Es war nur ein leichter Infekt, der mich einige Tage lang schwach fühlen ließ, sich dann aber auch zwei Wochen lang nicht völlig zurückzog. Einen Tag habe ich mich sogar krank gemeldet und bin zu Hause geblieben. Und obwohl ich nach ein paar Stunden merkte, dass das auch gut war, mache ich sowas nicht gerne, wie schon in der Schule. Dementsprechend war es in über zwei Jahren auch erst der zweite Krankheitstag. Allerdings war der erste seinerzeit sehr angenehm gewesen und ich hatte schon lange mal Lust gehabt, wieder an einem Werktag durch die Stadt zu spazieren. Die Zeit habe ich dann auch genutzt, ans Meer zu gehen, wo die Sonne schien und am Strand Tee zu trinken. Auf dem Weg hatte ich auch endlich mal wieder Zeit, mich in einem Laden mit einem Lokalpatrioten über ein bekanntes aber nicht mehr existierendes Wahrzeichen der Stadt zu verquatschen.
Das war ein Freitag und zum Tango bin ich abends trotzdem gegangen. Schließlich kam diesmal eine ganze Gruppe Freunde mit. Seit Mitte Januar ist nämlich eine Freundin von Mathieu und mir für einen Monat in der Region, Carla aus Portugal. Es war nicht vergessen, dass wir schon zwei Jahren gesagt hatten, wir müssten mal Tango tanzen gehen. Sie brachte eine weitere Portugiesin mit und dazu stießen der inzwischen aus Asien zurückgekehrte Mathieu, interessanterweise mit seiner Ex-Freundin. Wie ich den wie immer nervösen Anfängern wiederholt versichterte ist unsere Tangogruppe auch freundlich und als Mathieu einmal aufgeben wollte, wurde er von jemand anderem ermutigt und zurückgeholt. Die beiden Portugiesinnen blieben auch bis ganz zum Schluss und wir hatten großen Spaß.
An einem anderen Wochenende gingen Ellie und ich zu einer besonderen Vorführung von Puccinis Turandot. Unser immer noch wegen Renovierung geschlossenes Haupttheater führt mit einer Londoner Uni für Asienstudien ein Projekt, die Oper auf Mandarin und mit chinesischen Instrumenten aufzuführen. Über den Chor hatte ich erfahren, dass sie eine gratis Werkschau anboten. In Portsmouth hat man nicht viele Ansprüche und gerade weil es kostenlos war, wusste ich nicht, was ich erwarten sollte. Zum Glück wollte auch Ellie hin, die eine große Schwäche für Asien hat. Die fünf Sänger und ein Dutzend Musiker stellten sich alle als gut raus und es folgte eine interessante Fragestunde. Dort erfuhren wir, warum Mandarin so überraschend gut als Gesang funktioniert und wie man mit chinesischen Instrumenten Lautstärkeunterschiede erzielt, obwohl sie dafür nicht konstruiert sind. Sollte das Projekt Aufführungsreife erlangen, will man den Chor jeweils mit lokalen Sängern besetzen. Ellie und ich sind bereit.
Während diese Veranstaltung gratis war, haben wir den Besuch der Stadthalle gleich genutzt, ordentlich Geld für zwei Komiker auszugeben. Ross Noble haben wir inzwischen gesehen, ihn kannte ich vorher nicht. Er kann zwei Stunden mit reiner Improvisation füllen und hat dazu einen Akzent aus der Region nördlich von Newcastle. Bei der Gelegenheit hat er uns auf eine neue Attraktion in Portsmouth aufmerksam gemacht, ein Museum für Kreationismus. Ellie und Freunde wollen unbedingt mal hin. Im Dezember dann kommt Bill Bailey, ein alter Hippie und ausgezeichneter Musiker, den mir Ellie schon oft gezeigt hat.
Am Wochenende darauf war das einzig Interessante der Brasilianische Tag eines Cafes in der Nähe. Das war eine Empfehlung meines brasilianischen Tangolehrers. An sich gab es nur sonst nicht gebotene brasilianische Spezialitäten und Musik aus der Dose. Aber sowohl für Ellie als auch mich erstes Mal dort, das Cafe unterscheidet sich nämlich von außen nicht von den üblichen sterilen englischen Lokalitäten. Innen ist es aber wirklich gemütlich und besonders der Garten wird im Sommer sehr interessant sein. Ganz ähnlich haben wir an einem anderen ereignislosen Sonntag eine Creperie ausprobiert und eine von außen nicht sichtbare Dachterasse gefunden.
Eine etwas interessantere Sache ist Ellies Suche nach einem Auto. Ganz sicher ist sie sich noch nicht, aber nachdem sie im Dezember ihren Führerschein bekommen hat, überlegt sie aktiv, sich ein Auto zu kaufen. Nicht zuletzt, um sich erwachsener zu fühlen - wo sie schon kein eigenes Haus hat. Ich kann ihr dabei nicht helfen, aber zum Glück hat sie erfahrenere Freunde und einen Fahrlehrer als Vater.
In diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs in die englische Immobilienkultur. Wie Ihr wisst kaufen die Briten statt zu mieten. Dazu hat mein Statistikamt kürzlich den Hauspreisindex und etwas Analyse veröffentlicht. Demnach sind Hauspreise in einem Jahr durchschnittlich um 11% gestiegen. Was für mich heißt, dass wieder fröhlich in eine Blase spekuliert wird. Ob der Unterschiede zwischen unseren Ländern unterhalte ich mich viel mit Ellie darüber, deren Selbstbewusstsein sehr damit kämpft, mit 30 noch nicht auf der "Hausleiter" zu sein (NB diese Alltagsmetapher suggeriert, es geht auf der Leiter aufwärts). Das gleiche mache ich mit anderen Ausländern; wir halten das Ganze für Wahnsinn. Nichtsgestotrotz, Kalina hat sich gerade ihre Wohnung gekauft, mit einer Hypothek auf 30 Jahre. Und drüben in Polen, wo nach meiner Recherche noch mehr gekauft wird als hier, hat sich auch Daria eine Wohnung gekauft. Zumindest im schönen Breslau.
Zuletzt das neueste aus Chor und Geschichtsbuch: Die Toskana wurde von Napoleon in das kurzlebige Königreich Etruria verwandelt. Nördlich schuf er die Republik Lucca. In Lucca ging Puccini zur Musikschule und schrieb als Abschlussarbeit unsere Messa di Gloria, bevor er zum Studium ging und nie wieder Sakralmusik schrieb.
| Die erste Rose ist schon da - der Frühling kommt bestimmt! |
| Kein besserer Tag um krank zu sein. |
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