Nach
fast einem Jahr in meinem derzeitigen Projekt haben wir am 23. Januar
den ersten Teil unserer Datenbank veröffentlicht. Er ist hier zu
finden:
http://www.ons.gov.uk/ons/guide-method/census/2011/census-data/census-microdata/microdata-teaching-file/index.html
Jetzt
kann ich also etwas über meine Arbeit sprechen. Als 2012 alle Leute
ihr Volkszählungsformular ausgefülllt haben, haben wir deren
Antworten in einer großen Datenbank gespeichert. Darin hat jeder
einen Zeile Daten mit seinen Antworten zu den einzelnen Fragen
(Alter, Wohnort, Geschlecht...). Sowas nennt man Mikrodaten - mikro
weil es die kleinste Datenebene einer Datensammlung ist. Daraus haben
wir bisher klassische Tabellen veröffentlicht, die für verschiedene
Orte die Gesamtzahl der Menschen mit einem bestimmten Merkmal
summiert ("In London sind 34,000 Menschen 35 Jahre alt").
Das ist gut für öffentliche Ämter und interessant für den
Durchschnittsbürger, richtige Wissenschaftler und Analysten brauchen
aber mehr Details. Unsere Datenbank besteht aus einem Auschnitt aus
der Zentralbank, mit den Datenzeilen für einzelne Personen. Man weiß
also nicht nur, wieviele Menschen 35 alt sind, sondern auch, wer.
Natürlich haben wir die Zeilen anonymisiert, private Informationen
dürfen wir nicht einfach publizieren (das klingt immer schlimm, wenn
wir sagen, wir geben individuelle Datensätze raus, aber ich gehe
jetzt nicht ins Detail, wie wir das sicher machen). Mit der Datenbank
kann man also selbst entscheiden, nach welchen Merkmalen man die
Bevölkerung untersuchen will. Bisher war man davon abhängig, welche
Themen wir zur Veröffentlichung auswählten. Zum Beispiel kann man
sehen, wieviele Männer in Portsmouth 35 sind, zwei Autos haben,
verheiratet sind, sich gesund fühlen und halbtags arbeiten. Das ist
also ganz toll, weil man solches Wissen auf so lokaler Ebene nicht
bekommt und schon gar nicht gratis, was neben armen Wissenschaftlern
insbesondere öffentlichen Ämtern und aktivistisch gesinnten Bürgern
hilft.
Diese
Art Datensatz wurde schon aus den letzten zwei Volkszählungen
erstellt und ist traditionell für Spezialisten bestimmt
(dementsprechend heißt meine Abteilung "Spezielprodukte").
Dieses Mal machen wir mal etwas anders: wir geben drei verschiedene
"Geschmacksrichtungen" raus. Jede gewichtet die Balance
zwischen Datenfülle und Datensicherheit anders. Grundsätzlich kommt
man umso schwieriger an Daten ran, desto mehr Details sie bieten. Je
mehr man über eine Person weiß, desto eher kann sie nämlich im
Datensatz identifizieren (auch wenn keine Namen drin stehen, so kann
man doch z.B. den einzigen Arzt im Dorf erkennen und).
Der
jetzt veröffentlichte Datensatz kann einfach aus dem Internet
geladen werden und hat nur grundlegende Informationen. Er ist das
erste Mikrodatenprodukt, dass gezielt an Laien gerichtet ist und in
der Hinsicht mal etwas wirklich innovatives, auf das man fast stolz
ist. Daher soll es möglichst einfach und einladend sein und muss
sich nicht unbedingt zur ernsthaften Forschung eignen. Es heißt
offiziell "Unterrichtsdatei", was meiner Meinung nach einen
falschen Eindruck vermittelt, da es nicht nur eine gratis Resource
für den Unterricht in Statistik (heute in fast allen Fächern
nötig), sondern einfach dem normalen Bürger als Spielzeug dienen
und die Angst vor Statistik nehmen soll. Dementsprechend wenig
ansprechend finde ich die Umgebung, in welche die Datei ins Internet
gestellt wurde. Endloser dröger Text, wo der Nutzer direkt an die
Hand genommen werden sollte. Wir hatten ein ganzer Hilfspaket an
Dokumenten für genau diese Zielgruppe zusammengestellt, aber die
findet man nur, wenn man ohnehin schon Experte ist.
Eine
meiner liebsten Aufgaben der vergangenen Wochen war auch ein Plakat
über diese erste Mikrodatenbank. Das hing neben meinem Stand auf
einer internen Konferenz Ende Januar. Dummerweise hat man die Stände
in eine Ecke des Raums gestellt, wo sie garantiert niemand wahrnahm.
Und so war die ganze Arbeit ein wenig umsonst, weil Besucherzahlen im
einstelligen Bereich blieben - obwohl mein Plakat mit Abstand das
beste im Raum war, wo sonst die üblichen textlastigen
Detaillangweiler von Leuten des Öffentlichen Diensts hingen.
Ziemlich enttäuschend, nachdem ich mich in der Gestaltung richtig
wiedergefunden hatte. Dafür waren die Vorträge sehr interessant, da
man in der internen Umgebung mal kein Blatt vor den Mund nahm. Was im
Land der konfliktscheuen Höflichkeit immer erfrischend ist.
Eine
weiteres Stück Präsentationsarbeit bleibt mir noch: am 12. Februar
muss ich im kleinen Ort Shifnal nordwestlich von Birmingham einen
Vortrag über "kulturelle Diversität" für unsere
Interviewer halten, damit die nicht unversehens in Fettnäpfchen
treten und möglichst viele Leute unsere Umfragen beantworten.
Begeistert bin ich nicht, weil ich 9 Stunden im Zug sitze, die
Chorprobe verpasse und nicht viel vom Thema halte.
Ab
Februar arbeitet mein bisheriger Fahrer woanders und mein bisheriger
Sekundärfahrer fährt nicht immer zu angenehmen Zeiten. Das machst
es erstens schwierig, meine Sollstunden zu füllen und zweitens bin
ich mehr auf Züge angewiesen. Und die fallen bei jedem im Fernsehen
als Sturm vermarkteten Wind aus. Der Winter fällt dagegen dieses Jahr aus. Dafür fahre ich momentan täglich
eine Stunde später los und der Extraschlaf bewirkt mit mir
Wunder.
Kulturell
passiert einiges. Nach dem spontanen Theater mit Mathieu habe ich mir
allein den "Nussknacker" des Moskauer Stadtballetts
angesehen. Vielleicht liegt es am vielen Tanzen, jedenfalls hat mir
Ballett noch nie so gefallen. Nur das Publikum war eine Schande,
Getuschel, Plastiktüten und einmal wurde direkt vor dem Orchester
eine Bierdose aufgemacht. Kurz vorher bin ich mit Ellie zufällig in
die chinesische Neujahrgala im Theater gestolpert, wo neben vielen
wohlmeinenden Studentin eine Zitherspielerin auftritt, die mich schon
auf einem früheren Konzert begeistert hatte. Als sie ein Duett mit
einem Flügel spielte, kam fast ein Hauch HMT auf. In einem Monat
sehe ich noch ein Musical, in dem Theresa auftritt, und dann Carmen,
inszeniert von Moskauer Staatsballett und -oper.
Ähnlich
war es auf der Geburtstagsfeier einer griechischen Freundin vom
Tango, wo neben ebenjenem später auch etwas Volkstanz aufkam (über
die Uni besteht wohl ein dichtes griechisches Netzwerk vor Ort) und
mich an Studententage mit der Balkanfraktion erinnerte. Zudem war
ihre Mutter zu Besuch und hatte (ich hatte etwas darauf gebaut) einen
massiven Buffettisch aufgebaut.
Jene
Griechin war auch auf dem ersten von mir und Mathieu einberufenen
Spieleabend gewesen. Eine Idee, die ich mir in Weymouth abgeguckt
hatte; selbst wäre auf sowas nicht gekommen. Mathieu und mich wollen
das in Zukunft ausbauen, weil wir uns beide über unser weiterhin
dünnes lokales Sozialnetzwerk Sorgen machen.
Dazu passt auch mein seit November erster Besuch bei Kalina in Southampton. Wir gingen einmal richtig ordentlich tanzen, in einem umfunktionierten Restaurant und fragwürdiger Musik und den langweiligeren Typen des Nachtlebens, und trotzdem hat mir das einen riesigen Spaß gemacht. Während mir Bilder auf Rostock Schnee zeigen, konnten wir Sonntag im Garten des Tudorhauses Tee trinken. Auch der große Park bei der Uni hat auf mich Eindruck gemacht mit seinem weitläufigen Grün (ich: "ich würde ja gerne mal wieder Magdeburg sehen!"). Ein ganz ausgezeichnetes karibisches Restaurant gibt es inzwischen auch. Vielleicht lag es an meiner Übermüdung, aber ich war stellenweise ganz aufgewühlt, mit einer inzwischen "alten" Freundin zu sprechen, die viele durchaus prägende Jahr mitgemacht hat.
Zuletzt:
es gibt auf dieser komischen Insel auch keine Saunakultur! Nur eine
Sauna in Portsmouth – und dahin geht man angeblich im Schwimmanzug.
Hätten diese Leute tatsächlich irgendwelche Schamgefühle, würden
sie stattdessen an ihrem Samstagnachtverhalten arbeiten.