Donnerstag, 3. September 2020

Ungefähr die letzten sieben Tagen war es mit Otto etwas schwieriger als in den wunderbaren Wochen davor. Wahrscheinlich hatte er irgendwas mit dem Magen - eine Menge Magensäure kam hoch, eine Menge Reflux. Was genau haben wir nicht rausgekriegt, aber es scheint sich wieder einzurenken.

Dadurch war unser Leben wieder schwieriger, insbesondere nachts. Durch rollen und schaukeln rotiert er langsam im Bett bis er eine Wand findet gegen die er dann arbeitet. Manchmal dreht er sich im Schlaf um 180 Grad und man wacht neben dem Kopf auf, wo abends noch die Beine waren. Natürlich wacht er dabei regelmäßig auf und braucht Fürsorge. Symptomatisch für unseren Zustand war, dass es eigentlich nicht schlecht war, verglichen zu den ersten drei Monaten sogar richtig gut, aber wir hingen nach der ersten kurzen Nacht sofort wieder in den Seilen, weil wir keine Reserven haben. Das merke ich in der Arbeit und auch im Umgang mit einander. Nichts wirklich schlimmes, aber man hat weniger Geduld und schnappt verbal eher mal um sich als man es normalerweise tun würde.

Aufgelockert wurde das durch mehrere Treffen mit Freunden von Ellie. Meistens in unserem neuen Stammcafe um Park um die Ecke und letzte Nacht hat Ellies alte Unifreundin Zosia bei uns übernachtet. Das ist die, die ursprünglich in London gewohnt hatte und dann nach Hastings umgezogen war, wo wir sie vor Ewigkeiten besucht hatten. Sie hat zwei Kinder und war eine willkommene Hilfe.

Ich habe dabei bemerkt, dass die Abfahrt von Gästen mich zum ersten Mal so traurig macht, wie ich es sonst nur von anderen Menschen kenne. Die kurze Unterbrechung der ewigen Routine ist so erfrischend. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich psychisch immer noch nicht zurück beim Alten bin. Ich vermute, die eigentliche Ursache ist der Schlafentzug. An der Oberfläche wirkt das dass dann durch den ewig gleichen Tagesablauf, der gerade für mich so ungewohnt und unwillkommen ist. Das man nie mehr schafft als die tagesaktuellen Aufgaben; nie zu weiterreichenden Projekten kommt, die Abwechslung bringen könnten. Dann ist da der Stress, zwischen Arbeit und Hilfe für Ellie beim Kinderhüten prioritisieren zu müssen. Ich muss ab und zu nein sagen, aber ich habe auch bei besten Gründen jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Dass man praktisch nie einfach fünf Minuten für sich hat, sondern jeder Moment schon morgens durchgeplant ist.

Momentan sieht unser Alltag so aus: an guten Tagen stehen wir um sieben auf. Bis neun bespaße ich Otto, dann arbeite ich. Gegen eins frage ich mich, wo die erste Hälfte des Tages geblieben ist. Gegen zwei schlafe ich fast auf der Tastatur ein. Kurz nach vier wache ich langsam wieder auf, aber dann ist half sechs schon wieder Zeit Otto zu baden. Um acht komme ich aus seinem Schlafzimmer und will eigentlich endlich nötige langfristige Dinge abarbeiten. Sagen wir mal einen neuen Stromanbieter, oder eine Anlage für das ganze Geld was man Otto schenkt, oder die Anreise zu Muttis Geburtstag. Meistens streikt der Kopf aber sobald ich ihn benutzen will und man versackt vor dem Fernseher. Dann hat man einen Tag hart gearbeitet, nur um es gleich nochmal machen zu dürfen. Irgendwann hat man dann alle anderen Pläne so oft "auf morgen" verschoben, dass man es nicht mehr glaubt. Es ist dieses Gefühl, dass mein Alltag völlig von den Umständen bestimmt wird und nicht von mir, das mir zusetzt.

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