Donnerstag, 7. April 2011

06.03.2011 - Tie of the Tiger

Langsamlernen
Der Philosophieessay schleppt sich weiter dahin. Ich kämpfe mich extrem langsam durch ein sehr gutes Buch dazu, ohne aber bisher ein einziges Wort geschrieben oder auch nur jegliche Eingebung bekommen zu haben. Dieses strukturlose Vorsichhinlesen jeden Tag von morgens bis abends saugt die Motivation ab wie in den Magdeburger Ferien. Allzuoft bleibe ich dann in anderen Büchern hängen, wie Einführungen in die Mathematik oder das Recht, die Ausgrabungsergebnisse eines karolingischen Dorfes, Tagebücher aus der Nazizeit, die früher Geschichte der Bundesrepublik sowie ein sehr spannendes Werk eines amerikanischen Professors, der zur Wendezeit durch Berlin und die DDR fuhr. Herausgegeben schon 1991, und sehr interessant zu sehen, was man so dachte, als noch nicht klar war, wohin die Reise geht.
Alldieweil lernen alle anderen längst für ihre Prüfungen. Die sind hier auch anders als in Deutschland – sehr aehnlich zu Essays. Man bekommt eine harmlos aussehende Frage und muss dazu mehrere Seiten Meinung schreiben. So bereitet man sich auf Klausuren und Essays gleich vor, man liest wochenlang Artikel schlauer Leute. Ich bin weiterhin sehr skeptisch wieviel Wert diese Betonung der eigenen Meinung wirklich hat – man sollte uns besser handfeste Qualifikationen beibringen; uns sagen, wie man bestimmte Probleme loest.

Wiedersehen im Frühling
Die Ferien lassen mich wieder etwas von der Stadt sehen, wenn auch anders als gedacht. Da die Unibibliothek während jetzt sonntags geschlossen bleibt, gehe ich dann in die Stadtbibliothek. Die öffnet zwar auch nur von 11-16 Uhr, aber ersten lese ich zu Hause überhaupt nichts, und zweitens liegt sie am Rand der Altstadt. Die Straße runter ist der Münster und im Nebengebäude ist das regionale Geschichtsmuseum mit seinem wundervollen Garten am Fluss. Beide sind für mich gratis und so kann ich nach Torschluss je eins oder beides noch kurz besuchen, was ich seit den Anfangswochen hier kaum noch gemacht habe. Insbesondere der Park ist an Frühlingsnachmittagen schön, und auch der Münster gewinnt etwas, wenn die Sonne jetzt wieder durch die Glasfenster das Innere erleuchtet. Und dann geht es doch an die Uni, an einen weniger lerngeeigneten aber wenigstens ruhigen Ort.
Die Osterglocken entlang der Stadtmauern.

Der Hügel mit den einzigen Überresten der Burg.


Anzugsafari
Letzten Samstag war ich auf ein 'förmliches Abendessen' eingeladen. Das ist das jährliche Treffen eines Tauchervereins, dessen Mitglied auch der Chef einer Freundin ist, welcher u.a. Mitarbeiter einlädt, die wiederum je eine Begleitung mitnehmen können. Ich hatte die Annahme der Einladung schon bereut, als ich dafür einiges Geld für neue Kleidung ausgeben musste – ganz unnötig wie sich rausstellte. Aufgrund des Rufs englischer 'Klubs' hatte ich erwartet, mit Lords and Ladies über das Empire zu reden und mir Sorgen zu machen, welches Besteckpaar zu welchem Gang passt. Aber die Mitglieder waren ziemlich normale Briten (nur eben mit genug Geld fürs Tauchen), die zu dieser Zeit Samstags normalerweise vermutlich betrunken wären und in ihren Anzügen aussahen wie Tiger im Käfig. Ich habe mich also vermutlich ganz passabel genommen – schließlich habe ich ja schonmal in einem Parlament gearbeitet!
Meine Gastgeberin und ich vor dem Rennfeld der Pferderennbahn.

Das ganze hat im Restaurant der Yorker Pferderennbahn stattgefunden – Pferderennen, klingt schonmal vornehm. Der schöne Blick über das Rennfeld zum Horizont brachte einige Fotos ein. Das Essen war auch ziemlich gut, wenn auch die Kellnerinnen sowie der Ober-Ober mit seinem gewölbten Anzug verrieten, dass das Restaurant mehr ein Zusatz zum Kerngeschäft ist. Nach zwei Reden und einer Tombola wurde am Ende die Tanzfläche freigegeben. Der Anblick dicker britischer Frauen bei Allzwecktanzbewegungen wie immer für die Götter.

Rechnungswesen
Zuguterletzt hat uns Ella eine Kommillitonin als neue Mitbewohnerin besorgt. Heißt Emily, nicht zu verwechseln mit der französischen Emilie. Nicht besonders interessant, wirkt ein bisschen langsam, aber hilft die Rechnungen zu bezahlen. Zieht vermutlich zusammen mit Ella im Juni wieder aus. Gerüchteweise kommt dann Ersatz in Form eines deutschen Paares.
Ironischerweise haben die derzeitigen Rechnungen unser Zusammenleben hier verbessert. Natürlich war ich sehr genervt, dass alles an mir hängen blieb. Aber viel Stress kam vermutlich daher, dass ich mich zum ersten Mal um so etwas kümmern musste. Jetzt ist es eigentlich ein gutes Gefühl, einen Überblick zu haben was passiert und was wann zu erwarten ist. Und sogar die Mitbewohner machen einen dankbaren Eindruck, dass das jemand unter Kontrolle gebracht hat. Überhaupt einer der wenigen Momente, wo ich sie alle an einem Tag gesehen habe – Ella und Emily als ich um Mitternacht vom Dinner nach Hause kam. Sogar mit Emilie hatte ich eine beinahe freundliche Konversation, die erste längere seit dem frühen Dezember. Und wenn ich das alles richtig pro Kopf und Woche ausgerechnet habe, sind die Summen eigentlich vertretbar – vor allem wenn die Gasrechnung mit dem Frühling hoffentlich spürbar abnehmen wird.
Das wäre auch praktisch um viele neue Ausgaben zu mildern. Leider ist mir letztens mein Fahrrad kaputt gegangen und ich musste mir ein neues (d.h. auch gebrauchtes) kaufen. Allerdings ist es vermutlich besser als mein altes, endlich in meiner Größe, und vielleicht nimmt es der Verkäufer am Ende wieder zurück.

Traumkuchen
Zur Zeit lerne ich einiges über mein Psychologie. Seit Kurzem schaffe ich es, viel weniger zu essen als früher. Für den Tag in der Bibliothek reicht meist eine Stulle Schwarzbrot aus dem Polenladen. Das Hungergefühl kann ich kontrollieren. Infolge habe ich jetzt allerdings praktisch Tagträume von Kuchen und Keksen. Und was für konkrete Episoden das sind: ich sehe den Zebrakuchen in der Südstadthalle, Käsekuchen in der Markthalle in Lodz, die Teufelchen auf der Piotrkowska, Kolbergs Schokoschnitten, den Zupfkuchen im Cafe Diana (und ihr Vortagsblech!), den dänischen Plunder in der NP Bäckerei Magdeburg, den Schweineohren in der Bäckerei Gehrke auf dem Breiten Weg, den Rumtürmchen in der Stadtbäckerei Buckau, die Bajaderki und Stefanki in Torun, den Mohnkuchen auf dem Banacha Basar in Warschau, volle Weihnachtsteller, vor allem Sannis Schwarzweißgebäck, von Osterkörbchen unter grünen Büschen. Ach und von normalem deutschem Mischbrot (oder Oderlandbrot) – letztens brachte ein Österreicher einen Laib vom Osterurlaub zurück. Außerdem bin ich in Gedanken (und sehr oft echten Träumen mit dem Kopf auf dem Buch was ich lesen sollte) an sonnigen und grünen Orten, in Torun, im japanischen Garten und an der Oder in Breslau, an den Seen der Uckermark sogar in Magdeburg auf dem Elbradweg und in diversen Bäckereien.
Was will mir mein Unterbewusstsein sagen? Das ich Hunger habe und seit Weihnachten nicht mehr aus York rausgekommen bin. An letzterem wird sich aber auch bei Sonne nicht viel ändern, einen ganzen Tag für einen Ausflug will ich mir nicht freinehmen. Nicht jedenfalls bis Ende April, wenn Kasia mit einer Freundin kommt. Dann ist zweimal alles zu, zu Ostern und zur königlichen Hochzeit. Dann werde ich sie auch auf einige Ausflüge begleiten. Ansonsten werden sie sich aber oft allein vergnügen müssen, denn in die Bibliothek muss ich schon täglich.

Samstag, 26. März 2011

18.03.2011 - Semesterferien

Jetzt sind die Vorlesungen vorbei. Die letzten zwei Wochen des Semesters, und in der Tat des Studiums, haben mir schwer zugesetzt. Nicht in Form von Arbeit, dafür um so mehr meinem Selbstbewusstsein als jemand, der an eine Uni gehört. Der zweite, nach dem Desaster des ersten rein experimentelle, Essay ist eingereicht, wie auch ein völlig aus der Luft gegriffener Dissertationsvorschlag. Ein dritter Essay in Philosophie wartet. Noch nie hatte ein Semester so vielversprechend angefangen und so unheilsschwanger geendet. Und irgendwie weiß ich nichtmal, was falsch gelaufen ist. Ein ganzes Buch schon vor dem Semester gelesen, täglich 12 Stunden an der Uni, davon die meiste Zeit in der Bibliothek, ich kann nicht sagen, dass ich zuviel ins tanzen oder anderen Spaß investiert hätt. Und doch ist soviel liegen geblieben; und was noch schlimmer ist, alle anderen haben das wohl geschafft. Die Essays geschrieben, die Lektüre immer pünktlich fertig, durchdachte Antworten auf Fragen die ich nichtmal verstehe, eine klare Idee worüber sie ihre Abschlussarbeit schreiben wollen. Wenn ich so ineffektiv geworden bin, ist es wirklich Zeit die Uni zu verlassen. Nicht das ich inzwischen wüsste, welche Art Arbeit ich suchen möchte.


Jetzt ist aber erstmal etwas frei, bis von April bis Juni die Klausuren und danach die Abschlussarbeit kommt. Nachdem die letzte Abgabefrist geschafft war, wollte ich endlich jeden Tag lange in die Bibliothek gehen und alles lesen, was nicht geschafft wurde, oder was mich selbst interessiert (z.Z. das Buch „Die Ökonomie des Rechts“ - was ich in Warschau hätte studieren können), abends regulär schlafen, früh aufstehen, wieder lesen. Vielleicht will ich gar nicht studieren, jedenfalls nicht forschen, sondern nur eine Bibliothek zu meiner Verfügung.
Die ersten freien Tage jedoch sind zu meinem Frust komplett verloren gegangen. Neben einigen durchaus vertretbaren Gründen wie nächtliche Essayhilfe trug dazu bei, dass ich mich als einziger endlich um die seit Wochen rumliegenden Rechnungen zu Hause gekümmert habe. Meine Mitbewohner waren offenbar zu beschäftigt, ihre Haare und dabei auch gleich das Bad rot zu tönen. Jetzt ist das alles unter Kontrolle – zwei Wochen, bevor uns das Gas gesperrt worden wäre.


Nun ist es normal, dass die Produktivität schlagartig fällt, sobald man „endlich Zeit hat“ für all die liegengeblieben Dinge. Renter und Studenten in den Semesterferien haben nie Zeit. Jetzt sind aber die Rechnungen erledigt, das Tagebuch aufgefrischt, eine lange Nachholliste wird langsam kürzer, und während die Kommillitonen natürlich bereits die Klausuren vorbereiten, gebe ich mir doch noch einige Tage nur zum Lesen. Auch getanzt wird wieder etwas mehr. Neulich habe ich eine Stunde Tango genommen – die Lehrerin war Frau Ania aus Warschau. Solche Späße aber grundsätzlich nur abends nach Bibliotheksschluss. Nachmittags verlasse ich sie für je eine Stunde, um den Kreislauf nicht völlig einschlafen zu lassen. Dazu bietet das Osterwetter beste Gelegenheit. Die Stadtmauern sind mit Osterglocken bewachsen, und auch in die Felder südlich der Uni, jenseits der Autobahn, die die letzte Stadtgrenze bildet, kommt man mit dem Rad sehr schnell.

Chor
Am 16.03. trat ich mit dem Unichor im Münster auf, und was soll ich sagen, er hat seinem Ruf als extrem mittelmäßiger Hobbygesangsverein alle Ehre gemacht. Was wir auch in der finalen Aufführung für Fehler gemacht haben – ich frage mich, wie sie die Leute immer noch dazu bekommen, für uns Geld auszugeben. Dessen ungeachtet, es macht mir einen Heidenspaß im Münster so richtig loszulegen, vor allem wenn ich mit einem Bekannten in der letzten Reihe stehe, wo man von den Sängern vor uns erstaunlich wenig hört, und so nicht von den richtigen und falschen Einsätzen um einen herum abgelenkt wird. Jetzt ist aber erstmal Pause bis zum offiziellen Sommertrimesterbeginn, wenn wir Beethovens Neunte und, das hatte ich vergessen, Mozarts D-moll Messe angehen.

Dienstag, 8. März 2011

04.03.2011 - Februar und März

Mein diesjähriges Martinizza, eine bulgarische Frühlingstradition, aufzuhängen am ersten blühenden Baum.
Einen Monat habe ich nicht geschrieben, da ich mich wie unten geschildert wieder mehr in der Bibliothek war. Hier stehen jetzt mehr die gesammelten Notizen des letzten Monats als ein koherenter Bericht.

Nach dem Bibliothekskoller hat mich die Entspannungstherapie ins Gegenteils getrieben. Jetzt versuche ich das Spaßprogramm zusammen- oder besser ganz zu streichen und wieder mehr in die Bibliothek zu kommen. Meine Erkältung steht dem nicht weiter im Weg, denn sie sich als die kürzeste meines Lebens erwiesen, nach drei Tagen im Turbodurchgang war ich wieder gesund. Im Gegensatz dazu geht eine auffällig aggressive Grippewelle durch die Uni, sodass ich mich frage, ob ich nicht etwas anderes hatte und das noch auf mich zukommt.

Einen schlechteren Zeitpunkt dazu gäbe es nicht, denn seit drei Wochen stecke ich bis zum Hals in Arbeit. In der Makroökonomie hat die türkische Professorin übernommen und es geht in die Währungs- und Wechselkurstheorie, ein Thema von dem ich bisher fast unbeleckt bin. Dicke Lehrbücher und ellenlange Artikel für eine Präsentation mit einer mittelmäßigen Gruppe erwarten mich.
In einem Monat ist das Semester schon wieder zu Ende, das merkt man auch in der Bibliothek, die panischen Studenten besetzen wieder jeden Tisch und jedes Buch. Von meinem Überlegenheitsgefühl ist aber nichts geblieben seit gestern die erste Zensur kam: die über Weihnachten geschriebene Hausarbeit hat gerade so bestanden. Ein schwerer Schlag so kurz vor dem Ende des Studiums, wo in zwei Wochen eine Reihe Arbeiten abgegeben werden müssen, die auf dem gleichen Konzept aufgebaut sind. Obwohl ich schon vor dem Semester angefangen habe zu lesen, habe ich mir zuviel für das Ende aufgehoben. Die letzten zwei Wochen werden sehr arbeitsreich. Aber so sollte das Studium auch sein.

Chor
Entgegen dem, was ich einigen geschrieben habe, haben wir im Chor den Großteil von Händels Salomon bereits durchgearbeitet. So sehe ich doch, wie wir es bis zum Auftritt in einem Monat zu erträglicher Qualität bringen können. Dazu muss ich sagen, seitdem ich den Text kenne nervt mich dieses Stück zunehmend. So ein banaler Schmarrn – langsam verstehe ich, warum Musikstudenten sich mehr für Neue Musik als Barock interessieren. Wenn ich mir Beethovens Neunte mal so ansehe, ist der Text des Folgestücks intellektuell auch nicht sehr anspruchvoll.

Nun, inzwischen ist die Aufführung schon nächsten Mittwoch. Nachmittags Generalprobe, abends Auftritt. Und am nächsten Tag Abgabefrist für den den nächsten Essay.

Demokratie
Dann war Revolution in Ägypten, zur großen Freude meiner arabischen Kommilitonen, die zu spontanen Feiern luden und sich die Nächte um den Kopf schlagen, um im Internet weitere Umstürze zu fördern.
Auch an der Uni wird bei erneuten Wahlen Demokratie geprobt. Das scheint hier häufig zu geschehen, alle paar Wochen sind Wände mit hausgemachten Plakaten überklebt, letzten werden einem sogar plötzlich Broschüren auf den Mittagstisch gelegt. Diesmal geht es um den Studentenrat und ich bin immer wieder überrascht welche Bedeutung junge Studenten diesen Dingen beimessen. Soviel Energie und Versprechungen für Positionen, die größtenteils symbolisch sind. Ich sage, wer neben dem Studium soviel Zeit übrig hat, braucht nicht gegen höhere Gebühren protestieren. Sollen sie sich reinhängen, sind sie in der halben Zeit fertig, bezahlen nicht mehr und ein paar Bäume werden auch gespart.

Spaß
Gefeiert wird weiterhin regelmäßig. Es gab einen Karaokeabends mit spontaner Tanzeinlage der Azerbaidjanischen Jungs, vom Stil eher wie man sich Russen vorstellt. Als sich dann die ohnehin bewegungsprofessionellen Mädchen aus Kazachstan dazu gesellten war die allgemeine Freude groß und lautstark. Am nächsten Tag führte ich mit meiner hiesigen Lieblingsspanierin Sonia eine Fallstudie zum Thema durch, warum Briten am Wochenende so hoffnungslos betrunken sind. Das liegt daran, dass sie schon ab mittags in den Pubs anfangen. Das fanden wir raus, als wir uns zufällig zur selben Zeit in den selben Lokalitäten befanden. Im Übrigen ein offenbar traditioneller Zeitvertreib, ältere und gut situierte Pärchen kehren auf einem Spaziergang kurz in die Kneipe ein, trinken ein Bier vor dem Mittag und gehen weiter. Ihre Kinder und Enkel limitieren sich weniger.

Einige Abschiedsfeiern geben mir einen Vorgeschmack, was mir selbst in ca. einem halben Jahr wieder bevorsteht. Am 17.2. haben wir Diana (einigen bekannt vom winterlichen Foto mit meiner russischen Mütze) die letzten Riten erteilt, die am Folgetag nach einem Jahr zurück nach Mexiko flog. Zum Glück ist sie von froher Nationalität und der Abend war eine angenehme Mischung aus etwas Salsa und einem zivilisierten Pub. Das gleiche geschah für den Spanier Miguel, Bulgaren und Iraner haben Geburtstag und mit den Kazachen vergnügt man sich auf Kulturveranstaltungen und internationalen Trinkgelagen.

Sonntag, 6. Februar 2011

06.02.2010 - Kollerkur

Offensichtlich habe ich es mit dem tugendhaften Lesen in geschlossenen Räumen etwas übertrieben: vorletzte Woche setzten typische Symptome der Prüfungskrankheit ein. Zu wenig Bewegung, zu wenige soziale Aktivitäten führten zu Schlafproblemen nachts und deren Gegenteil am Tage, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen, verschlechterte Sozialfähigkeiten. Nach einigen erfolglosen Versuchen, selbst Leute zu Unternehmungen zu animieren konnte ich die Balance jetzt zum Glück wieder herstellen.

Zum einen wurde ich von der Südamerikanischen Gesellschaft beim freitäglichen Salsatanzen zu einem Auftritt rekrutiert. Genauer gesagt probten wir Rueda, eine Salsaform, bei der die Paare im Kreis stehen und simultan nach Kommandos tanzen, wobei sie ihre Partnerinnen untereinander austauschen. Das wurde dann Donnerstag im Rahmen eines studentischen Chili-Wettbewerbs aufgeführt, bei dem jüngere Studenten schauten wer mehr Schoten essen kann. Freitag feierten die Kazachen Geburtstag, was eine der besten Tanznächte in meinem Gedächtnis wurde. Eine griechische Feier eine Woche später fiel wegen Krankheit aus, aber es gibt weiterhin regelmäßig Salsa. Viel Bewegung, viele Menschen, keine Schlafprobleme.

All das geht ein wenig auf Kosten von Lesezeit, aber eine Hausarbeit wurde verschoben, sodass soweit auch das zweite Semester mehr kultiviertes Lesen nach Interesse als Studium ist. Nachdem ich Statistik zu Ende lesen habe, widme ich mich jetzt v.a. der Entwicklungsökonomie in den Bereichne Ungleichheit und Handelstheorie. Daraus habe ich mir auch meinen Vorschlag für das Thema der Abschlussarbeit gezimmert. Laut Formular will ich Mitteleuropa auf wirtschaftliche Konvergenztendenzen mit dem Western untersuchen. Ich bin nicht sehr enthusiastisch, aber irgendwas musste man sich ausdenken.

Der Kurs zu Sozialer Wahl hat sich im Übrigen als ernsthaftes Herzstück des ganzen Programms rausgestellt. Offenbar gibt es eine ganze, eigenständige Disziplin unter dem Namen, die Politik, Philosophie und Wirtschaft vereinigt und evtl. sogar etwas mit der echten Welt zu tun haben könnte. In der wöchentlichen Übung sind alle unsere drei Professoren anwesend, was dem Personalchef der Uni vermutlich die Haare ausfallen laesst, aber Diskussionen auf akademischem Niveau ermöglicht.

Jetzt bin ich erstmal erkältet und bleibe zu Hause.

Sonntag, 23. Januar 2011

22.01.2011 – Unter Büchern und Beton

Fortschritt durch Vorschrift
Der Master hier unterscheidet sich in zwei Aspekten massiv vom Grundstudium. Einmal habe ich mir damals viele Bücher gekauft und erst im zweiten Jahr die Bibliothek betreten. Hier besitze ich kein einziges und bin dafür praktisch nur in der Bücherei. Zweitens war damals der Semesteranfang Stress pur, weil man sich alle angebotenen Kurse angesehen an bevor man sich seinen Stundenplan aufstellte. Hier sind dagegen alle Kurse vorher festgeschrieben. Die erste Vorlesungswoche war daher fast so ruhig wie die vorlesungsfreie davor, weil die meisten Kurse nur Organisatorisches beinhalteten und Übungen logischerweise erst nach Stoffvermittlung stattfinden können. So sitze ich täglich zwischen Büchern und lese glücklich was mir vor die Flinte kommt. In diesem Stil von Zeit und Muße habe ich Donnerstag auch endlich die Buchrezension von Stiglitz' „Im Schatten der Globalisierung“ in einem Ruck fertig geschrieben. Das war das letzte Überbleibsel des letzten Semesters, jetzt kann ich die beiden kleineren Hausarbeiten angehen, die bis 17.3. fertig sein müssen.

Autonomer Student
Statistik hat jetzt die erste muttersprachliche Dozentin gebracht. Ist aber auch egal, weil ich mich aus mehreren Kursen gleich wieder zurückgezogen habe, um lieber selbst in der Bibliothek zu lernen. Da trifft man auch die meisten Bekannten. Mein ägyptischer Freund Achmet z.B. hat mir vom Weihnachtsurlaub neues Baklava mitgebracht, diesmal tunesisches. So hätte ich das schon in Magdeburg machen sollen, wie ja im übrigen meine Kommilitonen, statt alle Vorlesungen mitzumachen, wo ich ohnehin schlecht zuhören kann, und dann noch zu versuchen alle Lehrbücher zu lesen. Kein Wunder der Stress damals.

Sans soucis
Was mir in Bibliothek und auch anderswo auffällt ist, dass ich mich wieder wie früher meine Sachen ohne Sorgen mal für eine Stunde liegen lasse um woanders was zu suchen. Im Übrigens nicht nur ich, dass ist allgemeine Konvention. In Polen würde man schon dreimal durchaus harsch darauf hingewiesen werden, dass man doch auf seine Sachen acht geben muss. Nicht, dass mir (außerhalb Warschauer Parks) dort je was passiert wäre, aber die allgemeine Paranoia dort hatte irgendwann auch mich angesteckt.

Atomwitz
In dieser zuversichtlichen Athmosphäre habe ich Samstag morgen auch mal wieder meiner lang vernachlässigte Rolle als Tourist etwas Aufmerksamkeit gegönnt und den Yorker Atombunker besucht. Zugebenermaßen einer der weniger offensichtlichen Attraktionen, dementsprechend war ich auch der einzige Teilnehmer der Tour. Der Bunker ist ein tragikomisches Relikt der 1950er Jahre, gebaut für den Heimatschutz, der nach einem Angriff die Zerstörung und Strahlungsentwicklung in der Region beobachten und die Bevölkerung warnen sollte. Als Bomben noch per Flugzeug zugestellt werden mussten stellte man sich noch vor, es würde jemand zu warnen übrig bleiben. Die Bomben waren wohl auch noch kleiner, denn der Bunker hätte nur einen Abwurf in mindestens 10km Entfernung standgehalten und hatte Vorräte für sage und schreibe einen Monat Maximum. Danach wären die 60 Freiwilligen des Observer Court (eine ursprünglich Freiwilligenorganisation, die in den Kriegen die einfliegenden deutschen Zeppeline und Bomber beobachteten), die das Glück hatten, als erste durch die Tür zu kommen, wieder rausgetreten und vielleicht Tee getrunken. Glückliche 50er Jahre: im Innern werden auch Lehrfilme aus der Zeit gezeigt, als man sich vor Atombomben unter seinem Schreibtisch in Sicherheit gebracht hätte. Der Yorker Bunker jedenfalls war die Hauptstation für kleine 3-Mann-Bunker in der ganzen Grafschaft und hätte die Beobachten von Explosionen gesammelt, die diese Leute gesammelt hätten, indem sie nach einer Explosion schnell aus ihrem Unterstand gesprungen wären um ihre Instrumente auf dem Dach abzulesen, bevor die Strahlung runterkommt. Der Bunker war von 1961 bis 1992 einsatzbereit und wurde 2000 von English Heritage für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Dienstag, 18. Januar 2011

17.01.2010 – Vorlesen & Vorsingen

Lesen in Gesellschaft
Die freie Woche zwischen Rückflug und Vorlesungsbeginn habe ich praktisch komplett in der Bibliothek verbracht und Ökonometrie gelesen. Das soll mir während des Semesters Arbeit sparen. Trotzdem habe ich lediglich knapp 300 Seiten geschafft, statt mehrerer Bücher auf einmal wie man sich das immer vorstellt. Nebenbei habe nur noch ein bisschen in Goebbels Tagebüchern gestöbert.
In der Bibliothek war ich offenbar der einzige, der keine Prüfungen hatte. Und alle lernen bessere Sachen als ich: um mich rum lagen stapelweise Bücher zu Medizin, Neurologie und Genetik, von Studenten die vor mir kamen und nach mir nach Hause gingen.

Auserlesen
Die Franzosen kamen, schrieben ihre Klausur und gingen wieder. Ich hatte extra ordentliches Essen gekauft und dann sind wir lieber Hamburger essen gegangen.

Lesen mit Musik
Interessanterweise hatte ich trotz einiger Pläne vor dem Semester mal nach Edinburgh oder auf die Farm zu fahren kein größeres Interesse zu verreisen, nicht mal in der Stadt habe ich viel unternommen, selbst den Münster nur zweimal besucht. Dafür habe ich mich zum Lesen in der Musikfakultät fast häuslich eingerichtet. Dort sind vor Semesterbeginn noch wenige Studenten und so herrscht genug Ruhe zum Lernen, während trotzdem immer irgendwer irgendwo probt und ich dabei Tee machen sowie Mittags Essen warm machen kann.

Limitloses Lesen
Heute ging nun das Semester los und wie üblich wurde man mit Leselisten reichlich beschenkt, die man vielleicht ab und zu sogar mal berücksichtigen kann. Bis Mitte März stehen wohl 2-3 Hausarbeiten an und danach Klausuren sämtlicher Kurse seit Studienbeginn. Das wird hier meist nach dem Frühlingssemester konzentriert und nicht nach jedem Halbjahr erledigt. Am schwersten wird aber das Dissertationsthema sein, was ich wohl sehr bald vorschlagen muss. Natürlich habe ich keinen blassen Schimmer was mich denn vielleicht interessiert. Dafür ist die Bibliothek wieder leer, mein stiller Lesesaal wieder allein und verlassen.

Notenlesen
Abends habe ich mich endlich bei der Basssektion des Unichors angemeldet. Wir proben Händels Salomon für einen Auftritt am 16.3. im Münster. Und danach am 22.6. im gleichen Ort – Beethovens Neunte sowie Mozarts Messe in C-Moll! Erstmal wurde mein gesangliches Selbstbewusstsein von den umgebenden Musikstudenten gestutzt – das ist gar nicht so einfach so schnell Noten zu lesen! Zum Glück ist das ein großer Chor und ich kann mich zwischen den anderen Stimmen verstecken wenn ich in die falsche Richtung singe. Mehr ich frage mich wie immer, ob ich in diesem Semester soviel Zeit habe, auch wenn Proben nur zwei Stunden jeden Montag abend sind. Das ist auch gar nicht so billig: 20 Pfund Mitgliedsbeitrag und die Noten muss man trotzdem noch selbst bezahlen. Soviel würde ich z.B. niemals für die gleichen Konzerte als Gast bezahlen. Aber wie sagt mein mit angemeldeter deutscher Kommilitone: was tut man nicht alles um im Münster zu singen.

Tanzen
Am schönsten: die Lateinamerikanische Gesellschaft führt bereits den Freitagssalsa weiter.

Dienstag, 11. Januar 2011

10.01.2011 - Zurück in York

Rückreise
Morgens stand ich noch an der violetten Oder, als die kalte Sonne über den Wäldern aufging und ein langes Spiegelbild über das Hochwasser warf. Im Zug beschien sie auch die weißen Felder und leeren Weinreben vor Frankfurt. Im Glasgang vom Bahnhof Schönefeld spielt der gleiche Akkordeonist wie bei der Ankunft. In der Schlange zum Flugzeug bin ich scheinbar der einzige Nichtpole, sogar das Personal spricht Polnisch. Kein Wunder, dass auf dem East Midlands Airport die Sicherheitsdurchsagen auf Englisch und Polnisch erfolgen. Außer uns ist er übrigens ziemlich leer, im Gegensatz zum Hinflug kommt unser Gepäck sofort aufs Fließband. Sonst ist es leer, grau, und es regnet. Regen, genau, kein Schnee. In England ist der Winter fürs erste vorbei. Schnee wie auch Eis ist weg, sogar das vor unserem Haus; der Garten ist wieder grün. Es scheint sogar die Sonne, die Altstadt muss schön sein. Aber bisher bin ich da kaum hingekommen weil ich gerade mehr Lust habe mich in der Bibliothek zu vergraben.

An der Uni
Die Uni habe ich gar nicht so verlassen vorgefunden wie ich es mir gewünscht hatte. Überall schon wieder Studenten, die in Hausarbeitspanik die Bibliothek besetzen. Meine Hausarbeit ist Freitag endlich fertig geworden, wenn auch eine Woche später als geplant. Da die Vorlesungen erst am 17.01. anfangen, habe ich eine gute Woche, endlich mal nur zu lesen, was mich interessiert. Das ist einmal ein Buch über Matricenrechnung und Wirtschaftsstatistik. Mit letzterem will ich schonmal für das kommende Semester vorarbeiten.

Stundenplan - Frühlingssemester
Meine Kurse werden sein:
Internationale Makroökonomie (mit der türkischen Professorin deren Kurs ich im Wintersemester besucht hatte)
Entwicklungsökonomie
Quantitative Analyse (Wirtschaftsstatistik wie im Wintersemester)
Recherchemethoden (wie im Wintersemester)
„Die Philosophie, Politik Ökonomie sozialer Wahl“ (klingt sehr nach Laberfach oder?)

Alte Kameraden
In der Frankfurter Universitätsbibliothek habe ich übrigens zufällig eine Bekannte von Motyka getroffen. Die hatte 2006 das Projekt an der Ostseeküste organisiert und ich hatte sie seitdem auch nicht mehr gesehen.

Abschiedstanz
Hier in York gibt es dafür die ersten Abschiede: Samstag war große Feier für Rana, die erste Person überhaupt, die ich hier kennen gelernt hatte, noch im Zug aus London. Die hat ihren Doktor fertig und geht zurück in den Libanon. Sie hat mich auch mit der Salsagemeinschaft hier in Verbindung gesetzt und so habe ich dann auch bis in die ersten Sonntagsstunden einen der besten Tanzabende überhaupt genossen.

L´hospitalité
Montag kommt Grégoire für eine Nacht zu mir. Das ist der französische Physik/Musikstudent. Sein Austauschsemester ist eigentlich zu Ende, aber sie zerren ihn nochmal wegen einer Prüfung nach England. Das Wohnheimzimmer dagegen haben sie ihm die drei Extrawochen aber nicht gelassen, dabei braucht das während der Feiertage ohnehin keiner. Darum übernachtet er hier. Leider haben wir kein Klavier im Haus.