Dienstag, 16. Oktober 2012

Dienstag, den 2.10., habe ich abends kurzfristig einen deutschen Uniabsolventen aufgenommen, der auf einer Dreimonatsfahrradtour durch praktisch ganz Westeuropa ist, die alle meine Aktionen wie einen Nachmittagsausflug aussehen lässt. Er schreibt auch ein Tagebuch mit Bild und Video.

Das folgende Wochenende bin ich einmal zu Hause geblieben. Da traf es sich gut, dass ich nach langer Zeit wieder eine Übersetzung angenommen habe und dazu eine richtig interessante. Es ging um Dokumente für ein Chopin-Konzert in Wien Ende Oktober, u.a. eine Abhandlung über „Chopins Kammermusikwerke“. Solche Themen hat man als Übersetzer selten und so hat mir der Auftrag richtig Spaß gemacht. Nichtsdestotrotz hat er hat er das ganze Wochenende in Anspruch genommen, wobei ich mir eine Freude geleistet habe, Samstag Nachmittag selbst in ein besonderes Konzert zu gehen. In Gosport auf der anderen Hafenseite wurde eine Orgel, auf der wohl Händel selbst gespielt hat, nach der Restaurierung eingeweiht. Dazu wurden alle Willigen eingeladen, nachmittags einige seiner Choralstücke zu proben und abends mit Orgel und Streichern aufzuführen. Sobald ich in die Kirche kam, trat mir die Frage entgegen, warum ich meine Interessen so oft vor allem von Menschen im Ruhestand teile. Desgleichen war die Sache ein Beispiel dafür, dass schlechte Qualität hier kein Problem ist, solange die Musi' nur schmissig ist und sie alle kennen. Ganze drei Stunden Vorbereitung hatten wir für den Messias und die Chandos-Hymnen, aber zuzugeben, es hat Spaß gemacht. Die Kirche war voll mit Sängern, und ca. 10% Zuhörern. Bei dem berühmten „Halleluja“ steht das Publikum in England scheinbar auf wie zur Nationahymne. Empfohlen worden war diese Aktion Unichor. Der steuert schwankend aber unter sicherer Leitung auf das erste Konzert zu und seit kurzem wird sogar in Stimmgruppen geübt wie in einem richtigen Chor.

Mein kleiner Analyseartikel vorerst um einige Monate verschoben, und wir sind zurück beim Tabellenprüfen. Das macht aber einiges Zusatztraining erforderlich, dass ich ungemein interessant und nützlich finde. Das sind insbesondere Einführungen in einige Computerprogramme, mit denen unsere offiziellen Tabellen erstellt oder aufwendigere Rechenprozesse automatisiert werden.

Meine Mitbewohner beeindrucken mich. Ich sehe sie zwar nie, aber ich höre sie manchmal, wenn sie früher als ich aufstehen. Das Bad wird von der Bulgarin in Schuss gehalten und als ich letztens abends nach Hause kam, blitzte sogar die Küche blanker, als ich sie jemals hingekriegt habe.

Vor Händels Orgel. 
Freitag Abend, den 12.10., stieg die Sonne selbst aus Birmingham in mein Heim hinab und blieb bis Montag morgen. Für Kalina war extra die Wettervorhersage verbessert worden ich habe konnte einmal loslegen mit allem, was ich allein so probiert habe oder allein nicht probieren wollte. Seelachs mit Auberginen und Florentinern zu Hause, das französische Restaurant (noch besser als gedacht) und natürlich einige Modegeschäfte in der Stadt, die Seepromenade und noch ganz kurz die Isle of Wight. Ich selbst sah zum vielleicht ersten Mal seit Monaten die Geschäfte und Cafés meines Viertels an einem Wochenende, während wir liefen, bis die Beine wehtaten. Endlich habe ich ganze Tage lang mit einem anderen Menschen nur privat gesprochen und so aktiv wie ich auch bin habe ich gemerkt, wie ausgehungert ich nach echten Freundin im Alltag bin. Langsam habe ich die Region erkundet und von meiner Aktionsliste bleiben nur noch die Kunstgallerie und der Pilgerpfad, die ich beide vor Weihnachten machen will. Die Radtour in den 'Neuwald' bei Southampton und nach Frankreich warten wohl besser auf waermere Zeiten. Irgendwann will ich nach Oxford, vielleicht mit Kalina, aber die sucht erstmal Arbeit, nachdem sie vor zwei Wochen ihre Abschlussarbeit eingereicht hat. Trotz aller Aktivitaeten habe ich hier noch niemanden naeher kennen gelernt, und von keiner Seite gibt es groesseres Interesse an Aktionen.
Meine Straße.
Am Teich bei meinem Haus.

Zwei Blumen im botanischen Gärtchen.


In diesem Theater wird mein Chor auftreten.

Das Tragflächenboot rast in die späte Nachmittagssonne.

Abends in meiner Künstlerbude.

Denn wenn französisch, dann mit Stil.





Leider folgt Kalina meiner Begeisterung für Rot nicht. Dafür wurde der große Einkaufskomplex im Hafen von der Firma entwickelt, bei der sie in London ein Praktikum gemacht hat.

Auf dem Sonnendeck zur Isle of Wight.

Auf der Seebrücke in Ryde.


Sonntag, 30. September 2012

Neue Kleider

Für Samstag hatte ich einen ernsthaft guten Plan: am Tudorhaus in Southampton fand ein Tudorfest (Zeit der englischen Renaissance & Reformation) statt und die Leute vom historischen Dorf Gosport (vgl. 27.08.2012) nahmen mich mit – komplett mit Kostüm. Das Fest bestand aus einem zeitgemäßen Markt im Rest der Altstadt, auf dem Platz zwischen dem Tudorhaus (ein zeittypisches Fachwerkgebäude, heute Museum) und der St. Michaelskirche (der einzigen von 5 in der Altstadt, die 1940 überlebt hat). Ich hatte das mit Abstand coolste Kostüm innerhalb der Stadtmauern und spielte je nach Lust einen deutschen Wollhändler, oder einen deutschen Offizier, der das neue stehende Heer Heinrich VIII. ausbilden sollte, der sich ja gerade mit dem Papst überworfen hatte. Ich musste auch nicht mehr machen, als stolz herumzustolzieren, was mit eine Schwert im Gürtel ganz von alleine kommt. Und eins muss man sagen – damals wurde noch richtige Kleidung gemacht! Ich spielte nicht nur Adel, ich muss auch so ausgesehen haben, denn es war gar nicht zu übersehen, welche Blicke ich anzog. Ganz abgesehen von diversen Bitten um ein Foto, inklusive einige ebenfalls adliger Ladies. Ich war an keinen Stand gebunden und konnte die Altstadt inspizieren, von der ich gar nichts wusste. Zwar hatte der Krieg auch nicht viel von ihr übrig gelassen, aber es gibt doch einige Häuser, Türme und eine ganze Länge Stadtmauer waren noch zu besichtigen. Das Tudorhaus selbst war mir zu voll, sodass ich gleich beschloss, am Sonntag gleich nochmal zurückzukommen.

Samstag abend fand in der anglikanischen St. Michaelskirche noch eine katholische Messe statt – vermutlich die erste seit der Reformation. Dazu sang der Kammerchor der Uni Renaissance in Latein. Sonntag meldete ich mich zum Bannertragen bei der Prozession entlang der fünf zerstörten Kirchen. Ich schnappte mir natürlich das größte von allen und rief am enthusiastischsten Hurra, wenn der Ausrufer seine Texte an jeder Station mit einem "Gott schütze den König" beendete. Ganz zum Ende hörte ich noch den Minnesängern beim Geschichtenerzählen zu, und auf dem Rückweg nach Portsmouth habe ich noch kurz bei Burg Portchester vorbeigeschaut (vgl. 30.06.2012).

Mehr Fotos auf: http://www.flickr.com/photos/reinardina/


Copyright by Reinardina @ http://www.flickr.com/photos/reinardina/

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Fragen?


Hört hört! Der neue König ist in der Stadt!

Mein Büro.


Mein Schuppen.

Kompromisse in der Altstadt.

Mein Hofstaat.

Meine persönlichen Lobpreiser.
Prozessionsexpertise gelernt in Polen.


Der Herbst ist unverkennbar da. Vor kurzem habe ich das erste Mal im Dunkeln zugesehen, wie die Wellen ans Ufer brüllen. Die Lampen der Küstenstraße sind dann in Wasserdunst gehüllt. Gut, dass mein neues Zimmer richtig gemütlich ist. Lärmprobleme habe ich gar keine, und ich mag das Art Nouveau Profil der hohen Decke mit Stuckrose und Kunstpostern.
Abschließend: ich bin Zeuge einer spürbaren Welle spanischer Emigranten. Die letzten Wochen habe treffe ich immer wieder junge Spanier, die hier gerade angekommen sind und Arbeit suchen. Wie in den Siebziger Jahren, als hätte es ein paar Jahrzehnte wirtschaftlicher Aufholarbeit nie gegeben.

Sonntag, 23. September 2012

Zusammenfassung

Zusammen fahren
Freitag morgen war ich aufgewacht und mein Körper sagte mir, dass ich zulange keine Pause vom Radfahren genommen hatte. Einen Ausflug musste ich aber noch machen, Samstag zur Ruine der Abtei Netley auf halben Weg zwischen Arbeit und Southampton. Dieser Plan war noch lange vor dem Umzug entstanden, als ich in Rostock die Landkarte studierte und mich besorgt fragte ob sich eine Wohnung auf dem Land vermeiden lässt; ob sich die Distanz von einer der Städte fahren lässt. Als ich noch Southampton als Wohnort favorisierte, entdeckte ich den Namen Netley Abbey am Meer und stellte mir träumerisch vor, wie ich nach der Arbeit mit einem Buch dort halten würde, schwimmen und lesen.
Nun ist weder Southampton noch dieser Feierabend wahr geworden, aber die Abtei war immer nah genug für einen Ausflug. Ursprünglich sollte das mit Adriana passieren, jetzt hatte sich vor einer Woche der deutsche Mitbewohner meiner Gastgeberin Charlotte interessiert gezeigt. Auf dem Weg wollten wir auch die Abtei Titchfield besuchen, eben jene in meinem Arbeitsort und direkt neben der Theaterscheune (vgl. 21.08.2012), die ich durch die Arbeitszeiten nie von nahem zu Gesicht bekommen hatte. In der Tat trafen wir uns Samstag morgen am Hafen, er kam von der Insel und ich vom Gespräch mit einer Rumänin, die richtigen, nichtenglischen Kuchen bäckt. (Ich kann ungewöhnlich sozial sein, wenn ich mich allgemein wohl und sicher fühle). Wieder war der Tag gut gewählt, die Sonne strahlte, anders als was für den Sonntag angekündigt war, der endlich als Pause geplant war.
Thomas aus dem Ruhrgebiet ist seit März im Land und war mit dem Teil des Festlands noch nicht vertraut. Wir setzten über den Hafen und fuhren am Meer entlang Richtung Westen, bis zum mehrmals erwähnten Vogelschutzgebiet (vgl. 13.08.2012), und über den ebenfalls bekannten Kanalweg (vgl. 02.09.2012)nach Norden, direkt nach Titchfield. Die dortige Abtei war vom gleichen Bischof wie Netley gegründet worden und bei beiden erwähnt der Lexikonartikel, dass sie eine solide und absolut unspektakuläre Geschichte hatten, bis sie von Heinrich VIII aufgelöst und beide von Höflingen in Privatresidenzen umgewandelt wurden. Von Titchfield ist weit weniger übrig, vom gesamten Klosterkomplex nur der Westteil der Kirche, der in ein betürmtes Torhaus wurde. Dafür ist das Gelände von fruchttragenden Apfelbäumen bewachsen, die ich sehr schätze.
Ich zeigte kurz die ebenfalls bekannten Klosterteiche und dann fuhren wir weiter nach Westen in unbekanntes Gelände, Richtung Netley. Das liegt auf der anderen Seite des Flusses Hamble, sodass wieder eine Fähre anstand, und zwar die süßeste der Welt, eine kleine rosa Nussschale, deren pensionierter Kapitän seine Arbeit an sonnigen Tagen wie diesem liebt. In der Tat war es noch einmal richtig Sommer, der Fluss ein einziger langer Ankerplatz für hunderte Segler und das andere Ufer für Besucher ausgebaut, wo ein ebenfalls Hamble genanntes hübsches Dorf Leuten Gastronomie am Wasser bietet und ich im Minutentakt mitteilte, was mich gerade an das schöne schöne Rostock erinnert.
Einige Kilometer weiter erreichten wir die Abtei Netley, die in ihrer Geschichte der in Titchfield ähnelt, aber viel vollständiger erhalten ist. In der Tat ist es „eine der am vollständigsten Zisterzienserabteien in Südengland“. Im 19. Jahrhundert, als der Geschmack der Romantiker nun das Mittelalterliche entdeckte wurde ihr Wert als pittoreske Ruine entdeckt und alle Spuren des Herrenhauses entfernt, was wiederum moderne Historiker bedauern. Auch heute wurden beide Abteien als Fotomotiv für Hochzeiten genutzt. Nach einem Rundgang machten wir beiden Mittagsruhe unter einer großen Eiche, bevor ich mir mit einem Lexikonausdruck bewaffnet die Gebäude im Detail betrachtete; größtenteils sehr ähnlich zum berühmten Schwesternhaus der Abtei Fountains (vgl. 18.9.2010).

Dann sind wir mit einem Pubaufenthalt den ganzen Weg zurück gefahren, Thomas auf die Insel und ich nach Hause, wo ich noch einmal baden ging, mit richtiger Lust auf kaltes Wasser.

Abtei Titchfield unter einem Apfelbaum. Nur der Südteil der Kirche bleibt, der zum Hauseingang wurde.


Die Fähre über den Fluss Hamble. Der pensionierte Kapitän mag seinen Job sehr.

Das Mastenmeer auf dem Fluss.

Abtei Netley. Eckige Fenster sind Herrenhaus, Spitzbögen Kloster.

Ostfenster der Klosterkirche. Von rechts stiegen die Mönche 2 Uhr morgens zur ersten Messe aus dem Schlafsaal hinab.

Bildung unter einer Eiche; ein Hund ist auch interessiert.

Kircheingang.

Auf der Rückfahrt.
Zusammen singen
Ich bin recht zufrieden mit mir, denn momentan bin ich relativ aktiv. Donnerstag Abend besuche ich jetzt eine weitere, soweit vielversprechende neue Tanzstunde, wo endlich der Umstand berücksichtigt wird, dass wir eben keine Lateinamerikaner mit Musikgefühl sind. Am letzten Mittwoch ist außerdem endlich der Universitätschor zusammengetreten. Wie die der Uni ist er strikt zweite Klasse, ohne Einzelproben der Stimmgruppen und wir singen im Auditorium Maximum, weil es keinen Konzertsaal gibt. Die Stimmqualität ist unverkennbar mangelbelastet und wir haben ganze sieben Tenöre. Mir fehlt die Professionalität der HMT, ganz zu schweigen vom Stadthafen am Abend danach. Ja, manchmal vermisse ich die ganze elende Arbeitslosigkeit. Aber zumindest gibt es einen Chor, denn die Uni Portsmouth hat gar kein Musikstudium, nur eine Musikgesellschaft. Der Dirigent ist motiviert und schafft es, trotz Verantwortung für alle vier Gruppen auf einmal, den Chor in dieselbe Richtung zu steuern. Sein Humor ist sich der Herausforderung klar bewusst (Noten und Worte sind nicht wichtig, sondern dass es laut ist!) und das Prinzip lautet, wenn schon nicht gut dann wenigstens Spaß dabei. Er ist erstaunlich gut vorbereitet und zwar vor allem auf Anfänger, kennt die Noten genau und weiß auch, was Laien nicht verstehen werden. Insbesondere gibt er sehr viel Hintergrundwissen über die Carmina Burana. Das sind ja säkulare Lieder, die in der Beschreibung ihrer Welt kein Blatt vor den Mund nehmen. Und auf einmal versteht man den beißenden Witz einer Zeile Latein, dass alles und jeder gerne trinkt.

Zusammen wohnen
Auch meine Suche nach Gesellschaft macht vorsichtige Fortschritte. Freitag Abend hat mich das spanische Pärchen besucht und wir haben spanisches Omelett gemacht. Am Morgen muss Monika ausgezogen sein, ohne ein weiteres Wort, aber dafür hat sie mir ihre übrigen Lebensmittel in den Schrank gestellt, wer daraus schlau wird... Ich habe bereits neue Mitbewohner, da offensichtlich das neue Semester losgegangen ist. Matty ist im zweiten Jahr Illustration/Gestaltung, hat einen merkwürdigen Schlafrhythmus und ist meiner Ansicht nach sehr jung und etwas verwirrt. Alex ist im letzten Jahr (was hier drüben vermutlich das dritte ist, weil der zweite mögliche Teil eines Studiums ja nur ein Jahr dauert) Architektur und sieht dementsprechend seriös aus. Zori schließlich ist wohl auch um die 21 und soll Montag eintreffen, Bulgarin sein, die aber hier aufgewachsen ist, und sehr gerne putzt. Daher hoffe ich, dass wir hier einen ruhigen und vor allem sauberen Haushalt führen können. Die Gespräche mit Charlotte haben nämlich alle schlechten Erfahrungen mit englischen Studenten wieder wachgerufen. Matty und Alex bringen ihre Fahrräder mit, was den Schuppen eng macht. Matty schläft nicht nur zu komischen Zeiten sondern offenbar auch leicht, weshalb ich zugestimmt habe, die Zimmer zu tauschen, da an meinem weniger Leute vorbeilaufen. Jetzt wohne ich im Erdgeschoss direkt unter meinem alten Raum. Die Decke ist etwas höher und hat eine sehr schöne Stuckrose, die gut zu meinen Kunstposter im Jugendstil passen. Hoffentlich irre ich mich mit meinem besseren Schlaf nicht.

Montag, 17. September 2012

15/16. September - Nachlese

Das letzte Wochenende und die derzeitige Arbeit hat mich sehr erschöpft. Insbesondere die Beine bitten jeden Tag um eine dringende Pause. Aber noch mehr quaelen mich unbewältigte Programmpunkte. Darum bin ich wie angekündigt gleich wieder auf die Insel Wight gefahren. Die Entscheidung wurde dadurch erleichtert, dass ich diesmal sofort eine Übernachtung angeboten bekommen habe. Auf dem Plan standen diesmal die römische Villa in Brading für Samstag und für Sonntag die Morgenmesse in der Abtei Quarr und danach noch einmal Haus Osborne.
Weil ich so lange im Büro bleibe und private Sachen nur am Wochenende gemacht werden können, bin ich wieder zu spät zur Fähre gekommen. Diesmal statt Festivalbesuchern Butterfahrer.
Das Wetter war wieder sonnig, wenn auch kühl, Sonntag sollte es sich bewölken. Am anderen Ufer bin ich gleich am Sandstrand schwimmen gegangen, weil das vermutlich nicht mehr lange möglich sein mit dem anrollenden Herbst. Bei der ersten Pause danach habe ich gemerkt, wie erschöpft ich bin, als in der Sonne fast gleich eingeschlafen bin. Ich bin langsam weiter über Seaview und St. Helens nach Brading geradelt. Die Villa hatte ich schon eine Woche vorher gesehen, ohne die Verbindung herzustellen. Damals war ich durch eine Hecke vom Feld auf eine Straße gebrochen und stand auf einem Plateau über Brading, direkt über der Villa. Auf einem Schild war gezeigt worden, wie das Meer seinerzeit anders verlief, bis an das Anwesen ging und somit die Lage erklärt, denn so konnte problemlos importiert und exportiert werden. Der Wohlstand wurde ich Bodenmosaiken ausgedrueckt, wovon ein Mann mit Hahnenkopf besonders beruehmt ist, denn das Motiv gibt es nur hier. Noch einige tausend Jahre vorher war die Insel Wight überhaupt ganz mit England verbunden gewesen und noch schlimmer, England mit Europa. Die Römer nannten die Insel Vectis, was mir den Namen der lokalen Busgesellschaft erklärte. Insgesamt scheint es wohl ein Dutzend römischer Villen auf der Insel gegeben zu haben, aber Brading ist die einzig bekannte Überlebende.

Zugang zu einem der vielen kleinen Kirchhöfe entlang des Weges. Geschmückt für eine Hochzeit.

Eins der historischen Häuser in Brading. Die Straße nach rechts geht es zur römischen Villa.

Die Tür mitte rechts im Detail.
Nach Torschluss bin ich zurueck nach Ryde geradelt und habe am Pier meine Gastgeberin getroffen. Charlotte aus Frankreich ist Lehrassistenz in einer oertlichen Schule. Mit ihrem deutschen Mitbewohner sind wir des ganze schoene franzoesische Abendessen lang bei Gratin und Bananenkuchen über die Briten hergezogen, angefangen wie immer beim Essen und ganz speziell darüber, wie sie Körper, Geist und ihre Häuser vernachlässigen, speziell unsere 21jährigen Mitbewohner. Das allgemeine Saufen, Fressen und Nichtbeachten von Dreck in der Küche. Wenn man uns Ausländern im Moment zuhört, ist das hier wirklich das Land der halbdebilen Barbaren.

Nach der ersten langen Nacht seit meinen eigenen letzten Gaesten hatte ich das erste schoene, franzoesische, langsame Fruehstueck seit, nun vermutlich seit Juni. Pfannkuchen mit Marmelade von Charlottes Mutter, komplett ohne Plastik. Charlotte und eine weitere franzoesische Lehrerin sind mit mir zur 10 Uhr Messe im Kloster gelaufen. Das war ursprünglich mit der Reformation aufgelöst worden und Anfang des 20. Jahrhunderts von französischen Benediktinern in der Nähe der alten Ruinen neu gegründet, nachdem diesmal in Frankreich religiöse Gemeinschaften verboten worden waren. Heute sind die knapp ein Dutzend Mönche natürlich Briten und singen die Messe auf Latein. Leider ist ihr Chor etwas schwach.

Die beiden Mädchen sind zurück nach Ryde gelaufen und ich habe nach einem kleinen Abstecher in den Apfelgarten den Bus zu Haus Osborne genommen. Das hatte ich eine Woche vorher bereits besucht, aber nicht mehr genug Zeit gehabt, alles zu sehen. Jetzt merkte ich, dass soviel gar nicht übrig geblieben war. Das Prunkstück, der indische Saal der scheinbar sehr weltoffenen Viktoria, hatte ich aber noch nicht besichtigt. Auch für den großen Park mit Privatstrand war etwas mehr Zeit ganz gut. Leider waren die Pferde dieses Mal nicht auf der Koppel. Im Ganzen ist das Schloss nichts wirklich anderes als viele andere. Es macht aber einen anderen Eindruck, wenn man seine Geschichte kennt, denn aus allen Details spricht in der Tat das Verlangen von Viktoria und Albert, ihre Kinder zu normalen Menschen zu erziehen. Haus Osborne zweimal zu besuchen ist eine relativ teure Angelegenheit, darum habe ich gleich noch ein bisschen mehr Geld ausgegeben und bin English Heritage (Englisches Kulturerbe) beigetreten. Das ist das staatliche Gegenstück zum National Trust und als Mitglied habe ich freien Eintritt in all ihre Besitzungen.

Den Gedanken, auch noch Burg Carisbrooke im Hauptort Newport zu besuchen, habe ich verworfen und bin stattdessen nach Ryde zurückgekehrt. Ich habe noch einige anglophobe Zungenschläge mit Charlotte ausgetauscht und dann die Fähre zurück genommen. In der Tat wurde ich begleitet von einer lauten Gruppe Mitzwanziger in nicht billigen Mänteln und einer Weinflasche, offensichtlich nicht der ersten. Daneben der Mann mit dem Plastebecher Bier. Daneben füttern Väter ihre Söhne mit Fertignahrung aus Plastikverpackungen in Plastiktüten auf dem Schoß.

Als nächstes steht vermutlich eine Fahrradtour zur Ruine der Abtei Netley etwas westlich von meiner Arbeit an. Mittelfristig will ich auch den alten Michaelspilgerweg laufen und mache auch neue Bemühungen bezüglich der Studentengemeinden, da das Semester wieder anfängt. Am Mittwoch tritt der Unichor zusammen, um die Carmina Burana zu singen. Die Ausflüge sind sowohl nötig als auch möglich, weil mir weiterhin Sozialkontakte fehlen. Das merke ich insbesondere dann, wenn ich dann mal mit Leuten spreche: ich rede ohne Pause. Ich habe neuerdings in dieser Hinsicht wieder etwas Hoffnung. Beim wöchentlichen Couchsurfing Treffen habe ich die Telefonnummern von einem halben Dutzend Leuten eingesammelt, die nicht nur für zwei Wochen Sprachschule hier sind. Mit einem spanischen Pärchen habe ich gleich ein Café und eine Kneipe ausprobiert und einige Tage später sind meinem Ruf fast ein Dutzend Leute in weitere Kneipen gefolgt. Und ich habe viele Pläne, bei denen Menschen nötig sind, wie die beiden französischen Restaurants und die gesamte Kneipenszene, die ich doch sonst immer recht gut kennenlerne. Die Spanier sind klassische Wirtschaftsflüchtlinge, vor zwei Wochen hier eingetroffen, weil es zu Hause zu schwierig wird. Angenehmerweise sind sie in meinem Alter und wie sich rausstellte wohnen sie gleich die Straße runter. Die anderen vor allem Franzosen (die Nähe zu Frankreich macht sich in Portsmouth allgemein bemerkbar). Jetzt aber bin ich schon wieder so aufs Alleinsein und Alleinplanen eingerichtet, dass ich erstmal wieder Platz, Zeit und Geduld für andere Menschen finden und lernen muss.

Monika ist zurück und am Montag soll die andere bulgarische Bewohnerin aus den Ferien zurückkommen. Monika's einziger Kommentar bisher war, ihre Pfanne vor Fremdnutzung zu schützen und ich zähle darauf, dass sie bald auszieht. Der englische Student ist bereits angekommen, aber ich sehe niemanden sehr viel, da ich oft erst nach elf zurück bin. Momentan habe ich nicht mal Zeit zum Putzen oder Kochen (oder Tagebuchbschreiben). Jeden Tag nehme ich mir nur vor, früh nach Hause und direkt in Bett zu kommen. Auf der Arbeit bleibe ich momentan täglich bis 19 Uhr. Der nächste Publikationstermin steht an und noch ist viel zu machen. Ich bin verwirrt wie immer aber meine Chefin ist derzeit selbst zu beschäftigt, um das zu bemerken. Nach einer langen Zeit mit reinem Datenabgleich schreibe ich derzeit endlich wieder an einem Artikel. Das heißt, ich werde eine gewisse Zeit mit den Daten allein gelassen und kann mich etwas mit der Analyse austoben.

Samstag, 15. September 2012

02.09.2012 – Vorwärts immer

Monika ist jetzt für knappe zwei Wochen weg und wird dann nach London umziehen. Ihre Abreise hat sie leider mehr wie Emilie (vgl. York) aussehen lassen denn wie die Mitbewohnerin, die anfangs solche Hoffnungen geweckt hatte. Genau genommen lässt es mich ein bisschen an ihrem Geisteszustand zweifeln. Die letzten zwei Wochen ist sie kaum noch aus ihrem Zimmer gekommen und hatte zu nichts Lust. Am letzten Abend hatte ich mir vorgenommen, Banizza zu machen, einen bulgarischen Blätterteigkuchen. Das hatte Monika mir praktisch beim Einzug versprochen und mir war die Geduld ausgegangen. Sobald ich die Zutaten auf dem Tisch hatte, stand sie aber in der Küche und wir haben mein erstes hausgemachtes dampfendes Banizza hinbekommen. Wir hatten noch einen schönen letzten Abend, so wie ich eigentlich die letzte Woche insgesamt gerne gesehen hätte. Monika meinte, ich könnte doch am nächsten Tag mit nach London fahren. Kalina war zwar dieses Wochenende nicht vor Ort, aber ich wollte das Britische Museum sehen, also habe ich gerne zugesagt und auch gleich eine Fahrkarte zurück nach Portsmouth für Samstag Abend gebucht. Am nächsten Morgen ist sie wie immer ewig nicht aus dem Bett gekommen; gegen elf meinte ich, wenn wir nicht bald fahren, kann ich in London gleich wieder in den Bus zurück steigen. Dann bin ich kurz zur Post gefahren, weil ich nur am Samstag zum Briefmarken kaufen komme. Zwanzig Minuten später komme ich zurück und Monika ist weg. Wortlos verschwunden wie damals Emilie. Kein Anruf, keine Frage, wo ich bin, und natürlich nimmt sie selbst auch nicht das Telefon ab. Zum Glück war die Busfahrkarte nicht allzu teuer gewesen.

Mein erstes selbstgemachtes Banizza.


So musste der Tag wieder alleine gemeistert werden. Zuerst habe ich meine gesprungenen Brillengläser ersetzt und dann bin ich auf die Insel Hayling gefahren. Das ist die nächste Insel gleich östlich von der Insel, auf der Portsmouth selbst liegt. Sie stand auf meiner langen Liste mit Zielen und Aktionen, weil dort richtige Sandstrände sein sollen. Eine kleine Fähre setzte mich über die schmale Wasserrinne zwischen den Inseln. Hayling ist tatsächlich viel ländlicher als Portsmouth, richtiges Heidekraut auf beiden Seiten der Strandstraße. Offenbar war versucht worden, auch dort Hotels zu bauen, aber das scheint nie so angesprungen zu sein wie in anderen Seebädern. Daher wirken die Häuser überdimensioniert und etwas verlassen, ähnliche wie alte FDGB Heime in unseren Wäldern. Urlaub wird offenbar eher in einer Rehaklinik und Urlaubshäusern gemacht. Dadurch ist es nicht nur ländlich, sondern auch ruhig genug, dass am Strand die Wellen das bestimmende Geräusch waren. Familien grillen und Leute lassen auf dem weiten Watt Drachen steigen. Nur in der Mitte der Seepromenade habe ich einen lauten Vergnügungspark gefunden, der in England zu jedem Seeort gehört. Ganz am östlichen Ende des Strandes, wo der nächste Hafen die Insel von der nächsten trennt, fand ich eine Landzuge, die bei Ebbe weit ins Meer reichte, mit einem wunderbaren sandigen Ende. Da musste ich natürlich rauf, und zum Glück bin ich nicht baden gegangen, denn auf dem Rückweg wurde ich fast von der Flut überrascht, die viel plötzlicher einsetzen kann, als ich vermutet hatte, nachdem noch eine Stunde zuvor das Wasser mit Wucht aus dem Hafenbecken gelaufen war. Erst vor ein paar Wochen habe ich im Hafenbecken von Portsmouth gesehen, wie reißend eine echte Gezeitenströmung wirklich ist. Baden bin ich dann lieber an einer sichereren Stelle gegangen, gleich neben der Küstenwache. Und als ich abends zurück nach Hause kam, ging ich noch einmal an der üblichen Stelle baden, diesmal bereits unter einem wunderschönen Vollmond. Denn es wird früher dunkel und es ist seit Kurzem auch deutlich kühler. Dafür ist morgens so ein wunderschönes Licht, Himmel und Luft sind so klar; wenn ich morgens auf dem Oberdeck der Fähre sitze und auf das Meer blicke, habe ich Lust laut zu singen. Solche frühen Herbsttage erinnern mich jedes Jahr an Lodz, wie jetzt die tiefer stehende Sonne in die langen geraden Straßen scheint und wie schön ich mit Kasia durch die Parks spazieren würde.

Rinder in einem Heidereservat am Strand.

Die Landzunge tritt nur bei Ebbe hervor.


Wer könnte da widerstehen?


Strand und Buhnen von Hayling, von der Landzunge aus gesehen. Links hinten geht es nach Portsmouth.

Isle of Wight
Am kommenden Wochenende will ich weiterhin mit dem Rad auf die Isle of Wight. Seit ich diesen Plan auf meinem ersten Besuch gefasst hatte, sind schon wieder gute zwei Monate vergangen. Letzten Sonntag bin dann bereits einen Tag mit zwei sehr jungen Franzosen (Bekanntschaften vom lokalen Couchsurfing; derzeit ist eine Gruppe Franzosen auf Sprachkurs in der Stadt) dort gewesen, großteils, um einmal in Gesellschaft unterwegs zu sein. Die Kommunikation war schwierig, weil nur eine der beiden schwaches Englisch sprach. Und ich bin selbst durch sämtliche Sprachen getorkelt, da mir auf dem Weg noch eine polnische Kellnerin die Richtung weisen musste. Diesmal war das Wetter grau und gelegentlich nieselte es. Daher fuhren wir mit dem Bus durch die Gegend, insbesondere nach Ventnor am östlichen Ende der Südküste, wo wir ein Stück an den Klippen entlang liefen und den botanischen Garten besuchten. Es gab wieder einige sehr schöne Aussichten, sowie die Erkenntnis, dass die Insel auch sehr bergig sein kann. In den Badeorten war wieder das britische Sommerverhalten zu beobachten, wo also die wenigen Touristen an den schmalen, schmutzigen Stränden direkt vor ihrem Hotel bei jedwedem Wetter Karibik spielen, im nebelfeuchten Sand grillen und im Mantel picknicken.



Bei Ventnor an der Südküste des Isle of Wight.

Eine kleine Bucht unterhalb des botanischen Gartens.

Schaukeln ist weiterhin sehr gut.

Farbtupfer im Grau - der botanische Garten bei Ventnor.


Rückwärts manchmal
So also verbringe ich die Zeit, seit ich wieder alleine wohne. Um ganz ehrlich zu sein, so wie ich mich am Anfang gefreut hatte, endlich jemanden zu haben, der mitkommt, hatte ich mich jetzt eigentlich darauf gefreut, wieder allein zu sein. Die für Monika freigenommene Zeit war eigentlich nicht genutzt worden, weil sie nie was unternimmt. Jetzt kann ich eine lange Liste mit Zielen abarbeiten, und wenn ich dabei allein bin, so mache ich zumindest etwas mit meiner Zeit. Das ist auch wichtig, denn die Arbeit nimmt mehr und mehr Zeit in Anspruch, der die nächste Veröffentlichung langsam näher rückt. Übrigens hat sich rausgestellt, dass zwei meiner Kolleginnen einige Jahre in York gelebt haben. Meine jüngste Kollegin hat ihr Grundstudium dort gemacht und eine andere mit ihrer Familie fünf Jahre praktisch in der Nebenstraße meines späteren Hauses gewohnt. In Bezug auf York wird mir derzeit bewusst, dass ich vor genau einem Jahr ohne größere Trauer oder Rückkehrbedürfnis von dort weggezogen bin. Und ich denke oft an die Woche in Frankreich, das bessere Wetter und Essen, und dann an Rostock, das Zentrum, den Hafen, Warnemünde, die Mecklenburger Alleen und Felder. Die Brombeerzeit hier ist fast vorbei und wird von Holunder ersetzt; dann fällt mir, wie in den Brandenburger Wäldern jetzt die Pilze wachsen müssen und das ich hier auf dem Weg nach Hause gerne einen alten Gärten mit Apfelbäumen hätte. Immerhin habe ich endlich einen Obst- und Gemüseladen gefunden, der täglich übrige Ware so billig abgibt wie jener in York. Morgens auf dem Weg zur Arbeit fülle ich ein oder auch zwei Beutel, das ist gut für die Gesundheit und den Geldbeutel.

Der Kanalweg, von der Mühle in Titchfield zum Vogelreservat am Meer. Einer meiner Lieblingswege, wenn ich nach der Arbeit Zeit habe, und die zweite Strecke, die ich mit Adriana probiert habe. Eichenüberdacht und vor allem still, abgesehen von Vogelstimmen. Hier gibt es nicht viele stille Orte.