Montag, 11. Oktober 2010

05.10.2010 - Ground Zero

Aber der wirkliche Test kommt natürlich erst am Dienstag. Und in schwachen Momenten bin ich auf der Anfahrt wirklich nervös. Per Zug nach Seaham, am alten Haus der Polen vorbei zur Hauptstraße, zum Bus. Zehn Minuten die alte Strecke entlang, immer parallel zum Meer. Bis Easington. Nicht gleich runter zur Colliery. Erst der historische Ortsteil auf dem Berg, mit der Kirche und dem Herrenhaus. Die Infotafeln verstehe ich erst jetzt wirklich. Am wichtigsten: unten sehe ich das Meer. Die Hauptstraße hinunter. Alle Läden sind noch da. Ich kaufe irgendwas bei Co-op. Dann biege ich ab. Nicht weiter hinunter, nicht den Fußweg über den Hügel mit dem Minenfahrstuhl nehme ich wie damals meist. Sondern den Fahrweg, der von oben auf die Farm hinunterführt. Wie ich am ersten Tag hinein- und am letzten Tag hinausgefahren wurde, weg vom glitzernden Meer. Heute hängen graue Wolken darüber.
Im letzten Haus am Dorfrand wohnt noch immer der bewaffnete Fischer, die Reusen auf dem Hof verraten es. Dahinter geht der Fahrweg zur Farm los. Ich hatte mir immer vorgestellt wie ich den Weg wieder runterlaufen würde. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie sie erst nach und nach hinter dem Kamm auftauchen würde. Wie das sein würde. Sentimental, traurig, voll Pathos auf jeden Fall. Der Weg wurde bald nach meiner Abfahrt asphaltiert. Gerade als ich ihn betrete, kommt von hinten ein Auto, und vom Fahrersitz zwinkert mir Ron zu ohne anzuhalten. Unzeremoniel als käme ich gerade vom Englischkurs. Jetzt kann ich kaum aufhören zu kichern.

Die Farm
Der Weg führt einige hundert Meter durch die Felder. Biegung rechts, das Meer ist vollends zu sehen. Dann taucht hinter einem Busch tatsächlich die Farm auf. Erst die Ställe und dann das Haus. Oben ist ein neues Tor, mit der Aufschrift 'White Lea Farm'. Dort unten erst liegt sie, keine vierhundert Meter vor mir. Ron kümmert sich um die Hühner. Er wohnt jetzt hier samt Familie im Haus, der Trust ist inzwischen vornehmlich auf dem Besitzurkunde anwesend. Fensterläden neu getrichen, Zaun um den Vorgarten. Youth in Action sind lange weg. Ron ist nicht groß erstaunt mich zu sehen. War sich nur nicht sicher, ob ich das war. Ich fühle mich auch nicht anders, als wenn ich gerade rausgekommen wäre die Hühner zu füttern. Nach dem kurzen Gespräch kaum Aufgewühltheit. Es scheint ganz normal wieder hier zu sien. Schließlich ist auch hier alles wie ich es verlassen hatte. Hinter dem Stall liegen die Heuballen, das Feuer für alles Unerwünschte am alten Fleck, Ron hat nichts dagegen wenn ich durch die Farm laufe und über die Zäune steige wie früher.
Es folgen drei Stunden Laufen. Runter zur ersten Eisenbahnbrücke; die Mauern höher als damals; nicht, dass das jemanden an irgendwas hindern würde. In den Büschen hängen weiter zerfetzte Plastiktüten. Nur die Wiesen sind frei von Ragworse, sagt Ron, dank zwei Jahren guten alten Chemiesprühens. Ich laufe nach Norden Richtung Beacon Hill, einfach nur froh wieder hier zu sein. Bis auf den Moment, wo ich über Shippersea Bay auf einmal das dumpe Rollen der Brandung höre. Unten schlagen wie eh und je die Wellen über die Steine und Felsen.

Auf Beacon Hill ist tatsächlich die Mauer fertig, die der erste Working Holiday auf White Lea begonnen hatte. Keine Blumen mehr im Betonpfosten auf dem Gipfel. Das Blick über das Meer, von Sunderland im Norden über die Mole mit Leuchtturm in Seaham im Norden bis zum Hafen von Hartlepool am Ende des weiten Bogens im Süden. Frachtschiffe scheinen weit draußen still zu liegen.

In Hawthorn Dean sind die Treppenstufen noch frei, und die im Sturm weggespülte Brücke noch immer weg. Jetzt kommt die Sonne langsam durch die grauen Wolken und gibt den Wellenkämmen das Glitzern, das ich als letzten Eindruck von der Farm mitnahm. Unter dem Eisenbahnviadukt wieder hinauf auf den Küstenpfad, zurück nach Süden, unterhalb der Farm vorbei, bis zu den Stufen hinunter zum Meer, die ich die ersten drei Wochen über gangbar hatte machen sollte. Inzwischen von beiden Seiten wieder bewachsen, aber jemand hat tatsächlich ein Geländer bis zum Strand installiert. Dort rauschen die hohen grauen Wellen mit Wucht auf die Steine. Nur die letzte Schicht Minenabraum erreichen sie weiter nicht. Am Beginn nach Foxholes Dean kehre ich um, gehe fast bis zur Farm zurück, klettere auf den Hügel mit dem Minenschaft. Die Bänke dort sind inzwischen durch wohl weniger zerstörbare Betonklötze ersetzt. Hinunter zum Parkplatz und zur alten Bushaltestelle.

Peterlee
Schon ist der lange Tage fast wieder zu Ende, doch bevor es zurück nach Newcastle geht, will ich noch Peterlee sehen. Fast siebzehn Uhr. Das College ist leider schon zu, keine Chance noch einen Englischkurs zu erwischen. Auch die Läden auf der furchtbaren Einkaufsstraße sind dicht. Aber darüber ist ASDA. Keine Stunde in Peterlee ohne ASDA zu sehen. Auch des Hungers wegen. Und inzwischen gibt es sogar sowas wie ein Café für warmen Tee.

Eine Runde ums Zentrum; viel gab es schon damals nicht und so auch jetzt nicht wiederzusehen. Nur ist die Sonnen inzwischen allein am Himmel und ich will das Meer sehen; wohin gehe ich da: zu den Zeugen Jehovahs auf dem Hügel über der Stadt. Auf dem Friedhof nebenan setze ich mich doch für eine halbe Stunde und schaue aufs Wasser. Sechs große Frachter, zwei Fähren, liegen fast regungslos da. Ein drittes Mal am Meer, wieder an der anderen Küste als vorher.

Zuguterletzt erklingt hinter mir eine wohlbekannte Melodie. So gehe ich den Eiswagen jagen. Im verwinkelten Wohngebiet hinter mir trennt uns immer eine Ecke. Aber sein Glockenspiel verrät ihn. Und so sehe ich nach sechs Jahren zum ersten Mal den Eiswagen.

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