Samstag, 15. September 2012

02.09.2012 – Vorwärts immer

Monika ist jetzt für knappe zwei Wochen weg und wird dann nach London umziehen. Ihre Abreise hat sie leider mehr wie Emilie (vgl. York) aussehen lassen denn wie die Mitbewohnerin, die anfangs solche Hoffnungen geweckt hatte. Genau genommen lässt es mich ein bisschen an ihrem Geisteszustand zweifeln. Die letzten zwei Wochen ist sie kaum noch aus ihrem Zimmer gekommen und hatte zu nichts Lust. Am letzten Abend hatte ich mir vorgenommen, Banizza zu machen, einen bulgarischen Blätterteigkuchen. Das hatte Monika mir praktisch beim Einzug versprochen und mir war die Geduld ausgegangen. Sobald ich die Zutaten auf dem Tisch hatte, stand sie aber in der Küche und wir haben mein erstes hausgemachtes dampfendes Banizza hinbekommen. Wir hatten noch einen schönen letzten Abend, so wie ich eigentlich die letzte Woche insgesamt gerne gesehen hätte. Monika meinte, ich könnte doch am nächsten Tag mit nach London fahren. Kalina war zwar dieses Wochenende nicht vor Ort, aber ich wollte das Britische Museum sehen, also habe ich gerne zugesagt und auch gleich eine Fahrkarte zurück nach Portsmouth für Samstag Abend gebucht. Am nächsten Morgen ist sie wie immer ewig nicht aus dem Bett gekommen; gegen elf meinte ich, wenn wir nicht bald fahren, kann ich in London gleich wieder in den Bus zurück steigen. Dann bin ich kurz zur Post gefahren, weil ich nur am Samstag zum Briefmarken kaufen komme. Zwanzig Minuten später komme ich zurück und Monika ist weg. Wortlos verschwunden wie damals Emilie. Kein Anruf, keine Frage, wo ich bin, und natürlich nimmt sie selbst auch nicht das Telefon ab. Zum Glück war die Busfahrkarte nicht allzu teuer gewesen.

Mein erstes selbstgemachtes Banizza.


So musste der Tag wieder alleine gemeistert werden. Zuerst habe ich meine gesprungenen Brillengläser ersetzt und dann bin ich auf die Insel Hayling gefahren. Das ist die nächste Insel gleich östlich von der Insel, auf der Portsmouth selbst liegt. Sie stand auf meiner langen Liste mit Zielen und Aktionen, weil dort richtige Sandstrände sein sollen. Eine kleine Fähre setzte mich über die schmale Wasserrinne zwischen den Inseln. Hayling ist tatsächlich viel ländlicher als Portsmouth, richtiges Heidekraut auf beiden Seiten der Strandstraße. Offenbar war versucht worden, auch dort Hotels zu bauen, aber das scheint nie so angesprungen zu sein wie in anderen Seebädern. Daher wirken die Häuser überdimensioniert und etwas verlassen, ähnliche wie alte FDGB Heime in unseren Wäldern. Urlaub wird offenbar eher in einer Rehaklinik und Urlaubshäusern gemacht. Dadurch ist es nicht nur ländlich, sondern auch ruhig genug, dass am Strand die Wellen das bestimmende Geräusch waren. Familien grillen und Leute lassen auf dem weiten Watt Drachen steigen. Nur in der Mitte der Seepromenade habe ich einen lauten Vergnügungspark gefunden, der in England zu jedem Seeort gehört. Ganz am östlichen Ende des Strandes, wo der nächste Hafen die Insel von der nächsten trennt, fand ich eine Landzuge, die bei Ebbe weit ins Meer reichte, mit einem wunderbaren sandigen Ende. Da musste ich natürlich rauf, und zum Glück bin ich nicht baden gegangen, denn auf dem Rückweg wurde ich fast von der Flut überrascht, die viel plötzlicher einsetzen kann, als ich vermutet hatte, nachdem noch eine Stunde zuvor das Wasser mit Wucht aus dem Hafenbecken gelaufen war. Erst vor ein paar Wochen habe ich im Hafenbecken von Portsmouth gesehen, wie reißend eine echte Gezeitenströmung wirklich ist. Baden bin ich dann lieber an einer sichereren Stelle gegangen, gleich neben der Küstenwache. Und als ich abends zurück nach Hause kam, ging ich noch einmal an der üblichen Stelle baden, diesmal bereits unter einem wunderschönen Vollmond. Denn es wird früher dunkel und es ist seit Kurzem auch deutlich kühler. Dafür ist morgens so ein wunderschönes Licht, Himmel und Luft sind so klar; wenn ich morgens auf dem Oberdeck der Fähre sitze und auf das Meer blicke, habe ich Lust laut zu singen. Solche frühen Herbsttage erinnern mich jedes Jahr an Lodz, wie jetzt die tiefer stehende Sonne in die langen geraden Straßen scheint und wie schön ich mit Kasia durch die Parks spazieren würde.

Rinder in einem Heidereservat am Strand.

Die Landzunge tritt nur bei Ebbe hervor.


Wer könnte da widerstehen?


Strand und Buhnen von Hayling, von der Landzunge aus gesehen. Links hinten geht es nach Portsmouth.

Isle of Wight
Am kommenden Wochenende will ich weiterhin mit dem Rad auf die Isle of Wight. Seit ich diesen Plan auf meinem ersten Besuch gefasst hatte, sind schon wieder gute zwei Monate vergangen. Letzten Sonntag bin dann bereits einen Tag mit zwei sehr jungen Franzosen (Bekanntschaften vom lokalen Couchsurfing; derzeit ist eine Gruppe Franzosen auf Sprachkurs in der Stadt) dort gewesen, großteils, um einmal in Gesellschaft unterwegs zu sein. Die Kommunikation war schwierig, weil nur eine der beiden schwaches Englisch sprach. Und ich bin selbst durch sämtliche Sprachen getorkelt, da mir auf dem Weg noch eine polnische Kellnerin die Richtung weisen musste. Diesmal war das Wetter grau und gelegentlich nieselte es. Daher fuhren wir mit dem Bus durch die Gegend, insbesondere nach Ventnor am östlichen Ende der Südküste, wo wir ein Stück an den Klippen entlang liefen und den botanischen Garten besuchten. Es gab wieder einige sehr schöne Aussichten, sowie die Erkenntnis, dass die Insel auch sehr bergig sein kann. In den Badeorten war wieder das britische Sommerverhalten zu beobachten, wo also die wenigen Touristen an den schmalen, schmutzigen Stränden direkt vor ihrem Hotel bei jedwedem Wetter Karibik spielen, im nebelfeuchten Sand grillen und im Mantel picknicken.



Bei Ventnor an der Südküste des Isle of Wight.

Eine kleine Bucht unterhalb des botanischen Gartens.

Schaukeln ist weiterhin sehr gut.

Farbtupfer im Grau - der botanische Garten bei Ventnor.


Rückwärts manchmal
So also verbringe ich die Zeit, seit ich wieder alleine wohne. Um ganz ehrlich zu sein, so wie ich mich am Anfang gefreut hatte, endlich jemanden zu haben, der mitkommt, hatte ich mich jetzt eigentlich darauf gefreut, wieder allein zu sein. Die für Monika freigenommene Zeit war eigentlich nicht genutzt worden, weil sie nie was unternimmt. Jetzt kann ich eine lange Liste mit Zielen abarbeiten, und wenn ich dabei allein bin, so mache ich zumindest etwas mit meiner Zeit. Das ist auch wichtig, denn die Arbeit nimmt mehr und mehr Zeit in Anspruch, der die nächste Veröffentlichung langsam näher rückt. Übrigens hat sich rausgestellt, dass zwei meiner Kolleginnen einige Jahre in York gelebt haben. Meine jüngste Kollegin hat ihr Grundstudium dort gemacht und eine andere mit ihrer Familie fünf Jahre praktisch in der Nebenstraße meines späteren Hauses gewohnt. In Bezug auf York wird mir derzeit bewusst, dass ich vor genau einem Jahr ohne größere Trauer oder Rückkehrbedürfnis von dort weggezogen bin. Und ich denke oft an die Woche in Frankreich, das bessere Wetter und Essen, und dann an Rostock, das Zentrum, den Hafen, Warnemünde, die Mecklenburger Alleen und Felder. Die Brombeerzeit hier ist fast vorbei und wird von Holunder ersetzt; dann fällt mir, wie in den Brandenburger Wäldern jetzt die Pilze wachsen müssen und das ich hier auf dem Weg nach Hause gerne einen alten Gärten mit Apfelbäumen hätte. Immerhin habe ich endlich einen Obst- und Gemüseladen gefunden, der täglich übrige Ware so billig abgibt wie jener in York. Morgens auf dem Weg zur Arbeit fülle ich ein oder auch zwei Beutel, das ist gut für die Gesundheit und den Geldbeutel.

Der Kanalweg, von der Mühle in Titchfield zum Vogelreservat am Meer. Einer meiner Lieblingswege, wenn ich nach der Arbeit Zeit habe, und die zweite Strecke, die ich mit Adriana probiert habe. Eichenüberdacht und vor allem still, abgesehen von Vogelstimmen. Hier gibt es nicht viele stille Orte.




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