Dienstag, 11. September 2012

8-9. September – Große Freiheit Nr. 2

Ich habe eine lange Liste mit Zielen und Plänen. Die Insel Hayling war eins der kleineren, aber das große war seit dem ersten Besuch ein ganzes Wochenende mit Zelt auf der Isle of Wight. Früh rüber, früh schlafen, früh wieder raus. Zwecks Mitfahrern habe ich das auch wochenlang unter Kollegen beworben, besonders dem Ausländerklub. Niemand hat sich gemeldet und am Ende hat auch noch Adriana kurzfristig abgesagt. Nicht nur für die Isle of Wight, sondern allgemein ist sie 'bis auf weiteres nicht verfügbar'. Abgesagt hat auch die Kollegin, die ursprünglich Unterkunft angeboten hatte. Aber ich wollte nicht noch länger warten, nicht nochmal verschieben, denn wer weiß, wie in diesem Land in einer Woche das Wetter ist, gerade mit Herbstbeginn. Noch bin ich weit von der Ruhe entfernt, die ich vor zwei Jahren in York gespürt habe, als ich zum ersten Mal am liebsten den ganzen Tag am gleichen Ort gesessen und gelesen habe. Im Gegenteil ist meine Stimmung ganz überraschend dicht an die Zeit des Abiturs gekommen, voll Frustration mit den Menschen und Selbstmitleid. Zumindest die irische Kollegin, die auch beim Theater war, hat sich für den Sonntag mit Auto angekündigt. Daher sollte der Samstag zünftiges Radeln werden, immer am Meer entlang, und der Sonntag dann der Besuch einiger Kulturobjekte, darunter Haus Osborne (Wohnpalast von Königin Viktoria), die „Nadeln“ (eine Reihe von weißen Kalksteinfelsnadeln an der Südwestspitze) und die römische Villa bei Brading.
Ich hatte große Erwartungen: alles sollte einmal anders werden als unter der Arbeitswoche. Alles, was ich seit Jahren machen will und nie schaffe. Ich freute mich darauf, endlich, endlich früh zu schlafen (spätestens bei Sonnenuntergang), früh aufzuwachen (mit Sonnenaufgang), im Meer zu baden. Am Meer, immer am Meer zu sein. Viel zu lesen, nachmittags bei Bedarf auf dem Feld zu schlafen, Briefe zu schreiben. All die Sachen, die seit Wochen rumliegen und nicht gemacht werden, weil ich zuletzt kaum vor 19 Uhr das Büro verlasse.

Bei Abfahrt am Samstag morgen habe ich gemerkt, dass ich die Freizeit zuviel allein verbringe. Die Stimmung geht rauf, weil was passiert, und im nächsten Moment runter, weil man das Gefühl nicht teilen kann. Ein ständiges auf und ab, das zeigt, dass ich innerlich noch überhaupt nicht zur Ruhe gekommen bin und nicht zu vergleichen mit der Zeit in York, als ich nirgendwohin fahren musste, sondern glücklich war, jeden Tag in der Bibliothek zu lesen. Hier fehlt mir dazu absolut die innere Ruhe, und vermutlich auch das Sozialleben als Gegengewicht.
Aber gefreut habe ich mich auf die Abfahrt wie auf Weihnachten. Wie beim ersten Besuch war auf der Insel gerade ein großes Musikfestival. Schon an den Vortagen hatte ich morgens am Hafen Scharen junger Leute mit Rucksäcken und Zelten gesehen. Unter den Festivalbesuchern habe ich auf der Fähre auch gleich zwei Italienerinnen kennen gelernt und mit ihnen zum guten Anfang einen Kaffee auf der sonnigen Landungsbrücke in Ryde getrunken. Ich musste erstmal wieder auftauen, mit Menschen privat zu reden, nicht arbeitsbezogen.
Der Himmel war strahlend blau und das Wasser glitzerte wieder unter der Sonne. Der Wetterbericht sagte, es sollte bis Sonntag Mittag so bleiben und sich dann bewölken. Trotz allem: nichts hier kann sich mit Stränden, Wasser und Grün der Ostsee vergleichen. In der Tat schweifen meine Gedanken derzeit auf der Arbeit häufige nostalgisch ab.

Der Hafen bei der Abfahrt. Ein neuer Segler liegt am Kai.

Auf der Überfahrt ist blau alles was ich mag.

Nachdem die beiden Italienerinnen Richtung der Inselhauptstadt Newport weg waren, bin ich wie immer nach Osten nach Seaview gefahren und habe eine weitere Pause gegenüber meiner Wohnung und der Insel Hayling gemacht, wo ich letzte Woche gewesen war. Ihre gesamte Seeseite ist ein einziger langer Strand. Dann bin ich kurz in ein Vogelschutzgebiet, davon gibt es hier viele (zum Beispiel jenes am Ende des Kanalwegs von Titchfield zum Meer, und die Insel Hayling ist selbst ein großes Schutzgebiet) und alle sind 'international bedeutend'.


Glückliche Vögel.

Und dann habe ich leider zu viel Zeit und Kraft auf den kleinen Fuß- und Reitwegen verloren, die die Felder und Wälder der Insel so verführerisch durchziehen. Ich wollte die Ostküste meiden, wo ich letztes Wochenende gewesen war, und direkt an die Südküste gelangen. Nur habe ich das ganze Wochenende die Entfernungen unterschätzt. Als ich am zeltbedeckten Festivalhügel vorbeigekommen bin, merkte ich, wie weit die Südküste noch weg ist und fing wieder an, sauer auf mich zu sein, weil wieder ein Ausflug wegen ungeprüfter Ziele mehr Schweiß und Stress mit Gepäck als Entspannung am Strand ist.


An einem sehr engen Feldweg.

Goldene Felder zur Erntezeit.

Auf dem ersten der vielen Hügel.

Portsmouth noch recht nah.

Der Zeltplatz des Festivalgeländes.
So bin ich erst gegen sechs ans Meer gekommen und dann ist alles Steilküste. Kein einfacher Zugang zu Sandstränden wie bei dem Ausflug von Warnemünde nach Heiligendamm im Mai, der hierfür halb Pate gestanden hat. Im Wald hinter den Dünen übernachten wollte ich, morgens aus dem Zelt direkt in Wasser springen wollte ich...unbewusst. Hier gibt es keine Dünen und schon gar keinen Wald. Erst gegen sieben bin ich an einen Strand gekommen und habe in dem Moment gemerkt, dass vor kurzem mein Handtuch vom improvisierten Gepäckträger gefallen sein muss. Strände habe ich auch schon bessere gesehen. Aber zumindest Sand. Und das Schwimmen tut wieder seine Wirkung. Neben dem Müll bemerke ich jetzt auf das ruhige Wasser und den Sonnenuntergang neben den weißen Klippen am Südwestzipfel der Insel, die mir hier zum ersten Mal bewusst werden. Sie sind der Beginn des Nadel-Parks und damit die mein Ziel für den nächsten Morgen. Die Kinder, die ich argwöhnisch in den Augenwinkeln behalten hatte, haben jetzt einen Vater, der mit ihnen ein Lagerfeuer macht. Und ich bin bereit fürs Bett. Wo die Sonne weg war, musste sowieso schnell ein Ort zum Schlafen gefunden, bevor es dunkel und kalt wurde. Das Zelt hatte ich mir geborgt, einen neuen Schlafsack auf der Insel selbst gekauft, und für mehr Komfort hatte ich noch meine Luftmatratze eingesteckt.
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Kein Fahrrad, kein Stress.
Die letzten Sekunden Sonne nach dem ersten und letzten Schwimmen am Samstag.
Entlang der langen Straße, die die gesamte Südküste lang läuft, war ich bis Brightstone gekommen. Dieses kleine Dorf hatte meine Aufmerksam durch eine gut gemacht Broschüre erregt. Eigentlich wollte ich es als letzten Tagespunkt besichtigen und dann in der Nähe übernachten. So blieb erstmal nur die Übernachtung. Halb bewusst hatte ich den Gedanken den ganzen Tag über vermieden. Denn für den Zeltplatz wollte ich nicht zahlen und bei der Suche nach einem Feld (davon sollte es im ländlichen Süden genug geben) merkte ich, dass ich wahnsinnig und unsinnig nervös war. Ständig die Fantasie, dass mich der Bauer findet und wer weiß was macht. Kein schlimmeres Gedanke, als ohne Platz für die Nacht zu sein. Darum bin ich wohl nie verreist, ohne vorher ein Bett gebucht zu haben. Das wirkliche Problem: als ich mich zum Feldfriedensbruch zwischen Mais und einem Eichengebüsch entschlossen hatte, und konspirativ mit abgeblendeter Fahrradlampe im Gras arbeite, stelle ich mich als zu dumm heraus, das Zelt aufzubauen. Nach längeren Versuchen improvisierte ich und benutzte die Plane als Decke. Das war überraschend warm und auch gut so, denn der neue Schlafsack schien auch etwas zu kurz. So unrecht war mir das Freiluftschlafen gar nicht, schließlich war es mir um etwas Kontakt mit den Elementen gegangen, solange die nur trocken und nicht zu kalt sind und ohne Raubtiere, oder Bauern auf Mitternachtspatrouille. Aber der Sternenhimmel! Ohne Wolken, die ganze, lautlose Milchstraße. Komplett mit Sternschnuppen. Wieder einmal dachte ich mir, dass ich sowas schon früher hätte machen sollen.

So wirklich toll habe ich doch nicht geschlafen. Ständig gelauscht, was da gerade wieder durch den Mais raschelt, und den Mond übers Sternenrund wandern gesehen. Mit dem ersten Licht um sechs bin ich aufgestanden, so wie es sein sollte. Schnell die Sachen zusammen gepackt und aus dem Feld. Danke für die wasserdichten Schuhe!

Mein Schlafplatz am Morgen.
Morgens warten aber doch tolle Ansichten. Jetzt hatte ich Zeit für Brightstone, das in der Tat ein wunderschönes kleines Dorf ist. Mit der steigenden Sonne und krähenden Hähnen bin ich den Mühlenbach mit Drachenbaum entlang gefahren, die Kirche, wieder zum Strand. Der Zeltplatz am Zugang die Klippen hinunter hält Tiere, Ziegen und Esel. Als ich um sieben an den Strand gekommen bin, war erst ein Zipfel von der Sonne erfasst, die gerade über die Klippen stieg. Als ich wieder aus dem Wasser kam, war der ganze Strand hell, und in der Ferne strahlten wieder die weißen Felsen. Ich bin in die Morgenmesse in der Dorfkirche gegangen, wo mir dann ein weiteres Dorf empfohlen wurde, Shorwell zwei Meilen östlich. Das war ein wunderbar grüner Ort, zur Abwechslung richtig im Wald, an einem Bachtal, die alten Häuser aus Kalkstein und mit Reeddach Die alte normannische Kirche mit schweren, dunklen Dachbalken aus Eiche. Alle Kirchen hier sind offen und alle haben einen Büchertisch.

Die Kirche von Brighstone wird von den ersten Sonnenstrahlen berührt.

Der Kirchfriedhof.

Zum morgendlichen Schwimmen am Meer.


Der gleiche Strand am Morgen. Die Klippen gehören zu den Nadeln.
Die Westen der Insel ist in der Tat der ländlichste und am Sonntag sind noch weniger Menschen unterwegs. Hier ist das Fahrrad in seinem Element, man kommt in Minuten von Dorf zu Dorf, in jedem eine alte Kirche, auf einem Kirchplatz mit Eichen. Viel Grün, alte Reedhäuser mit gepflegten Vorgärten (Geld ist wie gesagt offensichtlich vorhanden) und dahinter das Meer. Zwischen den Orten abgeerntete Felder, dazwischen Hecken, und dahinter wieder das Meer. Wie auf dem Darß. Noch ein Stück weiter westlich bin ich durch richtige Alleen gefahren. In Mottistone, gleich ein Dorf nach Brighstone, fand ich ein altes Herrenhaus, dass vom National Trust verwaltet wird. Das Haus selbst wird bewohnt, aber der Garten ist zugänglich und an diesen noch sonnigen Vormittagsstunden ein Paradies. Seit mindestens dem 12. Jahrhundert liegt das Anwesen dort auf einem Hügel mit dem besten Blick auf das Meer.


Der Gärten des Herrenhauses Mottistone nahe Brightstone, mit örtlicher Kirche dahinter.

Haus Mottistone, in bester Lage seit mindestens 900 Jahren.

Der Hausgarten.
Den Samstag und Sonntag morgen hatte es kein Zeichen von Sarah gegeben, und nach den letzten Erfahrungen plante ich lieber für den Fall, dass auch sie nicht kommt. Darum bin ich gleich Richtung Nadeln gefahren und nicht zum weiten Fährhafen im Nordne, wo sie ankommen würde. Erst gegen elf rief sie an, und erst gegen Mittag hatte sie die erste Fähre verpasst, und das ohne Auto, weil zu teuer. Ich hatte inzwischen aber selbst gesehen, dass ich auf die Nadeln besser verzichte. Das ist nämlich ein ganzer Naturpark und sehr hügelig. Und von Bergen hatte ich die Nase voll: davon gibt es auf der Isle of Wight überraschend viele. Ich musste mich die Küstenserpentinen bis kurz vor den Naturpark kämpfen, dessen weiße Klippen langsam von weißem Nebel umhüllt wurden, als es sich wie angekündigt bewölkte, aber dann brauchte ich eine Pause wegen Erschöpfung. Der neue Plan war, direkt zum Schloss zu fahren und zumindest das zu sehen. Wieder unterschätze ich aber die Entfernung von der Westspitze bei Yarmouth bis zum Hauptort Newport. Gute zwei Stunden kämpfte ich mich die Straße entlang und war erst kurz vor vier am Tor. Das ließ zwei viel zu kurze Stunden für die Besichtigung von Haus und Park, einschließlich Strand und der Schweizer Hütte. Haus Osborne war der Privatsitz von Königin Viktoria und ihrem Albert, ganz primär als unzeremonieller Ort zum Aufwachsen ihrer Kinder. Ich zog eine Bank vor der Pferdekoppel vor langem Laufen vor. Bei einsetzendem Herbstwetter in einem gut gepflegten Landschaftspark etwas durchaus angenehmes. Sarah und ich trafen uns erst kurz vor Torschluss, da sie bereits ganz woanders auf dem weiten Gelände war. So blieb von einem Tag gemeinsam etwa eine Stunde.
Dann mussten wir zurück zu unseren jeweiligen Fähren, meine noch etwa eine weitere Stunde weg in Ryde. Nichtsdestoweniger sind die Straßen auf der Insel so grün und gesäumt von Bäumen, Feldern, alten Herrenhäusern und Höfen, dass ich singe soweit der Atem reicht. Eine letzte Station lag noch auf dem Weg, die Abtei Quarr, ein bewohntes Benediktinerkloster. Ich kam lange nach Torschluss, aber das Gelände mit Schweinegehege, Garten und Apfelplantage waren noch offen. Ich kam auch zu spät für eine der lateinischen Messen, aber die Klosterkirche war wenigstens nicht verschlossen. Sie ist modern und kahl, aber man konnte noch den Weihrauch riechen und ganz am Ende des völlig dunklen Schiffs fällt Licht durch die vier Lanzettfenster.


Pause.

Die Sandstrände der Südküste.

Näher bin ich den Nadeln nicht gekommen.

Haus Osborne.

Die Abteikirche von Quarr. 

Die Brombeerend sind fast vorbei, der Holunder kommt, und ich erinnere mich ans Apfelpflücken vor einem Jahr.

Klosterschweine.
So habe ich am ersten Tag wenig vom geplanten Meer gesehen, und am zweiten praktisch nichts von den geplanten Anwesen. Darum stand auch schon am Samstag fest, dass ich das Wochenende am besten gleich nochmal wiederhole. Diesmal habe ich schnell eine Übernachtung bei einer Französin vereinbart, über das Netzwerk, das sonst mir Gäste ins Haus gebracht hat. Etwas nützliches habe ich noch gelernt: in einer Reflektorweste, wie ich sie fürs Radfahren habe, wird man oft für einen Mitarbeiter der Institution gehalten, in der man sich gerade befindet. Stellt man sich an der Fähre direkt neben die Kasse, halten alle Leute Abstand, und keiner versucht, sich vor mich zu stellen. Und in der Schlange stieß ich auch genau auf die beiden Italienerinnen von der Hinfahrt.

Gelesen habe ich nichts, nichts geschrieben, nicht mehr geschlafen als sonst. Zurückgekommen bin ich absolut erschöpft, meine Beine brauchten erstmal einen Tag Pause. Aber zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, dass ich mit meiner Zeit etwas gemacht habe. Nach dem Wochenende hätte ich kein Problem, ein Wochenende in der Bibliothek zu verbringen. Aber noch gibt es zu viele zu sehen, gerade jetzt, wo der Winter spürbar näher rückt.

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