Dienstag, 18. Januar 2011

17.01.2010 – Vorlesen & Vorsingen

Lesen in Gesellschaft
Die freie Woche zwischen Rückflug und Vorlesungsbeginn habe ich praktisch komplett in der Bibliothek verbracht und Ökonometrie gelesen. Das soll mir während des Semesters Arbeit sparen. Trotzdem habe ich lediglich knapp 300 Seiten geschafft, statt mehrerer Bücher auf einmal wie man sich das immer vorstellt. Nebenbei habe nur noch ein bisschen in Goebbels Tagebüchern gestöbert.
In der Bibliothek war ich offenbar der einzige, der keine Prüfungen hatte. Und alle lernen bessere Sachen als ich: um mich rum lagen stapelweise Bücher zu Medizin, Neurologie und Genetik, von Studenten die vor mir kamen und nach mir nach Hause gingen.

Auserlesen
Die Franzosen kamen, schrieben ihre Klausur und gingen wieder. Ich hatte extra ordentliches Essen gekauft und dann sind wir lieber Hamburger essen gegangen.

Lesen mit Musik
Interessanterweise hatte ich trotz einiger Pläne vor dem Semester mal nach Edinburgh oder auf die Farm zu fahren kein größeres Interesse zu verreisen, nicht mal in der Stadt habe ich viel unternommen, selbst den Münster nur zweimal besucht. Dafür habe ich mich zum Lesen in der Musikfakultät fast häuslich eingerichtet. Dort sind vor Semesterbeginn noch wenige Studenten und so herrscht genug Ruhe zum Lernen, während trotzdem immer irgendwer irgendwo probt und ich dabei Tee machen sowie Mittags Essen warm machen kann.

Limitloses Lesen
Heute ging nun das Semester los und wie üblich wurde man mit Leselisten reichlich beschenkt, die man vielleicht ab und zu sogar mal berücksichtigen kann. Bis Mitte März stehen wohl 2-3 Hausarbeiten an und danach Klausuren sämtlicher Kurse seit Studienbeginn. Das wird hier meist nach dem Frühlingssemester konzentriert und nicht nach jedem Halbjahr erledigt. Am schwersten wird aber das Dissertationsthema sein, was ich wohl sehr bald vorschlagen muss. Natürlich habe ich keinen blassen Schimmer was mich denn vielleicht interessiert. Dafür ist die Bibliothek wieder leer, mein stiller Lesesaal wieder allein und verlassen.

Notenlesen
Abends habe ich mich endlich bei der Basssektion des Unichors angemeldet. Wir proben Händels Salomon für einen Auftritt am 16.3. im Münster. Und danach am 22.6. im gleichen Ort – Beethovens Neunte sowie Mozarts Messe in C-Moll! Erstmal wurde mein gesangliches Selbstbewusstsein von den umgebenden Musikstudenten gestutzt – das ist gar nicht so einfach so schnell Noten zu lesen! Zum Glück ist das ein großer Chor und ich kann mich zwischen den anderen Stimmen verstecken wenn ich in die falsche Richtung singe. Mehr ich frage mich wie immer, ob ich in diesem Semester soviel Zeit habe, auch wenn Proben nur zwei Stunden jeden Montag abend sind. Das ist auch gar nicht so billig: 20 Pfund Mitgliedsbeitrag und die Noten muss man trotzdem noch selbst bezahlen. Soviel würde ich z.B. niemals für die gleichen Konzerte als Gast bezahlen. Aber wie sagt mein mit angemeldeter deutscher Kommilitone: was tut man nicht alles um im Münster zu singen.

Tanzen
Am schönsten: die Lateinamerikanische Gesellschaft führt bereits den Freitagssalsa weiter.

Dienstag, 11. Januar 2011

10.01.2011 - Zurück in York

Rückreise
Morgens stand ich noch an der violetten Oder, als die kalte Sonne über den Wäldern aufging und ein langes Spiegelbild über das Hochwasser warf. Im Zug beschien sie auch die weißen Felder und leeren Weinreben vor Frankfurt. Im Glasgang vom Bahnhof Schönefeld spielt der gleiche Akkordeonist wie bei der Ankunft. In der Schlange zum Flugzeug bin ich scheinbar der einzige Nichtpole, sogar das Personal spricht Polnisch. Kein Wunder, dass auf dem East Midlands Airport die Sicherheitsdurchsagen auf Englisch und Polnisch erfolgen. Außer uns ist er übrigens ziemlich leer, im Gegensatz zum Hinflug kommt unser Gepäck sofort aufs Fließband. Sonst ist es leer, grau, und es regnet. Regen, genau, kein Schnee. In England ist der Winter fürs erste vorbei. Schnee wie auch Eis ist weg, sogar das vor unserem Haus; der Garten ist wieder grün. Es scheint sogar die Sonne, die Altstadt muss schön sein. Aber bisher bin ich da kaum hingekommen weil ich gerade mehr Lust habe mich in der Bibliothek zu vergraben.

An der Uni
Die Uni habe ich gar nicht so verlassen vorgefunden wie ich es mir gewünscht hatte. Überall schon wieder Studenten, die in Hausarbeitspanik die Bibliothek besetzen. Meine Hausarbeit ist Freitag endlich fertig geworden, wenn auch eine Woche später als geplant. Da die Vorlesungen erst am 17.01. anfangen, habe ich eine gute Woche, endlich mal nur zu lesen, was mich interessiert. Das ist einmal ein Buch über Matricenrechnung und Wirtschaftsstatistik. Mit letzterem will ich schonmal für das kommende Semester vorarbeiten.

Stundenplan - Frühlingssemester
Meine Kurse werden sein:
Internationale Makroökonomie (mit der türkischen Professorin deren Kurs ich im Wintersemester besucht hatte)
Entwicklungsökonomie
Quantitative Analyse (Wirtschaftsstatistik wie im Wintersemester)
Recherchemethoden (wie im Wintersemester)
„Die Philosophie, Politik Ökonomie sozialer Wahl“ (klingt sehr nach Laberfach oder?)

Alte Kameraden
In der Frankfurter Universitätsbibliothek habe ich übrigens zufällig eine Bekannte von Motyka getroffen. Die hatte 2006 das Projekt an der Ostseeküste organisiert und ich hatte sie seitdem auch nicht mehr gesehen.

Abschiedstanz
Hier in York gibt es dafür die ersten Abschiede: Samstag war große Feier für Rana, die erste Person überhaupt, die ich hier kennen gelernt hatte, noch im Zug aus London. Die hat ihren Doktor fertig und geht zurück in den Libanon. Sie hat mich auch mit der Salsagemeinschaft hier in Verbindung gesetzt und so habe ich dann auch bis in die ersten Sonntagsstunden einen der besten Tanzabende überhaupt genossen.

L´hospitalité
Montag kommt Grégoire für eine Nacht zu mir. Das ist der französische Physik/Musikstudent. Sein Austauschsemester ist eigentlich zu Ende, aber sie zerren ihn nochmal wegen einer Prüfung nach England. Das Wohnheimzimmer dagegen haben sie ihm die drei Extrawochen aber nicht gelassen, dabei braucht das während der Feiertage ohnehin keiner. Darum übernachtet er hier. Leider haben wir kein Klavier im Haus.

Mittwoch, 15. Dezember 2010

16.12.2010 – Letzte Meldungen 2010

Eigenbildung
Am Vormittag des 04.12. war ich im Bar Konvent, einer kleinen katholischen Nonnengemeinde am Micklegate Tor. Die wurde von einer mutigen Mary Ward zu Zeiten der Katholikenverfolgung gegründet, die sich zum gottesfürchtigen Leben nicht in ein Kloster sperren wollte. Nach langem Kampf mit Anglikanern wie den eigenen Katholiken (wollten keine so selbstständige Frau) heute Kopf vieler Frauenkonventsableger in aller Welt. Im ersten Stock ist eine versteckte Kapelle, von außen nicht sichtbar, mit acht Ausgängen und Priesterversteck für den Fall einer Razzia. Überraschend leicht und hübsch. Parterre ein überdachter Patio mit Café, auch mit Gartenplätzen.

Statistik
Wartezeit für den öffentlichen Zahnarzt: 18 Monate.
Geschätzter deutscher Anteil an der Bevölkerung Yorks: 25%. Hauptthema: überall Deutsche.

York gucken
Eine Internetseite mit guten, teilsweise 360 Grad Bildern sowie Videos von Yorks wichtigsten Ansichten: http://www.york360.co.uk/


Anfang des Semester hatte ich ein paar französche Erasmus Studenten kennen gelernt. Erst spaet erfuhr ich, dass sie Musik studieren, Gregoir spielt Klavier, Morgain Geige; und noch spaeter, dass sie taeglich in der Musikfakultaet ueben. Erst eine Woche vor ihrer Abreise konnte ich zum ersten Mal zuhoeren, und es war ganz toll, Beethovens Fruehlingssonate. Gregoir studiert uebrigens Musik und Physik – und wieder sehe ich, dass ich meine Karierre vollkommen falsch gewaehlt habe. Recht – ja, Ingeneurswesen – ja, Physik – ja, wenn man dann auch noch Musik macht – super. Und was kann ich? Von allem ein bisschen und damit von nichts wirklich etwas.

Wetter
Nach dem Schockwinter taut jetzt alles, vom Unidach kommen geradezu Bäche, nur die festgetreteten Eisschichten auf den Wegen gehen ohne Metallwerkzeuge nirgendwohin. Viele Seitenstraßen sind übrigens gletscherartig, seit dem ersten Tag ist dort nichtmal ein bisschen Sand hingekommen. Der Straßenräumdienst in diesem Land funktioniert als wären sie zum ersten Mal mit Schnee konfrontiert.


Mittwoch den 08.12. war ich im zweiten Konzert des Unichors, der Brahms deutsches Requiem sang. Seit ich dabei herausfand, dass eine japanische Kommilitonen mitsingt und sie im nächsten Semester im Münster auftreten werden will ich mich auch einschreiben.
Natürlich wird das Frühlingstrimester viel weniger Zeit lassen, und selbst hätte ich 48 Stunden am Tag frei reichte es nicht für alle Pläne. In einem halben Jahr soll ich die Uni verlassen, und jetzt im Master sehe gerade mal wieviel noch zu lernen ist, sogar in den wenigen Bereichen wo ich mir wenigstens ein bisschen zugetraut hatte. Nichts schließe ich ab, ich sehe gerade zum ersten Mal die Bruchstücke in so etwas wie einen Kontext fallen, und erst so erkenne ich, wieviel man noch lesen müsste bevor man es sich herausnehmen kann irgendetwas selber zu schreiben. Dann gibt auf und geht zum arabischen Essen weil man ohnehin nie soviel lesen und nachholen könnte, aber sogar dort wartet nur Verzweiflung ob der Unmöglichkeit der Umsetzung aller Ambitionen in nur einem Leben (selbst wenn ich die Zeit bisher effektiv genutzt hätte) auf einen. Schließlich will man sofort Arabisch lernen will und Türkisch, weil der Präsident der türkischen Gesellschaft da ist, und dann tauchen die Kazachen auf und man will doch wieder ganz schnell das Russischlehrbuch aus der Bibliothek zurück holen, wo es liegt um wenigstens den Pflichtfeldern wie Mathe ihre Zeit zukommen zu lassen, in einem der wenigen Vernunftsmomente wo man akzeptiert, dass man sich für nur einige wenige der vielen Wünsche entscheiden kann. Es gab auch eine ausgezeichnete Bauchtanzeinlage, von einer Chinesin, und später haben wir alle fröhlich im Kreis arabisch getanzt.
Im Anschluss gab es noch eine zweite „Weihnachts“party, die sich weit interessanter gestaltete als erwartet. Vor allem die sonst eigentlich ganz ruhigen Griechen üerraschten mich mit erstklassigem Balkanhabitus. Zwei Mädchen tanzten bald andeutungsreich auf einem Tisch während wir darunter die Arme hochreckten und Hopa und Aide riefen.

Heute abend fahre ich nach Nottingham und übernachte auf dem East Midlands Flughafen. Freitag mittag sollte ich in Deutschland sein.

Freitag, 3. Dezember 2010

03.12.2010 - Notizen

Dienstag 23.11. habe ich den Computerlehrgang mit einer Prüfung beendet und bin jetzt offiziell Datenbankfuzzi.

Freitag, 26.11., war morgens plötzlich Winter. Seitdem schneit es jeden Tag mehrmal massiv. Die Studenten aus dem Süden waren erst völlig begeistert. Spätabends wurde der Campus noch einma lebendig als alle aus ihren Wohnheimen liefen und sich Schneeballschlachten lieferten. Mir hat das von Anfang nicht gefallen. Zu früh, zu viel, zu kalt. Und zwei Tage später hatte auch jeder genug und geht nur aus dem Haus wenn er muss. Die Gassen der Altstadt sind natürlich sehr verwunschen im Schnee, vor allem abends wenn sie schon leer und dunkel sind. Die Laternen geben ihnen dann das orange Leuchten wie in Torun. Die weißen Türme des Münsters stehen unbeindruckt im Schneetreiben. Von meinem Haus sind sie dann nur etwas verschwommen.

Am 01.12. war ich im Konzert der Uniorchesters. Haydns Trauersymphonie sowie Mozarts Maurerische Trauermusik und Requiem gesungen vom Chor. Zwei Stunden für drei Pfund.

Am gleichen Tag habe ich endlich die Flugtickets für Weihnachten gekauft. Ich komme 17.12. - 05.01. Mit Hausarbeit im Gepäck. Genaue Besuchstermine in Kürze. Allerdings bin ich gespannt, ob das überhaupt klappt. Ich nutze einen kleinen Flughafen im Süden, wo die Anfahrt ein Wagnis ist, zumal bei dem Wetter. Im Moment sind jedenfalls alle Flughäfen gesperrt und ein Drittel der Züge wie auch die Straßen stillgelegt.

Sonntag, 21. November 2010

21.11.2010 – Gesund und mit Musik

1. Gesundheit
Die jüngsten Ereignissen haben uns alle hier etwas hypochondrisch gemacht. Bei jedem Kopfschmerz messe ich meinen Puls. Inzwischen hat mir ein Arzt bestätigt, dass ich nur eine weitere leichte Erkältung fast überstanden habe. Am 19.11. wurde ich außerdem gegen Meningitis geimpft.

Persönlich denke ich, dass der häufige Schnupfen einen simplen Grund hat: zu wenig Stress. Ganz allgemein muss ich nämlich trotz allem klar feststellen, dass es mir seit Jahren nicht so gut ging. Ich habe eine Aufgabe, die mich nützlich erscheinen lässt, und nebenbei noch Zeit ausreichend zu schlafen und zu essen, sogar um zu tanzen, für Museen, privates Lernen, ab und zu kann ich ausgehen und ich treffe ausnehmend schnell Freunde aus vielen verschiedenen Ländern. In Magdeburg war für Krankheit gar keine Zeit.

2. Uni
2.1 Wie ich erfahren habe, sind wir in York alles 'geeks'. Wären wir cool „würden wir in Leeds studieren“.

2.2 Am Campussee kann man prima in Ruhe sein Mittag essen. Dabei kann man in melancholischen Momenten die Enten füttern. Die sind mindestens so gierig wie Meerschweinchen. Denkt man nicht wie schnell so ein Erpel sein kann, wenn er einen fallenden Brotkrumen sieht.
Für den Nachmittagstee habe ich die Musikfakultät gefunden. Deren Gemeinschaftsraum überblickt wunderbar eine Wiese und dahinter ist der Campussee. Dazu spielt und singt es aus den Proberäumen, besonders stimmungsvoll vor Weihnachten und mit dem melancholischen Ausblick auf die diesige Wiese davor im Spätherbt. Trotzdem ist es ruhig genug um zu arbeiten weil sich wenige Studenten dorthin verirren. Das ist gut, denn ein grundsätzliches Problem der Uni ist die große Zahl von Studenten. Die meisten sind damit beschäftigt mir im Weg zu stehen.

Letztens habe ich gesehen, das die Colleges bis spätnachts voll Leben sind. Denn nicht nur hat jedes tagsüber sein Cafe, abends können die anwohnenden Studenten alle Einrichtungen benutzen. Ich nutze die Tanzabende der Südamerikanischen Gesellschaft, andere sehen sich mit den Projektoren der Lehrsäle Filme an.

3. Eigenbildung
3.1 Am Vormittag des 12.11. war ich im Prunkhaus der Stadt, wo bis heute wichtigere Gäste wie der König unterhalten werden. An den Wänden hängen die Regalien der Gemeinde, inkl. eines Schwerts von Kaiser Sigismund und einem zweiten, welches sich James I (König schottischer Abstammung, der England und Schottland zu Großbritannien vereinigte) zu seiner Krönung auslieh und nur auf wiederholte Bitte und ohne Gold- und Edelsteinbesatz zurückgab. Man vermutet dies als Grund für die bis heute gültige Stadtverordnung, dass jeder, der Samstag von 6-7 Uhr mit Pfeil und Bogen auf der Stadtmauer steht und einen Schotten sieht, diesen erschießen darf.

3.2 Terrific race the Romans
Danach bin ich noch unter (!) einen Pub im Zentrum gefahren, wo bei Kellerarbeiten in der 1930ern das Badehaus der römischen Garnison gefunden wurde. Seitdem mit Spaß am Thema als kleines Privatmuseum betrieben. Ich bin ja vollkommen begeistert von der römischen Zivilisation. Allein wenn man eine Karte des Schachbrettmusters der römischen Siedlung mit dem Straßenwirrwarr des mittelalterlichen York überlegt. Die Stadt wurde im 5. Jahrhundert verlassen und stand ca. 150 Jahre leer bevor es von den Angelsachsen rekolonisiert wurde. Was für ein Anblick müssen die langsam verfallenden Säulen und Bögen einer römischen Stadt gewesen sein inmitten der Wüstenei der Barbaren.

3.3 Eine Wohe später habe ich Samstag vormittag noch zwei in einem speziellen Faltblatt aufgeführte Kirchen besucht. Eine ist das letzte Überbleibsel eines der mit der Reformation abgeschaften großen Klöster und das einzige was niemals ganz geschlossen wurde. Die zweite ist gleich am Fluss und das schönste Sakralstück nach dem Münster aufgrund zweier Glasfenster, in denen die christlichen Tugenden sowie die letzten 15 Tage der Welt gezeigt werden.

3.4 Nach dem Buch über den Münster lese ich eine Reihe Kurzbiographien einiger der für seinen Bau wichtigsten Bischöfe, ähnlich den Euch zugeschickten.

4. Remembrance Day
Sonntag 13.11. war Gedenktag für die gefallenen Soldaten der Weltkriege. Im Vergleich zu Polen sehr dezent. Keine Paraden in jeder Kleinstadt, keine patriotischen Reden, keine Kinder in Uniform. In den Vorwochen wird auf den Straßen für die Veteranenorganisationen gesammelt; Spendern werden rote Blüten angesteckt, Symbol der französischen Mohnfelder, in die wohl viele Tote des 1. Weltkriegs aufgegangen sind.

5. Briefe
Neoliberalismus in drei Worten: Markt über alles. Aber das spricht selbstverständlich jeder wissenschaftlichen Anspruch Hohn, sogar dem von Studenten. Wie so oft geht das Problem schon bei der Definition los, und darum ist es auch so ein populäres Thema, weil sich jeder das raussucht was ihm passt und so interpretiert wie er will. Für Näheres wie immer Wikipedia, und als Buch das von mir gerade bearbeitete „Im Schatten der Globalisierung“ von Stiglitz.

6. Weihnachten
Ich habe einen Messbecher gefunden und kann jetzt backen.
Am 1. und 8. Dezember gehe ich zu Konzerten des Unichors (Mozart und Brahms).

Montag, 8. November 2010

08.11.2010 - Notizen

1. Guy Fawkes Nacht
Guy Fawkes Nacht war, wie zur Zeit die meisten Versuche etwas abends zu erleben, eine Enttäuschung. In Newcastle hatte mich Paul damals noch zu einer großen Menge in einen Park mitgenommen, mit Lagerfeuern und Strohpuppen und Ballons und Süßigkeiten für die Kleinen. Hier waren die Parks schon zu als ich ins Zentrum kam. Überall ging zwar Feuerwerk in den Himmel, genau genommen schon in den Tagen davor wie auch danach, aber das scheint alles privat im Hintergarten erledigt zu werden. Und das obwohl Guy Fawkes hier zur Schule gegangen ist!

2. Uni
Die erste Präsentation verlief ereignislos. In der kommenden Woche sind zwei schriftliche Arbeiten abzugeben, für die einzigen beiden ernstzunehmenden Kurse. Größtenteils Mathe. Die beiden anderen bringen am Ende des Semesters dann die Hausarbeiten. Sämtliche Klausuren kommen am Ende des Frühlingstrimesters, und zwar aus beiden Trimestern, wodurch es wohl stressig werden dürfte, zumal das Frühlingssemester die geringe Kurszahl des jetzigen ausgleichen wird.

Neben den Lehrbüchern lese ich schnell ein 100-Seiten-Buch zum Münster aus der Unibibliothek durch, die erste wirklich detaillierte Beschreibung, die mir gratis in die Hände gefallen ist.

3. Statistik
3.1 Drei römische Kaiser wurden in York gekrönt. Der letzte, Konstatin der Große, war es, der im Zuge der Durchsetzung des Thronanspruchs das Christentum legalisierte. Gekrönt wurde im Hauptquartier der neunten Legion, also der Basilika, dem Zentrum der Siedlung, direkt unter dem Münster. Ein Büro ist noch heute samt Mosaik unter dem Hauptturm zu sehen, und vor dem Münster eine der Kapitelsäulen, mit einer Statue Konstantins.

3.2 Post läuft wie seinerzeit 3 Tage.

4. Der Schokoladengeruch kommt vermutlich von der Rowntree-Schokoladenfabrik, heute im Besitz von KitKat oder Nestle.

5. Antwort auf einige Fragen aus Briefen
5.1 Andenken und Souvenirs habe ich, vielleicht überraschend, gar keine. Einmal sammle ich sowas nicht gezielt, und zweitens fällt sowas gnadenlos der Gepäckspardoktrin zum Opfer. Weiterhin – dafür schreibe ich ja ein Tagebuch! Viele traurige Abende im ersten Studienjahr wurden nur durch intensive Lektüre detaillierter Berichte aus England und Torun gerettet. Andenken sind dabei eher eigene Erinnerungen, meist vernebelte Eindrücke aus Kneipen oder Panorama über Städten und Landschaften, plus Fotos und Musik die sich leicht auf dem Laptop transporen lassen. Gegenstände habe ich aus England, Polen und Bulgarien, meist Geschenke von Freunden. Aber die stauben an sicheren Orten in Deutschland. Die meisten sind Alltagsgegenstände, die weiterhin nützlich und schwer neu zu finden sind, und die dazu einen Erinnerungswert besitzen. Mein großer Koffer z.B. wurde eigens für England gekauft, und mein unersetzliches dt.-pl. Wörterbuchprogramm, in dessen Hülle ich wichtige CDs transportiere, habe ich in den letzten Sommertagen in Torun erstanden. Mein Rucksack ist eine Konstante auf allen Fotos seit den ersten Ausflügen von der Farm.

5.2 Selbstverständlich ziehe ich bewusst und unbewusst Vergleiche zwischen den verschiedenen Wohnorten und -ländern. Das passiert schon ganz unwillkürlich wenn in einer neuen Gesellschaft eine bestimmte Verhaltensnorm (schließe dein Fahrrad immer an etwas stabiles an! vs. Kann man auch mal kurz unangeschlossen stehen lassen / „bei Vorfahrtsregelung schlägt LKW Auto, Auto Fahrrad, Fahrrad Fußgänger“ vs. „jeder hat seine eigene und respektierte Spur mit eigenen Rechten“) plötzlich nicht mehr gilt oder radikal anders interpretiert wird (in Polen oder Bulgarien eskortiert man das Mädchen nach Dunkelheit nach Hause oder zumindest bis zum Bus, in Deutschland oder England kann das ganz andere Intentionen suggerieren).
Es braucht sich aber niemand Sorgen machen, dass ich Polen den Rücken kehre, wenn ich immer mal wieder erwähne, was dort noch alles nachzuholen ist. Ha, wenn ihr wüsstet wie mir das Lodzer Kultur- und Nachtleben fehlt!
Wenn ich mich z.B. zwischen Lodz und York entscheiden müsste, würde ich vermutlich Lodz wählen. Nur den Münster und den Fluss würde ich mitnehmen. Die Altstadt könnten wir ein neues Viertel machen. Dom und Elbe würde ich sogar aus Magdeburg mitnehmen. Ginge es um Polen oder England, wäre ich mir schon nicht mehr so sicher.

5.3 Trimestertermine
Herbsttrimester 11.10.-17.12.2010
Frühlingstrimester 10.01.2011 – 18.03.2011 (anschließend Prüfungszeit)
Sommertrimester 26.04. - 01.07.2011

Donnerstag, 4. November 2010

04.11.2010 - Notizen

1. Miete
Am 28.10. haben wir endlich unseren Mietvertrag unterschrieben. Dabei haben uns die Vermieter auch erklärt, wie die Heizung richtig funktioniert. Endlich laufe ich ohne Jacke im Haus rum und Emilie muss nicht mehr in selbiger schlafen. Andererseits sind wir ohnehin kaum mehr im Haus. Genauso hätte ich mir den Laptop sparen können: ich bin sowieso 9-22 Uhr an der Uni oder danach zum Salsa.

2. Geister
Samstag den 30.11. bin ich morgens noch einmal zum Schatzmeisterhaus, um die Kellertour mitzumachen. Da bezahlt man im Prinzip drei Pfund, um zehn Minuten in einem kleinen Kellerraum stehen zu können. Dabei werden Geistererschichten von den römischen Soldaten erzählt, die dort noch regelmäßig zu Fanfarenstößen aus den Wänden marschiert kommen. Der Keller liegt nämlich auf einer der Haupteinfallsstraßen der alten Garnison, welche man im Boden freigelegt hat.

3. Lichterfest
In York fand am 27.-30.11. das jährliche Lichterfest statt, an dem historische Gebäude bunt angestrahlt werden. Ich war am Donnerstag kurz im Zentrum, wo Blumenbilder an die Südfassade des Münsters geworfen und dazu komische Gedichte erzählt wurden. Nicht so beeindruckend wie die Fotos in der Touristeninformation. Der Münster hat im Übrigen 'im Moment keine Stellen für Freiwillige'.

4. Statistik
4.1 Offizielle Zählung des vorreformatorischen Yorks: 40 Kirchen, 8 Kloester.

4.2 Meine Professoren:
1 Pakistaner (Recherchetraining)
1 Mexikanerin (Mikroökonomietheorie; vorher Leiterin des Intensivkurses)
1 Japaner (Quantitative Methoden, d.h. Statistik) – sehr jung, sehr unsicher, sehr süß
1 Dänin (Entwicklungspolitik), früher an Oxford, bestes Englisch auf der Welt, superprofessionell
1 Türkin (Entwicklungsmakroökonomie, wo ich nur gasthöre) geboren für ihr Fach so ihren Beruf. Ganz ganz toll.

5. Unibildung
Freitag den 05.11. halte ich in Entwicklungspolitik meine erste Präsentation seit der Bachelorprüfung. Thema: Neoliberalismus.
Inzwischen studiere ich de facto Mathematik. Von den vier Kursen sind nur zwei ernstzunehmen, Mikroökonomie und Quantitative Analyse, beide füllen allein die Woche, für sie allein brüte ich jeden Tag über Formeln. An sich macht mir Mathe Spaß, solange bis es zu den Übungen kommt. Das Problem dabei ist nicht so sehr, dass ich nach einer Woche durchaus harten Lernen auf die Formeln an der Tafeln starre wie auf ein abstraktes Gemälde, sondern das allgemeine zustimmende Nicken um mich herum. Plus die intelligenten Fragen, und Korrekturen, für die uns die Professorin reichich Gelegenheit gibt. Dabei sind das die gleichen Leute aus dem Sommerkurs, die vorher Politik oder Medizin oder Politik studiert hatten, aber weniger Mathe als ich.
Verglichen mit dem Bachelor ist das hier aber immer noch Urlaub. Schließlich habe ich noch ein Leben außerhalb der Uni, mit Kaffee trinken und tanzen und ab und zu was aus privatem Interesse lernen.

6. Extrabildung
Zu Russisch komme ich kaum noch. Dafuer habe ich mich fuer einen kurzen Computerlehrgang zu Datenbanken eingeschrieben.
Ich habe Drei Maenner in einem Boot beendet und lese jetzt Die Schatten der Globalisierung von Joe Stiglitz. Geringstes Uebel einer Wahl verschiedener Titel fuer den Kurs Recherchemethoden.

7. Spaß mit Feuer
Samstag den 06.11. ist Guy Fawkes Nacht, zur alljährlichen Feier der Folter und Hinrichtung des katholischen Verschwörers, der das Parlament samt protestatischem König in die Luft jagen wollte. Dazu trifft man sich alle Jahre wieder um ein Feuer, auf denen früher dazu seine Strohpuppe verbrannt wurde. Für mich ist abends große Salsaparty, endlich Platz zum Tanzen.

8. Wenn jemand ein Weihnachtsgeschenk fuer mich sucht: eine Sekretaerin waere sehr nuetzlich.

9. Der Schokoladengeruch hat sich auf andere Stadtviertel ausgebreitet.