Sonntag, 9. Februar 2014

Nach fast einem Jahr in meinem derzeitigen Projekt haben wir am 23. Januar den ersten Teil unserer Datenbank veröffentlicht. Er ist hier zu finden:
http://www.ons.gov.uk/ons/guide-method/census/2011/census-data/census-microdata/microdata-teaching-file/index.html

Jetzt kann ich also etwas über meine Arbeit sprechen. Als 2012 alle Leute ihr Volkszählungsformular ausgefülllt haben, haben wir deren Antworten in einer großen Datenbank gespeichert. Darin hat jeder einen Zeile Daten mit seinen Antworten zu den einzelnen Fragen (Alter, Wohnort, Geschlecht...). Sowas nennt man Mikrodaten - mikro weil es die kleinste Datenebene einer Datensammlung ist. Daraus haben wir bisher klassische Tabellen veröffentlicht, die für verschiedene Orte die Gesamtzahl der Menschen mit einem bestimmten Merkmal summiert ("In London sind 34,000 Menschen 35 Jahre alt"). Das ist gut für öffentliche Ämter und interessant für den Durchschnittsbürger, richtige Wissenschaftler und Analysten brauchen aber mehr Details. Unsere Datenbank besteht aus einem Auschnitt aus der Zentralbank, mit den Datenzeilen für einzelne Personen. Man weiß also nicht nur, wieviele Menschen 35 alt sind, sondern auch, wer. Natürlich haben wir die Zeilen anonymisiert, private Informationen dürfen wir nicht einfach publizieren (das klingt immer schlimm, wenn wir sagen, wir geben individuelle Datensätze raus, aber ich gehe jetzt nicht ins Detail, wie wir das sicher machen). Mit der Datenbank kann man also selbst entscheiden, nach welchen Merkmalen man die Bevölkerung untersuchen will. Bisher war man davon abhängig, welche Themen wir zur Veröffentlichung auswählten. Zum Beispiel kann man sehen, wieviele Männer in Portsmouth 35 sind, zwei Autos haben, verheiratet sind, sich gesund fühlen und halbtags arbeiten. Das ist also ganz toll, weil man solches Wissen auf so lokaler Ebene nicht bekommt und schon gar nicht gratis, was neben armen Wissenschaftlern insbesondere öffentlichen Ämtern und aktivistisch gesinnten Bürgern hilft.
Diese Art Datensatz wurde schon aus den letzten zwei Volkszählungen erstellt und ist traditionell für Spezialisten bestimmt (dementsprechend heißt meine Abteilung "Spezielprodukte"). Dieses Mal machen wir mal etwas anders: wir geben drei verschiedene "Geschmacksrichtungen" raus. Jede gewichtet die Balance zwischen Datenfülle und Datensicherheit anders. Grundsätzlich kommt man umso schwieriger an Daten ran, desto mehr Details sie bieten. Je mehr man über eine Person weiß, desto eher kann sie nämlich im Datensatz identifizieren (auch wenn keine Namen drin stehen, so kann man doch z.B. den einzigen Arzt im Dorf erkennen und).
Der jetzt veröffentlichte Datensatz kann einfach aus dem Internet geladen werden und hat nur grundlegende Informationen. Er ist das erste Mikrodatenprodukt, dass gezielt an Laien gerichtet ist und in der Hinsicht mal etwas wirklich innovatives, auf das man fast stolz ist. Daher soll es möglichst einfach und einladend sein und muss sich nicht unbedingt zur ernsthaften Forschung eignen. Es heißt offiziell "Unterrichtsdatei", was meiner Meinung nach einen falschen Eindruck vermittelt, da es nicht nur eine gratis Resource für den Unterricht in Statistik (heute in fast allen Fächern nötig), sondern einfach dem normalen Bürger als Spielzeug dienen und die Angst vor Statistik nehmen soll. Dementsprechend wenig ansprechend finde ich die Umgebung, in welche die Datei ins Internet gestellt wurde. Endloser dröger Text, wo der Nutzer direkt an die Hand genommen werden sollte. Wir hatten ein ganzer Hilfspaket an Dokumenten für genau diese Zielgruppe zusammengestellt, aber die findet man nur, wenn man ohnehin schon Experte ist.

Eine meiner liebsten Aufgaben der vergangenen Wochen war auch ein Plakat über diese erste Mikrodatenbank. Das hing neben meinem Stand auf einer internen Konferenz Ende Januar. Dummerweise hat man die Stände in eine Ecke des Raums gestellt, wo sie garantiert niemand wahrnahm. Und so war die ganze Arbeit ein wenig umsonst, weil Besucherzahlen im einstelligen Bereich blieben - obwohl mein Plakat mit Abstand das beste im Raum war, wo sonst die üblichen textlastigen Detaillangweiler von Leuten des Öffentlichen Diensts hingen. Ziemlich enttäuschend, nachdem ich mich in der Gestaltung richtig wiedergefunden hatte. Dafür waren die Vorträge sehr interessant, da man in der internen Umgebung mal kein Blatt vor den Mund nahm. Was im Land der konfliktscheuen Höflichkeit immer erfrischend ist.
Eine weiteres Stück Präsentationsarbeit bleibt mir noch: am 12. Februar muss ich im kleinen Ort Shifnal nordwestlich von Birmingham einen Vortrag über "kulturelle Diversität" für unsere Interviewer halten, damit die nicht unversehens in Fettnäpfchen treten und möglichst viele Leute unsere Umfragen beantworten. Begeistert bin ich nicht, weil ich 9 Stunden im Zug sitze, die Chorprobe verpasse und nicht viel vom Thema halte.
Ab Februar arbeitet mein bisheriger Fahrer woanders und mein bisheriger Sekundärfahrer fährt nicht immer zu angenehmen Zeiten. Das machst es erstens schwierig, meine Sollstunden zu füllen und zweitens bin ich mehr auf Züge angewiesen. Und die fallen bei jedem im Fernsehen als Sturm vermarkteten Wind aus. Der Winter fällt dagegen dieses Jahr aus. Dafür fahre ich momentan täglich eine Stunde später los und der Extraschlaf bewirkt mit mir Wunder.

Kulturell passiert einiges. Nach dem spontanen Theater mit Mathieu habe ich mir allein den "Nussknacker" des Moskauer Stadtballetts angesehen. Vielleicht liegt es am vielen Tanzen, jedenfalls hat mir Ballett noch nie so gefallen. Nur das Publikum war eine Schande, Getuschel, Plastiktüten und einmal wurde direkt vor dem Orchester eine Bierdose aufgemacht. Kurz vorher bin ich mit Ellie zufällig in die chinesische Neujahrgala im Theater gestolpert, wo neben vielen wohlmeinenden Studentin eine Zitherspielerin auftritt, die mich schon auf einem früheren Konzert begeistert hatte. Als sie ein Duett mit einem Flügel spielte, kam fast ein Hauch HMT auf. In einem Monat sehe ich noch ein Musical, in dem Theresa auftritt, und dann Carmen, inszeniert von Moskauer Staatsballett und -oper.
Ähnlich war es auf der Geburtstagsfeier einer griechischen Freundin vom Tango, wo neben ebenjenem später auch etwas Volkstanz aufkam (über die Uni besteht wohl ein dichtes griechisches Netzwerk vor Ort) und mich an Studententage mit der Balkanfraktion erinnerte. Zudem war ihre Mutter zu Besuch und hatte (ich hatte etwas darauf gebaut) einen massiven Buffettisch aufgebaut.
Jene Griechin war auch auf dem ersten von mir und Mathieu einberufenen Spieleabend gewesen. Eine Idee, die ich mir in Weymouth abgeguckt hatte; selbst wäre auf sowas nicht gekommen. Mathieu und mich wollen das in Zukunft ausbauen, weil wir uns beide über unser weiterhin dünnes lokales Sozialnetzwerk Sorgen machen.

Dazu passt auch mein seit November erster Besuch bei Kalina in Southampton. Wir gingen einmal richtig ordentlich tanzen, in einem umfunktionierten Restaurant und fragwürdiger Musik und den langweiligeren Typen des Nachtlebens, und trotzdem hat mir das einen riesigen Spaß gemacht. Während mir Bilder auf Rostock Schnee zeigen, konnten wir Sonntag im Garten des Tudorhauses Tee trinken. Auch der große Park bei der Uni hat auf mich Eindruck gemacht mit seinem weitläufigen Grün (ich: "ich würde ja gerne mal wieder Magdeburg sehen!"). Ein ganz ausgezeichnetes karibisches Restaurant gibt es inzwischen auch. Vielleicht lag es an meiner Übermüdung, aber ich war stellenweise ganz aufgewühlt, mit einer inzwischen "alten" Freundin zu sprechen, die viele durchaus prägende Jahr mitgemacht hat.
Zuletzt: es gibt auf dieser komischen Insel auch keine Saunakultur! Nur eine Sauna in Portsmouth – und dahin geht man angeblich im Schwimmanzug. Hätten diese Leute tatsächlich irgendwelche Schamgefühle, würden sie stattdessen an ihrem Samstagnachtverhalten arbeiten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen