Donnerstag, 7. April 2011

06.03.2011 - Tie of the Tiger

Langsamlernen
Der Philosophieessay schleppt sich weiter dahin. Ich kämpfe mich extrem langsam durch ein sehr gutes Buch dazu, ohne aber bisher ein einziges Wort geschrieben oder auch nur jegliche Eingebung bekommen zu haben. Dieses strukturlose Vorsichhinlesen jeden Tag von morgens bis abends saugt die Motivation ab wie in den Magdeburger Ferien. Allzuoft bleibe ich dann in anderen Büchern hängen, wie Einführungen in die Mathematik oder das Recht, die Ausgrabungsergebnisse eines karolingischen Dorfes, Tagebücher aus der Nazizeit, die früher Geschichte der Bundesrepublik sowie ein sehr spannendes Werk eines amerikanischen Professors, der zur Wendezeit durch Berlin und die DDR fuhr. Herausgegeben schon 1991, und sehr interessant zu sehen, was man so dachte, als noch nicht klar war, wohin die Reise geht.
Alldieweil lernen alle anderen längst für ihre Prüfungen. Die sind hier auch anders als in Deutschland – sehr aehnlich zu Essays. Man bekommt eine harmlos aussehende Frage und muss dazu mehrere Seiten Meinung schreiben. So bereitet man sich auf Klausuren und Essays gleich vor, man liest wochenlang Artikel schlauer Leute. Ich bin weiterhin sehr skeptisch wieviel Wert diese Betonung der eigenen Meinung wirklich hat – man sollte uns besser handfeste Qualifikationen beibringen; uns sagen, wie man bestimmte Probleme loest.

Wiedersehen im Frühling
Die Ferien lassen mich wieder etwas von der Stadt sehen, wenn auch anders als gedacht. Da die Unibibliothek während jetzt sonntags geschlossen bleibt, gehe ich dann in die Stadtbibliothek. Die öffnet zwar auch nur von 11-16 Uhr, aber ersten lese ich zu Hause überhaupt nichts, und zweitens liegt sie am Rand der Altstadt. Die Straße runter ist der Münster und im Nebengebäude ist das regionale Geschichtsmuseum mit seinem wundervollen Garten am Fluss. Beide sind für mich gratis und so kann ich nach Torschluss je eins oder beides noch kurz besuchen, was ich seit den Anfangswochen hier kaum noch gemacht habe. Insbesondere der Park ist an Frühlingsnachmittagen schön, und auch der Münster gewinnt etwas, wenn die Sonne jetzt wieder durch die Glasfenster das Innere erleuchtet. Und dann geht es doch an die Uni, an einen weniger lerngeeigneten aber wenigstens ruhigen Ort.
Die Osterglocken entlang der Stadtmauern.

Der Hügel mit den einzigen Überresten der Burg.


Anzugsafari
Letzten Samstag war ich auf ein 'förmliches Abendessen' eingeladen. Das ist das jährliche Treffen eines Tauchervereins, dessen Mitglied auch der Chef einer Freundin ist, welcher u.a. Mitarbeiter einlädt, die wiederum je eine Begleitung mitnehmen können. Ich hatte die Annahme der Einladung schon bereut, als ich dafür einiges Geld für neue Kleidung ausgeben musste – ganz unnötig wie sich rausstellte. Aufgrund des Rufs englischer 'Klubs' hatte ich erwartet, mit Lords and Ladies über das Empire zu reden und mir Sorgen zu machen, welches Besteckpaar zu welchem Gang passt. Aber die Mitglieder waren ziemlich normale Briten (nur eben mit genug Geld fürs Tauchen), die zu dieser Zeit Samstags normalerweise vermutlich betrunken wären und in ihren Anzügen aussahen wie Tiger im Käfig. Ich habe mich also vermutlich ganz passabel genommen – schließlich habe ich ja schonmal in einem Parlament gearbeitet!
Meine Gastgeberin und ich vor dem Rennfeld der Pferderennbahn.

Das ganze hat im Restaurant der Yorker Pferderennbahn stattgefunden – Pferderennen, klingt schonmal vornehm. Der schöne Blick über das Rennfeld zum Horizont brachte einige Fotos ein. Das Essen war auch ziemlich gut, wenn auch die Kellnerinnen sowie der Ober-Ober mit seinem gewölbten Anzug verrieten, dass das Restaurant mehr ein Zusatz zum Kerngeschäft ist. Nach zwei Reden und einer Tombola wurde am Ende die Tanzfläche freigegeben. Der Anblick dicker britischer Frauen bei Allzwecktanzbewegungen wie immer für die Götter.

Rechnungswesen
Zuguterletzt hat uns Ella eine Kommillitonin als neue Mitbewohnerin besorgt. Heißt Emily, nicht zu verwechseln mit der französischen Emilie. Nicht besonders interessant, wirkt ein bisschen langsam, aber hilft die Rechnungen zu bezahlen. Zieht vermutlich zusammen mit Ella im Juni wieder aus. Gerüchteweise kommt dann Ersatz in Form eines deutschen Paares.
Ironischerweise haben die derzeitigen Rechnungen unser Zusammenleben hier verbessert. Natürlich war ich sehr genervt, dass alles an mir hängen blieb. Aber viel Stress kam vermutlich daher, dass ich mich zum ersten Mal um so etwas kümmern musste. Jetzt ist es eigentlich ein gutes Gefühl, einen Überblick zu haben was passiert und was wann zu erwarten ist. Und sogar die Mitbewohner machen einen dankbaren Eindruck, dass das jemand unter Kontrolle gebracht hat. Überhaupt einer der wenigen Momente, wo ich sie alle an einem Tag gesehen habe – Ella und Emily als ich um Mitternacht vom Dinner nach Hause kam. Sogar mit Emilie hatte ich eine beinahe freundliche Konversation, die erste längere seit dem frühen Dezember. Und wenn ich das alles richtig pro Kopf und Woche ausgerechnet habe, sind die Summen eigentlich vertretbar – vor allem wenn die Gasrechnung mit dem Frühling hoffentlich spürbar abnehmen wird.
Das wäre auch praktisch um viele neue Ausgaben zu mildern. Leider ist mir letztens mein Fahrrad kaputt gegangen und ich musste mir ein neues (d.h. auch gebrauchtes) kaufen. Allerdings ist es vermutlich besser als mein altes, endlich in meiner Größe, und vielleicht nimmt es der Verkäufer am Ende wieder zurück.

Traumkuchen
Zur Zeit lerne ich einiges über mein Psychologie. Seit Kurzem schaffe ich es, viel weniger zu essen als früher. Für den Tag in der Bibliothek reicht meist eine Stulle Schwarzbrot aus dem Polenladen. Das Hungergefühl kann ich kontrollieren. Infolge habe ich jetzt allerdings praktisch Tagträume von Kuchen und Keksen. Und was für konkrete Episoden das sind: ich sehe den Zebrakuchen in der Südstadthalle, Käsekuchen in der Markthalle in Lodz, die Teufelchen auf der Piotrkowska, Kolbergs Schokoschnitten, den Zupfkuchen im Cafe Diana (und ihr Vortagsblech!), den dänischen Plunder in der NP Bäckerei Magdeburg, den Schweineohren in der Bäckerei Gehrke auf dem Breiten Weg, den Rumtürmchen in der Stadtbäckerei Buckau, die Bajaderki und Stefanki in Torun, den Mohnkuchen auf dem Banacha Basar in Warschau, volle Weihnachtsteller, vor allem Sannis Schwarzweißgebäck, von Osterkörbchen unter grünen Büschen. Ach und von normalem deutschem Mischbrot (oder Oderlandbrot) – letztens brachte ein Österreicher einen Laib vom Osterurlaub zurück. Außerdem bin ich in Gedanken (und sehr oft echten Träumen mit dem Kopf auf dem Buch was ich lesen sollte) an sonnigen und grünen Orten, in Torun, im japanischen Garten und an der Oder in Breslau, an den Seen der Uckermark sogar in Magdeburg auf dem Elbradweg und in diversen Bäckereien.
Was will mir mein Unterbewusstsein sagen? Das ich Hunger habe und seit Weihnachten nicht mehr aus York rausgekommen bin. An letzterem wird sich aber auch bei Sonne nicht viel ändern, einen ganzen Tag für einen Ausflug will ich mir nicht freinehmen. Nicht jedenfalls bis Ende April, wenn Kasia mit einer Freundin kommt. Dann ist zweimal alles zu, zu Ostern und zur königlichen Hochzeit. Dann werde ich sie auch auf einige Ausflüge begleiten. Ansonsten werden sie sich aber oft allein vergnügen müssen, denn in die Bibliothek muss ich schon täglich.

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