Sonntag, 27. September 2020

gemeinsam einsam

In letzter Zeit spielt unsere geistige Gesundheit eine große Rolle. Freitag vor einer Woche hatte ich wahrscheinlich einen leichten Nervenzusammenbruch . Der Anlass war gar kein grissrr: Otto war beim sitzen umgefallen, leicht auf den Kopf. Die offizielle Anweisung ist mit dem Kind zur Notaufnahme zu fahren. Das hieß, dass ich Freitag Nachmittag nicht mehr arbeiten konnte und damit bin ich überhaupt nicht klargekommen. Die Untersuchungen verliefen dann relativ zügig und haben natürlich nichts gefunden, aber ich konnte mich den ganzen Tag nicht mehr einfangen. Ich konnte nur daran denken, dass beruflich und privat ohnehin viel zu viel zu tun war und jetzt überhaupt keine Chance mehr bestand, das aufzuholen.
Abends spürte ich, dass mein Geist völlig aufgeregt war und später machte mein Körper komische Sachen; mir war kalt und ich hatte das Gefühl, dass jeder Gedanke zuviel Kraft erforderte. Da habe ich mir dann Gedacht, dass das nach einer Art Nervenzusammenbruch klingt.
Der Tag selbst kann nicht allein der Auslöser gewesen sein; es müssen die Monate davor gewesen sein, die meine Reserven verbraucht hatten. Konkret das ständige Gefühl, nichtmal mit den allernötigsten Aufgaben hinterherzukommen. Ich hab dann entschieden, nur noch zu machen, worauf ich Lust habe ohne über die Konsequenzen nachzudenken.
Heute waren Ellies Vater mit Frau da, und abends unsere Freundin Claire. Dabei habe ich gemerkt, dass sich mein ganzen Grundgefühl verbessert hat. Es ist also inzwischen auch so, dass mir ganz einfach ein Sozialleben fehlt. Stimmt ja auch, wochenlang bin ich wochentags gar nicht aus dem Haus gekommen und auch heute kriege ich maximal eine dreiviertel Stunde nach der Arbeit. Und das unabhängig von irgendwelchen Viren. Also versuche ich jetzt mehr Menschen zu sehen.
Da kommt uns gelegen, dass wir inzwischen alle diese Probleme haben. Ich spreche die meinen ganz bewusst offen an, weil es die meisten Leute in unserer Umgebung nicht machen. In den letzten zwei Wochen haben wir von einem weiteren Fall in unserer Elterngruppe erfahren, wo einem die Haare zu Berge stehen - aber gesprochen wir darüber nur unter vier Augen. Und mit wem ich es auch beredet, Freunde und Kollegen, sogar die die man für besonders stabil hält, alle bestätigen, dass auch sie zu merkwürdigen Einsiedlern werden, die nicht mehr normal mit anderen Menschen sprechen können. Und alle sind ganz dankbar für irgendwelche Einladungen. Außerdem merke ich einen Unterschied zwischen den Generation. Ellies Papa machen sich auch große Sorgen um uns. Darum sage ich mal ausdrücklich: wir sind nicht auf dem Weg in die Nervenklinik. Es passieren viele schöne Dinge.

Vor einigen Wochen waren wir zu dritt am Meer unterwegs und als Ottos Schlafenszeit kam, meinte Ellie, sie könnte ihn ja allein nach Hause nehmen und später wieder zu mir stoßen. Dadurch hatte ich einen ganzen Nachmittag draußen am Meer in der Sonne, wofür ich sehr dankbar war. Ich bin sogar kurz schwimmen gegangen.
Am vergangenen Sonntag sind wir mit Otto auf den Berg über Portsmouth gefahren und haben ihm gezeigt, wie groß die Welt wirklich ist. Ich nehme ihn dazu auch regelmäßig mit ans Meer. Er sitzt dabei immer auf meinem Arm und guckt, als machte ihm etwas ganz große Sorgen. Aber inzwischen denke ich, dass er ganz einfach völlig verblüfft von der Weite ist. Er kann inzwischen Vogel im Flug erkennen und letztens haben wir im Garten eine Taube beobachtet, die Beeren aus dem Busch gepickt hat. Ich bin so froh, dass er daran Interesse zeigt, weil ich ihn im nächsten Frühling endlich in die Natur nehmen will. Seine unteren Schneidezähnchen kommen durch und er ist sein Frühstück mit Gusto; in sehr kurzer Zeit hat er praktisch aufgehört sich zu verschlucken und er mäkelt über gar nichts.

Kleiner Wichtel am großen Meer
Fliegende Wichtel auf dem Berg

2008 in Breslau


Samstag, 12. September 2020

Otto und Oma

Letzte Woche war Mutti hier und hat uns so etwas wie Urlaub beschert. Ich hatte mir die ganze Zeit freigenommen und sie hat richtig angepackte. Der Unterschied, den ein weiteres paar Hände und Muttererfahrung macht, war wirklich jede Minute zu spüren. Dass man einfach ein paar Aufgaben deligieren kann und tatsächlich auch mal ein paar Momente frei hat. Diesmal habe ich mich nicht beschwert, dass sie das ganze Haus auf Vordermann gebracht hat. Sie hat uns durch die Entlastung bei den Alltagsarbeiten vieles lange vernachlässigtes möglich gemacht. Ich war beim Friseur, Garten und Dachboden wurden geräumt, mehrere Säcke zu klein gewordener Babysachen wurden zur Spende gebracht, ein Elektriker wurde bestellt um sich um seit zwei Jahren kaputtes zu kümmern. Ottos neues, größeres Bett wurde zusammengebaut, denn Otto wächst. Es gab mir endlich wieder ein Gefühl von Fortschritt und Veränderung das mir in der Routine vorher so fehlt hatte.


Leider konnten wir Mutti gar nichts besonderes zum Dank anbieten. Allein auf ein Pimms im Hafen konnten wir sie einladen und auch das war an die zwei Stunden gebunden, die Otto zwischen Nickerchen wach sein kann.


Besonder schön war, dass wir angefangen haben, am späten Nachmittag, in seiner letzten Wachzeit, mit Otto ans Meer zu gehen. Seine rasante Entwicklung ist auch daran zu sehen, dass man das jetzt mit ihm machen kann. Ich habe entdeckt, dass er es richtig lange dort aushält. Für mich ist das eine große Sache, denn das Meer tut mir sehr gut. Der Raum und die frische Luft sind das genaue Gegenteil des Hauses, aus dem ich über Monate kaum gekommen war.


Muttis Besuch war auch zeitlich glücklich gewählt, denn Otto hatte nach einigen traumhaften Wochen eine etwas schwierigere Zeit, in der er schlechter schlief, ab und zu wieder nächtliche Fütterungen und tagsüber mehr Aufmerksamkeit brauchte. Es war klar, dass er wieder eine Entwicklungsphase durchlief und da war Hilfe sehr willkommen.


Emotional ging in mir in dieser Woche viel durcheinander was auch nicht leicht zu formulieren ist. Am Ende blieb wieder einmal vor allem Bedauern. Dass Otto seine Oma nicht jeden Tag sehen kann, dass ich meine Familie so selten sehe, dass das jetzt auf Jahre noch schwieriger wird. Dass wir nicht alle zehn Jahre jünger sind.


Ottomobil

Ansonsten ist auch viel los:

Otto entwickelt sich rasant. Seine Entwicklungssprünge sind auch ganz erstaunlich plötzlich. Als ich ihn am Abend nach Muttis Abfahrt ins Bett legte, fing er auf einmal an sich auf den Bauch zu rollen. Monatelang hatte er daran gearbeitet, jetzt war es da - dass also hatte sein kleiner Kopf die Tage vorbereitet. Er hat dann weiter viel geübt, besonders nachts, wodurch jeweils einer von uns aufpassen musste, dass er nicht auf seinen Atemwegen liegen bleibt. Inzwischen dreht er sich wie ein Profi, stützt sich auf den Händen ab und probt eindeutig, wie man sich mit den Füßchen vorwärts schieben könnte. Dann fing er auf einmal an, mehr und mehr zu sitzen. Innerhalb weniger Tage hatte er gelernt, sich selbst aufrecht zu halten.

Er mag klickende Geräusche, z.B. wenn man Steine am Strand wirft, die ihm vor Kurzem noch Angst gemacht hatten.



Otto ist jetzt offizielles Mitglied bei Union Berlin. Kann dann seinem Papa Karten besorgen.



Wir haben dann einfach mal ausprobiert was passiert wenn wir ihm Essen vorlegen. Die letzte Wochen steckt er sich ja schon alle sin den Mund was nicht niet- und nagelfest ist. Und wie erwartet lernt er ganz schnell zu essen. Die Milch wird dadurch nicht ersetzt, er kann sich einfach schon mal an festes Essen und den Geschmeck gewöhnen. Ich habe dann den Hochstuhl zusammen gebaut und plötzlich essen wir jeden Morgen als Familie Frühstück, einfach weil es am praktischsten ist. Ellie und mir tut das richtig gut. Vorher hatte ich ja immer schnell vorm Computer gegessen. Brei ist übrigens nicht dabei, das wird hier drüben wohl nicht mehr gemacht.


Nachts isst Otto normalerweise nicht mehr. Er pullert auch kaum noch ein, seit wir ihm richtige Windelhosen besorgt haben. All das macht unser Leben einfacher.

Ich habe auch wieder so etwas wie ein Leben. Seit einiger Zeit lese ich abends wieder ein bisschen. Die letzten Tage habe ich die Geschichten von Sindbad dem Seefahrer gelesen. Ich lerne für Otto weiter weiter Volks- und Kinderlieder. Als letztes die gesamte Vogel Hochzeit und das Lied von Dornröschen. Wer wusste, dass Tochter Zion englischer Herkunft ist? Geschrieben von Händel. 

Ich habe den letzten Busch im Garten identifiziert. wir haben: Budelaia, Feuerdorn, Kohuhu, Heckenkirsche und Säckelblume. So klein war meine Welt geworden, dass mich das interessiert hat, wenn ich Otto in den Garten nehme.

Leider ist die Sonderregelung meines Arbeitgebers ausgelaufen, die mir lange Zeit erlaubt hatte, Ellie mittags Otto eine Stunden lang abzunehmen. Gottseitdank ist er jetzt einfacher. Trotzdem machen wir alles, was uns Zeit spart. Zum Beispiel haben wir angefangen, uns unseren gesamten Wocheneinkauf liefern zu lassen, was insbesondere mein Wochenende entlastet.

Donnerstag, 3. September 2020

Ungefähr die letzten sieben Tagen war es mit Otto etwas schwieriger als in den wunderbaren Wochen davor. Wahrscheinlich hatte er irgendwas mit dem Magen - eine Menge Magensäure kam hoch, eine Menge Reflux. Was genau haben wir nicht rausgekriegt, aber es scheint sich wieder einzurenken.

Dadurch war unser Leben wieder schwieriger, insbesondere nachts. Durch rollen und schaukeln rotiert er langsam im Bett bis er eine Wand findet gegen die er dann arbeitet. Manchmal dreht er sich im Schlaf um 180 Grad und man wacht neben dem Kopf auf, wo abends noch die Beine waren. Natürlich wacht er dabei regelmäßig auf und braucht Fürsorge. Symptomatisch für unseren Zustand war, dass es eigentlich nicht schlecht war, verglichen zu den ersten drei Monaten sogar richtig gut, aber wir hingen nach der ersten kurzen Nacht sofort wieder in den Seilen, weil wir keine Reserven haben. Das merke ich in der Arbeit und auch im Umgang mit einander. Nichts wirklich schlimmes, aber man hat weniger Geduld und schnappt verbal eher mal um sich als man es normalerweise tun würde.

Aufgelockert wurde das durch mehrere Treffen mit Freunden von Ellie. Meistens in unserem neuen Stammcafe um Park um die Ecke und letzte Nacht hat Ellies alte Unifreundin Zosia bei uns übernachtet. Das ist die, die ursprünglich in London gewohnt hatte und dann nach Hastings umgezogen war, wo wir sie vor Ewigkeiten besucht hatten. Sie hat zwei Kinder und war eine willkommene Hilfe.

Ich habe dabei bemerkt, dass die Abfahrt von Gästen mich zum ersten Mal so traurig macht, wie ich es sonst nur von anderen Menschen kenne. Die kurze Unterbrechung der ewigen Routine ist so erfrischend. Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich psychisch immer noch nicht zurück beim Alten bin. Ich vermute, die eigentliche Ursache ist der Schlafentzug. An der Oberfläche wirkt das dass dann durch den ewig gleichen Tagesablauf, der gerade für mich so ungewohnt und unwillkommen ist. Das man nie mehr schafft als die tagesaktuellen Aufgaben; nie zu weiterreichenden Projekten kommt, die Abwechslung bringen könnten. Dann ist da der Stress, zwischen Arbeit und Hilfe für Ellie beim Kinderhüten prioritisieren zu müssen. Ich muss ab und zu nein sagen, aber ich habe auch bei besten Gründen jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Dass man praktisch nie einfach fünf Minuten für sich hat, sondern jeder Moment schon morgens durchgeplant ist.

Momentan sieht unser Alltag so aus: an guten Tagen stehen wir um sieben auf. Bis neun bespaße ich Otto, dann arbeite ich. Gegen eins frage ich mich, wo die erste Hälfte des Tages geblieben ist. Gegen zwei schlafe ich fast auf der Tastatur ein. Kurz nach vier wache ich langsam wieder auf, aber dann ist half sechs schon wieder Zeit Otto zu baden. Um acht komme ich aus seinem Schlafzimmer und will eigentlich endlich nötige langfristige Dinge abarbeiten. Sagen wir mal einen neuen Stromanbieter, oder eine Anlage für das ganze Geld was man Otto schenkt, oder die Anreise zu Muttis Geburtstag. Meistens streikt der Kopf aber sobald ich ihn benutzen will und man versackt vor dem Fernseher. Dann hat man einen Tag hart gearbeitet, nur um es gleich nochmal machen zu dürfen. Irgendwann hat man dann alle anderen Pläne so oft "auf morgen" verschoben, dass man es nicht mehr glaubt. Es ist dieses Gefühl, dass mein Alltag völlig von den Umständen bestimmt wird und nicht von mir, das mir zusetzt.

Sonntag, 23. August 2020

Ottofroh

Die letzten Wochen wurde es mit Otto noch besser. Seit einigen Tagen braucht er nicht mal mehr gefüttert zu werden, und ein zwei Tage danach begann er, komplett ohne größere Unterbrechungen durchzuschlafen. Er kann sich zunehmend selbst beruhigen, wenn er mal aufwacht. Abends braucht er oft weder Schnuller noch meine Hand. Er hat gelernt sich auf die Seite zu drehen - noch nicht ganz auf den Bauch - und das hilft ihm offenbar beim einschlafen.

Momentan ist er das süßeste Kind, was man sich vorstellen kann. Eine echte Freude. Lacht und ist dankbar für jede Aufmerksamkeit. Seine Wahrnehmung nimmt jeden Tag weiter zu und ich spüre, wie meine emotionale Bindung ebenfalls immer stärker wird.

Nichtsdestotrotz bleibt neben Kind und Haushalt kaum etwas vom Tag für mich selbst. In letzter Zeit stört mich das wieder mehr. Zwar haben wir abends etwa anderthalb Stunden. Aber mir fällt es schwer Prioritäten zu setzen zwischen Dingen, die ich machen sollte, Dingen, die mich entspannen und Zeit für Ellie zu finden. Ich lese still und heimlich wieder. Zum ersten Mal seit März. Jeden Abend ein paar Seiten. Aber einfachere Kost, auf Deutsch, schonmal gelesen, über die Geschichte Brandenburgs.

Sonntag, 9. August 2020

Einmal raus

 Freitag bin ich zum ersten Mal in Ottos leben allein in die Natur geradelt. Ellie besuchte mit Otto ihre Freundin, die im nächsten Jahr die Tagespflege übernehmen soll, sodass ich kein schlechtes Gewissen haben musste. In letzter Zeit wurde mir zunehmend klaustrophobisch sodass Ellie vorgeschlagen hatte, ich sollte doch einen Tag frei nehmen und rausfahren. Da sie das Auto hatte konnte ich eigentlich nur nach Rowlands Castle fahren (auch den Zug habe ich seit März das erste Mal benutzt, zum Glück war es ruhig) und von dort nordwärts nach Petersfield radeln. Diese Tour hatte ich schon einmal gemacht und sie ist mir ob der Strecke und dem Umstand, dass es keine Rundtour ist, in guter Erinnerung geblieben. Am Weg kommt man an der Hubertuskapelle vorbei, dann durch die Buchenwälder der Königin Elisabeth Landschaftsparks, an desses Ende überquert man den South Downs Weg und dann kommt man ins Dorf Buriton, ein Lieblingsort von uns, mit einem schönen Pub, wo man zumindest Getränke im Biergarten bekam, der momentan für Blumen und Gemüse genutzt wird. Vermutlich nicht gut für die Besitzer; wenigstens ein bleibender Eindruck für mich. Gottseidank war mir kurz vorher noch eine Stelle eingefallen, wo direkt am South Downs Weg Haferflockenschnitten zum Verkauf stehen, sonst wäre der letzte Abschnitt nach Petersfield hungrig ausgefallen.

Die sonne brannte; meine große Wasserflasche hielt kaum bis zur Kapelle. Die Felder waren erntegelb, die Wälder geschlossenes Grün, Rotmilane kreisten über den Bäumen. Brombeeren Wildäpfel und Fotos von Pflanzen zur späteren Bestimmung.

Und die ganze Zeit arbeitet mein Kopf daran, welche Strecken und welche Sachen Otto die Natur und Landschaft so näherbringen würden wie mir als Kind... könnte man ihn nur schon mit rausnehmen. Aber: momentan ist er so süß, dass man mit dem Älterwerden warten kann.

Alle Fotos im Album

So sehe ich nach 4 Monaten ohne Frisör aus.





Die Buchen des Landschaftsparks. Stille und Kühle sobald man eintritt.







Das war mal Biergarten


Samstag, 1. August 2020

Ottolob

Otto scheint sein Schlafverhalten nach jeder Beschreibung zu ändern. Die letzten zwei Wochen war er ein guter Junge. Vermutlich waren die Auswirkungen der Impfung und einer Entwicklungsphase zu Ende. Wobei ein Fluch allein auf der Erwähnung zu liegen scheint; die letzten paar Abende waren wieder ziemlich wackelig und wir hoffen insgeheim, dass das nicht die nächste Phase ist. Ich hätte gerne mal einen Monat ohne Entwicklungssprung.
Jeden kann ich ihn jetzt abends wieder ohne ewiges Wiegen auf meiner Schulter ins Bettchen legen; häufig schläft er sogar schnell ein. Dadurch habe ich abends mehr Zeit. 
Tagsüber ist er durch die Erholung sehr gut drauf. Fröhlich, ausgesprochen vokal, nimmt immer wieder etwas neues wahr. Seit kurzem folgt er meinem ausgestreckten Arm, wenn ich auf etwas zeige. Rauschende Blätter an Bäumen faszinieren ihn weiterhin absolut. Die Katzen lösen mehr Neugierde als Furcht aus. Inzwischen macht auch das alte Liederbuch aus Rostock richtig Sinn. Erst dachte ich, dass ich es viel zu früh mitgenommen hätte. Aber inzwischen hört er zu oder schaut zumindest die Bilder an. Es ist auch eine tolle Inspiration, weil uns abends ziemlich schnell die neuen Lieder ausgegangen sind. Das Buch mit Kinderreimen kommt dabei auch immer mehr zum Tragen. Und der gute Mann kriegt nicht nur vorgesungen, nein, auch noch in Harmonie - schließlich haben Ellie und ich in den Jahrne im Chor viele Lieder in Sopran und Bass eingeübt.

Langsam wagen wir uns wieder aus dem Schneckenhaus der Vorsicht und denken an die mittlere Zukunft und was wir ihm so alles zeigen  wollen. In den letzten Wochen konnten wir mit ihm verschiedene Ausflüge machen. Das Umweltzentrum, die Burg Portchester und ein wunderbares Frühstück Freitag morgen im Cafe am Meer. Erst vor kurzem ist mir klar geworden, dass ich mit der extra Stunde, die mir mein Arbeitgeber gibt, Otto mittags nichts nur Ellie abnehmen sondern auch gleich einen Spaziergang ans Meer machen kann. Das passt uns allen super: Ellie hat mal Ruhe, ich komme regelmäßig aus dem Haus und Otto kriegt am Strand sein Fläschchen. Dazu parke ich seinen Wagen an der Seemauer, die wiederum eine durchlaufende Sitzbank auf genau der richtigen Höhe hat. Dadurch kann ich beim Füttern auch kurz jemanden anrufen, einfach mal so nebenbei. Angesichts meiner Isolation und Zeitnot ist das eine wirkliche Erleichterung.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Schlechte Zeiten Gute Zeiten

Direkt nach dem vorletzten Eintrag über Ottos besseren Schlafrhythmus hat er ihn sofort wieder geändert. Diese Nacht wurde die bis dahin Schlimmste seit der Geburt, wo ich von 19 Uhr bis Mitternacht mit ihm auf den Beinen war, weil er nicht schlafen wollte. Und  zwei Tage darauf kam die nächste Schlimmste Nacht, nach der gefürchteten dritten Impfung mit der Meningitis, und die Nacht einfach mal überhaupt nicht schlief. Zum tausendsten Mal haben wir "Schlafrückfall" und "Zähne" gedacht - inzwischen weiß ich gar nicht mehr, woran ich das noch erkennen sollte. Seitdem wird es langsam wieder besser, aber diese letzte Woche spüre ich, dass auch meine nervlichen Reserven nach vier Monaten langsam alle sind. Das heißt nicht unbedingt, dass ich ständig schlecht drauf bin. Aber wenn mal etwas schief geht, insbesondere nachts, flippe ich viel schneller aus, weil einfach keine Kraft mehr da ist, es aufzufangen. Und es ist auch nicht unbedingt wegen Ottos Verhalten so, sondern, weil ich seit Monaten kaum Zeit für mich selbst habe, um mal abzuschalten und wieder aufzuladen. Unsere derzeitige Tagesroutine:
  • 7 Uhr aufstehen und ich bespaße Otto
  • 8.45 Uhr übernimmt Ellie für den Rest des Tages während ich arbeite - die erste dreiviertel Stunde geht aber meist für dringendes im Haushalt drauf
  • Mittags habe ich seit kurzem eine Stunde extra frei von meinem Arbeitgeber, wo ich Ellie eine Pause nehmen lasse und sie meistens für uns kocht
  • 17.30 Uhr mache ich Feierabend und übernehme Otto, dann baden wir ihn und ich bringe ihn ins Bett. Zwischen 19 und 20 Uhr komme ich dann wieder ins Wohnzimmer - an guten Abenden ist dann etwas Zeit für uns, aber vor allem werden dann die nötigsten Haushaltsarbeiten erledigt. Und meist wacht Otto nochmal auf und ich muss wieder mehr oder weniger lange hoch.
Das heißt, ich habe immer "Dienst" auf die eine oder andere Weise und ich komme unter der Woche auch nicht aus dem Haus. Und mir war es immer so wichtig, raus zu kommen um meinen Kopf freizukriegen. Am Wochenende ist es nur bedingt anders. Otto kann etwa zwei Stunden wach sein, dann nimmt ihn Ellie wieder zu einem Nickerchen. Das dauert dann etwa eine Stunde, manchmal bis zu drei, und er schläft etwa dreimal pro Tag. Das heißt, ich habe drei Gelegenheiten, Dinge zu erledigen, und rausgehen kommt da häufig nicht unter.

Manchmal kriegt man einfach nur die Krise wieso das Kind einfach nicht schlafen will egal wie vedammt müde und fertig es ist. 
Manchmal scheint die Nacht ein tiefer, schwarzer Tunnel weil man sich problemlos vorstellen kann, dass er niemals schlafen wird und wir auch nicht. Ellies Hände sind immer noch kaputt sodass nur ich ihn nacht halten kann wenn er wieder in den Schlaf gewiegt werden muss. Aber ich habe angefangen dabei im Stehen einzuschlafen und das ist nicht mehr sicher. Manchmal bin ich zu Arbeitsbeginn schon länger wach gewesen als ich überhaupt geschlafen hatte. Und wenn man dann eine ganze Woche nicht aus dem Haus gekommen ist, scheint das Leben allgemein ein großes Hamsterrad zu sein. 

Ohne Zweifel deswegen merke ich auch, dass mein Tagebuch wieder die Funktion einnahm, die es ursprünglich auf der Farm hatte: um mal mit jemandem zu "reden", wenn man nie wen sieht. Denn irgendwo muss man seinen Stress ablassen, aber Ellie hat das nicht verdient, die hat selbst zu tun.

Jetzt, nach vier Monaten, kommen auch nach und nach all die Lügen heraus, die Ellie haben so verzweifeln lassen. Es dringt immer mehr durch, dass der Großteil der anderen Eltern aus unserem Kurs dieselben Problem haben. Angstzustände und Pillen. Und jeder scheint gedacht zu haben, nur sie seien betroffen. Jede Mutter muss sich monatelang fertiggemacht haben. Sich entweder an sinnlose Regeln gehalten haben oder es geheim gehalten, wenn sie es nicht taten. Völlig unnötiges Elend.

Otto dagegen geht es vermutlich wunderbar. Ein echter Wonneproppen. Meist sehr fröhlich, lacht viel, mag Menschen. Erkennt zumehmend Dinge und man sieht, wie sein Geist das erstmal verarbeitet. Alles wandert derzeit in seinen Mund. Vor kurzem hat er plötzlich verstanden, dass meine Brille nicht zu mir gehört, seitdem muss ich sie beschützen. Am meisten beschäftigen ihn Blätter an den Bäumen und wie das Licht da durchspielt. Er hat jetzt aber auch mehr Schiss vor den Katzen, weil er vermutlich versteht, dass die nicht einfach passive Objekte sind. Während er anfangs Linkshänder zu sein schien benutzt er inzwischen beide Arme. Wir haben begonnen, Gutenacht-Geschichten und Lieder in seine Abendroutine einzubauen, vermutlich mehr für uns als für ihn. Sein Schlaf hat sich die letzten Tage verbessert. Ich kann ihn wieder direkt in seinem Bettchen zum Schlafen bringen, d.h. ich muss ihn nicht mehr soviel tragen. Nachts wacht er häufiger auf, aber auch da schläft er schneller wieder ein.