Montag, 17. September 2012

15/16. September - Nachlese

Das letzte Wochenende und die derzeitige Arbeit hat mich sehr erschöpft. Insbesondere die Beine bitten jeden Tag um eine dringende Pause. Aber noch mehr quaelen mich unbewältigte Programmpunkte. Darum bin ich wie angekündigt gleich wieder auf die Insel Wight gefahren. Die Entscheidung wurde dadurch erleichtert, dass ich diesmal sofort eine Übernachtung angeboten bekommen habe. Auf dem Plan standen diesmal die römische Villa in Brading für Samstag und für Sonntag die Morgenmesse in der Abtei Quarr und danach noch einmal Haus Osborne.
Weil ich so lange im Büro bleibe und private Sachen nur am Wochenende gemacht werden können, bin ich wieder zu spät zur Fähre gekommen. Diesmal statt Festivalbesuchern Butterfahrer.
Das Wetter war wieder sonnig, wenn auch kühl, Sonntag sollte es sich bewölken. Am anderen Ufer bin ich gleich am Sandstrand schwimmen gegangen, weil das vermutlich nicht mehr lange möglich sein mit dem anrollenden Herbst. Bei der ersten Pause danach habe ich gemerkt, wie erschöpft ich bin, als in der Sonne fast gleich eingeschlafen bin. Ich bin langsam weiter über Seaview und St. Helens nach Brading geradelt. Die Villa hatte ich schon eine Woche vorher gesehen, ohne die Verbindung herzustellen. Damals war ich durch eine Hecke vom Feld auf eine Straße gebrochen und stand auf einem Plateau über Brading, direkt über der Villa. Auf einem Schild war gezeigt worden, wie das Meer seinerzeit anders verlief, bis an das Anwesen ging und somit die Lage erklärt, denn so konnte problemlos importiert und exportiert werden. Der Wohlstand wurde ich Bodenmosaiken ausgedrueckt, wovon ein Mann mit Hahnenkopf besonders beruehmt ist, denn das Motiv gibt es nur hier. Noch einige tausend Jahre vorher war die Insel Wight überhaupt ganz mit England verbunden gewesen und noch schlimmer, England mit Europa. Die Römer nannten die Insel Vectis, was mir den Namen der lokalen Busgesellschaft erklärte. Insgesamt scheint es wohl ein Dutzend römischer Villen auf der Insel gegeben zu haben, aber Brading ist die einzig bekannte Überlebende.

Zugang zu einem der vielen kleinen Kirchhöfe entlang des Weges. Geschmückt für eine Hochzeit.

Eins der historischen Häuser in Brading. Die Straße nach rechts geht es zur römischen Villa.

Die Tür mitte rechts im Detail.
Nach Torschluss bin ich zurueck nach Ryde geradelt und habe am Pier meine Gastgeberin getroffen. Charlotte aus Frankreich ist Lehrassistenz in einer oertlichen Schule. Mit ihrem deutschen Mitbewohner sind wir des ganze schoene franzoesische Abendessen lang bei Gratin und Bananenkuchen über die Briten hergezogen, angefangen wie immer beim Essen und ganz speziell darüber, wie sie Körper, Geist und ihre Häuser vernachlässigen, speziell unsere 21jährigen Mitbewohner. Das allgemeine Saufen, Fressen und Nichtbeachten von Dreck in der Küche. Wenn man uns Ausländern im Moment zuhört, ist das hier wirklich das Land der halbdebilen Barbaren.

Nach der ersten langen Nacht seit meinen eigenen letzten Gaesten hatte ich das erste schoene, franzoesische, langsame Fruehstueck seit, nun vermutlich seit Juni. Pfannkuchen mit Marmelade von Charlottes Mutter, komplett ohne Plastik. Charlotte und eine weitere franzoesische Lehrerin sind mit mir zur 10 Uhr Messe im Kloster gelaufen. Das war ursprünglich mit der Reformation aufgelöst worden und Anfang des 20. Jahrhunderts von französischen Benediktinern in der Nähe der alten Ruinen neu gegründet, nachdem diesmal in Frankreich religiöse Gemeinschaften verboten worden waren. Heute sind die knapp ein Dutzend Mönche natürlich Briten und singen die Messe auf Latein. Leider ist ihr Chor etwas schwach.

Die beiden Mädchen sind zurück nach Ryde gelaufen und ich habe nach einem kleinen Abstecher in den Apfelgarten den Bus zu Haus Osborne genommen. Das hatte ich eine Woche vorher bereits besucht, aber nicht mehr genug Zeit gehabt, alles zu sehen. Jetzt merkte ich, dass soviel gar nicht übrig geblieben war. Das Prunkstück, der indische Saal der scheinbar sehr weltoffenen Viktoria, hatte ich aber noch nicht besichtigt. Auch für den großen Park mit Privatstrand war etwas mehr Zeit ganz gut. Leider waren die Pferde dieses Mal nicht auf der Koppel. Im Ganzen ist das Schloss nichts wirklich anderes als viele andere. Es macht aber einen anderen Eindruck, wenn man seine Geschichte kennt, denn aus allen Details spricht in der Tat das Verlangen von Viktoria und Albert, ihre Kinder zu normalen Menschen zu erziehen. Haus Osborne zweimal zu besuchen ist eine relativ teure Angelegenheit, darum habe ich gleich noch ein bisschen mehr Geld ausgegeben und bin English Heritage (Englisches Kulturerbe) beigetreten. Das ist das staatliche Gegenstück zum National Trust und als Mitglied habe ich freien Eintritt in all ihre Besitzungen.

Den Gedanken, auch noch Burg Carisbrooke im Hauptort Newport zu besuchen, habe ich verworfen und bin stattdessen nach Ryde zurückgekehrt. Ich habe noch einige anglophobe Zungenschläge mit Charlotte ausgetauscht und dann die Fähre zurück genommen. In der Tat wurde ich begleitet von einer lauten Gruppe Mitzwanziger in nicht billigen Mänteln und einer Weinflasche, offensichtlich nicht der ersten. Daneben der Mann mit dem Plastebecher Bier. Daneben füttern Väter ihre Söhne mit Fertignahrung aus Plastikverpackungen in Plastiktüten auf dem Schoß.

Als nächstes steht vermutlich eine Fahrradtour zur Ruine der Abtei Netley etwas westlich von meiner Arbeit an. Mittelfristig will ich auch den alten Michaelspilgerweg laufen und mache auch neue Bemühungen bezüglich der Studentengemeinden, da das Semester wieder anfängt. Am Mittwoch tritt der Unichor zusammen, um die Carmina Burana zu singen. Die Ausflüge sind sowohl nötig als auch möglich, weil mir weiterhin Sozialkontakte fehlen. Das merke ich insbesondere dann, wenn ich dann mal mit Leuten spreche: ich rede ohne Pause. Ich habe neuerdings in dieser Hinsicht wieder etwas Hoffnung. Beim wöchentlichen Couchsurfing Treffen habe ich die Telefonnummern von einem halben Dutzend Leuten eingesammelt, die nicht nur für zwei Wochen Sprachschule hier sind. Mit einem spanischen Pärchen habe ich gleich ein Café und eine Kneipe ausprobiert und einige Tage später sind meinem Ruf fast ein Dutzend Leute in weitere Kneipen gefolgt. Und ich habe viele Pläne, bei denen Menschen nötig sind, wie die beiden französischen Restaurants und die gesamte Kneipenszene, die ich doch sonst immer recht gut kennenlerne. Die Spanier sind klassische Wirtschaftsflüchtlinge, vor zwei Wochen hier eingetroffen, weil es zu Hause zu schwierig wird. Angenehmerweise sind sie in meinem Alter und wie sich rausstellte wohnen sie gleich die Straße runter. Die anderen vor allem Franzosen (die Nähe zu Frankreich macht sich in Portsmouth allgemein bemerkbar). Jetzt aber bin ich schon wieder so aufs Alleinsein und Alleinplanen eingerichtet, dass ich erstmal wieder Platz, Zeit und Geduld für andere Menschen finden und lernen muss.

Monika ist zurück und am Montag soll die andere bulgarische Bewohnerin aus den Ferien zurückkommen. Monika's einziger Kommentar bisher war, ihre Pfanne vor Fremdnutzung zu schützen und ich zähle darauf, dass sie bald auszieht. Der englische Student ist bereits angekommen, aber ich sehe niemanden sehr viel, da ich oft erst nach elf zurück bin. Momentan habe ich nicht mal Zeit zum Putzen oder Kochen (oder Tagebuchbschreiben). Jeden Tag nehme ich mir nur vor, früh nach Hause und direkt in Bett zu kommen. Auf der Arbeit bleibe ich momentan täglich bis 19 Uhr. Der nächste Publikationstermin steht an und noch ist viel zu machen. Ich bin verwirrt wie immer aber meine Chefin ist derzeit selbst zu beschäftigt, um das zu bemerken. Nach einer langen Zeit mit reinem Datenabgleich schreibe ich derzeit endlich wieder an einem Artikel. Das heißt, ich werde eine gewisse Zeit mit den Daten allein gelassen und kann mich etwas mit der Analyse austoben.

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