Dienstag, 27. Oktober 2020

Seit kurzem lese ich wieder etwas Sachliteratur. Das ist insofern bemerkenswert, dass ich bis vor kurzem abends noch Heimatfilme geguckt habe, weil mein Kopf mehr nicht mehr konnte. Mein psychischer Zustand ist aber weiterhin durchwachsen. Allgemein ganz gut. Aber spröde unter Baby-bezogenem Stress. Ende der Woche musste Ellie mehrmals Otto übernehmen, weil er unter meiner Betreuung partout nicht schlafen wollte. Da habe ich mich gleich wieder schlecht gefühlt, dass ich meinen Beitrag nicht leiste. Auch wenn der Kopf weiß, dass es wahrscheinlich einfach nur zufällige Verhaltensfluktuationen sind. Wir haben einen extra Begriff dafür, Baby stuff, also Babykram, wo man nur die Schultern zucken und weitermachen kann. Interessanterweise erinnert sich alle, dass Otto in ganz jungen Tagen eine zeitlang nur auf mir schlafen wollte und sie aus schlechtem Gewissen besonders viel für mich gekocht und geputzt hat. Ich dagegen kann mich daran überhaupt nicht erinnern.

Ausgelesen habe ich den Mosaikband, den ich zum Geburtstag bekommen hatte. Sogar der hatte eine Weile halb gelesen rumgelegen, weil es nichtmal dazu gereicht hatte im Kopf.

Otto war unter der Woche im örtlichen Aquarium. wir sind wirklich froh, wie aktiv er seine Umgebung wahrnimmt. Fische, Krabben und sogar die selten zu sehen Otter, hat er alles mit Lauten bedacht. Am verregneten Samstag sind wir zu dritt gleich nochmal hingegangen; auch mir hat das richtig Spaß gemacht. Vermutlich, weil auch die Vorstellung der Welt unter dem Wasser eine Art Reise darstellt, die mein lokal beschränkter Geist so gerne anstellt.

Essen ist weiterhin seine Leidenschaft. Er isst immer ordentlicher. Nur müssen wir unser eigenes Essen entweder verstecken oder ihm etwas abgeben. Inzwischen isst er, zusätzlich zur Milch, regelmäßig Frühstück und Mittagessen mit uns. Er liebt Gurke und Wassermelone und jeden möglichen Brei. Aber richtig wild wird er, wenn er ein Glas Wasser bekommt. Warum? Babykram. Vor kurzem hat Ellie etwas scharfes Essen ausprobiert. Das Experiment legte nahe, dass sein Geschmackssinn eher nach mir schlägt. Schumänner, schickt Schokolade.

Er sitzt gut aufrecht, kann Sachen in beiden Händen gleichzeitig halten (schlägt sie dann aber meistens nur zusammen), spielt gerne Verstecken, ist mehr und mehr an Tieren interessiert, besonders die Katzen findet er immer aufregender. Aber zu nah darf er nicht, sonst greifen seine Händchen blitzschnell zu. Er muss ganz kurz vorm Krabbeln stehen, aber auf den letzten Zentimetern fällt er weiter auf den Bauch. Er plappert fröhlich vor sich hin und kann vermutlich bald mit nur noch zwei Nickerchen pro Tag auskommen. Womit wir dann mehr Spielraum für Ausflüge hätten.

Sonntag, 18. Oktober 2020

Grenzen

Otto und Ellie haben ihren Schnupfen kuriert und ich bin scheinbar tatsächlich verschont worden. Otto hat gerade eine richtig gute Zeit. Insbesondere wenn er beide Eltern in einem Raum hat kann er gar nicht an sich halten. Unsere Nächte sind aber mittelmäßig, weil er sich permanent auf den Bauch rollt und dabei aufwacht. Wir treffen uns zunehmend mit Freunden, was uns gut tut und Otto eine Bühne bietet. Seit kurzem organisiert jemand regelmäßige Spielstunden, d.h. in einem Park oder bei Regen einer Halle werden Spielstationen aufgestellt, wo sich die Kinder für wenig Geld einige Stunden austoben können.

Ottos neueste Entwicklungen:

  1. lässt sich gelegentlich durch Singen oder sogar durchs Mikrofon des Babymonitors beruhigen.
  2. Hat gelernt sich aufzuregen, wenn er nicht seinen Willen bekommt
  3. sitzt ohne Hilfe in der Badewanne
  4. hat gelernt, dass man mit Wasser plantschen kann
  5. sein kleines Gehirn arbeitet wahrscheinlich am Krabbeln... bisher geht es aber nur rückwärts
  6. er tritt auch wie besessen um sich; vermutlich wird daraus mal das Laufen
  7. er liebt Essen. Wir probieren verschiedenstens, bisher hat er nichts abgelehnt. Im Gegenteilt - man darf ihn fremdes Essen gar nicht sehen lassen, sonst tritt Punkt 2 in Kraft.
  8. plötzlich akzeptiert er den Baby-Träger; wir können ihn also vor unserer Brust rumtragen, er findet das toll und wir haben beide Hände frei. Außerdem kann man so viel besser spazieren gehen, unabhängig vom Untergrund


Ursprünglich wollte ich schreiben, dass ich insgesamt das Gefühl habe mich etwas erholt zu haben. Aber dann haben Ellie und ich uns am nächsten Tag gezankt, weil ein von mir lang erwarteter Ausflug auf der Kippe stand. Dann hat sich Ellie abends nebenbei entschuldigt, während ich noch krampfhaft nach den Worte dafür suchte, und ehe ich mich versah heulte ich Rotz und Wasser auf dem Sofa. Im Gespräch schälte sich raus, dass ich mich zwischen verschiedenen gefühlten Ansprüchen zerrieben fühle:

  • das ich Ellie nicht genug aushelfe, weil sie in meinem Kopf immer noch die ausgebrannte Person aus dem zweiten und dritten Monat ist, die jederzeit zusammen brechen kann
  • das ich mich gleichzeitig schuldig fühle nicht genug mit Freunden und Familie Kontakt zu halten, weder telefonisch noch schriftlich. Ich will das mal ganz klar sagen: ich fühle mich furchtbar, dass ich das nicht mehr schaffe
  • das ich das Gefühl von Kontrolle über mein Leben verloren habe; zusehen muss wie vertraute Orte und Menschen verblassen und einfach nicht die Zeit da ist etwas dagegen zu tun. Das ganze Modell, dass ich im Ausland hängen geblieben bin, aber Kontakt halten kann und regelmäßig persönlich da bin.
Mindestens die letzten Punkte waren schon seit Jahren da, aber unterschwellig, und mein rationaler Teil konnte es kontrollieren. Jetzt bricht es alles hervor, weil ich geistig erschöpft bin. Und vor allem hätte ich nicht mal für eines genug Zeit, und stattdessen zerren alle gleichzeitig an der Zeit, die ich habe.
Alle diese Sachen sind unterbewusst, darum brach es so unerwartet aus mir hervor. Einige sind auch unberechtigt. Aber die ersten Monate Elternschaft haben sich offensichtlich tiefer in uns eingebrannt als ich wahr haben wollte.

Der Ausflug hat dann übrigens noch stattgefunden und mir gezeigt, dass es zwar albern war sich aufzuregen, mir Natur und Draußensein auch bitter fehlen. Wir sind an den Ententeich in Buriton gefahren; aus irgendeinem Grund hatte ich schon vor Ottos Geburt diesen Plan; und es wärmte meine Seele, das Grün, die Ruhe, die Tiere. Eine Woche sind wir nochmal hingefahren, diesmal mit Otto im Träger und es macht uns richtig glücklich, wie er da drin sitzt und auf die Sachen reagiert, die wir ihm zeigen. Ich kann es gar nicht erwarten, ihm die Eisenbahn zu zeigen, die dort im Wald aus einem Tunnel kommt, wenn er ein kleiner Junge ist.

Ein typischer Tag sieht inzwischen so aus:

  • wir stehen etwa 7 Uhr auf
  • ich bespaße Otto, im Garten wenn möglich und idealerweise sieht er Vögel; Ellie macht Frühstück
  • wir essen alle zusammen am großen Tisch; Otto schmiert sich sein Essen ins Gesicht; dann geht er bald wieder schlafen
  • ich fange an zu arbeiten, auch am großen Tisch wo mein Rechner steht
  • etwa 13 Uhr mache ich Mittagspause, eine ganze Stunde lang damit Otto und ich einen Spaziergang zum Meer machen können
  • dann arbeite ich bis etwa 17.30 Uhr.
  • dann übernehme ich Otto; wenn Zeit ist gehen wir nochmal spazieren, sonst gehen wir in den Garten, auch um mir selbst etwas frische Luft zu gönnen
  • Ellie bereitet das Bad vor; gegen 18.30 Uhr geht es los; zum Schluss lesen wir ihm ein Buch vor (meistens fehlt ihm die Geduld) und singen ein paar Schlaflieder
  • dann nehme ich Otto ins Schlafzimmer, gebe ihm noch eine Flasche die er aussaugt wie ein Verhungernder, während ich ihm noch etwas vorsinge
  • dann kommt er ins Bett, ich lege mich daneben und hoffe, dass er nicht allzulange rollt und bald einschläft
  • dann liege ich noch etwas in der Dunkelheit und höre fast die Luft aus mir pfeifen
  • dann gehe ich nach unten und wir haben mit noch etwa anderthalb Stunden für uns... oder für andere Aufgaben. Diese Wahl ist auch schwierig

Ellie und ich scheinen uns seit einiger Zeit einig, dass wir einfach mal einen Termin beim Standesamt machen und heiraten sollten. Um die Erwartungen zu dämpfen: wir reden wirklich nur davon, den rechtlichen Teil zu erledigen. Geredet haben wir davon schon lange; ursprünglich mehr zum Spaß und später, um einen Fakt formal anzuerkennen. Wir hatten über die Jahre auch eine recht klare Vorstellung entwickelt, wie und wo das gemacht werden könnte. Aber jetzt müssen wir sagen: für die große Zeremonie mit Feier und Gästen werden wir auf Jahre hinaus keine Zeit haben. Wir schaffen es nicht mal den kaputten Ofen zu reparieren. Wir würden das auch irgendwann nachholen, für alle. Aber der eigentliche Akt muss dafür nicht warten.

Ich habe jetzt zwei Wochen in meinem neuen Job als Manager hinter mir. Bisher habe ich eigentlich ein ziemlich gutes Gefühl. Ich leite zwei Leute, die einen sehr guten Eindruck machen. Wir sollen mehrer mehrere Datenverarbeitungsleitungen auf Vordermann bringen. Ich habe auch einige Ideen; die Frage ist ob wir die Zeit dazu haben werden neben der Alltagsarbeit.

Sonntag, 4. Oktober 2020

Schnotto

Diese Woche haben wir Ottos erste Erkältung durchgemacht. Kam plötzlich Sonntag Nacht und hat uns einige schwere Nächte beschert. Erschwerend kam hinzu, dass Ellie sich die Erkältung sofort selbst einfing. Ihre sind immer kurz und schwer. Das hieß, eigentlich hätte sie die ganze Zeit im Bett sein müssen. Ging aber nicht, denn sie musste sich ja um Otto kümmern. Zwei Tage hatte ich mir freigenommen um zu helfen, mehr ging nicht. Ich finde es immer ganz schwierig, wenn sich solche Dilemmata ergeben, wo sich mindestens einer von uns quälen muss, weil einfach nicht genug Arbeitskraft da ist.

Was mich daran erinnert, dass ich im letzten Eintrag ein wichtige Sache vergessen habe: einer der größten Stress Faktoren im Eltern Dasein ist für mich das Gefühl des Kontrollverlusts. Das es ganz egal ist wie gut man plant und was eigentlich gemacht werden müsste, weil die Umstände es immer wieder kurzfristig durchkreuzen. Dazu kommt das Gefühl von Klaustrophobie, weil die Welt so auf das Haus, zwei Parks und den Strand zusammen schrumpft. Ich habe immer das Gefühl on Raum gebraucht und bin darum gerne unterwegs. Das ist ein wichtiges Mittel gegen Stress. Geht alles nicht mehr und man sagt sich solange , dass das alles wieder anders wird, bis man selbst Zweifel bekommt. Das beste Mittel scheint inzwischen einfach Akzeptanz zu sein und darum versuche ich auch ganz bewusst meine Ambitionen am jeden Tag   zu begrenzen und mir mehr freie Zeit zum Faulenzen zu lassen und lokal Bekannte zu treffen. Aber nicht alle Konsequenzen sind einfach zu ertragen. Insbesondere, so viele Leute so lange nicht sehen zu können.

Tagsüber ging es Otto trotz der Erkältung  ziemlich gut. Er quasselt viel - bäbäbä und mämämä. Es fasziniert ihn, seine Hände über Oberflächen zu streichen. Inzwischen freut er sich über die Wellen am Meer, aber am allerbesten ist die Betonmauer an der Promenade.

Zuguterletzt bin ich endlich befördert worden. Das ging plötzlich ganz schnell. Gespräch am Mittwoch, entscheidung am Donnerstag. Tritt bereits morgen in Kraft. Ich komme dazu in eine neue Arbeitsgruppe innerhalb meines derzeitigen Teams. Dort geht es wohl um den Bau einiger neuer Datenverarbeitungsprozesse, aber so wirklich versteht man das eh erst nach einem Jahr darum hier keine weiteren Details. Ich werde auch zwei Leute leiten, wovor ich durchaus etwas Schiss habe. Aber immer voran. Nicht zuletzt kriege ich ja mehr Geld, was ein wenig Ellies Einkommensverlust kompensiert. Und ich habe ohnehin Zweifel das sie in einem halben Jahr tatsächlich zurück in die Vollzeit geht.


Sonntag, 27. September 2020

gemeinsam einsam

In letzter Zeit spielt unsere geistige Gesundheit eine große Rolle. Freitag vor einer Woche hatte ich wahrscheinlich einen leichten Nervenzusammenbruch . Der Anlass war gar kein grissrr: Otto war beim sitzen umgefallen, leicht auf den Kopf. Die offizielle Anweisung ist mit dem Kind zur Notaufnahme zu fahren. Das hieß, dass ich Freitag Nachmittag nicht mehr arbeiten konnte und damit bin ich überhaupt nicht klargekommen. Die Untersuchungen verliefen dann relativ zügig und haben natürlich nichts gefunden, aber ich konnte mich den ganzen Tag nicht mehr einfangen. Ich konnte nur daran denken, dass beruflich und privat ohnehin viel zu viel zu tun war und jetzt überhaupt keine Chance mehr bestand, das aufzuholen.
Abends spürte ich, dass mein Geist völlig aufgeregt war und später machte mein Körper komische Sachen; mir war kalt und ich hatte das Gefühl, dass jeder Gedanke zuviel Kraft erforderte. Da habe ich mir dann Gedacht, dass das nach einer Art Nervenzusammenbruch klingt.
Der Tag selbst kann nicht allein der Auslöser gewesen sein; es müssen die Monate davor gewesen sein, die meine Reserven verbraucht hatten. Konkret das ständige Gefühl, nichtmal mit den allernötigsten Aufgaben hinterherzukommen. Ich hab dann entschieden, nur noch zu machen, worauf ich Lust habe ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Heute waren Ellies Vater mit Frau da, und abends unsere Freundin Claire. Dabei habe ich gemerkt, dass sich mein ganzen Grundgefühl verbessert hat. Es ist also inzwischen auch so, dass mir ganz einfach ein Sozialleben fehlt. Stimmt ja auch, wochenlang bin ich wochentags gar nicht aus dem Haus gekommen und auch heute kriege ich maximal eine dreiviertel Stunde nach der Arbeit. Und das unabhängig von irgendwelchen Viren. Also versuche ich jetzt mehr Menschen zu sehen.
Da kommt uns gelegen, dass wir inzwischen alle diese Probleme haben. Ich spreche die meinen ganz bewusst offen an, weil es die meisten Leute in unserer Umgebung nicht machen. In den letzten zwei Wochen haben wir von einem weiteren Fall in unserer Elterngruppe erfahren, wo einem die Haare zu Berge stehen - aber gesprochen wir darüber nur unter vier Augen. Und mit wem ich es auch beredet, Freunde und Kollegen, sogar die die man für besonders stabil hält, alle bestätigen, dass auch sie zu merkwürdigen Einsiedlern werden, die nicht mehr normal mit anderen Menschen sprechen können. Und alle sind ganz dankbar für irgendwelche Einladungen. Außerdem merke ich einen Unterschied zwischen den Generation. Ellies Papa machen sich auch große Sorgen um uns. Darum sage ich mal ausdrücklich: wir sind nicht auf dem Weg in die Nervenklinik. Es passieren viele schöne Dinge.

Vor einigen Wochen waren wir zu dritt am Meer unterwegs und als Ottos Schlafenszeit kam, meinte Ellie, sie könnte ihn ja allein nach Hause nehmen und später wieder zu mir stoßen. Dadurch hatte ich einen ganzen Nachmittag draußen am Meer in der Sonne, wofür ich sehr dankbar war. Ich bin sogar kurz schwimmen gegangen.
Am vergangenen Sonntag sind wir mit Otto auf den Berg über Portsmouth gefahren und haben ihm gezeigt, wie groß die Welt wirklich ist. Ich nehme ihn dazu auch regelmäßig mit ans Meer. Er sitzt dabei immer auf meinem Arm und guckt, als machte ihm etwas ganz große Sorgen. Aber inzwischen denke ich, dass er ganz einfach völlig verblüfft von der Weite ist. Er kann inzwischen Vogel im Flug erkennen und letztens haben wir im Garten eine Taube beobachtet, die Beeren aus dem Busch gepickt hat. Ich bin so froh, dass er daran Interesse zeigt, weil ich ihn im nächsten Frühling endlich in die Natur nehmen will. Seine unteren Schneidezähnchen kommen durch und er ist sein Frühstück mit Gusto; in sehr kurzer Zeit hat er praktisch aufgehört sich zu verschlucken und er mäkelt über gar nichts.

Kleiner Wichtel am großen Meer
Fliegende Wichtel auf dem Berg

2008 in Breslau


Samstag, 12. September 2020

Otto und Oma

Letzte Woche war Mutti hier und hat uns so etwas wie Urlaub beschert. Ich hatte mir die ganze Zeit freigenommen und sie hat richtig angepackte. Der Unterschied, den ein weiteres paar Hände und Muttererfahrung macht, war wirklich jede Minute zu spüren. Dass man einfach ein paar Aufgaben deligieren kann und tatsächlich auch mal ein paar Momente frei hat. Diesmal habe ich mich nicht beschwert, dass sie das ganze Haus auf Vordermann gebracht hat. Sie hat uns durch die Entlastung bei den Alltagsarbeiten vieles lange vernachlässigtes möglich gemacht. Ich war beim Friseur, Garten und Dachboden wurden geräumt, mehrere Säcke zu klein gewordener Babysachen wurden zur Spende gebracht, ein Elektriker wurde bestellt um sich um seit zwei Jahren kaputtes zu kümmern. Ottos neues, größeres Bett wurde zusammengebaut, denn Otto wächst. Es gab mir endlich wieder ein Gefühl von Fortschritt und Veränderung das mir in der Routine vorher so fehlt hatte.


Leider konnten wir Mutti gar nichts besonderes zum Dank anbieten. Allein auf ein Pimms im Hafen konnten wir sie einladen und auch das war an die zwei Stunden gebunden, die Otto zwischen Nickerchen wach sein kann.


Besonder schön war, dass wir angefangen haben, am späten Nachmittag, in seiner letzten Wachzeit, mit Otto ans Meer zu gehen. Seine rasante Entwicklung ist auch daran zu sehen, dass man das jetzt mit ihm machen kann. Ich habe entdeckt, dass er es richtig lange dort aushält. Für mich ist das eine große Sache, denn das Meer tut mir sehr gut. Der Raum und die frische Luft sind das genaue Gegenteil des Hauses, aus dem ich über Monate kaum gekommen war.


Muttis Besuch war auch zeitlich glücklich gewählt, denn Otto hatte nach einigen traumhaften Wochen eine etwas schwierigere Zeit, in der er schlechter schlief, ab und zu wieder nächtliche Fütterungen und tagsüber mehr Aufmerksamkeit brauchte. Es war klar, dass er wieder eine Entwicklungsphase durchlief und da war Hilfe sehr willkommen.


Emotional ging in mir in dieser Woche viel durcheinander was auch nicht leicht zu formulieren ist. Am Ende blieb wieder einmal vor allem Bedauern. Dass Otto seine Oma nicht jeden Tag sehen kann, dass ich meine Familie so selten sehe, dass das jetzt auf Jahre noch schwieriger wird. Dass wir nicht alle zehn Jahre jünger sind.


Ottomobil

Ansonsten ist auch viel los:

Otto entwickelt sich rasant. Seine Entwicklungssprünge sind auch ganz erstaunlich plötzlich. Als ich ihn am Abend nach Muttis Abfahrt ins Bett legte, fing er auf einmal an sich auf den Bauch zu rollen. Monatelang hatte er daran gearbeitet, jetzt war es da - dass also hatte sein kleiner Kopf die Tage vorbereitet. Er hat dann weiter viel geübt, besonders nachts, wodurch jeweils einer von uns aufpassen musste, dass er nicht auf seinen Atemwegen liegen bleibt. Inzwischen dreht er sich wie ein Profi, stützt sich auf den Händen ab und probt eindeutig, wie man sich mit den Füßchen vorwärts schieben könnte. Dann fing er auf einmal an, mehr und mehr zu sitzen. Innerhalb weniger Tage hatte er gelernt, sich selbst aufrecht zu halten.

Er mag klickende Geräusche, z.B. wenn man Steine am Strand wirft, die ihm vor Kurzem noch Angst gemacht hatten.



Otto ist jetzt offizielles Mitglied bei Union Berlin. Kann dann seinem Papa Karten besorgen.



Wir haben dann einfach mal ausprobiert was passiert wenn wir ihm Essen vorlegen. Die letzte Wochen steckt er sich ja schon alle sin den Mund was nicht niet- und nagelfest ist. Und wie erwartet lernt er ganz schnell zu essen. Die Milch wird dadurch nicht ersetzt, er kann sich einfach schon mal an festes Essen und den Geschmeck gewöhnen. Ich habe dann den Hochstuhl zusammen gebaut und plötzlich essen wir jeden Morgen als Familie Frühstück, einfach weil es am praktischsten ist. Ellie und mir tut das richtig gut. Vorher hatte ich ja immer schnell vorm Computer gegessen. Brei ist übrigens nicht dabei, das wird hier drüben wohl nicht mehr gemacht.


Nachts isst Otto normalerweise nicht mehr. Er pullert auch kaum noch ein, seit wir ihm richtige Windelhosen besorgt haben. All das macht unser Leben einfacher.

Ich habe auch wieder so etwas wie ein Leben. Seit einiger Zeit lese ich abends wieder ein bisschen. Die letzten Tage habe ich die Geschichten von Sindbad dem Seefahrer gelesen. Ich lerne für Otto weiter weiter Volks- und Kinderlieder. Als letztes die gesamte Vogel Hochzeit und das Lied von Dornröschen. Wer wusste, dass Tochter Zion englischer Herkunft ist? Geschrieben von Händel. 

Ich habe den letzten Busch im Garten identifiziert. wir haben: Budelaia, Feuerdorn, Kohuhu, Heckenkirsche und Säckelblume. So klein war meine Welt geworden, dass mich das interessiert hat, wenn ich Otto in den Garten nehme.

Leider ist die Sonderregelung meines Arbeitgebers ausgelaufen, die mir lange Zeit erlaubt hatte, Ellie mittags Otto eine Stunden lang abzunehmen. Gottseitdank ist er jetzt einfacher. Trotzdem machen wir alles, was uns Zeit spart. Zum Beispiel haben wir angefangen, uns unseren gesamten Wocheneinkauf liefern zu lassen, was insbesondere mein Wochenende entlastet.

Donnerstag, 3. September 2020

Ungefähr die letzten sieben Tagen war es mit Otto etwas schwieriger als in den wunderbaren Wochen davor. Wahrscheinlich hatte er irgendwas mit dem Magen - eine Menge Magensäure kam hoch, eine Menge Reflux. Was genau haben wir nicht rausgekriegt, aber es scheint sich wieder einzurenken.

Dadurch war unser Leben wieder schwieriger, insbesondere nachts. Durch rollen und schaukeln rotiert er langsam im Bett bis er eine Wand findet gegen die er dann arbeitet. Manchmal dreht er sich im Schlaf um 180 Grad und man wacht neben dem Kopf auf, wo abends noch die Beine waren. Natürlich wacht er dabei regelmäßig auf und braucht Fürsorge. Symptomatisch für unseren Zustand war, dass es eigentlich nicht schlecht war, verglichen zu den ersten drei Monaten sogar richtig gut, aber wir hingen nach der ersten kurzen Nacht sofort wieder in den Seilen, weil wir keine Reserven haben. Das merke ich in der Arbeit und auch im Umgang mit einander. Nichts wirklich schlimmes, aber man hat weniger Geduld und schnappt verbal eher mal um sich als man es normalerweise tun würde.

Aufgelockert wurde das durch mehrere Treffen mit Freunden von Ellie. Meistens in unserem neuen Stammcafe um Park um die Ecke und letzte Nacht hat Ellies alte Unifreundin Zosia bei uns übernachtet. Das ist die, die ursprünglich in London gewohnt hatte und dann nach Hastings umgezogen war, wo wir sie vor Ewigkeiten besucht hatten. Sie hat zwei Kinder und war eine willkommene Hilfe.

Ich habe dabei bemerkt, dass die Abfahrt von Gästen mich zum ersten Mal so traurig macht, wie ich es sonst nur von anderen Menschen kenne. Die kurze Unterbrechung der ewigen Routine ist so erfrischend. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich psychisch immer noch nicht zurück beim Alten bin. Ich vermute, die eigentliche Ursache ist der Schlafentzug. An der Oberfläche wirkt das dass dann durch den ewig gleichen Tagesablauf, der gerade für mich so ungewohnt und unwillkommen ist. Das man nie mehr schafft als die tagesaktuellen Aufgaben; nie zu weiterreichenden Projekten kommt, die Abwechslung bringen könnten. Dann ist da der Stress, zwischen Arbeit und Hilfe für Ellie beim Kinderhüten prioritisieren zu müssen. Ich muss ab und zu nein sagen, aber ich habe auch bei besten Gründen jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Dass man praktisch nie einfach fünf Minuten für sich hat, sondern jeder Moment schon morgens durchgeplant ist.

Momentan sieht unser Alltag so aus: an guten Tagen stehen wir um sieben auf. Bis neun bespaße ich Otto, dann arbeite ich. Gegen eins frage ich mich, wo die erste Hälfte des Tages geblieben ist. Gegen zwei schlafe ich fast auf der Tastatur ein. Kurz nach vier wache ich langsam wieder auf, aber dann ist half sechs schon wieder Zeit Otto zu baden. Um acht komme ich aus seinem Schlafzimmer und will eigentlich endlich nötige langfristige Dinge abarbeiten. Sagen wir mal einen neuen Stromanbieter, oder eine Anlage für das ganze Geld was man Otto schenkt, oder die Anreise zu Muttis Geburtstag. Meistens streikt der Kopf aber sobald ich ihn benutzen will und man versackt vor dem Fernseher. Dann hat man einen Tag hart gearbeitet, nur um es gleich nochmal machen zu dürfen. Irgendwann hat man dann alle anderen Pläne so oft "auf morgen" verschoben, dass man es nicht mehr glaubt. Es ist dieses Gefühl, dass mein Alltag völlig von den Umständen bestimmt wird und nicht von mir, das mir zusetzt.

Sonntag, 23. August 2020

Ottofroh

Die letzten Wochen wurde es mit Otto noch besser. Seit einigen Tagen braucht er nicht mal mehr gefüttert zu werden, und ein zwei Tage danach begann er, komplett ohne größere Unterbrechungen durchzuschlafen. Er kann sich zunehmend selbst beruhigen, wenn er mal aufwacht. Abends braucht er oft weder Schnuller noch meine Hand. Er hat gelernt sich auf die Seite zu drehen - noch nicht ganz auf den Bauch - und das hilft ihm offenbar beim einschlafen.

Momentan ist er das süßeste Kind, was man sich vorstellen kann. Eine echte Freude. Lacht und ist dankbar für jede Aufmerksamkeit. Seine Wahrnehmung nimmt jeden Tag weiter zu und ich spüre, wie meine emotionale Bindung ebenfalls immer stärker wird.

Nichtsdestotrotz bleibt neben Kind und Haushalt kaum etwas vom Tag für mich selbst. In letzter Zeit stört mich das wieder mehr. Zwar haben wir abends etwa anderthalb Stunden. Aber mir fällt es schwer Prioritäten zu setzen zwischen Dingen, die ich machen sollte, Dingen, die mich entspannen und Zeit für Ellie zu finden. Ich lese still und heimlich wieder. Zum ersten Mal seit März. Jeden Abend ein paar Seiten. Aber einfachere Kost, auf Deutsch, schonmal gelesen, über die Geschichte Brandenburgs.