So bin ich also unabsichtlich am 30.8. nach England zurück gefahren, genau fünf Jahre nachdem ich ausgereist war. Danke für die Ermutigung und die Zeit, in der ich mich um nichts kümmern musste und mir Essen wünschen konnte, in Lodz, Magdeburg, Rostock, Lübeck, Templin und Frankfurt. Danke deshalb, weil ich zum ersten Mal nicht voller Selbstbewusstsein im Bus auf die Abfahrt wartete. Denn diesmal bin ich nicht völlig überzeugt, das Richtige zu machen. Zum ersten Mail war ich bis zum Schluss geistig nicht schon am Ziel, noch im Bus als schon alles Englsich sprach, schien es nicht als wenn ich nächsten Morgen dort sein würde. Vielleicht war es so lange her?
Ankunft
Kurz vor 12 tauchten dann die Hügel von England vor der Ausfahrt des Kanaltunnels auf. Und immer noch kroch das Vertraute nur langsam in mir hoch. Das Umsteigen in London war so stressig, die Zugfahrkarte so teuer und ich so erschöpft, dass ich nur wieder weg wollte, nach Lodz, nach Warschau, nach Rostock, irgendwohin wo ich nicht über Unsummen entscheiden muss, man für mich kocht und wir abens Romme spielen.
Jedoch fand ich eine Sache wieder, die ich schon fast vergessen hatte: die allgegenwärtige Zuvorkommenheit in England. Zwar war ich verwirrt und genervt, doch jedesmal wenn ich nicht weiter wusste, war jemand zur Stelle, der mir half. Im Zug dann traf ich Rana, libanesische Doktorantin in York, die alle Zweifel an der Lehrqualität zerstäubte.
Der Intensivkurs
Seit Mittwoch bin ich im Intensivkurs, mit ca 40 Leuten aus allen Ländern. Technisch gesehen alles ganz einfach, umso mehr schmerzt es wie kläglich ich vor Aufgaben versage, die ich in der Schule beim Pausenbrot gemacht habe. Mir dann an der Uni wieder mühsam angelernt habe. Und jetzt wieder nicht kann.
Und das kontrastiert umso mehr vor den britischen Studenten. Das sind diese Cambridgetypen, jovial, kompetent, wortgewandt, interessiert, sympathisch. Die so nebenbei Summen ausgeben, wo mir der Atem stockt. Die wissen, dass sie sich ihr Selbstbewusstsein leisten können, denen der Hemdkragen unter dem Pullover vorlukt und die Probleme so locker nebenbei lösen, mit dem Gestus quasi wie beim Tennismatch im Club.
Er dauert bis 1.10., dann habe ich frei bis Semesterbeginn am 11.10. Wenn ich den Kurs bestehe, wurde mir bereits bestätigt, dass ich in meine Wunschstudienrichtung versetzt werde. Für die Zeit des Kurses wohne ich im College, zum eigentlichen Semester muss ich mir eine eigene Unterkunft besorgen.
Nur Zeit habe ich keine, denn wie bei jeder Neuankunft ist soviel zu organisieren, Wohnung und Versicherung, und wenn man daneben noch studiert, so einfach die ersten Lektionen auch sein mögen...
Das Wohnheim
Seit meiner Ankunft bin ich konstant am staunen ob der Modernität hier. Bei dem was hier als Bus um die Ecke biegt fragt man sich, ob das überhaupt noch die Erde berührt. Man muss es leider sagen, Polen wird das in 50 Jahren nicht aufholen. Auch das Wohnheim ist ein Traum. Ein ganzer zweiter Campus wird hier am Ortsrand neu gebaut. Die Zimmer sind in Wohnungen gruppiert, zwei Bäder, brandneue Küche mit Einrichtung, und der Portier ist so freundlich das lässt sich gar nicht in Worte fassen. Insbesondere werden hier sämtliche Türen mit Chipkarten geöffnet, und ich sehe es schon kommen wie ich einmal nach der Dusche nur mit einem Handtuch und ohne Karte vor meiner Tür stehe.
Die Umgebung
Hinter uns beginnen die Felder und neben uns ist das frisch eingemeindete Dorf Heslington. Auf dem Weg zur Uni liegt die Dorfkirche, eine Ode an das heile britische Landleben. Hier ist seit 500 Jahren eben nichts mehr kaputt gegangen! Heslington ist inzwischen quasi Unidorf, vier Banken, Pubs, reihenweise englische Cottages mit gepflegten Gärten, die sauberen Straßen emittieren ein Selbstbewusstsein, dass man versteht warum sich diese Leute von keinem großen Europaprojekt beeindrucken lassen wo bei ihnen ohnehin alles so schön funktioniert.
Freizeit
Tourismus ist erst für Samstag vorgesehen. Dann muss ich auch mal richtig einkaufen. Die Supermärkte sind nämlich alle weit (ach, in Polen gibt es an jeder Ecke einen Laden...) da muss man sich richtig Zeit nehmen. Auf dem Campus ist einer, aber bei dessen Angebot und Preisen verweigere ich den Konsum. So hoffe ich, dass mein Körper mir die Weißbrot- und Nudelmonotonie bis Samstag abnimmt und nicht so abklappt wie am Anfang auf der Farm, als ich für ausgewogene Ernährung noch zu geizig war.
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