Montag, 17. September 2018

Programmansage

Mitte September bin in zur jährlichen Konferenz der britischen Gesellschaft für Bevölkerungsstudien gefahren. Während sie prinzipiell in verschiedenen Orten stattfindet, ist sie alle zwei Jahre an der Universität Winchester. Unter anderem, weil das nah an unserem Büro ist, wo die wichtigsten demografischen Statistiken hergestellt werden. Es macht also Sinn möglichst viele von uns dabei zu haben. Ich war zum dritten Mal da und hatte gleich zwei Vorträge. Einer davon betraf ein Projekt, dass ich seit Ende letzten Jahres halb privat führe und eine Vorstellung wert ist, weil es ein Faktor in meiner Zeitnot ist und einige Frustration mit meiner Arbeit illustriert.

Mein Programm
Als Statistiker mögen wir empirische Beweise. Unter anderem hätten wir gerne konkrete Belege, ob unsere Daten wirklich Einfluss auf Entscheidungen haben, insbesondere in Verwaltung und Politik. Aber während wir jeden Morgen eine Zusammenfassung von Nutzung oder Erwähnung in der Presse erhalten, gibt es nichts vergleichbares für tatsächliche Entscheidungen. Andererseits veröffentlichen die Ministerien und Ämter ihre politischen oder Forschungsberichte auf einer zentralen Webseite. Darin zitieren sie die konkreten Datensätze, die sie benutzen. Ich habe darum ein Programm geschrieben, was diese Berichte öffnet, nach Datensatznamen durchsucht und jeden Treffer zusammen mit dem Namen des Ministeriums, dem Veröffentlichungsdatum und dem Dokumententyp aufzeichnet. Damit kann man verfolgen, ob ein Datensatz benutzt wird, wenn ja von wem, zu welchem Zweck und ob die Nutzung zeitlich zu- oder abnimmt.
Mir wurde für diese Idee etwas Zeit in einem informellen Projekt gegeben, aber den Großteil der Arbeit habe ich zu Hause aus eigenem Interesse gemacht. Das Programm zum Beispiel habe ich vor allem letztes Jahr über Weihnachten geschrieben.
Meine Vorstellung war, dass sowohl unteres als auch oberstes Management das als Leistungsbeweis benutzen können, oder zumindest konkrete Beispiele haben, wofür die Daten nun im Einzelnen benutzt werden. Ich habe aber nur wenig Interesse gesehen. Ein Grund dafür ist vermutlich, dass man auf höheren Stellen weniger Zeit hat, diese Daten auszuwerten. Darum habe ich ein zweites Programm geschrieben, mit dem man im Internet grundlegende Analyse mit ein paar Mausklicks machen kann. Das habe ich auf der Konferenz vorgestellt und dort großes Interesse gefunden. Diese Woche habe ich diese Seite mit Kollegen geteilt.
Da alle Daten öffentlich zugänglich sind, kann sich auch jeder diese Webseite angucken. Oben kann man einen Datensatz auswählen (ich selbst arbeite an den Estimates of the Very Old) und die ersten drei Graphen zeigen dann Nutzung nach Jahren, Veröffentlichungsdatum und Ministerium. Ganz unten kann man umgekehrt ein Ministerium auswählen und dann sehen, welche Datensätze es benutzt.

Ich persönlich vertrete stark die Meinung, dass jeder Analyst heutzutage programmieren können sollte. Außerdem sollten wir alle die diversen kleinen und großen Hilfswerkzeuge kennen, die überall und gratis und in ständig neuer Form verfügbar sind. In den letzten Monaten war ich zunehmend frustriert, weil es so schwierig ist die Zeit zu finden auf dem laufenden zu bleiben, geschweige denn erstmal auf das Laufende zu kommen.

Der Sankt-Katharinen-Hügel
Im Anschluss an die Konferenz konnte ich übrigens noch den Katharinenhügel in Winchester besuchen. Das ist eine prominente Erhebung am Stadtrand, direkt gegenüber des Heiligkreuzspitals, wo ich schon mehrmals gewesen war. Auf einem Besuch im letzten Jahr hatte der Hügel mit seinem kleinen Buchenhain wie ein Steinzeitheiligtum ausgesehen - und in der Tat war es damals eine befestigte Siedlung. Die Normannen bauten später eine Kapelle zwischen diesen Buchen.


Das Heiligkreuzspital vom Hügel aus gesehen.

Auto immobil

Anfang September war Ellies Oma väterlicherseits gestorben. Am 14. September waren wir daher zu meiner ersten Beerdigung nach Kent geladen. Wir blieben drei Nächte bei Ellies Schwester in Canterbury, mussten aber zum Krematorium nach Tunbridge Wells, 80 Minuten Fahrt entfernt. Als erstes sprang unser Auto nicht an. Nach drei Stunden Fahrt am Vortag war die Batterie über Nacht spontan gestorben. Dann fanden wir heraus, dass das Auto der Schwester einen Platten hatte. Also konnten wir nicht fahren.

Starthilfe
Wir hatten Glück im Unglück und der britische ADAC kam fast sofot und verkaufte uns eine neue Batterie. Zwar war es da schon zu spät für die Beerdigung, aber Ellies Vater war trotz Sorgen der Schwestern nicht böse. Wir fuhren zum traditionellen Pubfamilientreffen, im kleinen Ort Cranbrook, wo praktisch die ganze Familie herkommt. Alle Großeltern wohnten oder wohnen da. Vater Howlett lebt dort, Mutter Howlett im Nachbarort. Das hatte mir Ellie vermutlich fünf Jahre lang erzählt, aber so wirklich habe ich das erst vor Ort registriert. Und das Städtchen ist richtig hübsch, wie viele in Kent; an sich wie in der Uckermark. Zum Glück erzählen Ellie und ihre Schwester immer wieder vom wirklichen Alltag dort.

Familienfeier
Neben der Trauer um ihre Oma hatten sich beide Schwestern in typischer Familienmanier etwas vor der Feier gefürchtet. Ich dagegen vermutete zu Recht, dass das alles ganz nett werden würde und habe mit meinem kontinentalen sozialen Charm und Interesse an den Leuten und ihrem Leben einen super Eindruck gemacht. Besonders interessant fand ich Fotos aus dem Leben der Oma, mit einigen aus den Dreißigern und Vierzigern, mit Szenen aus dem Alltag einer Arbeiterfamilie in einer Hopfenregion. Später brach ein Onkel zusammen und kam ins Krankenhaus. Aber zum Glück war eine ausgebildete Ersthelferin unter den Gästen und auf dem Weg in den Krankenwagen machte er gute britische Witze über sein Herz, sodass alle wieder guter Stimmung sein durften. Insbesondere Ellies Vater hat sich sichtlich gefreut, beide Töchter zusammen zu sehen. Die Schwester trifft sich, bisher jedenfalls, ungern mit der Frau des Vaters, was zusammen mit den weit auseinander liegenden Wohnorten gemeinsame Treffen schwer macht. Nach der Feier trafen wir zu dritt noch Ellies Mutter, und ich hatte auch etwas Zeit allein durch den Ort zu wandern und die Kirche zu besichtigen. Bin jetzt bereit Ellie dieses Wissen ungefragt weiterzugeben.

Burg Walmer
Samstag sind wir drei zur Burg Walmer an der Westküste gefahren. Das liegt an der engsten Stelle des Ärmelkanals, wo man tatsächlich die französische Küste sehen kann. Deshalb wurde es zusammen mit anderen Befestigungen gebaut, um die Katholiken von der Insel fernzuhalten, nachdem Heinrich VIII. sich losgesagt hatte. Als Küstenfestung sieht die Burg sehr ähnlich aus wie die in Southsea, also ziemlich klein, rund und unspektakulär, hat aber tolle Blicke über das Meer und sehr schöne Gärten. Man könnte auch in die Geschichte der sogenannten Cinque Portes, also der Fünf Häfen abgleiten, einer Art lokaler Hanse mit vorübergehend großer Macht.

Abtei St. Augustin
Bevor wir Sonntag abfuhren, sind wir auf meinen Wunsch nochmal durch Canterbury gelaufen. Vielleicht lag es an der wunderschönen Herbstsonne, dass mir die Stadt noch nie soviel Spaß gemacht hat. Vielleicht auch weil mir die Altsadt inzwischen recht vertraut ist und etwas Torun erinnert. Jedenfalls wollte ich die Ruine der Abtei St. Augustin am Rand der Altstadt sehen. Einmal, weil dort dort im 6. Jahrhundert die allererste christliche Mission aus Rom siedelte und von dort die gesamte Christianisierung England ausging (zumindest die römisch-katholische), diverse Heilige da durchkamen und es natürlich zur berühmten Kathedrale von Winchester gehörte. Zum zweiten, weil man schließlich nach und nach alle Monumente einer Stadt ansehen muss, wenn man schon die Zeit hat. Weder Ellie noch ihre Schwester waren je da gewesen und beide mussten zugeben, dass es viel besser war als erwartet.

Am Ende des Wochenendes hatte ich weiterhin keine Beerdigung gesehen und das kann auch eine ganze Weile so bleiben. Aber ich komme inzwischen gerne nach Canterbury. Nicht nur ist Kent ein schönes Land, ich mag es auch, morgens und abends vor dem Haus zu sitzen und dem Wind durch die Felder zuzusehen, bis die anderen in die Puschen kommen. Man hat ja sonst nie Zeit.

Burg Walmer und Gärten.

Canterbury in der Herbstsonne

Schwestern in Abteiruinen

Ellie klettert auf die Abtei

Montag, 10. September 2018

Letzte Sommertage

Im August und September war die Arbeit größtenteils frustrierend und langweilig, während sämtliche Fortbildungsbestrebungen immer weiter aufgeschoben wurden. In den letzten Tageb aber ich habe ein für mich persönlich sehr wichtiges Projekt umgesetzt, das ich Mittwoch auf einer Konferenz vorstellen werde.
Dafür habe ich auch viel Freizeit investiert. Jetzt kann ich endlich wieder schreiben.

Spiele in Portsmouth
Am 18. August bin ich das erste Mal auf eine Spielemesse gegangen. Im großen Saal der Stadthalle konnte man den ganzen Tag Gesellschaftsspiele und alte Videospiele spielen. Das wurde in Portsmouth zum ersten Mal organisiert und ich hatte große Lust, einmal ganz viel Zeit und Mitspieler für längere Spiele zu haben. Man konnte Spiele kaufen, aber es gab auch einfach eine Bibliothek, aus der man sich Spiele nehmen konnte. So konnte ich endlich mal viele Titel ausprobieren, von denen ich sonst nur viel höre. Gefehlt hat ein System, Leute zusammen zu führen - ich war alleine gekommen und wollte mich Spielen anschließen, während andere sicherlich Mitspieler suchten, aber es war nicht einfach sich zu finden. Erst als ich später Bekannte traf, legten wir richtig los. Großer Spaß.

Wespen im Wald
Sonst spiele ich jeden Donnerstag mit Freunden, wo wir aber nicht soviel Zeit haben. Dafür teilen wir viele Interessen und tauschen gute Tips aus. Sie empfahlen mir ein Naturgebiet namens Kingley Vale nordöstlich von hier, und direkt nördlich des kleinen Ortes Bosham, wo ich die Woche zuvor radeln und auf einer Bootstour gewesen war. Dort zieht sich viel Wald über eine lange Anhöhe hin und man Stunden laufen. Man hat einige ganz tolle Blicke aufs Meer und die Kathedrale von Chichester, aber für Ellie ist das alles nichts. Einmal gab es keine Toiletten und dann wurde sie noch von einer Wespe gestochen, natürlich an der vom Auto am weitesten entfernten Stelle des Weges, während wir einen steilen Abhang runterrutschten.
Trotzdem haben wir es später noch nach Bosham geschafft. Dort habe ich Ellie an den teuren Häusern vorbei gefahren und gelernt, dass Häusergucken für sie Unterhaltung genug ist.

Boote in Bursledon
Anfang September habe ich Ellie Alt Bursledon gezeigt. Den alten und schönen Teil dieses Ortes am Fluss Hamble zwischen Portsmouth und Southampton hatte ich mit Mutti entdeckt. Auch dort gibt es schöne teure Häuser, die Ellie vermutlich gefallen würden. Vor allem aber haben wir zufällig die jährlich Regatta eines (der vielen) lokalen Bootsclubs mitbekommen. Das hat uns beiden sehr gefallen: für mich waren Regattas immer reiche Leute mit teuren Booten. Aber hier wurden einfach kurze Rennen für verschiedene Bootstypen auf dem Fluss veranstaltet, von Schlauchbooten über Kajaks und sogar einfach Schwimmen für Kinder. Und abends gab es Feuerwerk. Am besten war ein Karneval - Familien hatten Flöße zum Thema "Australien" gebaut. Wie Festwagen zum Karneval. Zwei schwimmende Grills waren darunter, ein Sträflingsschiff und ein Cricket-Feld. Ganz besonders hat mir gefallen, wieviele Kinder dort ganz selbstbewusst rumgepaddelt sind.

Boote in Chichester
Am Tag darauf bin ich mit meinen Spielefreunden auf dem Kanal von Chichester selbst Boot gefahren. Ich im Kajak, sie mit ihrer kleinen Tochter im Ruderboot. Ich habe gelernt, dass das Doppelkajak allein eigentlich noch mehr Spaß macht. Schneller und einfacher zu steuern. Während die anderen relativ früh umgekehrt sind, hat es mir richtig Spaß gemacht, etwas alleine weiterzufahren, leise an Enten ranzukommen und den Wind in den Bäumen zu hören. Im Anschluss sind wir dann noch einmal nach Bosham gefahren.

Blick vom Kingley Vale nach Süden zum Meer

Die Regatta in Bursledon. Wer sieht die Oper von Sydney?

Blick von Bursledon auf den Fluss und das Meer




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Ein Foto von einem kürzlichen Spieleabend. Wir bauen Eisenbahnen durch Europa. Die roten Waggons sind meine! Am Ende hat meine Verbindung von Lissabon bis nach Kharkov gewonnen.
Spieleabend - Tomas hat verloren

Am Wochenende darauf - Kajak auf dem Kanal von Chichester
Nachtrag - dieser Zufallsschnappschuss von der Tangoshow wurde mir erst letztens gegeben


Montag, 13. August 2018

Haus mit Maus

Während ich eines langen Sommerabends noch bei Dunkelheit draußen stand, habe ich gemerkt: wir haben Fledermäuser im Garten.

TurmTanz

Die Chilli Fiesta
Letztes Wochenende ist Ellies Bauchtanzgruppe wie jedes Jahr beim Chillifest aufgetreten. Das ist ein jährliches Festival mit Musik, Essen und Ständen für den allgemeinen Mittelklassebedarf. Dazu sind die Beete und Wiesen der gastgebenden Gärtnerei zugänglich. Im letzten Jahr waren wir mit Mutti dort gewesen.
Sie sind dort drei Tag in Folge aufgetreten und am Samstag bin ich hinterhergefahren, um mir das anzugucken und gut zu essen. Dazu hat sich Kalina aus Southampton angeschlossen, die ich dadurch das erste Mal seit dem Studium mehr als zweimal im Jahr gesehen habe. Wie immer war Ellie die beste Tänzerin und ich habe mit ihr mitgetanzt, beim anschließenden Salsa vor der Bühne.

Auf dem Spinnaker-Turm
Kalina ist mit uns nach Hause gefahren, weil wir abends zu einem großen Salsaabend im Spinnaker-Turm hier im Hafen von Portsmouth gegangen sind. Zum Salsa finde ich ja seit Jahren fast nie Zeit und auch wenn solche Veranstaltungen immer etwas albern sind, hat es Spaß gemacht, einmal mehrere Stunden auf ordentlicher Oberfläche zu tanzen. Die Oberfläche ist dabei zum Teil Glas in 100 Metern Höhe, weil auch die oberen Aussichtsplattformen genutzt werden, von denen eine einen Blasboden hat. Wie beim ersten Mal, als ich auf diese Party gegangen bin, hat mich die Aussicht von ganz besonders beeindruckt. Über die Stadt, den gesamten Hafen, die Meerenge und die Küstenlinie. Am besten gefällt mir, wenn unter uns eine Überseefähre ausläuft. Ellie ist noch nie da oben gewesen - werde ich mir merken.

Freiluftkino bei der Chilli Fiesta, damit die Kinder ruhig bleiben.

Im Gewächshaus


Und abends schick angezogen auf der Aussichtsterasse des Spinnaker-Turms 
Die Hafenfähre von oben


Die Überseefähre von oben. Wahrscheinlich die nach Saint Malo, mit der wir letzten September gefahren sind

Sonntag, 5. August 2018

1. August

Obwohl ich ja mehr Zeit habe als in der ersten Hälfte dieses Jahres, habe ich einige Sachen noch nicht berichten können:

Inzwischen habe ich ein funktionierendes Kajak. Ende Juli habe ich es mit Ellie auf dem Kanal von Chichester erfolgreich ausprobiert. Den kennen wir gut und er ist sehr flach und völlig still. Ih war positive überascht: Auf- und Abbau sind schnell, das Boot selbst auch, und zudem sehr manövrierbar. Ellie hat es auch Spaß gemacht! Und auf dem Kanal haben wir mehrere andere Leute mit aufblasbaren Kajaks getroffen. Zwölf Jahre nach meiner Tour auf dem Bug bin ich also eine coole sportliche Person mit eigenem Kajak! Jetzt fällt mir überhaupt mal auf, wieviele Kajaks man hier sieht. Am Strand hier sind praktisch immer welche.


In letzter Zeit lese ich auch wieder ein wenig. Ellies Mutter hatte mir ein ausgelesenes Buch dagelassen, einen historischen Roman über Sankt Dunstan, einen angelsächsischen Heiligen. Ellies Mutter hat solche Bücher schon immer gelesen; Ellie hat damit Lesen gelernt und hat sie selbst stapelweise hier. Darüber habe ich selbst einige Vorbehaltee gegenüber dieser Art Buch abgelegt - die ich nicht zuletzt hatte, weil ich mich meistens festlese. Auch Mutti hatte mir ein kleines Buch mit Weihnachtsanekdoten aus dem Leben einer Lychener Ärztin dagelesen. Die Einblicke aus ihrem frühen Leben im Erzgebirge und in der DDR haben mir gefallen, die späten Geschichten weniger.


Meine Arbeit ist momentan ziemlich anstrengend. Nicht nur ist viel zu tun, das meiste ist auch noch langweilig. Wenigstens kommt meine Fortbildung in Datenanalyse nach über einem halben Jahr Verzögerung endlich in Gang. Inzwischen war ich so frustriert (das war ursprünglich mein Plan B gewesen, nachdem ich letztes Jahr vom Aufbaustudium zurücktreten musste), dass ich mich an der Uni Portsmouth über einen neuen Studiengang informiert habe, der jetzt im Herbst das erste Mal losgeht und einige interessante Kurse hat, die ich separat machen könnte. Nur, falls diese Fortbildung sich als das falsche rausstellt - bisher hat mir der Veranstalter nur gesagt, wie toll er ist.

Ellie geht übrigens auch zurück an die Uni: sie beginnt im Herbst ein Aufbaustudium über Fortbildungen. Seit sie in ihrem neuen Team ist, also seit etwa einem Jahr, hat sie sich, nicht überraschend, als sehr gute Dozentin erwiesen. Ihr Kurs ist nicht ganz ein Master, ließe sich aber dazu ausbauen. Vielleicht werden wir also noch ein Studentpaar.

Während des englischen Halbfinales habe ich mein zweites Kajak zum Test aufgepumpt. Wie sich rausstellte, kann man darin auch wunderbar schlafen.



Einmal habe ich es geschafft, Kalina in Southampton zu besuchen. Sie hatte ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk für mich: eine bulgarische Tracht. Ich hatte ihre Mutter vor einigen Monaten gefragt, ob sie mir sowas aus Sofia schicken kann. Von einem Besuch in der Ukraine habe ich eine Schwäche für slawische Bauerntrachten mitgebracht. Daher auch die russische Tracht, die mir Ellie vor einigen Jahren geschenkt hat.

Mnogo dobre.

In der Bucht von Chichester

Am ersten Augustwochenende fuhr Ellie eine Freundin in Hastings besuchen, was mir eine der seltenen und gar nicht unwillkommenen Gelegenheiten gab, zwei Tage lang mal nur zu machen, was ich will. Ich wollte Schwimmwesten, damit wir das Kajak auch auf richtigen Flüssen benutzen können. Als wir es am vorherigen Wochenende auf dem Kanal von Chichester ausprobiert hatten, erzählten uns andere Leute (die ebenfalls ihr neues Kajak das erste Mal zu Wasser ließen), dass sie gebrauchte Schwimmwesten reduziert im kleinen Ort Bosham in der Nähe bekommen hatten. Also ging es dahin.

Nun ist Bosham ein sehr schönes kleines Dorf in einem kleinen Hafen in einer Ausbuchtung der Bucht von Chichester. In die mündet auch der Kanal von Chichester, aber weil diese Bucht so verzweigt ist und eher eher wie ein Flussdelta mit verschiedensten Armen und Seitenbuchten wirkt, ist einem an einer Stelle nicht unbedingt bewusst, dass das alles zum gleichen System gehört. Ich war also schon an verschiedensten Stellen der ganzen Ecke gewesen (Bosham ist eine der schönsten), aber erst an diesem Tag ist mir klargeworden, dass das alles zusammen gehört.

Die Schwimmwesten habe ich sofort gefunden, in einem Laden für alle aktiven Menschen, ob Radler oder Ruderer. Das sollte sich später als nützlich erweisen. Wo ich schonmal da war, wollte ich kurz nach Bosham selbst gucken und einige neue Wege erkunden. Zu der Stunde war das Dorf noch relativ ruhig und ob der Hitze versammelte sich alles im Schatten. Kinder standen in einem Bach unter Bäumen, Rentner malten daneben mit Ölfarben (Bosham ist mit seinem Hafen und der Kirche ein beliebtes Motiv in allen Souvenirläden). In der Kirche informierten sich deutsche Touristen. Wie Ellie und ich bei unserem letzten Besuch gelernt hatten, war Bosham vor über tausend Jahren beliebt bei sächsischen wie skandinavischen Königen; in der Kirche liegt eine Nichte von König Canut begraben, und Bosham ist auf dem berühmten Teppich von Bayeux als der Ort verzeichnet, von dem der letzte angelsächsische König in die Normandie aufbrach, wo er angeblich Wilhelm dem Eroberer zu seinem Nachfolger ernannte.

Dann folgte ich der Straße um den Hafen herum nach Süden, zum Hauptkanal der Bucht. Die heißen Salzwiesen erinnerten mich immer wieder an das direkte Hinterland der Ostseeküste. Recht bald entdeckte ich zufällig eine kleine Fähre über den Hauptkanal. Das war interessant, weil auf der anderen Seite, im Ort Itchenor, eine Bootstour der Bucht ablegt, die ich schon lange auf meiner ewig langen Aufgabenliste hatte. Itchenor hatte ich im Januar 2017 durchfahren, war aber nicht zum Hafen gekommen. Im Sommer ist das ein völlig anderer Ort, voller Boote und Menschen. Jeder mit einem Boot und einem Motor scheint im Sommer daraus Geld zu machen.

Die Bootstour führte langsam bis zum offenen Meer, wo an der Mündung der bekannte Strand von West Wittering liegt. Wie immer habe ich es sehr genossen, auf einem Boot zu sein. Insbesondere einem mit Dach. Die Ufer sind grün und voller Wege, die ich natürlich alle ablaufen muss. Am Horizont liegen die bewaldeten Hügel der South Downs, und im Moment goldene Felder. Der Wasserverkehr war unglaublich. Wie auf allein Flüssen und Buchten nahe am Meer ist alles voll mit den Masten von Seglern, und an dem Tag waren alle unterwegs. Dazu Scharen von kleinen Booten, insbesondere Kajaks - allein oder Gruppen von dutzenden. Keine Wunder: ich erfuhr, dass in der Bucht 14 Bootclubs liegen, und dazu diverse Segelschulen. In der Tat sahen wir mehrere richtige Rennsegler, und diverse Jugendlehrgruppen, die unter anderem übten, gekenterte Boote wieder aufzurichten. Ich vermute, die Kinder kommen aus den kleinen Orten am Meer mit den schönen, großen, alten, teuren Häusern. An diesem Tag war es wohl sogar noch relativ ruhig auf dem Wasser, weil viele Boote auf einer alljährlichen Regatta auf der Isle of Wight waren. Das ist eine große Sache, zu der Ausflugsboote aus Portsmouth rüberlaufen. Der Ostzipfel der Isle of Wight liegt am Ende der Tour sehr prominent am Horizont, während der Strand von West Wittering voller Menschen ist, in den Dünen und im Wasser, und im kleinen geschützten Bereich dahinter liegen mehreren Reihen breit die Boote der glücklichen Leute, wie sich keine Sorgen um einen Platz auf dem Autoparkplatz machen müssen. Dort vorne fährt sogar ein Eisboot rum - es wurde während der Fahrt an unser Boot gezurrt und Eiskrem rübergereicht. Übrigens gibt es in der Bucht von Chichester Robben, die sich an Menschen wohl gar nicht stören. Diesmal haben wir keine gesehen, aber es gibt auch spezielle Ausflüge.

Nach der Tour bin ich aus Itchenor einen der Wege am Wasser wieder Richtung Mündung gefahren. Dummerweise hatte mein Rad dabei plötzlich einen Platten. Vier Kilometer und eine Stunde Laufweg in der Hitze vom Bahnhof. Nach einer halben Stunde sah ich Bosham, inzwischen bei Flut und voller Menschen am Wasser, während ich schwitzte. Ich rief den Schwimmwestenladen an, weil ich es wohl nicht mehr vor Ladenschluss zu ihnen schaffte. Jetzte hatte ich ein Riesenglück: die Leute holten mit mir einem Lieferwagen ab, und reparierten auch noch mein Rad, kurz vor Ladenschluss. Das war das erste Mal, dass ich einem Laden im Internet eine Rezension und Trinkgeld hinterlassen habe. Immer gut, nette Menschen zu treffen.

Zu Hause war ich schwimmen und habe abends nochmal mein Teleskop zum Strand geschleppt. Im Moment stehen die Planeten günstig: Mars, Jupiter und Saturn im Süden, also direkt über dem Meer, ohne Gebäude im Weg. Den Mars hatte ich kürzlich das erste Mal gesehen, jetzt fand ich endlich den Saturn, klar mit Ring, wenn auch immer noch so klein, dass ich nur einen großen erkennen konnte. Der Jupiter steht dieses ganze Jahr wunderbar: diesmal sah ich vier Monde als kleine helle Punkte neben der großen Kugel.

Bosham bei meiner Ankunft: es herrscht Ebbe und Hitze.

Im Hintergrund die South Downs

die kleine Fähre nach Itchenor

Jeder Meter Wasser und Strand ist voller Boote

Auf der Bootstour.



Der Strand von West Wittering.
Das Eisboot legt an

Bosham als ich mein kaputtes Rad zurück schob