Mittwoch, 11. März 2015

Im Märzen die Sonne

Kalina in Southampton
Im März ging es nahtlos weiter mit den Aktivitäten allerorten. Noch am letzten Februartag besuchte ich endlich wieder Kalina in Southampton, die ich das letzte Mal im November persönlich gesehen hatte. Man würde nicht denken, dass uns nichtmal eine Stunde Bahnfahrt trennt. Den Anfang dieses Jahres aber war sie sehr mit dem Umzug ihrer Schwester nach von Birmingham nach London beschäftigt gewesen. Am Samstag kamen dazu auch Ellie und ihre auf Besuch weilende Schwester mit, denen ich vor allem ein karibisches Restaurant zeigen wollte. Als sie abends nach Hause fuhren, ging ich mit Kalina tanzen, leider ohne viel Spaß, da es für meinen Geschmack zu voll war. Am Sonntag besuchten wir das Stadtmuseum für eine Sonderausstellung über Kriegsspielzeug. Interessanter fand ich die Dauerausstellung Stadtgeschichte, die mehrere Klasse über der in Portsmouth steht. Auch die unvermeidliche Ausstellung zur Titanic war besser als gedacht, insbesondere eine Stadtkarte, auf der alle Adressen der Todesopfer, zumeist aus der Besatzung, markiert waren. Abends haben wir noch gekocht und haben eine Musikkneipe ausprobiert, für die Kalina auf Begleitung gewartet hatte.

Ellie auf der Isle of Wight
Am darauffolgenden Freitag war ich schlagartig wieder krank, fühlte mich fiebrig ohne Fieber zu haben. Dabei war gerade der Sonnabend der bis dahin schönste Tag des Jahres, der uns daran erinnerte, das der Sommer Portsmouth als Stadt vom unterem Mittelmaß in die Spitzenklasse katapultiert. Ellie und ich gingen mit der halben Stadt ans Meer und bewunderten die Farben der Krokusse. Mehr konnten wir wegen meines Zustandens  aber nicht machen, dabei hatten wir schon beide schon lange Lust auf einen Frühlingsausflug. Nach viel Ruhe für mich sind wir darum am schon wieder bedeckten Sonntag auf die Isle of Wight übergesetzt und zur Abtei Quarr gelaufen. Die kannte Ellie noch nicht; ich war die Strecke schon ein paarmal gelaufen und gefahren. Auf dem Weg machten wir einige auch mir neue Schlenker und kamen zum Beispiel an einer bewaldeten Stelle direkt am Meer raus, die Ellie nachweislich ganz besonders gefiel.
Damit füllte der Spaziergang wider Erwarten den ganzen Nachmittag. An der Abtei lud ich Ellie zum Frauentag zum Cream Tea ein und führte sie noch an Hühnern und Schweinen vorbei. Seit meinem letzten Besuch war auch viel gebaut worden, die Schweine wurden verlegt, eine neue Baumpflanzung steht, die Wege sind befestigt, eine neue Gallerie und auch eine kleine Ausstellung zum Kloster gibt es jetzt, das ja erst vor 100 Jahren von französischen Exilanten errichtet wurde und nichts direkt mit der zerstörten Zisterzienserabtei aus dem Mittelalter zu tun hat. Auf dem Rückweg kam hinter uns doch noch die Sonner raus. Der Sommer kommt. Und Ende Mai haben wir ein langes Wochenende, an dem wir mit dem Chor die Insel wieder abfahren.

Vermischtes
Allgemein gab es letztens viel Schlaf und einige freie Zeit für mich, was zusammen mit dem Wetter Zufriedenheit und Vorfreude auf den Sommer hervorruft. Einige Dinge nähern sich der Vollendung, wie das Geschichtsbuch und das nächste Konzert. Auch Mathieu habe ich mal wieder gesehen und eins der letzten unversuchten Restaurants probiert. Die nächsten Monate sind voll mit Plänen, wie Ausflüge nach Bristol, Exmoor, Canterbury und die Isle of Wight. Nicht zueletzt gewöhne mich immer mehr an den Gedanken, tatsächlich in einer Beziehung zu sein.

Neben Schuberts Müllerin hat mir meine Gesangslehrerin kürzlich zu meiner Freude Mozarts Vogelfänger vorgelegt.

Mein mit Schweiß und Mühe fast ausgelesenes Geschichtsbuch ist mir im Zug gestohlen worden. Am meisten ärgerte mich dabei, dass Bücherdiebe mit Sicherheit keinen Anspruch haben und das gute Stück wohl nach fünf Minuten im Mülleimer lag. Ersatz ist bereits angekommen.

Eine Woche nach meiner ersten Spielzeuganschaffung schenkte mir Ellie einen weiteren Legosatz. Den Polarforscher. Wichtiger jedoch: nachdem es erstmal wieder nach Moskau zurückgeschickt worden war, kam jetzt mein Weihnachtsgeschenk an - das Russische Hemd, das Ellie Mitte November bestellt hatte. Das lief jetzt ganz schnell und passt mir perfekt. Russische Kollegen und Bekannte findens gut, ich dagegen finde es toll. Ellies Saari wird momentan etwas umgenäht, dann machen wir eine Kostümparty.

Nachtrag: Wir Europäer beim Golf im Februar.


Krokusse in Portsmouth. Nicht mehr lang und das Paradies kommt zurück ans Meer.


Die schönen ruhigen Orte der Isle of Wight.

und was Ellie daraus macht.
Woher sie das hat?



Der Turm der Abtei Quarr.


Die Tiere des Klosters.



Überreste der ursprünglichen Zisterzienserklosters.
Das Martinizza diesen Jahres hängst schon wieder am ersten blühenden Baum.
U minja Kosovorotka.




Montag, 23. Februar 2015

vorwärts & rückwärts

Zusammen mit meiner Gesundheit ging es auch mit den Wochenenden Anfang Februar langsam wieder aufwärts. Bald werde ich mich vermutlich nach den "unspektakulären" Zeiten vom Jahresanfang sehnen. Und trotz manchmal kalten Temperaturen sehe ich den Sommer bereits mit mächtigen Schritten auf uns zukommen. Auf einmal wird er da stehen und das Jahr ist wieder halb rum.

Valentinstag
Ist hier drüben natürlich eine große Sache, wie alle amerikanischen Kulturexporte. Meine Einstellung dazu ist bekanntlich ein standhaftes "Nein, aber", schließlich wollte auch Ellie zumindest etwas machen. Restaurant war mir zu teuer und zum Glück kann ich ihr das auch so sagen und so beschloss ich stattdessen, selbst für sie zu kochen. Im Alltag sind wir nämlich inzwischen dazu gekommen, dass praktisch immer sie kocht, wenn ich abends zu ihr komme. Das macht ihr zwar Spaß (und sie kocht gut), aber gefallen tut es mir trotzdem nicht. Dazu kommt, dass ich für sie lieber etwas selbst und persönlich mache, als mich durch die Festtagsabfertigung zu begeben. Bei der Gelegenheit erinnerte ich mich daran, wie ich vor zwei Jahren mit Papa hier Seeteufel gemacht hatte und bestellte zwei Fillets beim Fischmarkt. Gute zwei Stunden stand ich in der Küche, zugegebenermaßen beraten von Ellie. Es hat sich gelohnt.
Im Anschluss nahm ich sie außerdem in ein Konzert eines regionalen Orchesters, was ich, wie ich doch betonen will, vermutlich auch ohne Valentinstag gemacht hätte. Das ist zwar immer kostspielig hier, aber selbst für meine totmüden Ohren war es doch eine Wohltat, in Portsmouth einmal richtig gut gemachte Musik zu hören. Man spielte Brahms und Mendelson. Ich weiß weiterhin nicht, ob dass Orchester Profis oder Amateure waren, vermutlich eine Mischung. Jedenfalls beherrschten sie ihre Instrumente, insbesondere der 17-jährige Violinsoloist. Im Übrigen war das wieder eine der Gelegenheiten, wo ich Namen und Komponisten von Musik erfuhr, die ich als Melodie schon lange kannte. Ich dachte, ich weiß nichts über Brahms.
So schön war ein bisschen richtige Musik, dass ich am Montag darauf gleich noch etwas Geld ausgab und mit Freunden das tschechische Trio Martinu hörte.


Meinesgleichen
Während der Samstag für Ellie reserviert war, war der Sonntag an meine Freunde um Mathieu vergeben. Die ware schon am Vortag angereist und teilweise in meinem leeren Zimmer Unterkunft untergebracht worden. Schon der Morgen wies den Sonntag als einen großartigen Tag voller Echos aus jungen Jahren aus, als ich bei strahlender Sonne und zweistelliger Temperatur zum europäischen Frühstück bei Mathieu ging. Ellie hatte an diesem Tag Besuch von ihrer Mutter und konnte leider nicht mitkommen. Wir Immigranten gingen Minigolf am Meer spielen und später essen. Ich sog die Wärme so ein wie das Gemeinschaftsgefühl, dass ich nolens volens mit anderen Ausländern verspüre, die viele Jahre und in mehreren Ländern unterwegs gewesen waren.


Kreativ
Mitte Februar nahmen Ellie und ich beide einen Freitag frei. Wir hatten schon lange mal ein langes Wochenende nur für uns gewollt. Speziell wollten wir Zeit für unsere gemeinsamen Hobbys. Wir buchten zwei Stunden im Tanzraum einer Art Kulturhauses, wo Ellie jede Woche Bauchtanzstunden hat. Wie ich dabei erfuhr, übte sie an einer eigenen Choreographie, während ich Tango probte. Anschließend nahm ich Ellie ins Cafe und dann hatte ich Gesangsstunde, auf der ich auch einen kleinen Durchbruch hatte. Abends in meiner Tangostunde spürte ich dann die Übung überraschend deutlich. Ein gutes Gefühl Fortschritte zu machen.

Am Samstag darauf gingen Ellie und ich wieder zu einer Musicalaufführung der Universität. Vor einem Jahr war es Der Mikado, diesmal Allegro von Rodgers und Hammersmith, die mir ebenfalls nur vom Namen bekannt waren. Hingegangen bin ich vor allem auf Empfehlung meiner Gesangslehrerin, da ich selbst ja keine Musicaltradition habe. Angenehmerweise hatte dieses Stück einen ernsten Inhalt, den es auch ernsthaft behandelte. Vielleicht deshalb war es seinerzeit kein großer Erfolg gewesen für unseren Dirigenten dagegen war es Rodgers und Hammersmiths bestes Stück.

Reaktiv
Weitere alte Sachen: wie man sich erinnert, habe ich letztes Jahr mit großer Anteilnahme den offiziellen Legofilm gesehen. Ohne Zweifel mit Absicht weckte er alte Erinnerungen, wie das damals war, unter dem Weihnachtsbaum eine Schachtel aufzumachen und die Bausteine aus der Tüte zu holen und später zu sehen, welches Modell Friedemann bekommen hatte. Nachdem ich schon ihm zu Weihnachten etwas geschenkt hatte, habe ich jetzt der Versuchung nachgegeben und mir selbst etwas gekauft, zum ersten Mal seitdem ich 14 war. Schließlich bin ich mir mit Friedemann einig, dass wir jetzt in dem Alter sind, wo man sein Erwachsenengehalt benutzt, sich seine alten Spielzeuge zu kaufen.

Ebenfalls alte Sachen: meine alte Grundschule in Kyritz ist 2009 abgerissen worden! Das erfuhr ich von den gelegentlichen Recherchen auf Satellitenbildern, die ich in Momenten von Langeweile mit Orten meiner Vergangenheit mache.

In meinem dicken Geschichtsbuch bin ich im vorletzten Kapitel angekommen. Im vorigen habe ich erfahren, wie Montenegro nach dem ersten Weltkrieg mit schmutzigen Tricks ins neugegründete Jugoslavien kam. Parallel lese eine Kleine Physik von 1953, die sich als überraschend praktische Lektüre für Zugfahrten erweist. Wer kennt noch den Unterschied von Masse und Gewicht?

Die Modelleisenbahn meiner Generation.

Das nächste Konzert kommt bald und dann ist der Frühling schon halb vorbei.



Sonntag, 8. Februar 2015

Langsam mit dem Strom gen Frühling

Die Wochenenden dieses Jahres waren bisher, wenn vielleicht nicht langweilig so doch unspektakulär. Kaum Veranstaltungen und das Wetter natürlicherweise kalt, windig und manchmal regnerisch. An einem Tag fiel für einige Stunden sogar echter Schnee. Wunderschön anzusehen auf den Feldern entlang der morgendlichen Bahnfahrt, mir wurde nochmal regelrecht weihnachtlich zumute. Von solchen Momenten abgesehen zeigt Portsmouth zu solchen Zeiten aber seine Schwächen, wenn man weder Veranstaltungen besuchen noch lange am Meer sein kann. Dementsprechend war es fast günstig, dass sowohl Ellie als auch ich Ende Januar krank wurden - mehr als zu Hause bleiben und ausruhen konnte man ohnehin nicht.

Es war nur ein leichter Infekt, der mich einige Tage lang schwach fühlen ließ, sich dann aber auch zwei Wochen lang nicht völlig zurückzog. Einen Tag habe ich mich sogar krank gemeldet und bin zu Hause geblieben. Und obwohl ich nach ein paar Stunden merkte, dass das auch gut war, mache ich sowas nicht gerne, wie schon in der Schule. Dementsprechend war es in über zwei Jahren auch erst der zweite Krankheitstag. Allerdings war der erste seinerzeit sehr angenehm gewesen und ich hatte schon lange mal Lust gehabt, wieder an einem Werktag durch die Stadt zu spazieren. Die Zeit habe ich dann auch genutzt, ans Meer zu gehen, wo die Sonne schien und am Strand Tee zu trinken. Auf dem Weg hatte ich auch endlich mal wieder Zeit, mich in einem Laden mit einem Lokalpatrioten über ein bekanntes aber nicht mehr existierendes Wahrzeichen der Stadt zu verquatschen.

Das war ein Freitag und zum Tango bin ich abends trotzdem gegangen. Schließlich kam diesmal eine ganze Gruppe Freunde mit. Seit Mitte Januar ist nämlich eine Freundin von Mathieu und mir für einen Monat in der Region, Carla aus Portugal. Es war nicht vergessen, dass wir schon zwei Jahren gesagt hatten, wir müssten mal Tango tanzen gehen. Sie brachte eine weitere Portugiesin mit und dazu stießen der inzwischen aus Asien zurückgekehrte Mathieu, interessanterweise mit seiner Ex-Freundin. Wie ich den wie immer nervösen Anfängern wiederholt versichterte ist unsere Tangogruppe auch freundlich und als Mathieu einmal aufgeben wollte, wurde er von jemand anderem ermutigt und zurückgeholt. Die beiden Portugiesinnen blieben auch bis ganz zum Schluss und wir hatten großen Spaß.

An einem anderen Wochenende gingen Ellie und ich zu einer besonderen Vorführung von Puccinis Turandot. Unser immer noch wegen Renovierung geschlossenes Haupttheater führt mit einer Londoner Uni für Asienstudien ein Projekt, die Oper auf Mandarin und mit chinesischen Instrumenten aufzuführen. Über den Chor hatte ich erfahren, dass sie eine gratis Werkschau anboten. In Portsmouth hat man nicht viele Ansprüche und gerade weil es kostenlos war, wusste ich nicht, was ich erwarten sollte. Zum Glück wollte auch Ellie hin, die eine große Schwäche für Asien hat. Die fünf Sänger und ein Dutzend Musiker stellten sich alle als gut raus und es folgte eine interessante Fragestunde. Dort erfuhren wir, warum Mandarin so überraschend gut als Gesang funktioniert und wie man mit chinesischen Instrumenten Lautstärkeunterschiede erzielt, obwohl sie dafür nicht konstruiert sind. Sollte das Projekt Aufführungsreife erlangen, will man den Chor jeweils mit lokalen Sängern besetzen. Ellie und ich sind bereit.
Während diese Veranstaltung gratis war, haben wir den Besuch der Stadthalle gleich genutzt, ordentlich Geld für zwei Komiker auszugeben. Ross Noble haben wir inzwischen gesehen, ihn kannte ich vorher nicht. Er kann zwei Stunden mit reiner Improvisation füllen und hat dazu einen Akzent aus der Region nördlich von Newcastle. Bei der Gelegenheit hat er uns auf eine neue Attraktion in Portsmouth aufmerksam gemacht, ein Museum für Kreationismus. Ellie und Freunde wollen unbedingt mal hin. Im Dezember dann kommt Bill Bailey, ein alter Hippie und ausgezeichneter Musiker, den mir Ellie schon oft gezeigt hat.

Am Wochenende darauf war das einzig Interessante der Brasilianische Tag eines Cafes in der Nähe. Das war eine Empfehlung meines brasilianischen Tangolehrers. An sich gab es nur sonst nicht gebotene brasilianische Spezialitäten und Musik aus der Dose. Aber sowohl für Ellie als auch mich erstes Mal dort, das Cafe unterscheidet sich nämlich von außen nicht von den üblichen sterilen englischen Lokalitäten. Innen ist es aber wirklich gemütlich und besonders der Garten wird im Sommer sehr interessant sein. Ganz ähnlich haben wir an einem anderen ereignislosen Sonntag eine Creperie ausprobiert und eine von außen nicht sichtbare Dachterasse gefunden.

Eine etwas interessantere Sache ist Ellies Suche nach einem Auto. Ganz sicher ist sie sich noch nicht, aber nachdem sie im Dezember ihren Führerschein bekommen hat, überlegt sie aktiv, sich ein Auto zu kaufen. Nicht zuletzt, um sich erwachsener zu fühlen - wo sie schon kein eigenes Haus hat. Ich kann ihr dabei nicht helfen, aber zum Glück hat sie erfahrenere Freunde und einen Fahrlehrer als Vater.
In diesem Zusammenhang ein kleiner Exkurs in die englische Immobilienkultur. Wie Ihr wisst kaufen die Briten statt zu mieten. Dazu hat mein Statistikamt kürzlich den Hauspreisindex und etwas Analyse veröffentlicht. Demnach sind Hauspreise in einem Jahr durchschnittlich um 11% gestiegen. Was für mich heißt, dass wieder fröhlich in eine Blase spekuliert wird. Ob der Unterschiede zwischen unseren Ländern unterhalte ich mich viel mit Ellie darüber, deren Selbstbewusstsein sehr damit kämpft, mit 30 noch nicht auf der "Hausleiter" zu sein (NB diese Alltagsmetapher suggeriert, es geht auf der Leiter aufwärts). Das gleiche mache ich mit anderen Ausländern; wir halten das Ganze für Wahnsinn. Nichtsgestotrotz, Kalina hat sich gerade ihre Wohnung gekauft, mit einer Hypothek auf 30 Jahre. Und drüben in Polen, wo nach meiner Recherche noch mehr gekauft wird als hier, hat sich auch Daria eine Wohnung gekauft. Zumindest im schönen Breslau.

Zuletzt das neueste aus Chor und Geschichtsbuch: Die Toskana wurde von Napoleon in das kurzlebige Königreich Etruria verwandelt. Nördlich schuf er die Republik Lucca. In Lucca ging Puccini zur Musikschule und schrieb als Abschlussarbeit unsere Messa di Gloria, bevor er zum Studium ging und nie wieder Sakralmusik schrieb.

Die erste Rose ist schon da - der Frühling kommt bestimmt!

Kein besserer Tag um krank zu sein.

Montag, 19. Januar 2015

Noch kann ich mich nicht entschließen, beim nächsten Besuch einen wertvollen Urlaubstag früher zurückzufliegen. Auf jeden Fall war die Umstellung auf Arbeit sehr abrupt; der erste Tag dort schien nicht wirklich real. Am ersten Wochenende haben Ellie und ich auch absichtlich nichts gemacht...bis auf einen Ausflug nach Chichester. In dieser kleinen historischen Stadt nordwestlich von Portsmouth war ich seit Mai 2013 nicht mehr gewesen, als mich ein Frühlingsausflug mit Mathieu dorthin führte. Auch Ellie fährt dort traditionell nur einmal im Advent hin, um mit ihrer Freundin/Tanzlehrerin einzukaufen. Dort gibt es einen ganz supitollen Schokoladen und Ellie brauchte unbedingt Nachschub.
In der Folgewoche haben wir auch neuen Tanzkurs begonnen. Wir wollten beide schon seit einiger Zeit etwas 20er Jahre Stile lernen, ich insbesondere Charleston. Ellie fand uns eine Gruppe, die jeden Donnerstag verschiedene Stile unterrichtet, in unserer ersten Stunde war das Boogie Woogie. Es ist sehr schön, endlich regelmäßig auch mit Ellie tanzen zu gehen. Nur muss ich für diese neue Verpflichtung etwas anderes aus der Woche stoßen, und das wird wohl der Salsa am Mittwoch sein. Seit meiner ersten Stunde vor über fünf Jahren kein Salsa mehr in meinem Leben.
Zusammen singen tun wir sowieso, der Chor ist seit Anfang Januar an Puccinis Messa di Gloria dran. Alle freuen sich, weil das leichter ist als Beethoven. Und was für wunderschöne Melodien - schon die ersten Proben sind eine Freude. Der Chor ist plötzlich auch viel größer als vorher; offenbar gab es während der Weihnachtspause einen Anwerbeaktion. Ich selbst war schon ganz stolz gewesen, zwei neuen Rekruten mitzubringen, einen Italiener in meinem Alter und eine Französin, die extra aus Petersfield anreist.

Es wird Euch freuen, dass sämtliche Kalendar hängen auf der Arbeit, bis auf den mit Fotos von mir natürlich, der steht bei Ellie. In der zweiten Januarwoche konnte ich dann auch meine nicht mitgenommenen Geschenke von der Post abholen. Die meisten wird es freuen, dass ich dafür ein altes Handtuch und meinen verhassten braunen Pullover entsorgt habe. Interessanterweise waren das noch nicht die letzten Weihnachtsgaben. Ellies Geschenk hängt seit 18. Dezember am Zoll fest, denn es kommt direkt aus Russland. Quasi im Gegenzug zu ihrem Saari hat sie mir ein russisches Hemd bestellt, wie ich es im Musical Anatevka lautstark gewünscht hatte.

In Deutschland habe ich viel zu lesen geschafft. Darunter waren Michael Endes Wunschpunsch und Momo (deren englische Version ich für Ellie in der Bibliothek gefunden habe), ein Sachbuch über die Geschichte Brandenburgs und eins über die Kreuzzüge. Jetzt bin ich zurück bei den Verschwundenen Reichen, im Kapitel wie aus Savoi Italien wurde.

Freitag, 19. Dezember 2014

Advent
In diesem Jahr hatte ich tatsächlich die Zeit, den Advent mit Muße zu genießen. Weihnachten war gebucht und organisiert und ich verbringe mehr Abende in Ellies komfortabler Wohnung. In weiser Voraussicht hatten wir schon Ende November zu backen begonnen und hatten bald mehrere Dosen mit Keksen gefüllt. Die Dosen sind übrigens aus Euren Paketen der letzten Jahre - bei mir kommt nichts weg, wie inzwischen auch Ellie weiß.
Auch von Euch bin ich gut mit Heimatgefühl versorgt worden. Genau am Morgen des ersten Dezembers fand ich zu Hause einen Brief von Kasia mit einem Kalender sowie einem Mini-Adventskranz. Zusammen mit Omas Kalender habe ich damit zwei auf der Arbeit stehen, wo ich sie jeden Tag sehe. Nur eine Kollegin hat auch einen Bilderkalender, alle anderen gewöhnliche Schokoladenhalter. Hierzulande sind Kalender zwar überall erhaeltlich und inzwischen auch populär, aber mehr billige Werbeflaeche für die großen Schokoladenfirmen. Natürlich Ellie hat einen Kalender bekommen, und ebenso Kalina. Fünf Jahre war sie in Deutschland, ohne sich unserer ueberlegenen Tradition zu ergeben. Auch in Mathieus Wohnung fand ich übrigens einen schönen Kalender. Wie sich herausstellte, kam der von der deutschen Bekannten des Vermieters.

Als nächstes kam zum Nikolaus ein Paket von Mutti. Das habe ich mit Ellie am Nachmittag zwischen Generalprobe und Konzert des Chors (s.u.) ausgepackt und ihr das Wort Gemuetlichkeit erklaert. Schon am Morgen hatte der Nikolaus Ellie übrigens einen Schuh gebracht. Das Schuh ist inzwischen leer, aber das Paket noch nicht, denn zum Glück steht es bei Ellie außer meiner Reichweite.

Beim Blick auf die hiesigen Häuser fiel mir ein, wie ich vor zehn Jahren die englischen Ganzfassadendekorationen und Plastikgeglitzer beschrieben habe. Nicht nur Lichter, sondern blinkende Lichter, in verschiedenen Farben, gerne wird jede Linie mit einer Lichterkette nachgezogen. Je nach Farbe sieht es aus wie ein amerikanisches Autobahnmotel oder ein Bordell.
Auch auf der Arbeit wurden die Lamettatüten hervorgeholt. Dieses Jahr habe ich gelernt, dass die Bäume nicht allein wegen Unwissenheit und Geschmacklosigkeit schon im November aufgestellt(und mit blinkenden Diskolichtern verziert) werden, sondern, dass das offizielle Tradition ist.

Nun ist aber, wie ich ungern zugebe, nicht alle englische Tradition schlecht. So ist zu meiner Überraschung Adventssingen in den Kirchen sehr populär. Für ihren Heimatbesuch hatte sich Ellie extra auf Karten für die Kathedrale von Canterbury beworben, erfolglos. Auch auf der Arbeit wird von einer Gruppe Christen jedes Jahr ein gut besuchte Veranstaltung organisiert, die ich zum ersten Mal wahrnahm. Dabei erfuhr ich auch, dass es einen Chor im Haus gibt. Dem kann ich mich zwar aus Zeitgründen nicht anschließen, einmal habe ich ihn aber besucht und einige Weihnachtslieder mitgesungen. Mir gefallen die Angebote der Kirchen und ich will das noch einige Male nutzen.

Musik
Die erste Gelegenheit war der alljaehrliche Adventsgottesdienst der Uni. Dieses Jahr hatte ich mich darauf wegen der recht depperten Lieder nicht so darauf gefreut (bezeichnenderweise sagte Ellies neulich, sie denke bei Weihnachten an New York, dementsprechend ist viel der als traditionell betrachteten Musik Pop), wurde dann aber daran erinnert, wie gerne ich aber doch in Kirchen singe.
Der große Auftritt war das Beethovenkonzert am 6. Dezember. Die erste Probe mit dem Orchester war zu allgemeiner Überraschung richtig gut gelaufen, die Generalprobe eine Woche später ziemlich schlimm und das Konzert selbst war irgendwie wieder gelungen. Das Ambiente war ein ganz anderes als im Yorker Münster, wo ich die 9. Symphonie vor vier Jahren zum ersten Mal gesungen hatte. Eine Sporthalle statt des Münsters, das Orchester mehrere Klassen schlechter, weil wir hier keine richtige Musikfakultät haben. Trotzdem erinnerte es mich an das erste Mal, weil die 9. Symphonie trotz des depperten Textes doch toll zu singen ist, wenn erstmal die Musik mitmacht. Mir wird das Proben an Aufnahmen fehlen, dem ich mich dank meines Vorwissens frueh widmen konnte, Jetzt geht das Einüben wieder von vorne los, im Januar mit Puccinis Messi di Gloria, einer willkommenen Rückkehr in singbarere Stimmlagen.

Im Anschluss an das Konzert fuhr ich direkt weiter zur Tangoweihnachtsfeier. Auch auf der Arbeit gab es neben den diversen normalen Festtagsessen ausser Haus, die ich vermeide, einen kompletten Nachmittag im Büro, der mir zugegebenermaßen halbwegs gefallen hat. Da hatte man sich richtig Mühe gegeben und nicht nur Essen sondern auch kreative Spiele gemacht. Einer der Wettbewerbe bezog sich auf eine weitere englische Tradition, den Weihnachtspullover. Die sind absichtlich verziert wie von Mutti gestrickt. Zu sehen z.B. am Anfang von Bridget Jones.
Und schließlich habe ich mit Ellie noch eine Tradition kennen gelernt, das "Panto". Das kommt von Pantomime, ist aber ein normales Theaterstück mit Sprache, für Kinder, recht frei nach traditionellen Stücken und angereichert mit Humor solcherart, das alle Kinder schreien, wenn der Geist hinter dem Protagonisten steht. Unser Lokaltheater zeigte eine lose an Aladins Wunderlampe orientierte Geschichte, aufgepeppt mit C-Prominenz von gestern, laut, mit viel Musik. Den Kindern hats gefallen, uns auch. Am besten fand ich, dass die Schauspieler alle grossen Spass hatten, auf der Buehne einfach mal rumalbern zu duerfen.

Wunderbar
Auch mein zweiter, privater Auftritt des Stücks "Wunderbar" wurde nach vielen Sorgen ein großer Erfolg. Nach der schlechten ersten Probe stellte sich raus, dass ich anhang der falschen Aufnahme geübt hatte - kein Wunder also, dass meine Noten alle nicht passten.. Die folgenden Proben waren ein großer Spaß und der Auftritt selbst mindestens der zweitbeste Beitrag, schließlich hatte ich Unterstützung  von Musikabsolventen, einer lokale Sängerin und am Klavier einer Austauschstudentin aus China. Papa kennt das Format von meinem ersten Auftritt vor zwei Jahren, eine offene Bühne für Musikstudenten und -interessierte. Ich war sehr froh, dass Ellie kommen konnte, schließlich wünsche ich mir immer, dass mich Familie und Freunde auf der Bühne sehen können. Neben uns trat auch meine Gesangslehrerin mit dem Fagott aus und der beste Beitrag kam vermutlich von meiner Mitbewohnerin; wir wussten gegenseitig nichts von unseren Auftritten. Meine Mitstreiterinnen bekamen von mir Blumen und als ich eine weitere meiner Gesangslehrerin gab, hat sie mich spontan umarmte, was hier drüben selten vorkommt (auch wenn sie Amerikanerin ist). Solche Momente persönlicher Wärme sind mir hier immer noch selten und wertvoll. Den ganzen nächsten Tag wünschte ich mir, abends wieder auf die Bühne zu können.

Deutschland in London
Am zweiten Advent sind Ellie und ich nach London in die Museen gefahren. So ein Wochenende hatte ich schon immer vorgehabt, inzwischen aber die Hoffnung aufgegeben, nachdem Wochenenden eigentlich nie mehr frei waren. Die jetzige Entscheidung war relativ spontan und halb mit Ellies Geburtstag verbunden. Fast wäre es noch ins Wasser gefallen, da Ellie krank war. Zum Glück erholte sie sich im Laufe des Wochenendes zunehmend.
Der Samstag war dem Britischen Museum gewidmet, wo wir uns zuerst die schon erwähnte Ausstellung "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" ansahen. Die war kleiner als erwartet, schließlich waren es insgesamt nur 100 Objekte. Dafür war es voll, inklusive vieler Deutscher. Ich muss sagen, dass die Ausstellung trotz ihrer hochkarätigen Exponate nur halb so gut gewesen wäre, hätte ich nicht vorher die Radiosendungen gehört. Erklärung vor Ort ist (unvermeidlich) knapp, es sei denn, man liest das Begleitbuch von 600 Seiten. Was schön wäre, aber eben leider für so viele andere Bücher auch gilt. Besonders im Gedächtnis sind uns eine der allerersten Gutenbergbibeln geblieben, Schilder von den Montagsdemos, das Tor von Buchenwald und Bauhaus-Stuecke. Für mich persönlich waren die Sektion über Bauhaus und Brandenburg-Preußen interessant, zu denen ich Ellie natürlich einiges erzählen konnte.
Im Anschluss hatten wir immer noch mehrere Stunden, den Rest des riesigen Museums mit praktisch der gesamten Menschheitsgeschichte anzusehen. Ich war wider vermeintlicher Erinnerung zum ersten Mal im Britischen Museum und es zu beschreiben wäre zu viel. Ganz toll an England ist aber, dass Museen und Gallerien gratis sind und trotzdem auf Weltniveau sowie ausgesprochen angenehm zu besuchen. Schon praktisch, einmal ein Weltbereich besessen zu haben, man konnte sich alle möglichen schönen Sachen mit nach Hause nehmen.
Am Sonntag gingen wir ins Viktoria-und-Albert Museum, das mir völlig neu war. Es hat keinen bestimmten Fokus, neben europäischer Archäologie war für Ellie China, Japan und Korea dabei und für mich der Nahe Osten. Daneben britische Mode, Eisenwerk und Protestkultur. Ganz besonders hat mich dabei ein (mindestens) lebensgroße Kopie der Trajansäule beeindruckt, die einfach mal im Raum stand, neben kompletten Kathedralenfassaden.
Die Nacht dazwischen sind wir bei Ellie Freundin geblieben, die ich zur 40er Jahre Party zu deren Geburtstag kennen gelernt hatte. Die ist immer ein Erlebnis und hat uns außerdem in ein großartiges indischen Restaurant genommen, dass so billig und deftig war, dass ich mich an polnische Milchbars erinnert fühlte.

Direkt nach unserer Rückkehr sind wir dann direkt noch zum Adventssingen in einer Kirche gefahren. Das bringt mir dann doch richtige Adventsstimmung, Licht nur von Kerzen und richtige Orgelmusik.

Vermischtes
Eine weitere schöne Sache war eine Schnuppersprachstunde in unserer isländischen Bar. Das hatte Ellie entdeckt und zu meiner Freude kamen auch noch Mathieu und zwei Bekannte vom Tango.
Apropos Tango, für Leute mit gutem Internet: ein Video meines Tangolehrers bei einem Interview.
http://www.portsmouth.co.uk/life/it-s-strictly-tango-for-flavio-1-6447026

Ganz in der Nähe der isländischen Bar hat ausserdem eine neue Kneipe aufgemacht. Ihr dunkles Dekor, gutes Essen und hausgemachtes Bier erinnern mich nämlich stark an die Kneipen meiner Jugend in Torun und Lodz. Abgesehen davon schließt sie eine Lücke zwischen zwei bereits vorher immer schöner gewordenen Ecken der Stadt, wo in den letzten zwei Jahren eine ganze Reihe sympathischer Orte entstanden waren. Damit haben wir in dieser Gegend fast sowas wie eine Flaniermeile.

Meine psychologische Beratung ist nach eineinhalb Jahren vorbei. Die Beraterin hat eine neue Arbeit gefunden, aber mir waren auch langsam die Themen ausgegangen. Das gesparte Geld kann ich gut gebrauchen, aber noch wichtiger ist mir die gewonnene Zeit. Die zusätzliche Stunde will ich in Singübungen investieren und hoffentlich andere Abende entlasten.

Mitte Dezember hatte Ellie ungern 30. Geburtstag. Von mir bekam sie dafuer einen indischen Saari. Er kam aus lokalem Laden, der mir schon frueh aufgefallen war; jetzt habe ich endlich jemanden zum Anziehen.

Im Kino habe ich den Film Gravity gesehen. Astronaut sein wäre nichts für mich. Ich brauche festen Boden. Literarisch habe ich in meinem Buch das Kapitel über Preußen gelesen, d.h. das eigentliche Preußen der Pruzzen und Nachfolger.

Anfang Dezember hatte ich mir der Zahnarzt zwei Löcher repariert, die sich doch als größer rausgestellt haben. Jetzt ist aber alles gut verfüllt und in Ordnung.

Dank Lidl konnte der Nikolaus Ellies Schuh ordentlich füllen.

Auch Buddha hatte noch nie ein Nikolauspaket gesehen.

Sonntag, 23. November 2014

Gedankenlos mit guten Zähnen

In letzter Zeit waren wir hier recht nah an Deutschland. Wie ich inzwischen mitbekommen habe, hat die Ausstellung "Deutschland - Gedächtnis einer Nation" des Britischen Museums auch in Deutschland Bekanntheit erlangt. Mir wurde davon zuerst vor einigen Wochen von meiner Gesangslehrerin erzählt und werde Ellie anlässlich ihres Geburtstages an meinem letzten Wochenende vor Weihnachten dorthin und noch in andere Ausstellungen nehmen. Damit erfüllt sich ganz unerwartet doch noch ein schon verloren geglaubter Plan, einmal ein ganzes Wochenende intensiv die Londoner Museen zu nutzen. In der Zwischenzeit verfolgen wir eine begleitende Radiosendung des Direktors des Britischen Museums persönlich. Jeden Tag bespricht er anhand eines von 30 aus insgesamt 100 Objekten der Ausstellung im Radio 15 Minuten lang Aspekte der deutschen Geschichte. Neben einer spürbaren Sympathie für das Land ist es auch sehr gut recherchiert. Insbesondere geht er gut auf Nuancen ein, die für Briten aufgrund ihrer Geschichte schwer verständlich sind, was es für Ellie umso besser macht. Immer wieder überschneiden sich die Themen dann mit ihrem Geburtstagsgeschenk, dem Buch Vergessene Reiche, an dessen Mitte ich mich weiter tapfer herankämpfe. Ellie kennt sämtliche Königskinder Aragons und weiß wann und warum sie zu englischen Königinnen und deutschen Kaisern wurden. Und ich erfahre noch was neues über Polen.
Eine der ersten Episoden, die wir uns angehört haben, behandelt die innerdeutsche Grenze. Praktischerweise konnten wir am gleichen Tag im Internet auch live die Veranstaltungen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls verfolgen. Auch für mich war die Lichtinstallation sehr interessant, weil ich selbst nie genau wusste, wo die Mauer verlief. Außerdem konnten wir Beethovens 9. Symphonie einmal von Profis gespielt hören.

Einige Leute aus dem Dunstkreis des Musikfakultät gaben ein gratis Konzert, wo es ausnahmsweise gute Musik in guter Ausführung gab. Wie immer bei diesen seltenen Anlässen tagträumte ich mich an die HMT. Einen Tag darauf kam Kalina nach Portsmouth und ging mit mir auf die halbjährliche Salsaparty im Spinnaker-Turm im Hafen. Dort war sie zum zweite und ich zum dritten Mal, und mir hat es noch besser gefallen als im Mai, weil weniger Leute reingelassen wurden und man mehr Platz hatte. Kalina blieb über Nacht auf Ellies Sofa und am Folgetag gingen wir alle ins Musical Anatevka. Wieder hat mich beeindruckt, dass es professionelle Kultur praktisch gar nicht gibt, die örtlichen Amateurtruppen dafür zum Teil sehr gut sind. Nur still sein kann das Publikum einfach nie.


Ich selbst habe mir leichtsinnig ebenfalls einen Auftritt eingebrockt. Für die halbjährliche offene Bühne der Musikfakultät habe ich ein Lied auf dem Musical Kiss me Kate angemeldet. Seit Monaten hatte mich meine Gesangslehrerin dazu ermuntert und am Ende habe ich gedankenlos zugesagt. Unterstützt werde ich von einer Sopranin und einer Pianistin, beides studierte Musiker. Die erste Probe war eine Erniedrigung; einmal mehr hat mich meine romantische Ader in die Selbstüberschätzung geführt.


Ähnlich erfolgreich war ich auf meinem ersten Go Kart Rennen anlässlich eines Geburtstages. Ich musste erst verstehen, dass der Wagen in Kurven auch wirklich nicht umkippt, bis ich mit Freude aufs Gaspedal treten konnte. Ellie war um einiges besser im Feld, hatte das aber auch im Vorjahr gemacht.


Mit Mathieu habe ich den alten Film Die Schlacht um Algiers über den algerischen Unabhängigkeitskrieg gesehen. Mir war das zum ersten Mal im Studium von meinem algerischen Französischlehrer gezeigt worden. In der Organisation des örtlichen Filmvereins schloss sich ein kurzes Expertenpanel an, da waren wir in den hinteren Reihen aber schon mit dem Gratiswein beschäftigt.


Gute Nachrichten zum Schluss aus der Medizin: mein erster Zahnarztbesuch seit vier Jahren bescheinigte mir beruhigenderweise 'einen guten Mund'. Nur zwei kleine Füllungen werden Anfang Dezember gesetzt. Mit neuem Vertrauen in meine Zähne habe ich das Keksebacken zum einzig wahren deutschen Advent eingeläutet.

Sonntag, 9. November 2014

Istanbul

Istanbul war ein sehr alter Plan, um nicht zu sagen Traum von mir. Exotik und Zivilisation riefen. Nur Zeit wollte ich ganz viel haben, und das hieß Geld. Darum bin ich erst jetzt gefahren.
Erstmal musste ich mich aber akklimatisieren, nicht nur aufgrund von Stadtgröße und Klima, sondern auch wegen kulturellen Unterschieden. Uns war es unangenehm, in jedes Cafe und Restaurant hineingerufen zu werden und am ersten Tag Straßenkinder abschütteln zu müssen. Unser Hostel wurde von sehr netten Menschen geführt, besaß aber nur die allernötigste Ausstattung. Wände waren dünn und die erste Nacht, ein Samstag, laut. Vor allem Friedemann hat da schlecht geschlafen und wir haben auch beide einen Schnupfen gekriegt. Hatte ich so spät im Jahr auf weniger Touristen und trotzdem gutes Wetter gehofft, gab es Sonne erst ganz am Ende und immer noch Kreuzfahrtschiffe im Hafen.
Umso besser war es, einen Fremdenführer zu haben. Das habe ich nur aufgrund von Papas Empfehlung überhaupt erwogen, und das Geld war gut angelegt. Nicht nur erfuhren wir so viele Zusammenhänge zwischen den Fakten, sondern er sparte uns auch ganze Stunden Anstehzeit in den endlosen Schlangen der Normaltouristen. Natürlich waren die zwei Tage mit ihm trotzdem beinharte Besichtigungsarbeit und wir waren abends immer fertig. Befolgt habe ich auch Opa Tipp und habe mir von Friedemann Pamuks "Istanbul" aus der Lübecker Bibliothek mitbringen lassen. Gefallen haben mir aber nur seine Beschreibungen der Stadt in früheren Zeiten, nicht seine Selbstreflektionen.
Durch all das konnten wir erst nach einigen Tagen richtig entspannen und das positive am Trubel und der Größe einer 15 Millionen Stadt genießen. Dann kamen wir auf unsere Kosten mit Kultur und in den zahllosen spät öffnenden Lokalen, mit zivilisiertem Essen und wie mir erst im Nachhinein klar wurde, ganz ohne Betrunkene.

Zu erzählen gibt es natürlich zu viel. Wie nach unserer Skandinavienreise gibt es daher nur eine Liste persönlicher Lieblingserinnerungen, von mir und dann von Friedemann.


Johannes

  • die rigoroseste Besucherführerin der Welt
  • das Archäologie-Museum, das seit 1970 nicht mehr erneuert wurde und den Weg zur Toilette mit originalen antiken Statuen markiert
  • Bosphorus Tour und Rückmarsch am Tag der Republik
  • die Freskos in der Chora Kirche
  • die Süleymaniye Moschee
  • wir haben Backgammon gelernt
  • türkischer Tee
  • türkischer Kaffee im kleinen Cafe an der Hauptstraße
  • türkisches Essen
  • das Meer auf der Rückfahrt von den Prinzeninseln
  • Fischbrötchen und Nachttee am Goldenen Horn
  • die gut gepflegten Straßenkatzen
  • gelangweilte Verkäufer und Bedienungen die niemals lächeln
  • türkischer 60er Jahre Schlager und Laternen in den Bäumen
  • das Nachtleben in den Seitenstraßen der Hauptstraße im Beyoglu Viertel
  • Navigieren zwischen schwedischem Konsulat und Gymnasium
  • sämtliche Treppen und Bergstraßen
  • Orhan Pamuks Schwermut, Wehmut und Melancholie
  • Hausfrauen lassen Körbe an Leinen das Haus hinunter
  • der Unterschiede zwischen Kebab, Köfte, Dürum und wie man Lahmacün isst
  • iki cay lütfen
  • prophylaktisches Hupen zu jeder Gelegenheit
  • Taxis wo die Gurte erst gar nicht greifbar sind
  • ich habe gelernt, woher das Wort Kiosk kommt

Friedemann:

  • natürlich all die Straßenkatzen an jeder Ecke, vor allem am ersten Sonntag und auf den Prinzeninseln zusammen mit den Straßenhunden
  • der Bummel durch Beyoglu und Galata am ersten Tag, die interessanten Dinge am Wegesrand wie die englische Kirche
  • der Fischmarkt am Abend, und Balik Ekmek
  • der improvisierte Teeverkauf abends neben der Galatabrücke
  • der Bummel auf der asiatischen Seite durch Kadiköy, trotz Regen
  • der Rückweg zu Fuß und mit dem Bus nach der Bosporusfahrt, vorbei an der Festung, dem Luftgewehr auf der Kaimauer und den geschätzten 623 Anglern
  • der Bummel durch die Seitengassen in Beyoglu jeden Abend, die kleine Kneipe mit Buddha 2, der Stammkatze
  • die schöne Atmosphäre in der Süleymaniye Moschee
  • die Rundgänge durch das Basarviertel
  • die Sergius Bacchus Kirche
  • der Gang mir unserem Führer von der Sergius Bacchus zur Fähre, wo wir durch ein einfaches Wohnviertel gelaufen sind und über den Wochenmarkt
  • die Touristenführerin im Dolmabance Palast, die am liebsten unsere halbe Gruppe vom Wachdienst hätte abführen lassen

Blick vom Bosphorus auf unser Viertel, viele Treppen und Steigungen hinauf.
Unser täglich Brot, der Blick auf die Karte im Reiseführer.


Die Stammkatze in unserem Lieblingslokal verteidigte ihre Versorgungsrechte handfest gegen andere Straßenkatzen.

Bei dieser Aussicht beendeten wir den ersten Tag und widmeten uns Tee und Fischbroten.



Gott ist groß, Johannes ist klein.

Viele schöne Farben für Touristen auf dem Basar.


Der Diskopalast Dolmabance, Heim der rigorosesten Fremdenführerin der Welt.
Hier und auf so einem Schiff begann unsere Bosphorusfahrt.


Auf der asiatischen Seite, der Bahnhof der alten Bagdadbahn.
Die Rumelifestung, mir bekannt von Opas Dias, am Tag der Republik geschlossen.
Den Rückfahrt entlang des Bosphorus machten wir mit Bus und zu Fuß, vorbei an vollen Cafes, einer Million Angler und...

...Ballons, die zum Tag der Republik im Wasser mit einem Luftgewehr zerschossen werden durften.




Bei meiner Abfahrt fand Friedemann noch diese Vista.