Dienstag, 19. Juni 2012

14.06.2012


Am Morgen des zweiten Tages war es auch sonnig und ich bemerkte, dass es trotz der langen Anfahrt doch schön ist, morgens am Busbahnhof zu warten. Der liegt nämlich gleich am Hafen, am Wasser. Man sieht die Fähren pendeln, die alle sieben Minuten Pendler von der anderen Hafenseite ausspucken. Daneben liegt das große Panzersegelschiff HMS Warrior, eins von vier historischen Schiffen vor Ort, und ab und zu schreit eine Möwe. Der zweite Tag war schon viel besser, wenn auch weiter nicht direkt...aufregend. Auf der Arbeit bekam ich Internetzugang - und habe die ersten Aufgaben bekommen! Noch brauche ich Ewigkeiten, obwohl hier weder Internet noch Fernsehen zum Spaß verfügbar sind. Vielleicht war mein Versagen im Studium doch nicht nur Faulheit und Ablenkung?! Noch mehr als gestern fällt mir die Informalität auf. Leute sind schlecht rasiert, die nicht viel älter als ich aussehende Chefin trägt am liebsten kurze Hose und das Kapuzenshirt rutscht von der Schulter.
Die HMS Warrior im Hafen neben dem Busbahnhof.
Und so sieht das ganze bei Ebbe aus.
Die Hafenfähre legt nach der Überfahrt vom Westufer an.

Die morgendlichen Pendler vom Westufer gehen von Bord. Zu Stoßzeiten fährt die Fähre alle siebeneinhalb Minuten.


13.06.2012 - Der erste Arbeitstag

Aufstehen muss man in der Tat früh. Kurz nach sechs, um 9.30 Uhr in Titchfield zu sein. Zum Glück ist das meiste Anmarsch zum Bus, der selbst weniger als eine Stunde braucht. Das wird sich lösen, wenn ich erstmal ein Fahrrad habe. Nichtdestotrotz habe ich ca. 1,5 Stunden von Tür zu Tür. Da hören die schlechten Nachrichten aber auch schon auf. Ich wurde an der Rezeption von meiner direkten Vorgesetzen abgeholt und direkt an einen Computer im Großraumbüro gesetzt. Wow – mein erster Arbeitstag! Wie erwartet habe ich den mit totlangweiligen Einführungshandbüchern und Infomaterial verbracht, da mein Zugang zum internen Computernetzwerk frühestens am zweiten Tag eingerichtet sein sollte. Unter anderem bekam ich eine extra Einführung, wie man richtig auf einem Stuhl sitzt, und das Handbuch zum Internet behauptet, dass „mit der technischen Entwicklung bald vielleicht sogar Videos auf Internetseiten gestellt werden können.“ Alles nötig (größtenteils, damit man sich im Ernstfall nicht auf Unwissen berufen kann), aber auch langweilig. Nach nichtmal einer halben Stunde schaue ich schon verstohlen auf die Uhr, nicht sicher, wie glücklich ich mit meinem neuen Büroleben wohl werde. Gar nicht schlecht also, dass der Arbeitstag nur 7,5 Stunden dauert und die Arbeitszeiten flexibel sind.
Mein Team (welches genau das eigentlich ist und woran wir arbeiten, sollte ich erst später erfahren, und mir größtenteils selbst zusammenkombinieren) ist kürzlich massiv aufgestockt worden und ich bin nichtmal der letzte, der ankommt. Soweit höre ich nur gibt es „massig Arbeit“ - sobald eben der Internetzugang geht. In der Zwischenzeit werde ich erstmal mit einer anderen Anfängerin rumgeführt. Wir sind im dritten und höchsten Stock des zweiten Kastenblocks auf dem Gelände, jeder der vier Flügel jeder Etage beherbergt ein Großraumbüro. Alle Räume und Korridore sehen gleich aus, und obwohl wir allen vorgestellt und rumgeführt wurden, merke ich mir kaum einen Namen noch Weg. Meine Mitanfängerin ist Irin, Doktor der Chemie, abgesehen davon bin ich hier scheinbar der einzige Ausländer – vor allem muss das das einzige Büro auf der Insel ohne Polen sein. Mir gefällt es zwar nicht, am Schreibtisch zu hocken und den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu gucken, aber ich bekomme, was ich wollte – überall richtiges Englisch. Auch ist die Atmosphäre freundlich und vor allem informell. Die Kollegen kommen aktiv auf mich zu, sich vorzustellen und Hilfe anzubieten. Einer weist mich gleich auf die Mitfahrbörse hin – leider fährt wider Erwarten niemand aus Portsmouth zur Arbeit, womit ich weiter auf Bus, Bahn und Rad angewiesen sein werde. Dresscode gibt es keinen, ich kann mir also erstmal auch den Anzug sparen und Schuhe tragen, mit denen ich vom und zum Bus sportlich joggen kann. Es werden viele Witze gemacht, die meisten sind über meinem Alter und von dem was man so hört schon lange hier – was ich als gutes Zeichen auffasse.

Auf der ersten Rückfahrt von der Arbeit scheint endlich die Sonne. Vom Bus sehe ich die gleichen Orte wie bei der Ankunft, aber alles wirkt gleich viel schöner, besonders die Strecken am Wasser. Am Abend des ersten Tages habe ich dann mein Gepäck ein dem Hostel in meine nah gelegene neue Bleibe gebracht, bin also richtig eingezogen. Ich wohne ganz im Süden von Portsmouth, also genau am anderen Ende von wo ich eigentlich hinwollte, und damit auch entgegen dem eigentlich Grund, weswegen ich diese Stadt gewählt habe, der schnelleren Verkehrsanbindung. Das Viertel Southsea liegt direkt am Meer – von meiner Haustür keine fünf Minuten zu Fuß. Es ist auch sozial besser gestellt als der Norden, ruhiger, und mein Haus für britische Verhältnisse recht groß. Unter dem Dach wohnt der Vermieter. Daneben gibt es vier Zimmer für insgesamt fünf Untermieter, vor allem Studenten. Im Moment ist aber wegen der Sommerpause außer mir keiner von denen da. Bad und Küche sind modern und voll ausgestattet, außerdem konnte ich ein Küchenfach voll übrigem Essen übernehmen. Allerdings muss alles mal geputzt werden. Dazu ein kleiner Hinterhof mit Stühlen, Tischen und genau in der richtigen Position zur Sonne, wenn sie mal zur gleichen Zeit da ist wie ich. Da oder am Meer könnte man wunderbar grillen, aber bisher habe ich noch keine Zeit.

12.06.2012 - Risikoprämie


Nun wurde das ganze erstmal schlechter, bevor es besser wurde. Ich hatte mich ja aus rein romantischen Gründen entschieden, erst kurz vor Arbeitsbeginn nach England zu fahren und war das Risiko eingegangen, die vorher über das Internet mit Wohnungsagenturen besprochenen Quartiere dann ohne zeitlichen Spielraum auch mehr oder weniger nehmen zu müssen. Dienstag morgen ging es bei andauerndem Nieselregen aus dem Hostel ganz in den Norden der Stadt zur Besichtigung. Ich wollte im Norden wohnen, um die Arbeitsanfahrt zu verkürzen. Denn Portsmouth ist eine Insel und alle Ausfallstraße gehen durch den Norden. Überhaupt war die Verkehrsanbindung der Grund, Portsmouth Southampton vorzuziehen, abgesehen von der hier öffentlich zugänglichen Unibibliothek. Nun, als ich also nach langem Laufen das völlig leere Minizimmer mit Etagenbad und -küche zu sehen bekam, musste ich schon schlucken. Aber gut, Bett und Kommode wurden mir auf Wunsch reingestellt. Auch brachte Recherche bei den benachbarten Maklern zutage, dass nur diese Agentur Einzelzimmer vermietet. Im allgemeinen kauft man hier nämlich ein ganzes Haus, oder mietet es zumindest im ganzen. Das Zimmer hätte ich also haben können, würde ich sofort 400 Pfund einzahlen und später noch mehr für Kaution, Provision und erste Miete. Nun, erstmal bin ich zurück ins Zentrum gelaufen, wobei ich auf dem Weg schonmal das lokale polnische Netzwerk angezapft habe. Marcin in der Bank und Magda im Handyladen erzählten mir neben viel nützlichen informellen Inforationen vor allem, dass Southampton viel besser ist als Portsmouth. Die Wohnungssorgen weiter im Kopf schlenderte ich anschließend zum Unigelände und dort zufällig direkt in die Wohnungsberatung. Schon in der Information erfuhr ich, dass meine Agentur den schlechtesten Ruf der ganzen Stadt hat, die Hilflosigkeit von Neuankömmlingen gerne ausnutzt und Kautionen einbehält. Meine Lageeinschätzung ließ sich sehr gut in einem Wort zusammenfassen. Schließlich war es praktisch unmöglich, innerhalb einiger Stunden etwas anderes zu finden. Ich nahm mir dann aber noch ein Liste von Untermieteangeboten mit, auch wenn die eigentlich nur Studenten wollen, und eigentlich hätte die Uni mir sowieso nicht helfen müssen.
 Nun machte ich doch wieder eine Erfahrung, die ich über die Jahre eigentlich immer wieder erlebt hatte, nämlich das es nie ganz so schlimm kommt und man immer eine Lösung findet, wenn man erstmal vor Ort ist. Schnell war die Liste durchprobiert und tatsächlich zwei Leute auch zur Arbeitszeit erreicht, die in der Tat auch Nichtstudenten nehmen würden. Hätte ich mit ähnlichem Druck meine Arbeit suchen müssen, hätte sich das derzeitige Problem nie gestellt. Ich konnte mir beide Häuser auch gleich angucken, beide waren sehr schön, und das zweite habe ich dann auch genommen – noch rechtzeitig, um anschließend das Spiel der polnischen Mannschaft im Gemeinschaftsraum des Hostels zu sehen, das auf einmal viel freundlicher wirkte. Bin ich in Rostock ein optimistischerer Mensch geworden, so hat sich die Risikobereitschaft gerade ausgezahlt. Übrigens auch finanziell, denn so spare ich neben Nerven gute 300 Pfund Vermittlungsgebühr. So ging ich vor dem ersten Arbeitstag vertrauensvoll schlafen.


Mein Bett und Wäschetrockner, hinter dem Vorhang links hängen Jacke und Anzug.

Schreibtisch und Fenster mit Blick in den Hof.


Dusche.


Restliches Bad.

Die Gemeinschaftsküche, neben der Spüle meine neue Thermoskanne damit man nach dem Aufstehen oder nach der Arbeit nie ohne warmen Tee dasteht.

Durchgang von der Küche in den Hof.

Der Hof, wo auch mein Fahrrad stehen wird.
Blick vom Hof zu meinem Zimmer mit dem offenen Fenster. Unten die Fahrräder der noch abwesenden Mitbewohner.


11.06.2012


So war das natürlich nicht geplant. Heute fühle ich mich wie am Abend, als ich nach Warschau gezogen bin – mit der Frage, soll es das gewesen sein, hab ich wirklich nichts besseres geschafft, in neun Monaten? Furchtbar einsam, aus der besten Gesellschaft gerissen, und hier auch noch Angst, wie wird die Arbeit, wie wird die Wohnung – und, was, wenn ich das wirklich zwei Jahre lang durchziehen soll? Und ich könnte auch das gleiche Fazit ziehen wie noch letzten September, als ich York mit dem Gefühl verließ, viel weniger gemacht zu haben als ich hätte können.
Es wird jedes Mal schwerer. Noch nie hatte ich so einen Kloß im Hals, wie als die Waggontüren in Rostock zugingen. Und wie zum Zeichen war in Lübeck neben dem Bus ein Kiosk mit „Bilety do Polski“ - Fahrkarten nach Polen.
Kaum zu glauben, dass die letzte Anreise fast zwei Jahre her ist. Als die grünen Hügel Englands wieder auftauchen, wirkt das letzte Mal wie gerade erst gewesen. Und seit wir uns Calais genähert haben, regnet es ununterbrochen. Mein erster Eindruck vom Land, wie schon 2010: ist das alles runtergekommen. Und grau. Und schmuddelig. Und der Regen. Und die Herberge ist winzig, die Rezeptionistin sieht aus wie meine komische Mitbewohnerin, das Zimmer riecht merkwürdig. Nun, dafür ganz im Süden von Portsmouth, praktisch am Meer.
 Über allem aber ist der Verlust der Freunde. Auch wenn die Arbeitssuche so erfolglos war, das letzte dreiviertel Jahr in Rostock war doch ein sehr schönes. Die Sonne, das Meer und die Straßenfeste der letzten Woche gegen den Beton und Regen hier. Ich sollte in Warschau sein und Zweifel aufschreiben, ob das weniger an Gehalt das mehr an Freunden wert ist oder nur wieder ein Zeichen von Wohlstandskinderomantik. Hätte ich damals das Studium in Polen gewählt, wäre ich jetzt gerade kurz vor dem Abschluss. In dem Sinne habe ich auf der Anreise meinen Beitrag zur Völkerverständigung an einer verlorenen Polin aus rein eigennütziger Sprachnostalgie geleistet.

Mittwoch, 14. September 2011

31.08.2011 - C'est fini, fini

Erst im Zug fiel mir auf, dass ich nur einen Tag später als 2005 aus England abfahre. Ein Jahr, das ich mit viel Arbeitsfreude und bescheidenen Reiseplänen begann, lässt sich wie immer mit dem Bedauern zusammen fassen, wieviel Zeit verschwendet worden ist. Wenn auch der August gar keine berichtenswerten Ereignisse mehr gebracht hat, so hat er doch eins bewiesen: mich bringt inzwischen auch die größte Verzweiflung, Panik oder Scham nicht mehr zum Arbeiten. Einen weiteren ganzer Monat zwar früh aufgestanden und zu viel vorm Rechner gesessen, aber doch nichts gemacht außer Zeitung zu lesen. Und wenn es da nichts neues gab, habe ich mir Archivfolgen der Tagesschau aus der Wendezeit angeschaut. Obwohl das alles bereits im Arbeitsplan vorausgesehen war, dauerte alles noch viel länger, sodass von den erhofften zwei Wochen für Korrektur, Nachlesen und den einen Tag nach Edinburgh gar nichts blieb. Nichtmal ein gutes Gewissen, dass dafür wenigstens die Arbeit besonders vielversprechend wäre.

Was ist passiert: mein ägyptischer Freund Achmet hat mir die Haare wieder kurz geschnitten. Der Käufer meines Fahrrads hat sich natürlich nie mehr gemeldet, sodass ich es einem Freund geschenkt habe. Ich habe ein zweites Mal im Münster Kaffee serviert. Ich war mangels Salsa und Fußball ab und zu kurz joggen. Denn auch wenn ich nichts gemacht habe, saß ich täglich zehn Stunden vor dem Computer und brauchte Bewegung. Bei einem Latinofest habe ich auf der Straße getanzt und später mit neuen russischen Freunden drinnen. Denen habe ich auch noch eine Führung durch den Münster gegeben. Sie waren auch einmal bei mir zum Pilzebraten und ich habe mit ihnen einmal Champagner probiert. Der Pflaumenbaum in unserem Garten wurde von mir persönlich komplett abgeerntet und gegessen. Er war so übervoll, dass wir den Maden teilweise nicht mehr zuvor kamen. Das hat zu einem Pflaumenstreuselkuchen geführt. Zwei weitere Versuche lehrten die letzten Lektionen dieses Jahres: Streuselkuchen ist gar nicht so einfach.

Wenigstens einmal noch wollte ich ja noch Edinburgh. In der Fahrkartenschlange wurde mir dann aber bewusst: ich habe mich echt geändert, denn nichtmal jetzt war mir der eine Tag das ganze Geld wert. Stattdessen habe ich trotz Vorsatz in York noch einige kleine Kirchen wegen ihrer Fenster besucht. In die Dreifaltigkeitskirche eines der ehemaligen Klöster bin ich auch einige Male morgen gefahren, wenn ich erstmal keinen Computer brauchte. Dort ist es nämlich wunderbar ruhig, Weihrauch liegt in der Luft, es gibt eine gute Ausstellung, es spielt eine CD mit gregorianischen oder orthodoxen Gesängen, und manchmal wird Orgel geübt.

Am Anfang des Jahres war ich so zufrieden mit mir und der Welt, weil ich einen Plan und ein Ziel hatte und endlich mal nicht alles Stückwerk und Improvisation war. Jetzt wird meine Stimmung wieder geprägt von der Unsicherheit was nun wird, und noch schlimmer, dem Bewusstsein, dass ich daran mal wieder selbst schuld bin.

Donnerstag, 28. Juli 2011

26.07.2011 – Neues aus den Kolonien

Am 12.7. wurde Emily nach gut zwei Wochen endlich vor die Tür befördert, nachdem unsere Vermieter zum Rasenmähen kamen und sie immer noch der zugemüllten Höhle vorfanden, in das sie ihr Zimmer verwandelt hatte. Ja wir sind alle froh, denn sie hat uns zunehmend genervt. Nichts anderes gemacht als Fernsehen zu schauen, definitiv keine ersichtlichen Auszugsvorbereitungen getroffen und nebenbei auch keine Miete bezahlt. Zum Glück hatte ich schon früh die Vermieter informiert, sodass uns niemand Beihilfe vorwerfen kann. Darum ist mir auch nur ihr Überraschung unklar. Im Vergleich zum Miteinander mit Maria und Timm scheint rückblickend jeder einzelne ihrer Vorgänger komisch gewesen zu sein. Jetzt jedenfalls herrscht deutsche Ruhe und Ordnung im Haus. Und am Folgetag haben wir gefeiert, mit zünftigem deutschen Glühwein und gemeinsamem Kochen und danach sogar Abwaschen, komplett mit Abtrocknen und Wegräumen. Deutsche Mitbewohner - was mir da jahrelang entgangen ist!
Ebenfalls als guter Deutscher leere ich meinen Haushalt in Vorbereitung auf den Auszug früh und mit maximaler Effizienz. Wegschmeißen mag ich möglichst gar nichts, darum habe ich letztens haltbare Kochzutaten und Gewürze meinem ehemaligen Chorleiter Graham übergeben. Dabei habe ich gelernt: Amerikanern gibt man im Gegensatz zu Briten die Hand.

Entdeckungen und Experimente
Mit Papas Besuch in der zweiten Julihälfte war das Haus fest in deutscher Hand, meine vorbildlichen Ernährungsgewohnheiten dagegen kapitulierten nach nur kurzer Gegenwehr. Unter anderem hatte ich nach einem weiteren wehmütigen Austausch mit Maria über deutsche Bäckereien spontan und auch erfolgreich meinen ersten eigenen Zupfkuchen gebacken, mit dem ich dann fast komplett allein gelassen wurde. Jetzt muss ich erstmal wieder abnehmen. Dafür haben wir den Großteil der Yorker Restaurants besucht und ich am Meer mein vermutlich letztes Fish & Chips gegessen. Letzteres war auf einem Ausflug in die kleine Hafenstadt Whitby nördlich von York, einem der beliebtesten Ausflugsziele Englands. Der Ort ist neben seiner Wasserlage bekannt als Landungsort von Dracula (auch dort daher das inzwischen allgegenwärtige lokale Spukhaus und Gespensterführungen), Lehrort von Captain Cook und vor allem für die Ruine des Klosters der Hl. Hilda. Letztere ist eine der Größen der englischen Kirche und sowohl mit Yorker wie Newcastler und Durhamer Heiligen der angelsächsischen Periode eng verbunden. Weiterhin sah ich endlich Schloss Howard, worauf ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, und noch einige neue Ecken von Knaresborough. Zu letzterem führte uns ein kurzer Nachmittagsausflug, nachdem wir den ganzen Tag im Regen zu Hause gesessen hatten. Das Wetter war nämlich typisch englischer Sommer und nahm erst ganz zum Ende des Besuchs europäische Züge der Jahreszeit an. Im Garten habe ich übrigens neben Apfel und Birne jetzt auch noch Mirabellen- und Pflaumenbaum entdeckt.

Das Südfenster des Münster, genannt "Rose von Yorkshire". Gestiftet anlässlich des Endes der Rosenkriege, als sich die Häuser Lancaster und York nach Jahrzehnten von Krieg durch eine Heirat verbanden.
Westfenster des Münster, genannt 'Herz von Yorkshire'.

Das Hauptschiff des Münsters.



Abendessen im Garten.

Unser Haus vom Garten aus gesehen.

Hafen von Whitby. Oben rechts zu sehen die Ruine der Abteikirche Whitby.


Ruine der Abteikirche Whitby. Das Gelände selbst ist heute Museum.



Der Campus im Sommer. Das Herrenhaus des Universitätdorfes Heslington birgt nur Funktionsräume. Der Campus selbst ist im Stil der 1960er Jahre.

In diesem College ist mein Institut untergebracht.

Eine Karte des Campus.

Ein Wegweiser auf dem Campus. Soviel zu den Prioritäten in der Bildung hier.

Die in den Ferien menschenleere Bibliothek.

Blick über den Campus vom 3. Stock der Unibibliothek.
Uni für alle
Wie bei Kasias Besuch war ich auch jetzt an der Uni, wenn auch nicht so viel wie geplant. Leicht ist es auch nicht, denn nach der kurzen Verschnaufpause wird die Bibliothek jetzt weiter umgebaut, bevorzugt mit Bohrmaschinen. Kurz vor dem Besuch hatte ich noch einmal einen kurzen Computerlehrgang, wo ich endlich ein bestimmtes Programm zu bedienen lernte, dass einem die Referenzliste in schriftlichen Arbeiten automatisch und in jedwedem lokal erwünschten Format erstellt. Klingt trivial, hat aber seinen Wert für Studenten, vor allem wenn sie in verschiedenen Ländern lernen und schreiben.
Der ferienleere Campus wird desweiteren durch Gäste aufgefüllt. Die Uni vermietet ihre momentan ungenutzten Räumlichkeiten für diverse Konferenzen und Übernachtungen von deren Besucher. Letztens fand die Hauptsynode der anglikanischen Kirche statt und ich habe eine Schulgruppe aus Sizilien getroffen. Apropos Kirche, letzten Sonntag hatte ich meinen Auftritt beim Teeausschank nach der Gottesdienst im Münster. Für den 14. August bin ich nochmal eingeplant. Sonst wird das ja von den Eltern der Chorknaben vorbereitet, aber die sind ja während der Schulferien meist im Urlaub.

Konvergenz und Divergenz
Wer auf einmal auch verreist, und zwar durch ganz England und Europa, sind die Chinesen, was universitätsgeschichtliches meines Wissens ein waschechtes Novum ist. Ich dagegen bin dieses ganze Jahr kaum weggekommen. Aber die haben auch jeden Tag auf ihrem Stuhl gesessen und gelernt, ihre Prüfungen mit Bravour bestanden und die Abschlussarbeit sehr wahrscheinlich fast fertig. Außerdem wollen sie natürlich ihre verbleibende Visazeit nutzen. Geht eben nichts über eine gesunde Mischung aus Selbstdisziplin und Termindruck.
Gleiches lehrte mich auch zum wiederholten und nie nachhaltig gelernten Mal ein kurzzeitiger Verlust unseres Heiminternets aufgrund von Anbieterwechsel. Da bin ich morgens 6.30 Uhr für die Übersetzungsarbeit an die Uni gefahren um deren Verbindung zu nutzen. Der Tag war dann so unvermutet produktiv, dass ich das am Folgetag gleich nochmal gemacht habe. Immer wieder mache ich die Erfahrung, wie schnell man zu Hause versackt. Je schneller man rauskommt, desto besser.
Meine Einschätzung der eigenen Abschlussarbeit ändert sich täglich. Bis Ende Juli gebe ich mir noch zum Sammeln von Daten und Durchführen der statistischen Berechnungen. Dann will ich aufschreiben, was ich habe. Zuletzt habe ich parellel zu den Datensätzen auf nationaler Ebene einen regionalen erstellt und auch einige wichtige methodische Probleme gelöst. Die regionalen Ergebnisse machen jetzt richtig Sinn, die nationalen noch weniger.

Mittwoch, 6. Juli 2011

06.07. – Schöner wohnen, besser lernen

Es sieht so aus als hätte ich Emilie (etwas) Unrecht getan: nachdem ich die letzten Junitage nicht sicher war, ob sie schon weg ist, fand ich am Abend des 29.6. zumindest einen Umschlag mit dem ausstehenden Geld. Ok, nicht allem, aber zumindest hatte sie halbwegs plausible Gründe für den Ausstand.
Schon am Folgetag kamen die neuen Mitbewohner, Timm und Maria aus Bremen und Köln. Timm ist Samstag allerdings schon wieder weggefahren, einen Monat in die USA. Darum haben wir Freitag noch im Garten einen Kennenlernumtrunk gemacht. Beide studieren Theater und Film, zuerst in einer Firma in München angelernt und beenden jetzt Bachelor bzw. Master an jeweils einer der hiesigen Universitäten. Daher leben sie auch schon seit 3 bzw. 4 Jahren hier.
Das war im übrigen der erste gemeinsam mit Mitbewohnern verbrachte Abend hier. Auch sonst verspricht der neue Haushalt viel unkomplizierter zu werden als bisher. Nicht nur, weil sie viel Haushaltsgerät mitbrachten, sondern einfach viel berechenbarer und unkomplizierter scheinen als ihre Vorgänger. So ist das, habe ich beim ersten Mal in England das Leben in der Fremde schätzen gelernt, entdecke ich jetzt die Wertschätzung für Heimat und Landsleute, die ich damals eigentlich erwartet hatte. In der Tat waren unsere ersten Gesprächsthemen auch all die Dinge, die in Deutschland besser sind als hier. Der Kontrast wird von der englischen Emily unterstrichen: die ist nach einer Woche bei der Familie irgendwie wieder eingezogen – zuerst nur, weil irgendwas mit ihrer neuen Wohnung nicht klappt, aber wielange genau, weiß sie auch nicht. Wir werden sie mittelfristig rausekeln.

Der Toskanaeffekt
Während Emilie ging, kommt ab und zu der Sommer, schwuel und schweißtreibend, und geht dann wieder. Am letzten Junisonntag morgens fing er an, plötzlich war er da. Sofort begann jeder über die Hitze zu klagen. Besonders morgens ist es meistens schön. Ich kann die Übersetzungen im Garten machen, dessen Gras wieder hochgewachsen ist. Auch abends kann man im letzten Licht noch etwas lesen, gemeinsam mit den neuen Mitbewohnern. Im Moment bin ich nämlich abends häufiger zu Hause, da mir die Salsaabende ausgehen.
Auf dem Weg zur Uni springe ich bei Sonne wieder ab und zu noch schnell in den erleuchteten Münster oder kann in den früh noch leeren Museumsgärten am Fluss unter den Ruinen der Marienabtei lesen. Besonders Sonntag ist das toll, wenn vor der Messe bereits die nahen Münsterglocken läuten. Ab jetzt werde ich dort wieder regelmäßig sein, denn ab dem 4.7. ist die Uni am Sonntag zu und ich werde wieder in die Stadtbibliothek fahren, die direkt neben dem Museum liegt.

Auf dem kürzlichen Picknick der Lateinamerikanischen Gesellschaft. Kirche und Anger im Hintergrund gehören zu Heslington, dem ganz von der Universität übernommenen Dorf am äußersten Rande Yorks. Ganz in der Nähe war ich während des Sommerkurses einquartiert.



Der Brandenburgeffekt
Freitag, den 1.7. wurden den Studenten scheinbar ihre Jahresendnoten mitgeteilt. Seit dem Folgetag ist der Campus wie ausgestorben, die Geschäfte zu, die Bibliothek ein Himmelreich des Friedens und der Ruhe. Mein Fahrad steht ganz allein am normalerweise zugeparkten Geländer, an Wochenenden habe ich oft einen ganzen der sonst überfüllten Computersäle allein, zwischen den Bücherregalen herrscht Stille und alle Bücher sind immer verfügbar, eine wundervolle Lernathmosphäre. Leider ist die Bibliothek jetzt nur noch von 09.00-18 Uhr auf. Das reicht nichtmal für die Zeit, die ich durchschnittlich vertrödele.
Nachmittags kann man auf einer sonnigen Wiese Pause machen und bei Müdigkeit einen Spaziergang über den warmen Campus machen, der voll Grün und bunten Blumen ist, dann quaken die Enten und Kaninchen am Ufer des Sees, man fühlt sich fast als hätte man einen kleinen Zoo für sich allein. Wenn man dann auch noch motiviert zur Arbeit zurückkehrt, denkt man sich, dass man vielleicht doch noch hierbleiben möchte.
Eine Ausnahme ist der heutige Tag der offenen Tür, zu dem 20.000 Studieninteressierte erwarten werden. In der Tat waren bereits morgens Menschenmengen zu sehen. Das war der Arbeit abträglich und auch gratis Essen oder Geschenke waren praktisch unauffindbar.

Der Rehabilitationseffekt
Leider auch sitze ich gerade jetzt nicht über Büchern sondern zu viel vor dem Computer. Das aber zumindest deshalb, weil ich endlich den interessanten Teil meiner Arbeit begonnen habe. Nach der Literaturübersicht und der Theoriewiderholung habe ich jetzt mit der Statistik begonnen, deren Übung ja die Hauptmotivation der ganzen Thematik ist. Ich hab mir zu Anfang einfach mal einige Daten geschnappt und in unser Statistikprogramm geworfen – und Ergebnisse bekommen! Das macht mir wirklich Spaß, und das ist auch eine sinnvolle Erfahrung. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl etwas wirklich Nützliches zu lernen. Auch erinnert es mich daran, dass mir trotz der erbärmlichen Langsamkeit der Bachelorarbeit schon damals die Statistiken gefallen haben. Die Erfahrungen von damals stellen sich jetzt sogar als nützlich heraus. Was eventuall heißt, dass die ganze Geschichte vielleicht doch nicht vollkommen sinnlos war, auch wenn ich damals ohne jede Vorbildung über Statistik geschrieben habe, sie vermutlich ganz furchtbar vergewaltigt habe und mich dafür zunehmend geschämt hatte.