Monika
ist jetzt für knappe zwei Wochen weg und wird dann nach London
umziehen. Ihre Abreise hat sie leider mehr wie Emilie (vgl. York)
aussehen lassen denn wie die Mitbewohnerin, die anfangs solche
Hoffnungen geweckt hatte. Genau genommen lässt es mich ein bisschen
an ihrem Geisteszustand zweifeln. Die letzten zwei Wochen ist sie
kaum noch aus ihrem Zimmer gekommen und hatte zu nichts Lust. Am
letzten Abend hatte ich mir vorgenommen, Banizza zu machen, einen
bulgarischen Blätterteigkuchen. Das hatte Monika mir praktisch beim
Einzug versprochen und mir war die Geduld ausgegangen. Sobald ich die
Zutaten auf dem Tisch hatte, stand sie aber in der Küche und wir
haben mein erstes hausgemachtes dampfendes Banizza hinbekommen. Wir
hatten noch einen schönen letzten Abend, so wie ich eigentlich die
letzte Woche insgesamt gerne gesehen hätte. Monika meinte, ich
könnte doch am nächsten Tag mit nach London fahren. Kalina war zwar
dieses Wochenende nicht vor Ort, aber ich wollte das Britische Museum
sehen, also habe ich gerne zugesagt und auch gleich eine Fahrkarte
zurück nach Portsmouth für Samstag Abend gebucht. Am nächsten
Morgen ist sie wie immer ewig nicht aus dem Bett gekommen; gegen elf
meinte ich, wenn wir nicht bald fahren, kann ich in London gleich
wieder in den Bus zurück steigen. Dann bin ich kurz zur Post
gefahren, weil ich nur am Samstag zum Briefmarken kaufen komme.
Zwanzig Minuten später komme ich zurück und Monika ist weg. Wortlos
verschwunden wie damals Emilie. Kein Anruf, keine Frage, wo ich bin,
und natürlich nimmt sie selbst auch nicht das Telefon ab. Zum Glück
war die Busfahrkarte nicht allzu teuer gewesen.
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| Mein erstes selbstgemachtes Banizza. |
So
musste der Tag wieder alleine gemeistert werden. Zuerst habe ich
meine gesprungenen Brillengläser ersetzt und dann bin ich auf die
Insel Hayling gefahren. Das ist die nächste Insel gleich östlich
von der Insel, auf der Portsmouth selbst liegt. Sie stand auf meiner
langen Liste mit Zielen und Aktionen, weil dort richtige Sandstrände
sein sollen. Eine kleine Fähre setzte mich über die schmale
Wasserrinne zwischen den Inseln. Hayling ist tatsächlich viel
ländlicher als Portsmouth, richtiges Heidekraut auf beiden Seiten
der Strandstraße. Offenbar war versucht worden, auch dort Hotels zu
bauen, aber das scheint nie so angesprungen zu sein wie in anderen
Seebädern. Daher wirken die Häuser überdimensioniert und etwas
verlassen, ähnliche wie alte FDGB Heime in unseren Wäldern. Urlaub
wird offenbar eher in einer Rehaklinik und Urlaubshäusern gemacht.
Dadurch ist es nicht nur ländlich, sondern auch ruhig genug, dass am
Strand die Wellen das bestimmende Geräusch waren. Familien grillen
und Leute lassen auf dem weiten Watt Drachen steigen. Nur in der
Mitte der Seepromenade habe ich einen lauten Vergnügungspark
gefunden, der in England zu jedem Seeort gehört. Ganz am östlichen
Ende des Strandes, wo der nächste Hafen die Insel von der nächsten
trennt, fand ich eine Landzuge, die bei Ebbe weit ins Meer reichte,
mit einem wunderbaren sandigen Ende. Da musste ich natürlich rauf,
und zum Glück bin ich nicht baden gegangen, denn auf dem Rückweg
wurde ich fast von der Flut überrascht, die viel plötzlicher
einsetzen kann, als ich vermutet hatte, nachdem noch eine Stunde
zuvor das Wasser mit Wucht aus dem Hafenbecken gelaufen war. Erst vor
ein paar Wochen habe ich im Hafenbecken von Portsmouth gesehen, wie
reißend eine echte Gezeitenströmung wirklich ist. Baden bin ich
dann lieber an einer sichereren Stelle gegangen, gleich neben der
Küstenwache. Und als ich abends zurück nach Hause kam, ging ich
noch einmal an der üblichen Stelle baden, diesmal bereits unter
einem wunderschönen Vollmond. Denn es wird früher dunkel und es ist
seit Kurzem auch deutlich kühler. Dafür ist morgens so ein
wunderschönes Licht, Himmel und Luft sind so klar; wenn ich morgens
auf dem Oberdeck der Fähre sitze und auf das Meer blicke, habe ich
Lust laut zu singen. Solche frühen Herbsttage erinnern mich jedes
Jahr an Lodz, wie jetzt die tiefer stehende Sonne in die langen
geraden Straßen scheint und wie schön ich mit Kasia durch die Parks
spazieren würde.

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| Rinder in einem Heidereservat am Strand. |
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| Die Landzunge tritt nur bei Ebbe hervor. |
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| Wer könnte da widerstehen? |
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| Strand und Buhnen von Hayling, von der Landzunge aus gesehen. Links hinten geht es nach Portsmouth. |
Isle
of Wight
Am
kommenden Wochenende will ich weiterhin mit dem Rad auf die Isle of
Wight. Seit ich diesen Plan auf meinem ersten Besuch gefasst hatte,
sind schon wieder gute zwei Monate vergangen. Letzten Sonntag bin
dann bereits einen Tag mit zwei sehr jungen Franzosen
(Bekanntschaften vom lokalen Couchsurfing; derzeit ist eine Gruppe
Franzosen auf Sprachkurs in der Stadt) dort gewesen, großteils, um
einmal in Gesellschaft unterwegs zu sein. Die Kommunikation war
schwierig, weil nur eine der beiden schwaches Englisch sprach. Und
ich bin selbst durch sämtliche Sprachen getorkelt, da mir auf dem
Weg noch eine polnische Kellnerin die Richtung weisen musste. Diesmal
war das Wetter grau und gelegentlich nieselte es. Daher fuhren wir
mit dem Bus durch die Gegend, insbesondere nach Ventnor am östlichen
Ende der Südküste, wo wir ein Stück an den Klippen entlang liefen
und den botanischen Garten besuchten. Es gab wieder einige sehr
schöne Aussichten, sowie die Erkenntnis, dass die Insel auch sehr
bergig sein kann. In den Badeorten war wieder das britische
Sommerverhalten zu beobachten, wo also die wenigen Touristen an den
schmalen, schmutzigen Stränden direkt vor ihrem Hotel bei jedwedem
Wetter Karibik spielen, im nebelfeuchten Sand grillen und im Mantel
picknicken.
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| Bei Ventnor an der Südküste des Isle of Wight. |
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| Eine kleine Bucht unterhalb des botanischen Gartens. |
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| Schaukeln ist weiterhin sehr gut. |
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| Farbtupfer im Grau - der botanische Garten bei Ventnor. |
Rückwärts
manchmal
So
also verbringe ich die Zeit, seit ich wieder alleine wohne. Um ganz
ehrlich zu sein, so wie ich mich am Anfang gefreut hatte, endlich
jemanden zu haben, der mitkommt, hatte ich mich jetzt eigentlich
darauf gefreut, wieder allein zu sein. Die für Monika freigenommene
Zeit war eigentlich nicht genutzt worden, weil sie nie was
unternimmt. Jetzt kann ich eine lange Liste mit Zielen abarbeiten,
und wenn ich dabei allein bin, so mache ich zumindest etwas mit
meiner Zeit. Das ist auch wichtig, denn die Arbeit nimmt mehr und
mehr Zeit in Anspruch, der die nächste Veröffentlichung langsam
näher rückt. Übrigens hat sich rausgestellt, dass zwei meiner
Kolleginnen einige Jahre in York gelebt haben. Meine jüngste
Kollegin hat ihr Grundstudium dort gemacht und eine andere mit ihrer
Familie fünf Jahre praktisch in der Nebenstraße meines späteren
Hauses gewohnt. In Bezug auf York wird mir derzeit bewusst, dass ich
vor genau einem Jahr ohne größere Trauer oder Rückkehrbedürfnis
von dort weggezogen bin. Und ich denke oft an die Woche in
Frankreich, das bessere Wetter und Essen, und dann an Rostock, das
Zentrum, den Hafen, Warnemünde, die Mecklenburger Alleen und Felder.
Die Brombeerzeit hier ist fast vorbei und wird von Holunder ersetzt;
dann fällt mir, wie in den Brandenburger Wäldern jetzt die Pilze
wachsen müssen und das ich hier auf dem Weg nach Hause gerne einen
alten Gärten mit Apfelbäumen hätte. Immerhin habe ich endlich
einen Obst- und Gemüseladen gefunden, der täglich übrige Ware so
billig abgibt wie jener in York. Morgens auf dem Weg zur Arbeit fülle
ich ein oder auch zwei Beutel, das ist gut für die Gesundheit und
den Geldbeutel.
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Der
Kanalweg, von der Mühle in Titchfield zum Vogelreservat am Meer.
Einer meiner Lieblingswege, wenn ich nach der Arbeit Zeit habe, und die zweite Strecke, die ich mit Adriana
probiert habe. Eichenüberdacht und vor allem still, abgesehen von
Vogelstimmen. Hier gibt es nicht viele stille Orte.
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