Warum in die Ferne schweifen
Bei der kleinen Stadt Ripon, westlich von York, liegt der Königliche Park Studley sowie die Ruine eines Zisterzienserklosters. Letzteres war zuerst da, ab 1134, gegründet von 13 Benediktinern, denen die Klöster in York zu sündig geworden waren. So wurde ihnen ein wildes Tal gegeben, zu sehen ob sie da überleben. Sie rodeten das Tal, bauten sie einen riesen Komplex und wurden Zisterzienser ob der strengeren Regeln. Mit der Zeit wurden sie trotz alledem reich, eröffneten Tochterklöster in ganz England, Frankreich und Norwegen. Und dann kam Heinrich VIII, machte alle Klöster zu, raubte sie aus und sorgte dafür, dass sie ordentlich verfielen. Das Gelände der Fountains Abtei mit den zunehmend bröckelnden Ruinen verkaufte er an einen Finanzmakler, der sie höchstens als Steinbruch nutzte.
Viel später kaufte sich ein königlicher Finanzminister das andere Ende des Tals. Nach einem Skandal igelte er sich vor der Welt auf seinem Besitz ein und steckte die Energie seines restlichen Lebens in seinen Garten und einen Palast der niemals entstand. Seine Nachfahren kauften dann die angrenzenden Mauern der Fountains Abtei als ultimatives Ruinenpanorama für den Park. Irgendwann im 19. Jh. wurden die ersten wohlhabenden Touristen auf den Wert des Geländes aufmerksam, aber niemand hatte das Geld für Instandhaltung. 1983 kaufte dann der Trust das gesamte Geländer von Ruine und Park, ließ letzten als seltenes erhaltenes Originalüberbleibsel georgianischer Wassergärten auf die UNESCO Liste setzen und entwickelte es zu einem der berühmtesten seiner Besitzungen. Mir wurde in meiner Zeit viel von Fountains Abbey erzählt, aber es war zu weit um hinzufahren. Jetzt nutzte ich die nähere Wohnlage.
Auf dem Weg
Früh morgens ging es raus, hinter mir stieg die Sonne gerade über das Wohnheim und vor mir stand ein Regenbogen. Über Harrogate ging es nach Ripon, eine wunderschöne Überlandfahrt durch die von Hecken getrennten grünen Felder Englands, mit weißen Schafen unter hohen Eichen, Fasanen im Kohl und steingrauen Dörfern in der leicht hügeligen Landschaft Yorkshires. Schon auf der Anfahrt sah man weithin eine Kirche deren eckige Flachtürme sehr wie ein kleiner Yorker Münster aussahen. Wirklich war das der Münster (heute Kathedrale) von Ripon, für dessen unerwartete Pracht ich gar keine Zeit eingeplant hatte.
Am Ziel
Endlich am Besucherzentrum von Fountains Abbey abgesetzt ging ich mit alten Leuten in teurer Allwetterkleidung (lies: National Trust Mitglieder) über Felder mit Hasen, begrenzt von Trockensteinmauern auf denen Fasane hocken und den akurat geschnittenen Hecken des Trusts.
Durch einige Bäume den Abhang in die Talmulde hinunter trat ich und gerade als die Sonne durch die als grau und dauerhaft vorhergesagten Wolken brach stand ich vor dem Kloster. Grandios. Wie Chorin, nur viel größer. Und auf freier Wiese; grünem englischen Rasen. Von ihm ragt dunkel der große Turm in den Himmel, leer und von Raben besetzt.
Der Garten: Studley Royal
In der alten Torwache ist die geschichtliche Ausstellung, und dann schloss ich mich der Führung des Gartenteils am anderen Ende des lang gestreckten Tals an. Bei bestem Sonnenschein liefen wir nur zur viert das Tal des Flüsschens Skell entlang. Auf beiden Seiten stehen über dem Taleinschnitt Bäume aus denen es zwitschert und gurrt. Wenn mir in Warschau Natur gefehlt hat bin ich in der Region hier genau richtig. Mit Regenjacke und Rucksack, darin nur Essen, Bücher und Fahrpläne. Während des Weges geht das Gelände des Klosters aus dem 12. Jh. langsam über in einen Landschaftspark aus dem 18. Jh. Der Fluss wird kanalisiert, unterirdisch geleitet, oberirdisch in künstliche Teiche verteilt, mit gestochenen Ufern und gepflegtem Rasen, importiertem Gehölz und Finessen wie Grotten, mythologischen Statuen, illusionistischen Elementen und „Überraschungspanoramen“. Die Anhöhen links und rechts des Tals hoch und runter gingen wir an Teehäuschen und Tempelchen vorbei und wieder zurück zur Klosterruine.
Das Kloster: Abtei Fountains
Dort ging es nahtlos weiter mit einer zweiten Führung, diesmal zur Ruine selbst und danach bin ich noch ein wenig allein durch die riesigen Hallen der Kirche und die Wirtschaftsgebäude gestolpert. Nach zwei Jahren Polen konnte ich auf dem Hauptaltar stehend quasi die katholischen Chöre hören, die im Hauptschiff gesungen worden sind. Und dahinter die Kapelle der neun Altäre, später kopiert und bis heute in aktivem Zustand zu besichtigen in Durham.
Die Zeit flog davon, noch ging ich in die Klostermühle, die eine Ausstellung des Mönchslebens birgt, und zu Fountains Hall, dem Herrenhaus des ersten Käufers des aufgelösten Kloster, dessen Steine zum Bau geplündert wurden. Auch das heute Teil des Geländes und von außen sehr englisch, innen aber nur ein Raum zu besichtigen.
Die Kathedrale in Ripon
Zurück in Ripon nahm ich mir noch eine Stunde bis zum letzten Bus zurück nach York um doch noch in die Kathedrale zu gehen. Die war gegründet vom Hl. Wilfried, eines noch sächsischen Heiligen, also wirklich alt. Von ihm bleibt nur eine Krypta. Das Kloster, was irgendwann mal angeschlossen gewesen sein muss (der Besucherführer in Fountains Abtei erwähnte das Yorkshire voll ist mir Klöstern), ist allerdings weg. Dafür viel farbiges Glas, fröhlich sprang mein Herze. Am Ende geriet ich noch in den Gottesdienst und sage: katholisch schlägt anglikanisch. Chor sehr gut, aber warum darf ich nicht selber singen?
Ein Licht am Abend
Für den Bus stahl ich mich etwas früher aus dem Chor und stand wieder im inzwischen von Touristen geleerten und abgedunkelten Hauptschiff. Dazu muss man wissen, dass englische Kirchen meist einen Schirm zwischen Chor und Schiff haben, mit nur einem mittigen Durchgang, ähnlich wie orthodoxe. Und als ich durch diese Tür das Licht des von den Kerzen beleuchteten Altars sah und den Chor hörte wurde mir klar: bald ist wieder Weihnachten!
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