Auch Kultur gab es zuletzt genug. Zum einen habe ich Kasias Weihnachtsgeschenk ausgelesen, Pierre Magnans Buch 'Unschuld'. Daneben bewege ich mich sehr langsam durch Tucholskys Gripsholm, weil ich durch Tango und Chor kaum zum Lesen komme. Mit Mathieu, Ellie und weiteren Bekannten habe ich die Uniproduktion der Operette "Der Mikado" von Gilbert & Sullivan gesehen. Ursprünglich, weil Theresa darin auftragt, hat es auch mir sehr gefallen, der ich Musiktheater sonst nicht ganz ernst nehmen kann. Mitgespielt hätte ich nichtgestoweniger liebend gern, nur hätte ich nie die Zeit gehabt. Anfang März sahen wir drei dann 'Carmen' in der Produktion des Russischen Staatsballetts und -openhauses. Das war eindeutig besser als die Vorstellung vor einem Jahr und besonders das Orchester hätten Ellie und ich am liebsten gleich dabehalten. Denn unser eigenes Konzert nähert sich schnell und unsere Musiker sind eben auch Amateure wie wir. Nachstehend ist unser gerade veröffentlichtes Plakat zu sehen. Am 5. März besuchte die Komponistin Cecilia McDowall selbst die Probe und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie es nun tolerabel fand oder nicht. Das ist das Problem in einer höflichen Gesellschaft, man weiß ja nie, woran man ist.
Ganz ähnlich meine Gesangslehrerin. Hat mir eine liegengelassene Edition von Schuberts Schöner Müllerin erhalten. Ob nun als Fortschritt oder weil ich die italienischen Übungsliedern nicht auf die Reihe bekomme.... Textlich finde ich die Romantiker schrecklich, aber es ist schön, in der eigenen Sprache eingängige Melodien zu singen. Leider hat sie mir bei der Gelegenheit auch gleich die Winterreise gezeigt, deren Lied vom Leiermann mir seitdem nicht von der Tränendrüse geht.
Schließlich wird Tango zu einer echten zeitlichen Belastung. Fast jedes Wochenende haben wir Probe, manchmal beide Tage. Langsam wird mir das zuviel, weil man so nie aus der Stadt kommt um den Frühling zu genießen.
Gut gelaunt bin ich hilfsbereit. Für eine deutsche Doktorantin habe ich nach längerer Zeit mal wieder an einem Experiment teilgenommen. Dabei habe ich an anonymen Gruppen kontroverse Themen besprochen und sie untersucht dann wohl das Interaktionsverhalten.
Ellie dagegen habe ich beim Umziehen geholfen. Sie ist die Straße runter als Untermieterin zu Freunden gezogen und konnte sich partout nicht vorstellen, dass Umziehen einfach sein kann.
Auf der Arbeit ändert sich einiges. Zum einen sehe ich mich in Sachen Arbeitsanfahrt plötzlich ganz an den Anfang versetzt und muss jetzt gewöhnlich Zug und Rad fahren. Mein letzter Fahrer hat jetzt aufgehört, und unter den 800 Leuten im Büro findet sich scheinbar niemand, der aus Portsmouth anfährt. Obwohl es von Bahnhof zum Büro nur 20 Minuten Rad sind, bin ich letztens abends oft müde und sehe mit Sorge auf die Zeit- und Kraftgrundlage, die mir bisher ein interessantes Leben nach der Arbeit ermöglicht hat.
Zum einen bin ich fast zwei Jahre in der Volkszählung, darum muss mich jetzt laut Amtsvorschrift zur Versetzung in eine neue Abteilung bewerben. Glatt gegen meinen Willen, wo ich mich endlich kompetent genug fühle und richtig produktiv sein kann. Ich arbeite sogar neue Leute ein, ausgerechnet ich! Und das nur ein paar Monate vor Abschluss des Projekts. Wohin es geht ist noch nicht klar, aber die halbe Abteilung migriert, und neue Leute sollen kurz vor der Zielgeraden unsere Aufgaben übernehmen.
Die "Diversitätsgruppe", die mich ja schon auf Vortragsreise geschickt hat, ging es letztens einen Tag nach Southampton zur Wohltätigkeit. Wohlpubliziertes Sozialengagement von Firmen ist hier Tradition. Wir halfen in einem Tageszentrum für Obdachlose. Ich habe Kleiderspenden geordnet und die Kleiderkammer auf Vordermann gebracht. Davon abgesehen gab es nicht wirklich genug zu tun und im Ganzen war das ein netter freier Tag. Kalina habe ich nicht sehen können, ihr dafür Blumen hinterlassen.
Rubrik Englische Unzulänglichkeiten: kein Pudding. Englischer Pudding ist irgendwas aus Nierenfett. Für deutschen Pudding gibt es nichtmal wirklich ein Wort. Und Ellie findet das auch noch gut. Zum Glück hat Lidl dafür seit kurzem frische Brötchen.
![]() |
| Konzertposter mit Cecilia McDowall. |

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen