Sonntag, 21. Februar 2021

Nacht und Tag

Otto ruht also zur Schlafenszeit an meiner Schulter. Gähnt und ist müde. Wäre alles so schön. Aber einige Tage nach dieser Neuentwicklung ging es los. Totale Trennungsangst. Wachte viermal pro Abend auf, eh wir überhaupt ins Bett kamen. Dann die ganze Nacht Panik; schlafen nur mit beiden Händen in meinem Gesicht, ganz nah an mir. Kann man natürlich nicht schlafen. Das schlaue Babybuch sagte, diese Phase dauert vier bis sechs Wochen. Ich: totale Katastrophe; kann doch nicht wahr sein; zwei Monate schlechter Schlaf und jetzt wird das noch schlimmer; die Reserven sind einfach alle. Aufstehen, Baby hüten, Arbeit, Baby ins Bett, Haushalt, dreimal Baby beruhigen, ab ins Bett, die ganze Nacht Baby festhalten, aufstehen, das gleiche von vorn. Ausgerechnet am Valentinstag war ich richtig depressiv, nachdem ich die gesamte Nacht wach gewesen war. Wenn ich ehrlich bin hatte ich zeitweise einfach Angst vor der Nacht wenn ich dran war. Und was vorher schon sehr schwierig war wurde jetzt unmöglich, u.a. jeder Kontakt nach Hause. Telefon, Briefe, Tagebuch, konnte man alles vergessen. Mit den Abenden verschwand auch die einzige Zeit, wo ich mal Zeit für Ellie hatte. Wir haben abwechselnd Otto beruhigt, und irgendwann viel zu früh musste einer endgültig ins Bett.

Ein paar Nächte habe ich mich einfach gehen lassen; aufs Sofa und Gehirn ausgemacht wenn ich konnte. Telefonate abgesagt, Aufgaben ignoriert, nur noch bunte Unterhaltung. Ich hatte schon einen frustrierten Artikel fertig geschrieben. Dann schien sich alles wieder einzupendeln. Und jetzt ist unklar wohin die Reise geht und wielange.

Die Tage dagegen wurden damals schon immer schöner. Otto wird kuschelig. Manchmal legt er sein Gesicht einfach mit der Wange auf eine weiche Oberfläche. Hält sich viel enger an mich wenn ich ihn trage; Ärmchen um meinen Hals. Er liebt es wenn beide Eltern da sind (meistens eine Seltenheit). Nach einer ordentlichen Nacht trägt der Diensthabende ihn ins Gästezimmer, wo wir alle zusammen sein können. Frühstück kriegen wir meistens auch zusammen hin. Vorher nehme ich ihn eine halbe Stunde raus, meist auf den Spielplatz. Das ist viel einfacher, seit es wärmer geworden ist. Auch den Garten kann man ihm jetzt wieder zeigen.
Er wird kommunikativer. Bezieht uns manchmal aktiv in sein Spiel ein. Er brabbelt viel vor sich hin, erkennt sehr viele Worte, versucht andere zu kopieren. Inzwischen sind wir uns sicher, dass Mama und Dada für uns stehen, wenn auch Dada beide Eltern meinen kann. Er ist dabei momentan besonders auf mich bezogen. Wenn es nach Otto ginge würde ich ihn den ganzen Tag zu Sachen tragen, die er anfassen will.

Ich weiß nicht wirklich ob Tag oder Nacht überwiegt.

Mittwoch, 10. Februar 2021

Einmal hält besser

Vor einer Woche hat Otto plötzlich etwas gemacht, was er noch nie gemacht hatte. Als wir ihm abends nach dem Baden Gutenachtlieder vorsangen, lehnte er seinen Kopf an meine Schulter und brabbelte froh und müde vor sich hin. Bisher hatte er dieses Ritual immer gehasst, war aufgekratzt und hat seinen Kopf in alle Richtungen verrenkt. Im Anschluss schlief er dann allein mit etwas Streicheln ein, statt der Stunde bei uns im Bett, wie es seit drei Wochen die Mode gewesen war. Man versucht ja, sich nicht gleich Hoffnungen hinzugeben. Die folgenden Tagen waren dann auch nicht das gleiche. Aber irgendwas bewegt sich mal wieder im Ottokopf. Er braucht immer noch sehr viel Körperkontakt und scheint Trennungsängste zu haben. Und er weint manchmal ohne erkennbaren Grund los und ist gar nicht gerne in Kinderwagen oder -träger.


Im gleichen Zeitraum begann er zunehmend nur noch einmal am Tag zu schlafen, dafür aber etwas länger. Scheint seinen Nachtschlaf im Durchschnitt einfacher zu machen. Ich hatte auch langsam die Nase voll davon, wie die Nächte seit gut zwei Monaten ablaufen.


Er kann mehr oder weniger stehen und an unseren Händen laufen, aber wir haben das Gefühl, dass er meistens einfach zu faul ist. Viel lieber krabbelt er zu mir und will getragen werden. Er spielt mit seinem allerersten Ball und versucht ihn möglichweise auch in unsere Richtung zu rollen. Am allerliebsten mag er aber das Spiel, wenn sich Papa flach auf den Bauch legt. Dann steckt Otto Hände und Mund in meine Haare, krabbelt dann auf meinen Rücken und legt seinen Kopf flach hin wie in Schlafposition. Wir haben einige besonders schöne Spaziergänge am Meer gemacht, als mal die Sonne schien. Sein Blick ist scharf und vor allem auf Straßenlaternen gerichtet, sowie auf Vögel und Hunde.

Alles in allem war ich diese letzte Woche aber wieder ziemlich fertig. Liegt nicht zuletzt an dem Gefühl, dass meine Tage alle gleich aussehen und abends, wenn ich etwas frei haben, fast nie zu "besonderen" Dinge komme, und sei es nur ein kurzer Brief an jemanden. Meistens gucke ich in letzter Zeit abends ARD Märchenfilme, die ich bisher als Hörspiel kannte. Schöne Landschaft, schöne Kostüme, es geht immer gut aus und dauert nicht lange, dafür reicht es bei mir noch.

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass ich schon vor ein paar Wochen Uropas Kriegstagebuch fertig editiert hatte. Ich hatte es etwas leserlicher und leichter zu durchsuchen gemacht. Ist weiterhin online verfügbar.

Ich hatte noch immer keine Gelegenheit unser neues Auto mal zu fahren. Dafür ist es Ellie tatsächlich gelungen, das alte zu verkaufen. Sie hatte inseriert, dass der Motor repariert oder getauscht werden muss, und innerhalb weniger Minuten hatten wir zwei Interessenten, die es auch noch abholten. Bringt uns mehr Geld als Verschrottung. Hätte ich vorher nie geglaubt.

Samstag, 30. Januar 2021

Geistesfahrt

Als ich also vor drei Wochen nach Fareham zum Zahnarzt fuhr, bemerkte ich beim Parken eine Menge weißen Rauch aus dem Auspuff. Ich rief die Feuerwehr, die auch nach drei Minuten um die Ecke bog und einen Brand ausschloss. Der Abschleppdienst brauchte geschlagene drei Stunden und sagte, das lohnt sich nicht zu reparieren. Die haben mich aber zum Glück noch nach Hause geschleppt. Dafür habe ich den längsten Spaziergang seit Ottos Geburt gemacht, bei Sonnenschein und ohne Ziel, durch ein völlig biederes englisches Wohnviertel, ein echtes Erlebnis wie in den ersten Tagen auf der Farm.

In den folgenden Tagen hat uns Ellie in Windeseile einen Hyundai i10 organisiert. Online gefunden, Testfahrt bestellt, gekauft - ich musste nur noch bezahlen, das ist Service. War auch nötig, denn in einem Monat muss Ellie wieder arbeiten, und Otto drei Tage die Woche zur Tagesmutti fahren. Die erwartet inzwischen für den August selbst wieder ein Kind; gucken wir mal wie es dann mit der Betreuung aussieht.

Otto hat in der Zeit ebenfalls einen Gang zugelegt. Nicht nur weil er übt vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen (wenn er will und man ihn festhält). Er feilt auch an den ersten Worten; Papa und Mama erkennen wir schon, auch wenn sie anders klingen. Ich bewundere sein Gleichgewicht und Fingerfertigkeit. Diese Entwicklung wirft wie auch die vorigen Phasen seinen Schlaf völlig durcheinander. Vorbei die glorreiche Zeit, wo er jeden Abend fast sofort ein- und dann fast durchschlief. Jetzt schläft er nur noch ein, wenn man ihn ins Bett holt und festhält. Oder aufsteht und ihn wiegt. Oder beides abwechselnd. Aber nicht einfach im Bett. Und er wacht wieder auf, meist bevor wir selbst im Bett sind, und dann schläft er nur noch in unserem Bett. Zwar ohne großes Theater. Aber der eigenen Schlaf ist nicht toll. Kann man nichts machen. Muss man durch.

Alles in allem reagieren wir ganz robust. Mein Wohlbefinden hing aber auch immer wieder durch. Mit den Schlafschwierigkeiten ist der Abend noch kürzer; in den letzten Wochen schien mein Leben manchmal doch ziemlich monoton. Nach der Arbeit bringt man Otto ins Bett und wenn man dann "frei" hat, bleibt noch sowas wie anderthalb Stunden, wo man man sich entscheiden muss, dringende Haushaltsarbeiten zu erledigen, sich dringend draußen zu bewegen, dringend andere Aufgaben wie das Auto zu erledigen, oder etwas Zeit mit Ellie zu verbringen und sich zu entspannen.

Ich denke aber auch, dass ich inzwischen die soziale Isolation durch Kind und Lockdowns spüre. Und nicht zuletzt einen Mangel an Tageslicht. Denn meistens komme ich genau eine halbe Stunde aus dem Haus, zu mehr reicht es nicht. In den letzten Tagen hatte ich die Freiheit früher Pause zu machen und mit Ellie und Otto spazieren zu gehen. Das war wunderbar, aber ob es so weitergeht kann man nicht sagen. Ich hatte nach Weihnachten angefangen Bücher zu lesen, aber dafür fehlt mir schon wieder die Muße und Zeit. Dafür höre ich viele Märchenhörspiele aus dem deutschen Radio. Ursprünglich für Otto rausgesucht, inzwischen für mich selbst.

Das spüre ich auch daran, wie mein Geist wieder auf Reisen geht. In jeder halbwegs ruhigen Minute entschwebt er auf lang vergangene Ausflüge und Orte. Vorgestern stand ich plötzlich in der Küche meiner Wohnung in Torun, und es kamen nicht nur Bilder sondern das spezifische Gefühl dieses Sommers zurück. In den letzten Tagen ziehe ich mir dagegen reihenweise Videos rein wie Leute im Harz wandern. Und ich tagträume dort irgendwann mit Otto durch die Wälder zu ziehen und ihm Sagen zu erzählen. Woran ich dann immer wieder denke: über die ganzen Jahre meiner Wanderungen habe ich implizit immer gedacht, sollte ich mal Partner und Familie haben, zeige ich ihnen meine vielen Stationen als Orte, die in meinem Leben noch eine aktive Rolle spielen würden, wo ich nicht nur Tourist wäre. Inzwischen ist mir klar, dass das nie so passieren wird. Dass das keine aktuellen Orte mehr sein werden. Sondern nur Geschichten, die Papa aus seiner Jugend erzählt.

Meine Arbeit ist anstrengend - viele Projekte auf einmal, Fristen verschieben sich, ich verliere oft die Übersicht; ich muss meinem Team einiges beibringen. Aber ich schaffe das ab und zu auch und langfristig merkt man das auch. Es ist aber noch ein weiter Weg.

Freitag, 15. Januar 2021

der neueste Stand

Anfang Dezember hatte ich zu schreiben begonnen, wie ich dieses Jahr unerwartet mehr und nicht weniger Advent verspürte als in der Vergangenheit. Aber dann wurde die Kinderpflege immer mehr Arbeit und inzwischen bin ich wieder an dem Punkt, wo ich gar nicht mehr versuche abends noch etwas zu schaffen. Einen Brief nach Rostock habe ich drei Wochen lang geschrieben bevor ich aufgab und ihn unfertig abschickte.
Mitte Dezember begann Otto sind an allen möglichen Sachen hochzuziehen und seine Betreuung wurde ziemlich anstrengend, weil man praktisch ständig die Hände um ihn halten musste, falls er umfiel. Er tat sich trotzdem ständig weh. Bis Anfang Januar hatte er dann aber erstaunliches Gleichgewicht entwickelt. Er erkundet aber weiterhin zielstrebig alle Gefahren eines Haushalts.
Anfangs und Mitte Dezember wuchsen ihm noch ganz viele Zähne.
Gleichzeitig verschob sich sein Schlaf. Er wacht nachts immer länger auf und ist immer schwerer zum schlafen zu bringen. Er steht meistens einfach am Rand seines Bettchens, zweifellos die Augen geschlossen, der leuchtende Nuckel schwebt dann im Dunkeln. Er jammert dabei weniger. Aber er holt seinen Schlaf morgens nach, man steht später auf, dadurch verschiebt sich alles nach hinten.

Mitte Dezember hatte ich angefangen mir für  Otto beim Schlafengehen Geschichten auszudenken. Meine Stimme schien ihm einschlafen zu helfen. Inzwischen hat sich das wieder geändert. Aber das Erzählen hat mir Spaß gemacht. Meistens habe ich von Ausflügen und Reisen erzählt, von denen ich meißt ohnehin immer träume.

In diesen Wochen lagen Ellies Geburtstag, Weihnachten und Silvester.

Dieses Jahr war nicht die Zeit für große Geschenke. Ich wollte Ellie einmal einen Tag ganz für sich geben. Darum bekam sie eine Massage, etwas Zeit in den Geschäften und abends Essen nach Hause bestellt, während ich mich um Otto kümmerte.

Entgegen meiner Erwartung, Advent und Weihnachten nur eingeschränkt vorbereiten zu können, bin ich mehr in die richtige Stimmung gekommen als in der Vergangenheit. Nicht obwohl sondern weil wir ein Kind haben. Denn auch wenn die Zeit für Vorbereitungen sehr knapp ist sind wir doch jeden Tag zusammen zu Hause als Familie. Wir aßen in der Zeit mindestens einmal gemeinsam am großen Tisch, wo Platz ist für einen Adventskranz und -kerzen. Ich kredenzte Otto die richtigen Lieder und Hörspiele: Dresdener Kreuzchor mit Liedern, Güttler mit Bach, Orgel mit Bach, Oratorium von Bach, Weihnachtsgans Auguste,  der Nikolaus kommt in die Stadt etc. pp. Ich habe mir das alte Liederbuch "Wenn Weihnachten ist" besorgt aus dem ich Otto vorsinge und -spiele. Aschenbrödel wurden gezeigt. Zwei Keksdosen füllten und leerten sich periodisch. Wir hatten gleich zwei Adventskränze. Nur Adventskranzkerzenhalter sind in diesem Land nicht zu finden! (aber keine Sorge, kamen zu Weihnachten) Der Nikolaus besuchte Otto und Ellie.

Der Weihnachtsbaum war dieses Jahr kleiner und noch eingetopft. Einfach um Arbeit zu sparen. Im neuen Jahr kam er in den Garten wo er bleibt bis ich weiß was ich mit ihm mache. Am liebsten würden ich ihn irgendwo einpflanzen, schließlich lebt er ja noch. Nur wo in diesem Land mit wenig Wald und öffentlichem Land.
Heiligabend habend wir nachmittags unsere gegenseitigen Geschenke und die Pakete aus Deutschland ausgepackt. Nachdem Otto im Bett war hat uns noch ein Freund zum Abendbrot besucht. Der kam auch am nächsten Tag zurück, als wir englische Weihnachten feierten. Tonnenweise Geschenke für Otto.

Silvester wird hier drüben ja nicht groß begangen. Wir haben Dinner for One geguckt. Ich bin einmal zum Strand um nach Feuerwerk auf der Isle of Wight zu schauen. Aber Nebel lag über dem Wasser - wenigstens tönten später die Schiffshörner. Zu dem Zeitpunkt schlief Otto nachts schon wieder so schlecht, dass ich nicht mal daran dachte auf Mitternacht zu warten und später die wenigen Feuerwerker auf der Straße verfluchte.

Mein Wohlbefinden geht auf und ab. Das folgt mehr oder weniger Ottos Schlafgewohnheiten. Ich komme weiterhin nur einmal am Tag aus dem Haus. Seit Otto abends oft später ins Bett geht nehme ich ihn wenn möglich gleich morgens auf einen Spaziergang. Dadurch sehe ich zumindest auch mal das Tageslicht. Und früh ans Meer zu kommen hilft anschließend auf der Arbeit, die schwerer geworden ist. Meine Mittagspause nehme ich immer häufiger alleine, weil sich schlecht voraussagen lässt, wann Otto seinen Mittagsschlaf hält. Zum Glück ist er tagsüber relativ einfach zu betreuen, sonst hätte ich ein sehr schlechtes Gewissen Ellie gegenüber. Seit er mobiler ist und Sachen besser greifen kann beschäftigt er sich oft selbst und man muss ihn nur noch beschützen aber nicht unbedingt unterhalten. An guten Tagen ist es abends nach der Arbeit richtig entspannend mit ihm zu spielen. Man kann mit ihm kommunizieren, er erkennt viele Worte und macht Gesten nach. Es ist sehr schön ihn als aktive Person zu beobachten.
Ich als alte Person habe seit einigen Wochen wieder Probleme mit dem Ischias. Da ging in einer schwierigeren Nacht etwas kaputt als ich Otto aus seinem Bettchen hob.
Und heute ging zusätzlich unser Auto kaputt. War ich nach zum ersten mal seit über einem Jahr zum Zahnarzt gefahren, da ging wohl der Motor kaputt. Darum könnte ich auch endlich schreiben: seit drei Stunden warte ich auf den Abschleppdienst.

Sonntag, 29. November 2020

Routine und Windmühlen

Montag nahm ich mir frei und wir sind in das Dorf Halnaker gefahren, knapp über eine halbe Stunde Fahrt östlich, hinter Chichester. Ellie hat von einem besonders schönen Pfad einen Hügel hoch zu einer Windmühle gehört, der teilweise ein richtiger Hohlweg war, über dem sich die Bäume und Haselnussbüsche schlossen. Otto war begeistern ob der Natur, und er hat zum ersten Mal Esel gesehen, auch wenn ihm das natürlich nicht klar war. Wir waren begeistert, dass wir mit den Babyträgern in jedem Gelände laufen können. Ich war begeistert, immer mehr in die Natur zu kommen und sogar etwas ganz neues zu sehen. Oben vom Hügel hatte man einen Blick über die gesamte Südküste, was mir ein willkommenes Gefühl von Raum und Freiheit gab. Die blasse Sonne und kleine Vögel in den kahlen Büschen gaben mir zum ersten Mal ein Gefühl von Winter. Auf dem Rückweg schlief Otto fast im Träger an Mamis Brust ein; eine ganz neue Entwicklung die in uns beiden die Gefühle wallen ließ.


Unter der Woche hatte Otto mit wachsenden Zähnchen zu kämpfen. Aber er ist zum Glück häufig abgelenkt durch seine Stehversuche, die nur einige Tage nach erfolgreichem Krabbeln einsetzten. Am Sonntag sah er seinen allerersten ersten Advent. Dieses Jahr war die Vorbereitungszeit natürlich knapp, aber ich war sehr zufrieden, wie wir es begangen haben. Einen Adventskranz hatten wir noch am Vortag vom Gemüsehändler gekriegt. Gemüsehändler sind inzwischen meine bevorzugte Quelle für Kranz und Baum, weil sonst zuviel Schnickschnack dran ist. Noch schwieriger sind Kerzen und Kalender zu finden - letzterer wurde am Ende aus Deutschland bestellt. Aber Otto hat Kranz, Kerzenlicht, ordentliche Musik und auch ein erstes Plätzchen erfahren. Und während unser derzeitger Tagesrhythmus häufig nur Zeit für einen Ausflug am Tag lässt, freue ich mich, dass wir häufig morgens und mittags zusammen essen. Das war ohne Kind nicht so, weil wir da viel zu spät aufgestanden sind. Ich freue mich wirklich sehr, dass Otto tatsächlich die Traditionen mitbekommt, die ich irgendwann in mir tief verwurzelt gefunden hatte.

Erster Advent im Hafen. Eher wie Mai.


Wir haben außerdem seinen Kinderwagen mit einem leichteren Model ersetzt. Damit kann der alte Wagen jetzt endlich wieder zerlegt und verstaut werden. Es ist nämlich erstaunlich, wie klein dieses Haus geworden ist, seitdem wir Babyausrüstung haben. Der Wagen insbesondere hat grundsätzlich den Flur oder ein Durchgangszimmer blockiert. Mir macht es richtig Spaß, Sachen wieder wegzuschaffen.

Ich hatte in der Beschreibung unserer täglichen Routine unsere Schlaflieder vergessen. Die haben sich in den letzten Wochen zu einem festen Repertoir gefügt. Wir sinden drei englische und ein deutsches Lied. Nur ein deutsches, weil ich Otto noch mehr vorsinge, wenn ich ihn im Anschluss ins Bett bringe. Die Routine ist daher wichtig, weil sie inzwischen so tief sitzt, dass er dabei spürbar müde wird. Schließlich brauchen wir einen ruhigen Abend.

Sonntag, 22. November 2020

Ottomobil

Wir sind alle in großer Gefahr. Otto krabbelt. An einem Tag hatte er den Bewegungsablauf halbwegs unter Kontrolle, am nächsten guckt man einmal nicht hin und er ist im nächsten Zimmer. Selbstverständlich nutzt er seine neue Gabe allein um sich in Gefahr zu bringen. Heiße Heizkörper, Holzkanten, Kabel, wackelige Wäscheständer, alles wird auf kürzestem Wege angegangen. Die Katzen müssen noch weitere Umwege um Ottos begeisterte Klauen machen.

Ich muss also endlich das Haus sicherer machen. Ist nicht so einfach. Steckdosen sind abgedeckt. Bisher bin ich aber an der Anleitung für das Treppengitter gescheitert. Und überhaupt finde ich kaum genug glatte Fläche auf der uralten englischen Haustreppe.

Otto ist dadurch auch schwerer zu hüten. Wie ein Sack Flöhe. Das heißt leider auch, dass ich noch seltener Zeit zum Telefonieren nehmen kann. Und dann geht die Stimmung, so positiv die Entwicklung allgemein ist, auch ganz schnell wieder ins Loch wo die Gedanken darum kreisen, wie Menschen und Orte inzwischen fast nicht mehr ganz wirklich sind. Wenn ich Otto abends schlafen lege liege ich noch einige Zeit neben ihm im Bett in der Dunkelheit und lasse meine Gedanken schweifen. Häufig gehen sie nach Torun oder Rostock. Interessanterweise nicht auf die Farm oder Lodz wo ich länger gewesen war. Aber ich denke mir auch, dass diese Orte mir selbst nicht mehr so alltäglich wie immer implizit gedacht sein werden, wenn ich sie irgendwann endlich Ellie vorstellen kann.

Ansonsten hat Otto
  • richtig lange Haare, und zwar meine
  • bei der letzten Untersungung 11 Kilo gewogen (nicht 12,5 Kilo wie letztens geschrieben; unsere Hauswaage ist wohl nicht so gut). Damit ist er in den zwei schwersten Prozent aller Babys, aber aufgrund seine Länge wundert das auch niemanden
  • angefangen weniger Milch zu trinken. Auch das ist kein Wunder so wie er auf alles Essbare losgeht
  • einen ersten Zahn im Oberkiefer. Beißen ist jetzt nicht mehr unbedingt niedlich
  • eine kurze Schlafregression durchgemacht. Manchmal übt er im Schlaf immer noch Krabbeln. Dann sieht man seinen fluoreszierenden Nuckel leuchtend in der Nacht schweben
  • sein erstes Paket bekommen. Eigentlich für uns alle gedacht war es einfach zu schön zu sehen, wie er es mit seinen Händchen erkundete
An Wochenendetagen nehme ich Otto seit Kurzem morgens fast immer zum Spielplatz um der Ecke. Frische Luft für ihn und mich, und Ellie kann in Ruhe Frühstück machen. Unser Wochenend-Rhythmus sieht dann eher so aus, dass er etwa um 7 Uhr aufwacht, dann machen wir uns fertig, schaffen aber meistens kein Frühstück vor seinem ersten Nickerchen. Danach essen wir (eine der schönsten Entwicklungen in unserer Familie) und gehen vielleicht spazieren, dann ist wieder Schlafenszeit. Danach haben wir die größte Chance etwas richtiges zu unternehmen, z.B. einen Ausflug in die Region. Dieses Wochenende waren wir wieder im Dorf Buriton, was ich mit jedem Besuch noch schöner finde. Die Winterlandschaft unter den Buchenwäldern auf der Hügelkette macht mich richtig glücklich. Otto hat das erste Mal ein Pferd gesehen; sein eigentliches Interesse galt aber einem Papierkorb. Mich erinnert der Ort immer mehr an Pölchow bei Rostock, weil dort regelmäßig Züge aus einem Tunnel durch den Wald fahren. Mich hat das als Kind immer fasziniert; Otto sollte besser dasselbe tun. Wir haben einen richtig schönen Spielplatz direkt neben Wald und Gärten entdeckt, wegen dem wir in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger dorthin fahren werden.
Abends habe ich Otto Adventslieder von den den alten Schallplatten gespielt, die bei uns früher immer liefen.

Zuguterletzt haben wir endlich einen Hausmeister gefunden. Der hat unseren Ofen repariert und zwei Glühbirnenhalterungen gleich mit, die seit zwei Jahrne kaputt waren.


Morgens auf dem Spielplatz


Sonntag, 15. November 2020

papa post portas

Otto hat seine zweite Erkältung dann doch ziemlich leicht überstanden, und bisher haben sich auch seine Eltern nicht angesteckt. Überhaupt wage ich mich mal an die Behauptung, dass sich unsere Lage und Stimmung im Vergleich zu den erste Monaten verbessert hat. Ich spüre, dass ich mich leichter entspannen kann, dass ich Enttäuschungen besser aushalten kann und das wir regelmäßig einfach als Familie zusammen sein können, ohne das Gefühl eigentlich etwas ganz dringend erledigen zu müssen. Otto ist sehr viel aktiver und selbstständiger. Am 15. November hat er das Krabbeln nach langen Versuchen endlich hingekriegt. Und je besser seine Motorik, desto mehr kann er sich selbst beschäftigen, wodurch wir ab und zu mal kleine Pausen haben.

Diese Woche haben wir seinen Kinderwagen nach vorne gedreht. Otto kann es verkraften uns nicht mehr ständig sehen zu können und kriegt viel mehr zu beobachten, was ihn hoffentlich unterhält, denn besonders gerne war er noch nie im Kinderwagen.

Umso dankbarer sind wir, dass er seit einigen Wochen den Babyträger akzeptiert und sogar zunehmend mag. Wir haben einen zweiten für mich gekauft, damit wir die Träger nicht bei jedem Wechsel verstellen müssen. So kann ich ihn relativ schnell auf einen Spaziergang mitnehmen. Am schönsten ist es, mit ihm in der Mittagspause ans Meer zu gehen. Er mag die Wellen und Vögel, aber vor allem mag er Laternenpfähle gegen den Himmel zu sehen. Leider finde ich es seit meiner Beförderung schwierig genug Zeit für solche Ausflüge zu finden. Die Unmengen Besprechungen und Ottos Schlafrhythmus lässt fast nie die Stunde, die ich brauche. Dadurch komme ich letztens sehr selten aus dem Haus. Werde schon etwas komisch im Kopf, wenn ich drei Tag meine Beine nicht benutzt habe. Wenn es dann am Wochenende auch noch regnet so wie jetzt, muss ich schon wieder aufpassen, dass nichts durchbrennt.

Letztes Wochenende dagegen war eine Freude. Sonntag sind wir mit Ottos endlich mal ins Umweltzentrum gefahren, also das mit den Jurten. Streng genommen war er schon zwei Mal da gewesen, aber noch vor seiner Geburt. Es war ein diesiger Tag, wenige Leute unterwegs, man hatte den Wald für sich. Der klang vor lauter Vogelgesang und ich bin wirklich glücklich, wie aktiv Otto das alles aufnimmt. Ein Wochenende dort mit Kind war schon seit Jahren eine unserer häufigsten Vorstellungen. Mir liegt viel daran, ihm das Naturerlebnis mitzugeben, dass für mich in Brandenburg immer selbstverständlich gewesen war.

Ottos Schlaf ist seit einiger Zeit auch relativ verlässlich und einfach. (Ich sage das mit aller Vorsicht, denn bisher hat es sich nach jeder Feststellung wie dieser sofort verschlechtert.) Abends schläft er meistens fast sofort ein; allerdings ist der Nachtschlaf diese Woche nicht toll gewesen und ich habe nach meinen Schichten verdammt durchgehangen. Tagsüber schläft er seit Kurzem ein, indem er sich zur jeweiligen Person dreht, durch die Stäbe des Bettchens die Hand hält und uns in die Augen blickt. Seine fangen dann irgendwann an zuzufallen.

So ewig wie es mal weg schien, denken wir jetzt zunehmend über das Ende von Ellies Mutterschaftsurlaubs nach. Sie will wenn dann nur Teilzeit arbeiten. Im Idealfall kommt sie sowieso zu mir ins Amt. Dann könnten wir zusammen hier zu Hause arbeiten. Ellies Freundin hat bestätigt, dass sie Otto drei Tage die Woche betreuen wird. Das ist schon mal eine große Erleichterung.

Ich habe die Geschichte von Aladdin aus 1001 Nacht gelesen. Sehr merkwürdig. Außerdem habe ich meinen Mosaikband vom Geburtstag ausgelesen. Brauche also den nächsten, die Abenteuer am Bosporus beispielsweise... Momentan lese ich jeden Abend ein paar Seiten über die Geschichten des antiken Europas.

Schließlich schlaucht mich meine Arbeit momentan ganz schön. Einmal weil ich deswegen nicht viel aus dem Haus komme. Zweitens sind die ganzen Besprechungen anstrengend, weil ich meistens keine Ahnung habe worum es geht. Und ich habe erst jetzt Zugriff auf die notwenigen Systeme, wodurch mir bisher ein Gefühl von echtem Fortschritt fehlt.