Sonntag, 9. November 2014

Istanbul

Istanbul war ein sehr alter Plan, um nicht zu sagen Traum von mir. Exotik und Zivilisation riefen. Nur Zeit wollte ich ganz viel haben, und das hieß Geld. Darum bin ich erst jetzt gefahren.
Erstmal musste ich mich aber akklimatisieren, nicht nur aufgrund von Stadtgröße und Klima, sondern auch wegen kulturellen Unterschieden. Uns war es unangenehm, in jedes Cafe und Restaurant hineingerufen zu werden und am ersten Tag Straßenkinder abschütteln zu müssen. Unser Hostel wurde von sehr netten Menschen geführt, besaß aber nur die allernötigste Ausstattung. Wände waren dünn und die erste Nacht, ein Samstag, laut. Vor allem Friedemann hat da schlecht geschlafen und wir haben auch beide einen Schnupfen gekriegt. Hatte ich so spät im Jahr auf weniger Touristen und trotzdem gutes Wetter gehofft, gab es Sonne erst ganz am Ende und immer noch Kreuzfahrtschiffe im Hafen.
Umso besser war es, einen Fremdenführer zu haben. Das habe ich nur aufgrund von Papas Empfehlung überhaupt erwogen, und das Geld war gut angelegt. Nicht nur erfuhren wir so viele Zusammenhänge zwischen den Fakten, sondern er sparte uns auch ganze Stunden Anstehzeit in den endlosen Schlangen der Normaltouristen. Natürlich waren die zwei Tage mit ihm trotzdem beinharte Besichtigungsarbeit und wir waren abends immer fertig. Befolgt habe ich auch Opa Tipp und habe mir von Friedemann Pamuks "Istanbul" aus der Lübecker Bibliothek mitbringen lassen. Gefallen haben mir aber nur seine Beschreibungen der Stadt in früheren Zeiten, nicht seine Selbstreflektionen.
Durch all das konnten wir erst nach einigen Tagen richtig entspannen und das positive am Trubel und der Größe einer 15 Millionen Stadt genießen. Dann kamen wir auf unsere Kosten mit Kultur und in den zahllosen spät öffnenden Lokalen, mit zivilisiertem Essen und wie mir erst im Nachhinein klar wurde, ganz ohne Betrunkene.

Zu erzählen gibt es natürlich zu viel. Wie nach unserer Skandinavienreise gibt es daher nur eine Liste persönlicher Lieblingserinnerungen, von mir und dann von Friedemann.


Johannes

  • die rigoroseste Besucherführerin der Welt
  • das Archäologie-Museum, das seit 1970 nicht mehr erneuert wurde und den Weg zur Toilette mit originalen antiken Statuen markiert
  • Bosphorus Tour und Rückmarsch am Tag der Republik
  • die Freskos in der Chora Kirche
  • die Süleymaniye Moschee
  • wir haben Backgammon gelernt
  • türkischer Tee
  • türkischer Kaffee im kleinen Cafe an der Hauptstraße
  • türkisches Essen
  • das Meer auf der Rückfahrt von den Prinzeninseln
  • Fischbrötchen und Nachttee am Goldenen Horn
  • die gut gepflegten Straßenkatzen
  • gelangweilte Verkäufer und Bedienungen die niemals lächeln
  • türkischer 60er Jahre Schlager und Laternen in den Bäumen
  • das Nachtleben in den Seitenstraßen der Hauptstraße im Beyoglu Viertel
  • Navigieren zwischen schwedischem Konsulat und Gymnasium
  • sämtliche Treppen und Bergstraßen
  • Orhan Pamuks Schwermut, Wehmut und Melancholie
  • Hausfrauen lassen Körbe an Leinen das Haus hinunter
  • der Unterschiede zwischen Kebab, Köfte, Dürum und wie man Lahmacün isst
  • iki cay lütfen
  • prophylaktisches Hupen zu jeder Gelegenheit
  • Taxis wo die Gurte erst gar nicht greifbar sind
  • ich habe gelernt, woher das Wort Kiosk kommt

Friedemann:

  • natürlich all die Straßenkatzen an jeder Ecke, vor allem am ersten Sonntag und auf den Prinzeninseln zusammen mit den Straßenhunden
  • der Bummel durch Beyoglu und Galata am ersten Tag, die interessanten Dinge am Wegesrand wie die englische Kirche
  • der Fischmarkt am Abend, und Balik Ekmek
  • der improvisierte Teeverkauf abends neben der Galatabrücke
  • der Bummel auf der asiatischen Seite durch Kadiköy, trotz Regen
  • der Rückweg zu Fuß und mit dem Bus nach der Bosporusfahrt, vorbei an der Festung, dem Luftgewehr auf der Kaimauer und den geschätzten 623 Anglern
  • der Bummel durch die Seitengassen in Beyoglu jeden Abend, die kleine Kneipe mit Buddha 2, der Stammkatze
  • die schöne Atmosphäre in der Süleymaniye Moschee
  • die Rundgänge durch das Basarviertel
  • die Sergius Bacchus Kirche
  • der Gang mir unserem Führer von der Sergius Bacchus zur Fähre, wo wir durch ein einfaches Wohnviertel gelaufen sind und über den Wochenmarkt
  • die Touristenführerin im Dolmabance Palast, die am liebsten unsere halbe Gruppe vom Wachdienst hätte abführen lassen

Blick vom Bosphorus auf unser Viertel, viele Treppen und Steigungen hinauf.
Unser täglich Brot, der Blick auf die Karte im Reiseführer.


Die Stammkatze in unserem Lieblingslokal verteidigte ihre Versorgungsrechte handfest gegen andere Straßenkatzen.

Bei dieser Aussicht beendeten wir den ersten Tag und widmeten uns Tee und Fischbroten.



Gott ist groß, Johannes ist klein.

Viele schöne Farben für Touristen auf dem Basar.


Der Diskopalast Dolmabance, Heim der rigorosesten Fremdenführerin der Welt.
Hier und auf so einem Schiff begann unsere Bosphorusfahrt.


Auf der asiatischen Seite, der Bahnhof der alten Bagdadbahn.
Die Rumelifestung, mir bekannt von Opas Dias, am Tag der Republik geschlossen.
Den Rückfahrt entlang des Bosphorus machten wir mit Bus und zu Fuß, vorbei an vollen Cafes, einer Million Angler und...

...Ballons, die zum Tag der Republik im Wasser mit einem Luftgewehr zerschossen werden durften.




Bei meiner Abfahrt fand Friedemann noch diese Vista.



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