Zusammen
fahren
Freitag
morgen war ich aufgewacht und mein Körper sagte mir, dass ich
zulange keine Pause vom Radfahren genommen hatte. Einen Ausflug
musste ich aber noch machen, Samstag zur Ruine der Abtei Netley auf
halben Weg zwischen Arbeit und Southampton. Dieser Plan war noch
lange vor dem Umzug entstanden, als ich in Rostock die Landkarte
studierte und mich besorgt fragte ob sich eine Wohnung auf dem Land
vermeiden lässt; ob sich die Distanz von einer der Städte fahren
lässt. Als ich noch Southampton als Wohnort favorisierte, entdeckte
ich den Namen Netley Abbey am Meer und stellte mir träumerisch vor,
wie ich nach der Arbeit mit einem Buch dort halten würde, schwimmen
und lesen.
Nun
ist weder Southampton noch dieser Feierabend wahr geworden, aber die
Abtei war immer nah genug für einen Ausflug. Ursprünglich sollte
das mit Adriana passieren, jetzt hatte sich vor einer Woche der
deutsche Mitbewohner meiner Gastgeberin Charlotte interessiert
gezeigt. Auf dem Weg wollten wir auch die Abtei Titchfield besuchen,
eben jene in meinem Arbeitsort und direkt neben der Theaterscheune
(vgl. 21.08.2012), die ich durch die Arbeitszeiten nie von nahem zu
Gesicht bekommen hatte. In der Tat trafen wir uns Samstag morgen am
Hafen, er kam von der Insel und ich vom Gespräch mit einer Rumänin,
die richtigen, nichtenglischen Kuchen bäckt. (Ich kann ungewöhnlich
sozial sein, wenn ich mich allgemein wohl und sicher fühle). Wieder
war der Tag gut gewählt, die Sonne strahlte, anders als was für den
Sonntag angekündigt war, der endlich als Pause geplant war.
Thomas
aus dem Ruhrgebiet ist seit März im Land und war mit dem Teil des
Festlands noch nicht vertraut. Wir setzten über den Hafen und fuhren
am Meer entlang Richtung Westen, bis zum mehrmals erwähnten
Vogelschutzgebiet (vgl. 13.08.2012), und über den ebenfalls
bekannten Kanalweg (vgl. 02.09.2012)nach Norden, direkt nach
Titchfield. Die dortige Abtei war vom gleichen Bischof wie Netley
gegründet worden und bei beiden erwähnt der Lexikonartikel, dass
sie eine solide und absolut unspektakuläre Geschichte hatten, bis
sie von Heinrich VIII aufgelöst und beide von Höflingen in
Privatresidenzen umgewandelt wurden. Von Titchfield ist weit weniger
übrig, vom gesamten Klosterkomplex nur der Westteil der Kirche, der
in ein betürmtes Torhaus wurde. Dafür ist das Gelände von
fruchttragenden Apfelbäumen bewachsen, die ich sehr schätze.
Ich
zeigte kurz die ebenfalls bekannten Klosterteiche und dann fuhren wir
weiter nach Westen in unbekanntes Gelände, Richtung Netley. Das
liegt auf der anderen Seite des Flusses Hamble, sodass wieder eine
Fähre anstand, und zwar die süßeste der Welt, eine kleine rosa
Nussschale, deren pensionierter Kapitän seine Arbeit an sonnigen
Tagen wie diesem liebt. In der Tat war es noch einmal richtig Sommer,
der Fluss ein einziger langer Ankerplatz für hunderte Segler und das
andere Ufer für Besucher ausgebaut, wo ein ebenfalls Hamble
genanntes hübsches Dorf Leuten Gastronomie am Wasser bietet und ich
im Minutentakt mitteilte, was mich gerade an das schöne schöne
Rostock erinnert.
Einige
Kilometer weiter erreichten wir die Abtei Netley, die in ihrer
Geschichte der in Titchfield ähnelt, aber viel vollständiger
erhalten ist. In der Tat ist es „eine der am vollständigsten
Zisterzienserabteien in Südengland“. Im 19. Jahrhundert, als der
Geschmack der Romantiker nun das Mittelalterliche entdeckte wurde ihr
Wert als pittoreske Ruine entdeckt und alle Spuren des Herrenhauses
entfernt, was wiederum moderne Historiker bedauern. Auch heute wurden
beide Abteien als Fotomotiv für Hochzeiten genutzt. Nach einem
Rundgang machten wir beiden Mittagsruhe unter einer großen Eiche,
bevor ich mir mit einem Lexikonausdruck bewaffnet die Gebäude im
Detail betrachtete; größtenteils sehr ähnlich zum berühmten
Schwesternhaus der Abtei Fountains (vgl. 18.9.2010).
Dann
sind wir mit einem Pubaufenthalt den ganzen Weg zurück gefahren,
Thomas auf die Insel und ich nach Hause, wo ich noch einmal baden
ging, mit richtiger Lust auf kaltes Wasser.
| Abtei Titchfield unter einem Apfelbaum. Nur der Südteil der Kirche bleibt, der zum Hauseingang wurde. |
Die
Fähre über den Fluss Hamble. Der pensionierte Kapitän mag seinen
Job sehr.
|
| Das Mastenmeer auf dem Fluss. |
| Abtei Netley. Eckige Fenster sind Herrenhaus, Spitzbögen Kloster. |
| Ostfenster der Klosterkirche. Von rechts stiegen die Mönche 2 Uhr morgens zur ersten Messe aus dem Schlafsaal hinab. |
| Bildung unter einer Eiche; ein Hund ist auch interessiert. |
| Kircheingang. |
| Auf der Rückfahrt. |
Zusammen
singen
Ich
bin recht zufrieden mit mir, denn momentan bin ich relativ aktiv.
Donnerstag Abend besuche ich jetzt eine weitere, soweit
vielversprechende neue Tanzstunde, wo endlich der Umstand
berücksichtigt wird, dass wir eben keine Lateinamerikaner mit
Musikgefühl sind. Am letzten Mittwoch ist außerdem endlich der
Universitätschor zusammengetreten. Wie die der Uni ist er strikt
zweite Klasse, ohne Einzelproben der Stimmgruppen und wir singen im
Auditorium Maximum, weil es keinen Konzertsaal gibt. Die
Stimmqualität ist unverkennbar mangelbelastet und wir haben ganze
sieben Tenöre. Mir fehlt die Professionalität der HMT, ganz zu
schweigen vom Stadthafen am Abend danach. Ja, manchmal vermisse ich
die ganze elende Arbeitslosigkeit. Aber zumindest gibt es einen Chor,
denn die Uni Portsmouth hat gar kein Musikstudium, nur eine
Musikgesellschaft. Der Dirigent ist motiviert und schafft es, trotz
Verantwortung für alle vier Gruppen auf einmal, den Chor in dieselbe
Richtung zu steuern. Sein Humor ist sich der Herausforderung klar
bewusst (Noten und Worte sind nicht wichtig, sondern dass es laut
ist!) und das Prinzip lautet, wenn schon nicht gut dann wenigstens
Spaß dabei. Er ist erstaunlich gut vorbereitet und zwar vor allem
auf Anfänger, kennt die Noten genau und weiß auch, was Laien nicht
verstehen werden. Insbesondere gibt er sehr viel Hintergrundwissen
über die Carmina Burana. Das sind ja säkulare Lieder, die in der
Beschreibung ihrer Welt kein Blatt vor den Mund nehmen. Und auf
einmal versteht man den beißenden Witz einer Zeile Latein, dass
alles und jeder gerne trinkt.
Zusammen
wohnen
Auch
meine Suche nach Gesellschaft macht vorsichtige Fortschritte. Freitag
Abend hat mich das spanische Pärchen besucht und wir haben
spanisches Omelett gemacht. Am Morgen muss Monika ausgezogen sein,
ohne ein weiteres Wort, aber dafür hat sie mir ihre übrigen
Lebensmittel in den Schrank gestellt, wer daraus schlau wird... Ich
habe bereits neue Mitbewohner, da offensichtlich das neue Semester
losgegangen ist. Matty ist im zweiten Jahr Illustration/Gestaltung,
hat einen merkwürdigen Schlafrhythmus und ist meiner Ansicht nach
sehr jung und etwas verwirrt. Alex ist im letzten Jahr (was hier
drüben vermutlich das dritte ist, weil der zweite mögliche Teil
eines Studiums ja nur ein Jahr dauert) Architektur und sieht
dementsprechend seriös aus. Zori schließlich ist wohl auch um die
21 und soll Montag eintreffen, Bulgarin sein, die aber hier
aufgewachsen ist, und sehr gerne putzt. Daher hoffe ich, dass wir
hier einen ruhigen und vor allem sauberen Haushalt führen können.
Die Gespräche mit Charlotte haben nämlich alle schlechten
Erfahrungen mit englischen Studenten wieder wachgerufen. Matty und
Alex bringen ihre Fahrräder mit, was den Schuppen eng macht. Matty
schläft nicht nur zu komischen Zeiten sondern offenbar auch leicht,
weshalb ich zugestimmt habe, die Zimmer zu tauschen, da an meinem
weniger Leute vorbeilaufen. Jetzt wohne ich im Erdgeschoss direkt
unter meinem alten Raum. Die Decke ist etwas höher und hat eine sehr
schöne Stuckrose, die gut zu meinen Kunstposter im Jugendstil
passen. Hoffentlich irre ich mich mit meinem besseren Schlaf nicht.
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