Abends spürte ich, dass mein Geist völlig aufgeregt war und später machte mein Körper komische Sachen; mir war kalt und ich hatte das Gefühl, dass jeder Gedanke zuviel Kraft erforderte. Da habe ich mir dann Gedacht, dass das nach einer Art Nervenzusammenbruch klingt.
Der Tag selbst kann nicht allein der Auslöser gewesen sein; es müssen die Monate davor gewesen sein, die meine Reserven verbraucht hatten. Konkret das ständige Gefühl, nichtmal mit den allernötigsten Aufgaben hinterherzukommen. Ich hab dann entschieden, nur noch zu machen, worauf ich Lust habe ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Heute waren Ellies Vater mit Frau da, und abends unsere Freundin Claire. Dabei habe ich gemerkt, dass sich mein ganzen Grundgefühl verbessert hat. Es ist also inzwischen auch so, dass mir ganz einfach ein Sozialleben fehlt. Stimmt ja auch, wochenlang bin ich wochentags gar nicht aus dem Haus gekommen und auch heute kriege ich maximal eine dreiviertel Stunde nach der Arbeit. Und das unabhängig von irgendwelchen Viren. Also versuche ich jetzt mehr Menschen zu sehen.
Da kommt uns gelegen, dass wir inzwischen alle diese Probleme haben. Ich spreche die meinen ganz bewusst offen an, weil es die meisten Leute in unserer Umgebung nicht machen. In den letzten zwei Wochen haben wir von einem weiteren Fall in unserer Elterngruppe erfahren, wo einem die Haare zu Berge stehen - aber gesprochen wir darüber nur unter vier Augen. Und mit wem ich es auch beredet, Freunde und Kollegen, sogar die die man für besonders stabil hält, alle bestätigen, dass auch sie zu merkwürdigen Einsiedlern werden, die nicht mehr normal mit anderen Menschen sprechen können. Und alle sind ganz dankbar für irgendwelche Einladungen. Außerdem merke ich einen Unterschied zwischen den Generation. Ellies Papa machen sich auch große Sorgen um uns. Darum sage ich mal ausdrücklich: wir sind nicht auf dem Weg in die Nervenklinik. Es passieren viele schöne Dinge.
Vor einigen Wochen waren wir zu dritt am Meer unterwegs und als Ottos Schlafenszeit kam, meinte Ellie, sie könnte ihn ja allein nach Hause nehmen und später wieder zu mir stoßen. Dadurch hatte ich einen ganzen Nachmittag draußen am Meer in der Sonne, wofür ich sehr dankbar war. Ich bin sogar kurz schwimmen gegangen.
Am vergangenen Sonntag sind wir mit Otto auf den Berg über Portsmouth gefahren und haben ihm gezeigt, wie groß die Welt wirklich ist. Ich nehme ihn dazu auch regelmäßig mit ans Meer. Er sitzt dabei immer auf meinem Arm und guckt, als machte ihm etwas ganz große Sorgen. Aber inzwischen denke ich, dass er ganz einfach völlig verblüfft von der Weite ist. Er kann inzwischen Vogel im Flug erkennen und letztens haben wir im Garten eine Taube beobachtet, die Beeren aus dem Busch gepickt hat. Ich bin so froh, dass er daran Interesse zeigt, weil ich ihn im nächsten Frühling endlich in die Natur nehmen will. Seine unteren Schneidezähnchen kommen durch und er ist sein Frühstück mit Gusto; in sehr kurzer Zeit hat er praktisch aufgehört sich zu verschlucken und er mäkelt über gar nichts.



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