Sonntag, 11. Mai 2014

Echte Männer schminken selbst

Das erste Maiwochenende war lang, da die Feiertage in England ja immer auf einen passenden Montag oder Freitag verschoben werden. Der 1. Mai wurde daher am 5. Mai nachgefeiert. Das damit lange Wochenende enthielt nur eine Tangoprobe, und damit das erste Mal in diesem Jahr, dass ich zwei zusammenhängende freie Tage hatte. Ausnahmsweise hatte ich daher auch kein Problem damit, es einfach mal zu verfaullenzen, zumal mir gerade ein Virus zusetzte. Gemacht haben wir wenigstens eine Sachertorte (nachdem verschiedene Leute in unserer Umgebung sich als ehemalige Bewohner Wiens rausgestellt hatten). Das ist aber nur ein normaler Schokoladenkuchen geworden. Erfolgreicher war dafür ein Spieleabend bei Freunden von Ellie, bei dem sich erwies, dass ich mich per Zeichenstift schlechter ausdrücken kann als in einer Fremdsprache...und Ellie schlechter als in ihrer eigenen Sprache. Am Vortag hatten wir andere ihrer Freunde besucht, namentlich in Titchfield, also meinem Arbeitsort. Da wurde ein erstes Grillen im Garte versucht, das war aber noch ziemlich kühl. Mir hat es trotzdem gefallen, denn es waren 4 Meerschweinchen zugegen.

Anfang Mai ist einer meiner Mitbewohner nach Studienabschluss ausgezogen. Das war der Künstler, über den ich eine gespaltene Meinung hatte, größtenteils wegen der Sauberkeit und dem allgemeinen Mitdenken. Vielleicht sind es meine Vorurteile, aber die Küche sah auf einmal viel sauberer aus, als ich nach dem langen Maiwochenende Montag nacht nach Hause kam.

Aus Ellies Bücherregal habe ich 'Per Anhalter durch die Galaxis' begonnen. Dieses Langzeitvorhaben wurde immer verschoben, weil ich es für zeitaufwendig hielt, aber wie sich herausstellt, ist es ein recht dünnes Buch. Ellie meint, neben Monthy Python ist es alles, was man über England wissen muss. Ich denke da hat sie recht. Dann habe ich auf Ellies Initiative hin zum ersten Mal seit Guildo Horn den Eurovision geguckt. Dabei habe ich gemerkt, dass mich noch einiges mit Polen verbindet.

Am 9. Mai habe ich meine frisch geschnittenen Haare bei unserem zweiten Tangoauftritt in einen Eimer Gel tunken müssen. Sonst reflektiert Blond wohl die Scheinwerfer zu sehr. Das war nebenbei gesagt der erste Friseurbesuch seit Weihnachten, und der allererste in der Stadt Portsmouth. Die allgemeine und ungefragte Zustimmung deutet mir an, dass es wohl etwas zu lang gewesen war. Tango jedenfalls war in Guildford, einer Stadt auf halbem Weg nach London. Hier habe ich gelernt, mir die Augen selbst zu schminken...natürlich ebenfalls rein aus Beleuchtungsgründen. Der Auftritt lief durch die Erfahrung noch etwas besser als der erste, und nächste Woche kommt dann der wirklich wichtige, der in Portsmouth. In dem Zusammenhang habe ich, scheint's, einige Dinge nicht ganz erklärt. Alle Auftritte finden in Theatern statt, weil dort genug Platz ist. Wir sind aber bis auf unseren Lehrer alles Amateure - einfach die Teilnehmer an seinen wöchentlichen Stunden in Portsmouth und Guildford. Insgesamt sind wir ca. 40 Mann. Das Programm besteht aus ca. 30 Choreographien, jede ca. 3 Minuten lang, eben getanzt zu einem gewöhnlichen Stück Tangomusik. Es ist aber nicht einfach eine Abfolge von Tänzen, sondern ein zweistündiges Programm mit Konzept. Die Choreographien stellen verschieden Stile und Hintergründe des Tango vor, es gibt Solos, Einzelpaare, Synchrontanzen, einen Schattenschnitt. Das wird zusammengehalten von regelmäßigem Narrativ, z.B. zur Herkunft des Tango, oder seiner politischen Bedeutung während der argentinischen Junta. Zu letzterem gibt es eine besonders bewegende Choreographie, die ich selbst erst beim ersten Auftritt kennen gelernt habe. Dazu kommen einige gespielte Szenen (mit mir!) und regelmäßig kommt eine Sängerin auf die Bühne. Das Tanzen auf der Bühne ist eingefasst in Kulissen, die ein Café in Buenos Aires darstellt. Mein Café! Ich bin nur in drei Tänzen und den Spielszenen vertreten, aber trotzdem fast durchgehend auf der Bühne und führe die Bar. Dazu habe ich mir Requisiten wie Weinflaschen, Gläser, Schürze, Handtuch und Besen angeschafft. Die Gläser werden auch gefüllt (mit Wasser oder rotem Sirup) und von meinen Kellnerinnen an die Tische verteilt, an denen andere Statisten sitzen, wenn sie gerade nicht tanzen.
Im Übrigen wird mir jetzt klar, dass unser Lehrer ein richtiger Profi ist. Ich wusste, dass er in Brasilien Tanz studiert hat, aber hinter dem Programm steht ein echtes künstlerisches Konzept, und wenn ich ihn tanzen sehe, sieht man da mehrere Welten Unterschied. Theater kann er auch - wenn ich ihn in einer Szene aus meiner Bar scheuche, guckt er so ängstlich, dass ich beim ersten Auftritt dachte, etwas falsch gemacht zu haben.


Englischer Frühling: Tee draußen weil Sonne, mit Jacke weil trotzdem kalt.

Gut geschminkt ist halb gewonnen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen