Mittwoch, 13. März 2013

Tauen und Frieren

In den letzten Wochen vor meiner Reise nach Polen hatte ich gemerkt, wie die Einsamkeit zu einem kleineren Problem geworden war. Ich hatte mein Leben und meinen Zeitplan auf die Vorteile dieser Unabhängigkeit eingerichtet, die Stunden zum Lesen und Lernen. Gefallen hat mir das trotzdem nicht, da ich sehr den Preis dafür kenne. Erwartungsgemäß musste ich auch erst wieder Kompromissfähigkeit üben, als ich wieder in der Gegenwart meiner zauberhaften, wundervollen, herzensbrechenden Prinzessin von Rostock und jetzt Königin von Warschau Ania wandelte. Aber wie stets in solchen Situation war die bleibende Emotion vor allem Bedauern, nur so wenig Zeit zu haben. Die Woche war zwischen Ania in Warschau und Kasia in Lodz aufgeteilt und egal wem man wieviele Tage gab, es war zu wenig, denn als Standard diente die Zeit, als man noch dauerhaft in der gleichen Stadt lebte. Meiner armen Ania hatte ich nur dieses Wochenende gegeben. Da zeigte mir meine kleine katholische Inquisitorin ihre Studentengemeinde und wir gingen ins klasse gemachte Musical Singing in the Rain. Das waren Höhepunkte, aber nur Zwischenstationen zwischen Gesprächen in diversen Cafés und Kneipen, in die ich sie dank meiner polnischen Übersetzungsgehälter einlud. Auch einige meiner alten Erinnerungsorte zeigte ich ihr, im Zentrum und der Altstadt, und in Praga zeigte sich, dass wir einige sogar gemeinsam hatten.
Viel Bedauern begleitete meine Abreise, auch wenn am anderen Ende niemand geringeres als Kasia wartete. Die war schließlich mein eigentlicher Reisegrund nach über einem Jahr, in dem wir uns nicht gesehen hatten und für uns beide so viel passiert war. Darum ging es vor allem, ob im Kunstmuseum, Kino oder beim Tanzen. Und genau in der Mitte erwischte mich neben dem Wintereinbruch ein schrecklicher Magendarm-Virus, der mich praktisch den Rest der Zeit ans Bett fesselte. Weinen hätte ich können, soviele Sachen ließen sich ausgerechnet jetzt nicht machen, die ich so lange geplant hatte. Kasia ins Restaurant einladen, Tangostunde, ihr in einer leeren Kirche meine Chorstücke vorsingen – denn sie schließlich versteht meine Begeisterung für Gesang und Tanz am besten.
Dafür gelang es mir, ungewöhnlich viele andere Bekannte zu treffen, Paulina (kennen gelernt auch in Rostock), die interessante Ania (ein alte Bekannte aus Magdeburg) und Ola (aus meiner Austauschzeit an der Lodzer Uni). Ania und Kasia, beide musische Germanistinnen, habe ich zum Frauentag mit vielen Rosen ins Theater zum Quartett von Heiner Müller eingeladen.

Obwohl dieser Ausflug im Wartesaal der Nachtaufnahme endete (um Kasia's Nerven und meine Verdauung zu beruhigen) riss mich die Rückreise in ein Land ohne echte Freunde in ein typisches Tief. Die anfangs erwähnte Hornhaut war nur kurz genug aufgerissen worden, um wieder verletzlich zu werden. Dann hatte ich wieder mit den gleichen Gefühlen von Grauheit und Einerlei zu kämpfen, denen ich im Laufe der Zeit gegenüber gefühllos geworden war. Zum Glück kam ich in kein leeres Zimmer, sondern waren Rieke und ihr Kolja noch zwei Nächte da. Auch wenn inzwischen die Schneewolken von Polen hierher gezogen waren, nahm ich sie Dienstag noch auf zu einem kalten Spaziergang auf die Isle of Wight.
Jetzt ist es zwar nett, wieder ein eigenes Zimmer zu haben, aber das komische Gefühl nach ihrer Abfahrt wog definitiv schwerer. Darum habe ich mir gleich Mathieu rübergerufen, um mich einmal ganz allgemein und undifferenziert über alles in England aufzuregen. Am Mittwoch Abend gab es die erste Generalprobe des Chorkonzerts in der Kirche, wo wir auftreten werden. Hier erklärt sich vielleicht einiges. Nur in der Schönheit und Klarheit der Musik, und in der Unmittelbarkeit des Tanzes, spüre ich so etwas wie die Nähe und Wärme, wie ich sie mit den persönlichen Freunden habe, die mir hier fehlen.


Ania in Warschau

Anmut und Zauber persönlich, und nur bei persönlicher Gegenwart zu glauben.

Lodzer Ania, eine der besten Trinkgefährtinnen aller Jahre.

Mit der Lodzer Ania beim Mexikaner.


Und mit Kasia war es immer so toll, dass ich gar kein Foto von der schönsten Polin gemacht habe.



Rieke und ich auf der Isle of Wight.


Montag, 25. Februar 2013

Da ich ab Freitag in Polen bin, möchte ich noch etwas aus den letzten Tagen hinterlassen. Nach einem Frühlingsanfang mit wunderschönen Blicken über das abends länger helle Meer herrscht jetzt die bisher größte Kälte des Winters. Als ich am Samstag neue, unplattbare Fahrradreifen aufgezogen habe, war ich nach zwei Stunden im Freien für den restlichen Tag erledigt.

Nach einer Woche in meiner neuen Arbeitsgruppe weiß ich jetzt etwas mehr über meine Aufgabe. Wir arbeiten an „Spezialprodukten“ aus der Volkszählung. Bisher hatte ich mit normalen Tabellen zu tun, die ein oder zwei Bevölkerungsmerkmale wie Gesundheitszustand oder Wohnungsgröße zusammenfassen. Das war für die normale Bevölkerung, die Presse und öffentliche Ämter gedacht. Richtige Wissenschafter brauchen aber mehr Details. Für die stellen wir jetzt ambitioniertere Datenbanken zusammen, die viele Kategorien gleichzeitig umfassen. So kann der Soziologe jetzt untersuchen, ob Leute aus bestimmten Industriebereichen ähnliche Gesundheitsprobleme haben, oder ob Besserverdiener die Innenstädte verlassen. Denn nicht nur geben wir mehr Daten preis, wir geben sie jetzt für Individuen an, nicht mehr für ganze Gruppen (z.B. alle Menschen in London). Damit wird natürlich potenziell der Datenschutz gefährdet – zwar werden Namen und Adressen gelöscht, aber sollte es in einem Dorf z.B. nur einen Muslimen geben, ließe sich der natürlich identifizieren und schon wüssten seine Nachbarn, was er verdient und ob er gesund ist. Darum stellen wir diese Daten in verschiedenen Detailstufen bereit, und je mehr Daten wir preisgeben, desto mehr Auflagen gibt es, Zugang zu erhalten. Die ganz privaten Daten z.B. bekommen nur echte Wissenschaftler, die richtig gefilzt werden und auch nur in unserem Sitz Zugang bekommen.
Ganz konkret arbeite ich an der Kodierung von Variablen. Das heißt, ich stelle Instruktionen zusammen, wie Antworten aus den Fragebögen zu Kategorien zusammengestellt werden. Welche Kategorien gebraucht werden, hat jemand anderes bereits entschieden, wir grübeln jetzt, wie die Daten möglichst einfach in diese Kategorien gesammelt werden können. Wollen wir wissen, wie weit jemand von seinem letzten zu seinem aktuellen Wohnsitz gezogen ist, schauen wir auf die Postleitzahl, leiten damit aus der PLZ Landkarte die Ortskoordinaten ab und ermitteln die Luftlinie über den Pythagoras. Zumindest machen das Kollegen so, ich wäre darauf nicht gekommen. Die Instruktionen gehen dann an die Computerfuzzies, die damit dann wohl die Datenbanken füttern und am Ende sollen die dann die erforderlichen Tabellen ausspucken.
Mit Kommentaren habe ich jetzt nichts mehr zu tun und auch unser altes Team geht langsam auseinander an neue Arbeitsorte. Meine Gruppe zieht im März eine Etage runter, wo viele junge Leute arbeiten. Aber die neue Aufgabe gefällt mir, weil wir eng mit Universitäten zusammen arbeiten und unsere Daten in einige Datenbanken gespeist werden, mit denen ich selbst als Student gearbeitet habe. Mit der neuen Aufgabe kommt auch eine neue Vorgesetztenstruktur, meine alte Chefin ist jetzt sowieso für ein Jahr auf einem Forschungsprojekt außer Haus.

Auf vielmalige Nachfrage führe ich die besten Zeiten (in deutscher Zeit) auf, um mich telefonisch zu erreichen. Das ist Wochentags nach der Arbeit, soweit der Abend nicht durch Aktivitäten belegt ist. Durch das Stechuhrsystem kann grundsätzlich auch auf der Arbeit sprechen, außer ich bin in Besprechungen. An Wochenende kann ich immer sprechen, nur kann ich gegebenenfalls nichts gleich abnehmen, sollte ich auf Reisen sein.

Montag/Dienstag ab 19 Uhr.
Mittwoch ist der schlechteste Tag, wenn dann bin ich 20.45-22.00 Uhr verfügbar, wenn ich mit der Chorleitung in den Pub gehe. Danach gehe ich tanzen.
Donnerstag 19-20.30 Uhr, danach habe ich Tanzstunde.
Freitag 19-20.30, danach habe ich Tangostunde.

In Polen bin ich evtl. nicht erreichbar, da meine alte polnische Nummer ausgelaufen ist und ich mir wohl eine neue holen werde.

Montag, 18. Februar 2013

Birmingham


Zweieinhalb lange Monate hat es leider gedauert, bis ich meine zauberhaft Kalina wiedersehen konnte. Und nur ein kurzes Wochenende hatten wir! Auch mit einigen extra einstudierten neuen Salsaschritten im Kopf, dem Dreispitz darüber (die Haare waren leider nicht so weit nachgewachsen wie geplant, Kalina warn von Anfang an gegen die Kürzung) und dem ebenso neuen Gehstock (eigentlich ein umgedrehter Golfschläger) in der Hand kaum genug Zeit, um sich auf den neuesten Stand im gegenseitigen Leben zu bringen. Versucht haben wir es mit aller Macht. In Anbetracht der neuesten kulinarischen Experimente haben wir Samstag morgen die Markthallen erforscht und daraus später eine Makrele zum Abendbrot geholt. Zum Mittag hat mich Kalina in ein sehr gutes portugiesisches Café geführt. Im Museum des alten Juwelierviertels waren wir, was mit seinen leeren Backsteinbauten und Ahnungen aus größeren Zeiten eine Erinnerung an Lodz heraufbeschwor, wären die Straßen nicht immer noch so still und resigniert.

Der Höhepunkt war ein großer Masken-Salsaball in der großen Halle der größten der städtischen Universitäten. Vier Stunden haben wir getanzt, und nach ausgiebigen Vergleichsstudien konnte ich wieder bestätigen, dass niemand so leicht durch die Luft gleitet wie Kalina.

Wie meine sonst so gerne langschlafende Tanzfee morgens um zehn ausgangsbereit war, ist mir ein Rätsel. Ich selbst habe es nur geschafft, weil ich eine Woche vorher akzeptieren musste, dass ich einfach mehr Schlaf brauche und ausgeruhter war. Aber vielleicht lag es auch daran, dass wir den weltbesten Plan für gutes Wetter hatte, nämlich den Zoo. Das war umso besser, da auch Kalina noch nicht da gewesen war, ebenso wie ihre von mir ebenfalls hochverehrte Schwester Gergana, die sich netterweise anschloss. Und was für ein schöner Spaziergang mit Sonnenschein, vielen Kindern und zwei Meerschweinchen, die schwer mit frischem Frühlingsgras beschäftigt waren. Und ganz zum Schluss liefen wir noch an den stillen Kanälen der Innenstadt, zur alljährlichen Osterglockenzeit. Ein viel zu kurzes Wochenende – ich kann nur hoffen, dass der geplante Ausflug nach York zustande kommt.


Die zwei modischsten Mädchen auf den Straßen Birminghams.


Im Juweliersviertel.

So einen Knauf für meinen Gehstock!

Sowas gef'ällt mir.

Reich und schön



Ausgehbereit
Heimgehbereit.



Ich war interessant, weil meine Hand kurz vorher noch einen Apfel gehalten hatte.

Freitag, 8. Februar 2013

03.02.2013 – Drei Spitzen und sieben Schwestern

Ein Wochenende nach dem gemeinsamen Ausflug nach Winchester hatten wir uns in noch größerer Besetzung zum Besuch der Sieben Schwestern verabredet. Das ist ein Naturpark um eine Formation von sieben weißen Kreideklippen am Meer östlich von Brighton. In Brighton selbst war ich das letzte Mal im Herbst mit Monika und einigen Gästen gewesen.
Mathieu und ich wurden von Carla abgeholt, einer Portugiesin aus dem Ort Swindon nordwestlich von Southampton. Das Pärchen aus Southampton, mit dem wir letzte Woche unterwegs gewesen waren, trafen wir in Brighton. Der Samstagmorgen war sonnig und ich nahm meinen Dreispitz auf seinen ersten großen Einsatz. Nach einem Mittagessen aus Fish and Chips an der windig kalten Küstenstraße erreichten wir die Sieben Schwestern relativ spät und kamen über schlammige Wege erst kurz vor Sonnenuntergang an den Strand. Das war aber schöne Abendstille zwischen zwei Hügeln und Vogelbrutgewässern und erinnerte mich an die Ostsee, als der Weg einen immer näher an das Rauschen der Brandung führte. Wie bereits früher bemerkt wirkt das Meer bei Brighton viel größer, weil der Blick zum Horizont nicht von der Isle of Wight begrenzt wird.

Bei Dunkelheit gingen wir zurück in Brighton mit einer portugiesischen Freundin Carlas in ein kleines Konzert und anschließend durch ein, zwei Pubs und nach Mitternacht ganz kurz tanzen mit einigen gruseligen Gestalten zu den Hits der 80ern.

Einige der Schwestern im Hintergrund.
Kurz vorher hatte die Sonne die Klippen noch strahlend weiß gemacht.

Brighton ist in Sachen Nachtleben Portsmouth ganze Dimensionen voraus, sein Ruf zieht Unmengen Nachtschwärmer aus dem nahen London zu Spaß am Meer. Auch lässt sich der Ruf als hippes Pflaster nicht bestreiten. In den dekorativ und musikalisch tollen Kneipen hielt nur Platzmangel mein Tanzbein still und ich habe zum ersten Mal gut angezogene Engländerinnen gesehen, was ich ihnen auch gerne gesagt habe. Andererseits habe ich auf dem Weg nach Hause auch die bisher schlimmsten Exzesse an systematischer Selbstzerstörung gesehen, und leider bewohnten einige davon die Nebenzimmer unseres Hostels.
Am diesigen Sonntag suchten wir uns ein spätes Frühstück in den bunten Straßen des Hippieviertels und den „Gassen“, dem zentralen Gelände für Besucher mit Läden und Gastronomie. Auf der Rückfahrt nach Portsmouth hielten wir auf mein Betreiben noch in Arundel an, einer kleinen Stadt, deren massive Burg und katholische (!) Kathedrale Monika und mir seinerzeit von der Autobahn ins Auge gefallen war. Nach diesem Wochenende mit lauter Leuten in meinem Alter konnte mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft hier betrachten und für fast ausgeglichen empfinden. Mitte Februar besuche ich wieder Kalina zu einem Maskenball, weshalb ich mir das vorhergehende Wochenende kategorisch zur Erholung freigehalten habe.

In den wenigen freien Momenten allein habe ich Riekes Weihnachtsgeschenk ausgelesen. Interessanterweise wurde das gleich von einer Art verspätetem Geschenk in einem geheimnisvollen Paket ersetzt. Über die Feiertage hatte ich mich in Templin mit Friedemanns gläubiger Schwester über Existenz und Natur der Hölle unterhalten. Das hat sie scheinbar zum Anlass genommen, mit Informationsmaterial aus ihrer Gemeinde zukommen zu lassen.

Montag, 28. Januar 2013

Ecce gratum ver!

Der Januar war ein Monat ruhiger Wochenenden und trotzdem kritischen Schlafmangels. Trotz guter Vorsätze habe ich schnell wieder angefangen, zu spät zu schlafen. Höhepunkt war ein Tag Schnee, für den sofort die Katastrophenpläne aus den Schubladen geholt wurden. Kein Wunder, einheimische Kollege sagen sie sähen zum dritten oder vierten Mal im Leben Schnee in diesen Breiten. Also wurde schon am Vortag dieses einzigen Schneetags geplant und überlegt, ob das Büro nicht am besten gleich geschlossen wird. Das wurden dann zwar nur andere (der öffentliche Dienst arbeitet, die privaten nicht!), aber mein Team war auch das einzig vollständige auf der sonst außergewöhnlich stillen Etage, da viele Kollegen lieber zu Hause blieben. Schließlich sind die Straßen so eine Sache, wenn Winterreifen weder Pflicht noch leicht erhältlich sind. Dementsprechend habe ich reihenweise durchdrehende Reifen schon an kleinen Steigungen gesehen, und dutzendweise wurden Autos auch einfach am Straßenrand verlassen. Ein Kollege hat so wohl einmal sechzehn Stunden im Wagen verbracht. Am 30. Januar veröffentlichen wir den nächsten Satz Daten aus der Volkszählung. Diesmal sind die Arbeiten dazu aber erstaunlich pünktlich verlaufen und die Chefs haben weniger Stress als früher. Mitte Februar geht meine direkte Vorgesetzte für ein halbes Jahr in ein anderes Projekt, Ersatz kommt wurde aber noch nicht verraten.
Am zweiten Januarsonntag war ich zum ersten Mal bei der russisch orthodoxen Gemeinde, die sich ca. alle zwei Wochen zu mir bis dahin nie passenden Terminen trifft. Zu meiner Überraschung besteht die kleine Gruppe überwiegend aus Briten. Einen sehr guten kleinen Chor haben sie auch für ihre Gesänge, die für mich der Hauptanziehungsgrund sind. Ich habe danach brav beim Abbauen geholfen und wurde zum Gemeindeessen eingeladen. Dabei habe ich eine der vielen lokalen Bulgarinnen kennen gelernt, die gerne singt und an der Uni arbeitet. Darum habe ich sie zum Unichor eingeladen. Die ist am folgenden Mittwoch auch tatsächlich erschienen und hat sogar gleich eine Freundin mitgebracht, aber besonders begeistert sahen sie dann nicht aus und sind auch nicht wieder gekommen. Überhaupt hat der Chor über Weihnachten ein seiner Drittel Mitglieder verloren. Das ist zum neuen Jahr wohl normal, für mich aber trotzdem wieder ein Zeichen, wie wenig die meisten Menschen machen.
Ein erfolgreicherer Kontakt ist allein mein französischer Bekannter Mathieu, mit dem ich wieder beim Filmverein zu Dark Horse und danach trinken war. Im Pub haben wir eine Gruppe Leute kennen gelernt, die mehrmals die Woche unter Anleitung von Armeeangehörigen auf der großen Wiese am Meer Sport treiben, was ich mir vormerkte. Einige Tage darauf bin ich noch einmal allein in den polnischen Film In Darkness von Agnieszka Holland gegangen. Der behandelt eine Gruppe Juden in der Kanalisation von Lemberg und ist mir aufgrund der vertrauten Sprache und Umgebung mehr an die Nieren gegangen, als ähnliche Filme früher.
Samstag morgen habe ich mich tatsächlich der Sportgruppe angeschlossen, die nicht weit von meinem Haus auf der großen Wiese am Wasser trainieren. Nach zehn Minuten hab ich gejapst und habe nach weiteren zehn schamvoll aufgageben. Trotzdem ist das eine gute Art, das Wochenende zu beginnen. Das war gerade an diesem wunderschönen Sonnenmorgen zu merken, der nach dem Herbst und Winter eine erste Ahnung brachte, was in einer Seestadt der Sommer bringen könnte. Morgens als es noch still war, klarer blauer Himmel, glitzerndes Wasser, Möwenkreischen, Schiffe. Keine zehn Minuten weiter habe mir zum ersten Mal vom Markt am Fischereihafen eine frische Makrele zum Mittag geholt. Auf dem Rückweg sah ich, dass dieser Morgen die Leute aus den Häusern geholt hatte, und sie zum ersten Mal durch die Einkaufsstraße von Southsea flanierten und durchaus schon draußen vor den Cafés saßen. (Am folgenden Montag gab es einen richtig ordentlichen Sturm, mit handfester Brandung, die schönen Tanggeruch in die Nase trieb, und das weckt in mir das gleiche Glück, am Meer zu leben, wie ein Sonnentag.) Zum Makrelenmachen ist der nicht weit wohnende Mathieu gekommen, der mich auf den Fischmarkt erst aufmerksam gemacht hatte. Selbstredend will ich jetzt richtig Fischmachen lernen, jedes in Portsmouth verbrachte Wochenende damit beginnen. Das trifft sich gut, da ich auf der Suche nach neuen Rezepten war. Ente habe ich wie geplant erfolgreich probiert und auch die letzten Probleme des Brotbackens gelöst. Einmal habe ich auch Banizza allein probiert, was ich das letzte Mal noch zusammen mit Monika im Herbst gemacht hatte. Irgendwas hat gefehlt.

Letztes Abendmahl
Abends schließlich bin ich nach Southampton gefahren, zur Abschiedsfeier einer sehr netten italienischen Kollegin. Das war im kleinen Kreise des informellen internationalen Mittagstischs im Büro, wo sich diverse Immigranten zusammenfinden, weil man sich irgendwie näher ist als den Einheimischen. Dementsprechend war das ein Gelegenheit, einige der wenigen persönlichen Kontakte potenziell auszubauen. Den positiven Einfluss dessen habe ich gut wahrgenommen, auch wenn der Weggang der ob ihres unzerstörbaren Lächelns allseits beliebten Silvia ein dementsprechender Verlust ist.


Beim Abschiedsessen für die selig lächelnde Silvia in der Mitte. Man beachte meine Fliege und weiße Blume in der Jackettasche, zu Recht strahlt und funkelt es um mich.

Am nächsten Morgen haben die Muskeln erst richtig weh getan. Praktischerweise konnte ich ihnen etwas Auslauf geben, denn ich habe mich Mathieu Richtung Winchester angeschlossen, der zwei frisch immigrierte Freunde aus Southampton mitnahm, ein spanisch-französisches Pärchen. In Winchester war ich im Juli gewesen, aber diesmal schien es um einiges belebter zu sein. Das lag neben der Gesellschaft auch am hervorragenden Wetter, das im Januar die Außenplätze der Cafés füllte, auch mit uns. Nächstes Wochenende wollen wir gleich weiter fahren, zu einer bekannten Felsformation nahe Brighton.
Die Wochenenden vor Ort haben auch Zeit zum Lesen und Üben erlaubt. Das Buch Die Kunst kein Egoist zu sein, das ich zu Weihnachten bekommen hatte, habe ich fast geschafft. Lange wird es aber nicht mehr so ruhig bleiben. Mitte Februar gehe ich in Birmingham mit Kalina auf einen Maskenball. Am ersten Märzwochenende werde ich endlich wieder mit wunderbare, wunderschöne Ania wieder, die Zierde Rostocks, und anschließend meine wunderbare, wunderschöne  Kasia, die Zierde meiner Lodzer Zeit, die ja seit kurzem leider Zierde die von Celle geworden ist. Später im März besucht mich Papa, Ostern will ich selbst wegfahren, vermutlich Richtung York. Und dann ist Frühling und mich wird vermutlich wenig zu Hause halten.

Oben mit und oben ohne
Zum Schluss ein kleiner Eindruck vom Ergebnis eines gemeinsamen Neujahrsvorsatzes mit Friedemann, sowie vom Beginn meiner privaten Hutsammlung.

Der Dreispitz stammt vom Weihnachtsmarkt in Frankfurt/Oder und ist nach Vergrößerung endlich angekommen!
Diesen Halbzylinder habe ich auf dem Weihnachtsmarkt in Portsmouth erstanden. Ich hätte mir lieber einen richtigen Zylinder kaufen sollen.



Während Friedemanns Besuch im November hatten wir festgelegt: zu Neujahr Haare ab. Im Gegensatz zu ihm fehlt mir aber die Zeit, auch den Rest abzurasieren.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Uneinsame Insel

Die Zeit steht im Zeichen einer erneuten Suche nach einem Sozialleben. Samstag abend bin ich wie geplant zur Isle of Wight übergesetzt. Das ging darauf zurück, dass mich kurz vor Weihnachten unabhängig voneinander sowohl meine ehemalige Gastgeberin dort wie auch ihr Mitbewohner ohne besonderen Grund angerufen hatten, was ich sehr geschätzt hatte und wir vereinbarten hatten, uns mal wieder zu treffen. Das war auch gut getroffen, da in der ersten Woche zurück wieder das Gefühl von Leere ohne Menschen zurück kam. Ich kam dann auch zu einem großen Abendessen von und mit zwei Französinnen und dazu dem deutschen Mitbewohner.

Sonntag bin ich nach dem Frühstück allein zur Burg Carrisbrooke gefahren. Die liegt im im Zentrum der Insel, nah der Hauptstadt Newport, und war so etwas wie das militärische Hauptquartier in Elisabethanischen Zeiten. Sie ist an sich nichts außergewöhnliches, abgesehen von der Rolle als Gefängnis für Karl I vor seiner Hinrichtung nach dem Bürgerkrieg, und einer netten Vorführung, wie ein Esel den Brunnenzug bedient, und einer Gruppe russischer Mädchen. Aber sie liegt doch recht hübsch auf einem Hügel mit schöner Aussicht in alle Richtungen. Nur war an diesem Tag starker Nebel, was die Schiffe in der Meerenge mit dumpfem Tuten honorierten.

Dienstag ging es mit einem Bekannten in den Kinoclub. Diese kleine Privatinitiative war mir von Anfang an bekannt, aber ich hatte immer nach Aktivitäten „mit Leuten“ gesucht, anstatt still Filme zu sehen. Zu meiner Überraschung waren da aber auch Menschen, aus der Türkei, Italien und Bulgarien, die auch alle sehr zugänglich und engagiert waren, was ich ja immer schätze. Darum gehe ich mit Sicherheit zur nächsten Vorstellung, dann wird nämlich der polnische Film In Darkness im Original gezeigt. Am Mittwoch ging dann sowohl der Chor als auch der wichtigste wöchentliche Salsa-Abend wieder los. Im übrigen macht mir Poulenc's Gloria doch langsam Spaß und außerdem proben wir auch noch Gabriel Faure's Cantique de Jean Racine sowie sein berühmtes Pavane. Zuguterletzt hatte ich nicht gewusst, dass sich eine kleine Gruppe um den Dirigenten danach jeweils in einer der besten Kneipen der Stadt trifft, was ich gerne jede Woche zwischen Chor und Tanzen machen werde. Langsam gehe ich wieder dorthin, von wo ich eigentlich weg wollte: soviel zu tun und so wenig Zeit, wenn man dazwischen auch noch schlafen will; irgendwann werden die Hobbies eher zu Pflichten und aus Spass wird Stress. Aber ich war vielleicht noch nie so voller Ideen und Begeisterung und vielleicht auch nie so bewusst einsam; es ist mir fast unmöglich etwas auszulassen.



Auf der Arbeit schließlich ist es überraschend ruhig, wohl, weil für die kommende Veröffentlichung weniger Gesamtarbeit anstand, und meine Chefin gut geplant hatte. Meine Aufgabe bestand aus zwei der Texte der Publikation. Daneben beschäftigte uns vor allem die Festtagsschokolade, die Kollegen ins Büro abschieben.

Samstag, 5. Januar 2013

Der Rückflug war doch anstrengend: am Neujahrstag bin ich um sechs aufgestanden und kurz vor zehn Uhr abends zu Hause gewesen. Gut also, dass die zwei Wochen in Deutschland wirkliche Urlaubsatmosphäre und ganz viel Schlaf gebracht haben. Ich habe sogar wieder ein Gefühl von einem zu Hause bekommen, inklusive der damit verbundenen Erinnerung, das mir so etwas fehlt. Daher vielen Dank für die Gastfreundschaft auf allen Stationen, auf die ich mich nicht von ungefähr schon in der Auswahl meines Gepäcks verlassen hatte.
Ich hoffe, niemand ist verstimmt wenn ich sage, dass Rostock als letzter Wohnort vor England die meisten positiven Gefühle in mir wachgerufen hat. Das war das so bei jeder Rückkehr in alte Wohnorte merkwürdige, exotische Gefühl von wieder aufscheinender Vertrautheit und gerade nicht mehr passenden Alltagsbahnen. Stundenlang bin ich 'die alten Orte' abgefahren, bei schönster Wintersonne mit der Fähre über den Stadthafen gesetzt und nachdem ich zuerst gefürchtet hatte, dass die Orte ohne die Freunde vielleicht leer wirken, habe ich sogar einige Bekannte wiedergetroffen. Mit einer gern gesehenen Redakteurin des Lokalradios zum Beispiel besprach ich das Kulturangebot, dass im Vergleich zu Portsmouth sehr viel reicher und einfacher erreichbar schien. Konzerte, Konzerte, Theater Theater Theater – und sogar eine Salsaparty. Binnen eines Tages fand ich das in Rostock bestimmende Gefühl wieder, ich kann alles (außer eine Arbeit finden), ich kann mir ganz allein ein interessantes Leben bauen.
Da dann auch Friedemann dazu kam, habe ich auch einige Fotos. Leider keine von der Silvesternacht, in der wir entgegen ursprünglicher Pläne an den Strand in Warnemünde gefahren sind. Das war mehr eine Verlegenheitslösung gewesen, aber unsere niedrigen Erwartungen wurden positiv überrascht. Es war nicht nur trocken, sondern auch die richtige Anzahl Menschen da, nämlich viele, aber gerade gut verteilt an diesem schönen, breiten Strand, von dem ich in Portsmouth nur träumen kann. Und so eine Menge von Feuerwerk habe ich lange nicht gesehen, in Warnemünde und noch weit die Küster hinunter sichtbar, deren Spiegelung das Wasser färbte, unterstützt von den bunt beleuchteten Schiffen.

So bin ich denn müde aber voller Zuversicht nach Portsmouth zurückgekommen, wo es die letzten zwei Wochen durchgehend geregnet haben soll. Dafür konnte ich abends unter den Sternen am Meer nach Hause laufen, mit der aufgefrischten Erinnerung an den Tatendrang, mit dem ich im Juni hier angekommen war. Dazu gehört zuvorderst ein erneuter Anlauf zu einem Sozialleben, weshalb ich am Sonntag meine Gastgeberin vom 15.9. auf der Isle of Wight sowie deren deutschen Mitbewohner besuche, mit dem ich am 23.9. zur Abtei Netley geradelt war. Und dann will ich einige in der Pause erhaltene Inspirationen vertiefen: in die Oper gehen, Ente braten und Philosophie lesen.
Die Arbeit war in der ersten Halbwoche ruhig, denn meine Chefin kommt erst Montag zurück. Für die Veröffentlichung Ende Januar hat sie uns detaillierte Anweisungen hinterlassen, die ich vermutlich doch wieder falsch verstehe.


Die bald verschrottete Georg Büchner morgens im Stadthafen.



Und einige Tage später mit Friedemann an gleicher Stelle.





Das Blumenbild war Kasias Abschiedsgeschenk, als ich 2010 Polen verließ. Nach zwei Jahren Zwischenlagerung in Rostock habe ich es im Zuge der Initiative Weniger Spartanisch leben in meine jetzige Wohnstätte geholt.