Samstag, 12. September 2020

Otto und Oma

Letzte Woche war Mutti hier und hat uns so etwas wie Urlaub beschert. Ich hatte mir die ganze Zeit freigenommen und sie hat richtig angepackte. Der Unterschied, den ein weiteres paar Hände und Muttererfahrung macht, war wirklich jede Minute zu spüren. Dass man einfach ein paar Aufgaben deligieren kann und tatsächlich auch mal ein paar Momente frei hat. Diesmal habe ich mich nicht beschwert, dass sie das ganze Haus auf Vordermann gebracht hat. Sie hat uns durch die Entlastung bei den Alltagsarbeiten vieles lange vernachlässigtes möglich gemacht. Ich war beim Friseur, Garten und Dachboden wurden geräumt, mehrere Säcke zu klein gewordener Babysachen wurden zur Spende gebracht, ein Elektriker wurde bestellt um sich um seit zwei Jahren kaputtes zu kümmern. Ottos neues, größeres Bett wurde zusammengebaut, denn Otto wächst. Es gab mir endlich wieder ein Gefühl von Fortschritt und Veränderung das mir in der Routine vorher so fehlt hatte.


Leider konnten wir Mutti gar nichts besonderes zum Dank anbieten. Allein auf ein Pimms im Hafen konnten wir sie einladen und auch das war an die zwei Stunden gebunden, die Otto zwischen Nickerchen wach sein kann.


Besonder schön war, dass wir angefangen haben, am späten Nachmittag, in seiner letzten Wachzeit, mit Otto ans Meer zu gehen. Seine rasante Entwicklung ist auch daran zu sehen, dass man das jetzt mit ihm machen kann. Ich habe entdeckt, dass er es richtig lange dort aushält. Für mich ist das eine große Sache, denn das Meer tut mir sehr gut. Der Raum und die frische Luft sind das genaue Gegenteil des Hauses, aus dem ich über Monate kaum gekommen war.


Muttis Besuch war auch zeitlich glücklich gewählt, denn Otto hatte nach einigen traumhaften Wochen eine etwas schwierigere Zeit, in der er schlechter schlief, ab und zu wieder nächtliche Fütterungen und tagsüber mehr Aufmerksamkeit brauchte. Es war klar, dass er wieder eine Entwicklungsphase durchlief und da war Hilfe sehr willkommen.


Emotional ging in mir in dieser Woche viel durcheinander was auch nicht leicht zu formulieren ist. Am Ende blieb wieder einmal vor allem Bedauern. Dass Otto seine Oma nicht jeden Tag sehen kann, dass ich meine Familie so selten sehe, dass das jetzt auf Jahre noch schwieriger wird. Dass wir nicht alle zehn Jahre jünger sind.


Ottomobil

Ansonsten ist auch viel los:

Otto entwickelt sich rasant. Seine Entwicklungssprünge sind auch ganz erstaunlich plötzlich. Als ich ihn am Abend nach Muttis Abfahrt ins Bett legte, fing er auf einmal an sich auf den Bauch zu rollen. Monatelang hatte er daran gearbeitet, jetzt war es da - dass also hatte sein kleiner Kopf die Tage vorbereitet. Er hat dann weiter viel geübt, besonders nachts, wodurch jeweils einer von uns aufpassen musste, dass er nicht auf seinen Atemwegen liegen bleibt. Inzwischen dreht er sich wie ein Profi, stützt sich auf den Händen ab und probt eindeutig, wie man sich mit den Füßchen vorwärts schieben könnte. Dann fing er auf einmal an, mehr und mehr zu sitzen. Innerhalb weniger Tage hatte er gelernt, sich selbst aufrecht zu halten.

Er mag klickende Geräusche, z.B. wenn man Steine am Strand wirft, die ihm vor Kurzem noch Angst gemacht hatten.



Otto ist jetzt offizielles Mitglied bei Union Berlin. Kann dann seinem Papa Karten besorgen.



Wir haben dann einfach mal ausprobiert was passiert wenn wir ihm Essen vorlegen. Die letzte Wochen steckt er sich ja schon alle sin den Mund was nicht niet- und nagelfest ist. Und wie erwartet lernt er ganz schnell zu essen. Die Milch wird dadurch nicht ersetzt, er kann sich einfach schon mal an festes Essen und den Geschmeck gewöhnen. Ich habe dann den Hochstuhl zusammen gebaut und plötzlich essen wir jeden Morgen als Familie Frühstück, einfach weil es am praktischsten ist. Ellie und mir tut das richtig gut. Vorher hatte ich ja immer schnell vorm Computer gegessen. Brei ist übrigens nicht dabei, das wird hier drüben wohl nicht mehr gemacht.


Nachts isst Otto normalerweise nicht mehr. Er pullert auch kaum noch ein, seit wir ihm richtige Windelhosen besorgt haben. All das macht unser Leben einfacher.

Ich habe auch wieder so etwas wie ein Leben. Seit einiger Zeit lese ich abends wieder ein bisschen. Die letzten Tage habe ich die Geschichten von Sindbad dem Seefahrer gelesen. Ich lerne für Otto weiter weiter Volks- und Kinderlieder. Als letztes die gesamte Vogel Hochzeit und das Lied von Dornröschen. Wer wusste, dass Tochter Zion englischer Herkunft ist? Geschrieben von Händel. 

Ich habe den letzten Busch im Garten identifiziert. wir haben: Budelaia, Feuerdorn, Kohuhu, Heckenkirsche und Säckelblume. So klein war meine Welt geworden, dass mich das interessiert hat, wenn ich Otto in den Garten nehme.

Leider ist die Sonderregelung meines Arbeitgebers ausgelaufen, die mir lange Zeit erlaubt hatte, Ellie mittags Otto eine Stunden lang abzunehmen. Gottseitdank ist er jetzt einfacher. Trotzdem machen wir alles, was uns Zeit spart. Zum Beispiel haben wir angefangen, uns unseren gesamten Wocheneinkauf liefern zu lassen, was insbesondere mein Wochenende entlastet.

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