Sonntag, 4. Mai 2014

Vorhang auf

Am 26. April war der erste von insgesamt fünf Tangoauftritten. Das fand in einem kleinen Theater im ebenfalls kleinen Küstenort Bognor Regis etwa 30 Minuten östlich von hier statt. Wir waren alle nervös, weil jeder wusste, dass natürlich noch einige Schnitzer in den Choreographien waren. Die Generalprobe auf der Bühne hatte dann auch ihre Probleme. Der eigentliche Auftritt überraschte dafür jeden, weil alles klappte. 
Für mich war es das erste Mal, hinter der Bühne eines Theaters unterwegs zu sein (mit dem Chor steht man am Stück auf der Bühne). Mir kam unversehens ein kleines Theaterstück in den Sinn, das ich vor mehreren Wochen mit Mathieu gesehen hatte. Dort hatte ein Mädchen von der Magie hinter der Bühne eines Auftritts erzählt. Eine Art Zauber überkam auch mich, als wir Makeup auftrugen, zwischen Kostümen wechselten, in unseren Garderoben auf unseren Aufruf warteten, von hinten in die Seitenbühnen schlichen und dort schließlich auf den richtigen Moment warteten, auf die Bühne zu treten. Beim Anblick der besseren Tänzer in ihren Solos überkam mich Reue, nicht viel mehr getan zu haben, viel mehr Tänze mitzumachen (ich habe nur zwei oder drei), auch wenn ich genau wusste, dass das nicht möglich gewesen wäre. Zum Ausgleich hatte ich einige darstellende Szenen, die mir immensen Spaß machen. Meine Hauptbeschäftigung war aber die Hintergrundrolle des Barmanns, als Teil der Kulisse eine Cafes in Buones Aires. Andere sind nervös vor Publikum, ich dagegen genieße jede Minute, die ich spielen kann. Fotos kann ich aus Urheberrechtsgründen nicht machen, aber nach Programmabschluss verschicke ich Videos.
Im Anschluss erwartete mich noch eine interessante Erfahrung, als ich im Pub mit einigen der älteren Frauen der Truppe (und später unserem Lehrer) eine richtig flotte Sohle auf das Parkett legte. Das war mal was für die verklemmten, besoffenen, üblichen Verdächtigen des britischen Wochenendes.
Jetzt also sehe ich fast mit Bedauern auf das kommende Ende der Proben. Ich fühle in mir und sehe auch an anderen, wie die gewonnene Kontrolle die Freude an der Bewegung vergrößert.

Desweiteren haben Ellie und ich nach fast einem Jahr der Filmgesellschaft einen Besuch abgestattet, um einen großartigen Film zu sehen, in dem sich Al Pacino auf die Rolle von Shakespeares Richard III vorbereitet. Die Gesellschaft ist jetzt halb mit der Uni verwandt, hat Zugriff auf das Auditorium Maximum des neuen Hauptgebäudes der Kreativfakultät (deren offizielle Einweihung in einigen Wochen der letzte Auftritt des Chors in diesem Semester sein wird) und der Film erhielt eine nicht sehr spannende Einführung von jemandem aus der Anglistik. Richtige Schauspieler dagegen sind mitreißend zu sehen und einmal mehr dachte ich mir, hätten wir hier nur ein richtiges Theater.

An meiner neuen Arbeit hatte ich die erste Woche tatsächlich komplett zum Einlesen frei. Die zweite Woche auch, denn meine Managerin war auf Urlaub. Bisher war es also wie eine bezahltes Festigungsstudium: der Arbeitsinhalt bringt mich fast wortgenau an die Uni zurück, man benutzt mathematische Modelle, Statistikjargon, liest Fachpresses und sagt Sachen wie "Scheinvariable" und "R-Quadrat Maß". Wer hätte gedacht, dass es eine Arbeit gibt, wo der Unikram mal relevant ist. Auch Fachprogramme lerne ich wie gewollt. In gewisser Weise tröstet mich das auch darüber hinweg, dass ich schon lange nicht mehr soviel lesen kann, wie in der Zeit als ich noch Single war.

Nachtrag: mit Papa im stadtbesten Cafe und Teegeschäft. Hierher kommen Ellie und ich jeden Donnerstag nach der Arbeit.

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