Da ich im Wohnheim nur für die Zeit des Intensivkurses eingebucht bin, also bis zum 1. Oktober, gehörte die Wohnungssuche zu meinen Prioritäten sobald ich einen Fuß auf dem Boden hatte. Da ich Wohnungssuche aber hasse, habe ich nach einer Pseudoanstrengung alle gerade sein lassen und mich auf ein sehr günstiges Angebot verlassen, dass ich aber erst zwei Wochen später sehen konnte. Natürlich hat sich dass am Montag in Wohlgefallen ausgelöst und ich musste mich der unangenehmen Pflicht stellen wieder zu suchen, diesmal mit der Frist bis nächsten Freitag und Horden inzwischen angereister Studenten als Konkurrenz. Einmal mehr ging ich abendlich mit Wohnungsbauchschmerzen ins Bett. Nicht, dass mich sowas noch zu größeren Anstrengungen motiverte.
Und wieder zeigt sich, Faulheit wird belohnt. Heute nämlich habe ich quasi nebenbei, als spontan anberaumte Anschlussbesichtigung neben einer anderen Wohnung, die perfekte Bleibe für pflegeleichte Studenten gefunden, und so meinen ruhigen Schlaf.
Haus
Typisch englisches Haus in ruhigem Viertel, gepflegte Vorgärten, vereinzelt mit Rosen, dazu Blick auf den Münster und es schien gerade die Sonne. Familien mit Kindern, eine Schule, um die Ecke ein teuer aussehendes Altenheim. Etwa 20 min zu Fuß zur Uni, 8 zum besten Supermarkt; Post, Friseur und verschiedenste Kleingeschäfte um die Ecke. Das Haus innen neu gemacht und sauber, makellos sogar, mit allen Annehmlichkeiten. Auch wir haben einen Garten, mit Apfel- und Pflaumenbaum.
Mitbewohner
Fast zu schön um wahr zu sein, und da stimmen drei Mitbewohner unisono mit ein. Eine Psychologiestudentin aus...Sunderland, hat Freundin in Easington, Autobesitzerin, nimmt mich gerne mit Richtung Newcastle, dank Soldatenpapa fünfeinhalb Jahre bei Paderborn gelebt. Der zweite kommt aus Lincoln, also wo Pauls Eltern wohnen. Will von Management zu Literatur wechseln und lernt privat Polnisch. Dritte ist schon Literaturstudentin. Alle an der zweiten Uni von York, St. John's. Immer gut, Leute zu Haus zu haben, die nicht das gleiche am gleichen Ort machen wie man selbst. Ich hätte nie gedacht, dass sie Erstsemester sind, vielleicht weil alle drei sympathischerweise arbeiten.
Ein wahrgewordener Traum, insbesondere verglichen mit der vorher besuchten möligen Bude ungepflegter Studenten und Bierdosen. Und das allerbeste: den ganzen Jackpot gibt es ausgesprochen günstig. Das wohl dank der philantropen Vermieter, eines netten Rentnerpaares, die das Haus als Einkommen neben der Rente gekauft haben und scheinbar nicht mehr verlangen als zur Aufbesserung nötig ist. Ha, ich bezahle keiner Agentur 300 Pfund nur damit sie mich an wen vermitteln!
Tea Party
Außerdem sind alles Engländer und so kriege ich zum billigen Preis auch noch gratis endlich die Sprachübung die ich suche. Ha, ihr hättet hören sollen, wie fließend es schon jetzt plötzlich sprudelte, nur weil Selbstwert und Sicherheitsgefühl in die Höhe schossen. Und echte Engländer sind sie: drei Wochen habe ich auf die doch als so allgegenwärtige Frage gekannte warten müssen, ob ich eine Tasse Tee will.
Zuviel des Guten
Anschließend nutze ich den Supermarkt auf dem Weg. Dabei fand ich ein Regal mit polnischen Produkten. Die Familia Waffeln, Bigos, Kohlrouladen wie im Biedronka um die Ecke. Und das kombiniert mit dem verlässlichen Lächeln im englischen Alltag, dass jedes Anrempeln sofort entschärft und jeden Gesprächsauftakt vereinfacht. Heute fiel mir ein, wie mir das nach dem Freiwilligendienst gefehlt hat. So verwirrt war ich wohl von den glücklichen Informationen des Tages, dass ich der Kassierin auf Polnisch antworten und anschließend beim Busfahrer eine Karte nach Easington kaufen wollte. Der guten Nachrichten nicht genug heute: auch ist abschließend festzustellen, dass sich englische Mädchen im Durchschnitt definitiv verbessert haben.
Fahrrad
Und einen Tag später habe ich mich endlich dazu entschlossen eins der zu Hauf verfügbaren 26er Räder zu kaufen. Wird mir wohl den Rücken kapuut machen. Aber wichtiger, es ist billig.
Englische Kirche
Zum Schluss: Sonntag war ich nach der Erfahrung in der Kathedrale von Ripon zum Erntedankgottesdienst in der lokalen Dorfkirche von Heslington, immer eine gute Art Leute kennen zu lernen. Die ist eine Gemeinschaftsgemeinde von Anglikanern und Methodisten und ein fröhliche Ökumene, wo auch die Pfarrer frei sagen, dass die Unterschiede sowieso nur prozedural sind. Und ich sage: Laien-Einbeziehung, Pfarrer im Pullover und Headset sowie lärmende Kinderecke schön und gut – aber das kommt nie und nimmer gegen den autoritären Bombast und rigorose Entindividualisierung einer guten katholischen Messe an.
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