Fortschritt durch Vorschrift
Der Master hier unterscheidet sich in zwei Aspekten massiv vom Grundstudium. Einmal habe ich mir damals viele Bücher gekauft und erst im zweiten Jahr die Bibliothek betreten. Hier besitze ich kein einziges und bin dafür praktisch nur in der Bücherei. Zweitens war damals der Semesteranfang Stress pur, weil man sich alle angebotenen Kurse angesehen an bevor man sich seinen Stundenplan aufstellte. Hier sind dagegen alle Kurse vorher festgeschrieben. Die erste Vorlesungswoche war daher fast so ruhig wie die vorlesungsfreie davor, weil die meisten Kurse nur Organisatorisches beinhalteten und Übungen logischerweise erst nach Stoffvermittlung stattfinden können. So sitze ich täglich zwischen Büchern und lese glücklich was mir vor die Flinte kommt. In diesem Stil von Zeit und Muße habe ich Donnerstag auch endlich die Buchrezension von Stiglitz' „Im Schatten der Globalisierung“ in einem Ruck fertig geschrieben. Das war das letzte Überbleibsel des letzten Semesters, jetzt kann ich die beiden kleineren Hausarbeiten angehen, die bis 17.3. fertig sein müssen.
Autonomer Student
Statistik hat jetzt die erste muttersprachliche Dozentin gebracht. Ist aber auch egal, weil ich mich aus mehreren Kursen gleich wieder zurückgezogen habe, um lieber selbst in der Bibliothek zu lernen. Da trifft man auch die meisten Bekannten. Mein ägyptischer Freund Achmet z.B. hat mir vom Weihnachtsurlaub neues Baklava mitgebracht, diesmal tunesisches. So hätte ich das schon in Magdeburg machen sollen, wie ja im übrigen meine Kommilitonen, statt alle Vorlesungen mitzumachen, wo ich ohnehin schlecht zuhören kann, und dann noch zu versuchen alle Lehrbücher zu lesen. Kein Wunder der Stress damals.
Sans soucis
Was mir in Bibliothek und auch anderswo auffällt ist, dass ich mich wieder wie früher meine Sachen ohne Sorgen mal für eine Stunde liegen lasse um woanders was zu suchen. Im Übrigens nicht nur ich, dass ist allgemeine Konvention. In Polen würde man schon dreimal durchaus harsch darauf hingewiesen werden, dass man doch auf seine Sachen acht geben muss. Nicht, dass mir (außerhalb Warschauer Parks) dort je was passiert wäre, aber die allgemeine Paranoia dort hatte irgendwann auch mich angesteckt.
Atomwitz
In dieser zuversichtlichen Athmosphäre habe ich Samstag morgen auch mal wieder meiner lang vernachlässigte Rolle als Tourist etwas Aufmerksamkeit gegönnt und den Yorker Atombunker besucht. Zugebenermaßen einer der weniger offensichtlichen Attraktionen, dementsprechend war ich auch der einzige Teilnehmer der Tour. Der Bunker ist ein tragikomisches Relikt der 1950er Jahre, gebaut für den Heimatschutz, der nach einem Angriff die Zerstörung und Strahlungsentwicklung in der Region beobachten und die Bevölkerung warnen sollte. Als Bomben noch per Flugzeug zugestellt werden mussten stellte man sich noch vor, es würde jemand zu warnen übrig bleiben. Die Bomben waren wohl auch noch kleiner, denn der Bunker hätte nur einen Abwurf in mindestens 10km Entfernung standgehalten und hatte Vorräte für sage und schreibe einen Monat Maximum. Danach wären die 60 Freiwilligen des Observer Court (eine ursprünglich Freiwilligenorganisation, die in den Kriegen die einfliegenden deutschen Zeppeline und Bomber beobachteten), die das Glück hatten, als erste durch die Tür zu kommen, wieder rausgetreten und vielleicht Tee getrunken. Glückliche 50er Jahre: im Innern werden auch Lehrfilme aus der Zeit gezeigt, als man sich vor Atombomben unter seinem Schreibtisch in Sicherheit gebracht hätte. Der Yorker Bunker jedenfalls war die Hauptstation für kleine 3-Mann-Bunker in der ganzen Grafschaft und hätte die Beobachten von Explosionen gesammelt, die diese Leute gesammelt hätten, indem sie nach einer Explosion schnell aus ihrem Unterstand gesprungen wären um ihre Instrumente auf dem Dach abzulesen, bevor die Strahlung runterkommt. Der Bunker war von 1961 bis 1992 einsatzbereit und wurde 2000 von English Heritage für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
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