In letzter Zeit waren wir hier recht nah an Deutschland. Wie ich inzwischen mitbekommen habe, hat die Ausstellung "Deutschland - Gedächtnis einer Nation" des Britischen Museums auch in Deutschland Bekanntheit erlangt. Mir wurde davon zuerst vor einigen Wochen von meiner Gesangslehrerin erzählt und werde Ellie anlässlich ihres Geburtstages an meinem letzten Wochenende vor Weihnachten dorthin und noch in andere Ausstellungen nehmen. Damit erfüllt sich ganz unerwartet doch noch ein schon verloren geglaubter Plan, einmal ein ganzes Wochenende intensiv die Londoner Museen zu nutzen. In der Zwischenzeit verfolgen wir eine begleitende Radiosendung des Direktors des Britischen Museums persönlich. Jeden Tag bespricht er anhand eines von 30 aus insgesamt 100 Objekten der Ausstellung im Radio 15 Minuten lang Aspekte der deutschen Geschichte. Neben einer spürbaren Sympathie für das Land ist es auch sehr gut recherchiert. Insbesondere geht er gut auf Nuancen ein, die für Briten aufgrund ihrer Geschichte schwer verständlich sind, was es für Ellie umso besser macht. Immer wieder überschneiden sich die Themen dann mit ihrem Geburtstagsgeschenk, dem Buch Vergessene Reiche, an dessen Mitte ich mich weiter tapfer herankämpfe. Ellie kennt sämtliche Königskinder Aragons und weiß wann und warum sie zu englischen Königinnen und deutschen Kaisern wurden. Und ich erfahre noch was neues über Polen.
Eine der ersten Episoden, die wir uns angehört haben, behandelt die innerdeutsche Grenze. Praktischerweise konnten wir am gleichen Tag im Internet auch live die Veranstaltungen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls verfolgen. Auch für mich war die Lichtinstallation sehr interessant, weil ich selbst nie genau wusste, wo die Mauer verlief. Außerdem konnten wir Beethovens 9. Symphonie einmal von Profis gespielt hören.
Einige Leute aus dem Dunstkreis des Musikfakultät gaben ein gratis Konzert, wo es ausnahmsweise gute Musik in guter Ausführung gab. Wie immer bei diesen seltenen Anlässen tagträumte ich mich an die HMT. Einen Tag darauf kam Kalina nach Portsmouth und ging mit mir auf die halbjährliche Salsaparty im Spinnaker-Turm im Hafen. Dort war sie zum zweite und ich zum dritten Mal, und mir hat es noch besser gefallen als im Mai, weil weniger Leute reingelassen wurden und man mehr Platz hatte. Kalina blieb über Nacht auf Ellies Sofa und am Folgetag gingen wir alle ins Musical Anatevka. Wieder hat mich beeindruckt, dass es professionelle Kultur praktisch gar nicht gibt, die örtlichen Amateurtruppen dafür zum Teil sehr gut sind. Nur still sein kann das Publikum einfach nie.
Ich selbst habe mir leichtsinnig ebenfalls einen Auftritt eingebrockt. Für die halbjährliche offene Bühne der Musikfakultät habe ich ein Lied auf dem Musical Kiss me Kate angemeldet. Seit Monaten hatte mich meine Gesangslehrerin dazu ermuntert und am Ende habe ich gedankenlos zugesagt. Unterstützt werde ich von einer Sopranin und einer Pianistin, beides studierte Musiker. Die erste Probe war eine Erniedrigung; einmal mehr hat mich meine romantische Ader in die Selbstüberschätzung geführt.
Ähnlich erfolgreich war ich auf meinem ersten Go Kart Rennen anlässlich eines Geburtstages. Ich musste erst verstehen, dass der Wagen in Kurven auch wirklich nicht umkippt, bis ich mit Freude aufs Gaspedal treten konnte. Ellie war um einiges besser im Feld, hatte das aber auch im Vorjahr gemacht.
Mit Mathieu habe ich den alten Film Die Schlacht um Algiers über den algerischen Unabhängigkeitskrieg gesehen. Mir war das zum ersten Mal im Studium von meinem algerischen Französischlehrer gezeigt worden. In der Organisation des örtlichen Filmvereins schloss sich ein kurzes Expertenpanel an, da waren wir in den hinteren Reihen aber schon mit dem Gratiswein beschäftigt.
Gute Nachrichten zum Schluss aus der Medizin: mein erster Zahnarztbesuch seit vier Jahren bescheinigte mir beruhigenderweise 'einen guten Mund'. Nur zwei kleine Füllungen werden Anfang Dezember gesetzt. Mit neuem Vertrauen in meine Zähne habe ich das Keksebacken zum einzig wahren deutschen Advent eingeläutet.
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