in Portsmouth konnte ich nicht viel nutzen, habe aber mit Mathieu noch den palästinensischen Film "Omar" gesehen. Mit ihm habe ich auch ein neues Großtreffen in Bristol festgelegt, was am letzten Wochenende vor meiner Fahrt nach Istanbul stattfinden soll. Dabei werde ich mit Ellie bei der gleichen Frau übernachten, bei der ich vor einem Jahr eine Nacht auf der Durchreise zur Konferenz in Wales geblieben war.


Zwischenzeitlich hatte ich einige Beschweden mit meiner Mundschleimhaut. Das ging zwar von allein vorbei, hat mich aber zumindest dazu gebracht, mich endlich bei einem Zahnarzt anzumelden.

Ich hatte inzwischen seit vier Jahren keine Untersuchung mehr, seit ich nach York gegangen bin. Damals hieß es, Wartezeit 18 Monate und das hat bis heute mein Verständnis des britischen Versorgungssystems bestimmt. Jetzt stellt sich raus, ich war nicht ganz richtig informiert. Verwirrt bin ich weiterhin zwischen der Option Privat- und Kassenpatient. Letztere ist natürlich billiger, aber jeder Zahnarzt nimmt nur eine bestimmte Anzahl und ich dachte die Plätze sind alle voll. In der Tat ist auf Nachfrage kaum jemand aus meinem ausländischen Bekanntenkreis angemeldet. Jetzt ging das aber ohne Probleme. Den ersten Termin habe ich Anfang November und ich freue mich auf die erste Bilanz nach vier Jahren.

Auf der Arbeit wurde mein in Wales geplanter Vortrag abgesagt, was mir eine Reise ersparte. Dafür hatte ich eine von mir so geschätzte Fortbildung an einem Datenverarbeitungsprogramm. Ansonsten war es ruhig, da meine Chefin zwei Wochen auf Urlaub war. Dafür betreue ich einen neuen Kollegen, der frisch von der Uni kommt.


Auch einen neuen Mitbewohner haben wir. Er heißt Paolo und ist englischer Erstsemester. Im Moment sehe ich aber weder von ihm noch von den anderen etwas, weil ich so wenig zu Hause bin.


Zuletzt gibt es frohe Botschaften: Es gibt seit kurzem richtiges, frisch gebackenes Brot in Portsmouth. Ein tschechisches Pärchen hat eine Bäckerei eröffnet, wo sie zwei Sorten normales Sauerteigmischbrot anbieten ohne Schnickschnack. Handgemachtes Brot ist zwar generell populär geworden in England, doch meist ist es eher von französischer Art, zu weich und in unnötigen Varianten mit Tomaten oder Oliven.



Immer eine gute Zeit: am Meer.
Mathieu und Freundin am Fluss.