Montag, 17. September 2018

Auto immobil

Anfang September war Ellies Oma väterlicherseits gestorben. Am 14. September waren wir daher zu meiner ersten Beerdigung nach Kent geladen. Wir blieben drei Nächte bei Ellies Schwester in Canterbury, mussten aber zum Krematorium nach Tunbridge Wells, 80 Minuten Fahrt entfernt. Als erstes sprang unser Auto nicht an. Nach drei Stunden Fahrt am Vortag war die Batterie über Nacht spontan gestorben. Dann fanden wir heraus, dass das Auto der Schwester einen Platten hatte. Also konnten wir nicht fahren.

Starthilfe
Wir hatten Glück im Unglück und der britische ADAC kam fast sofot und verkaufte uns eine neue Batterie. Zwar war es da schon zu spät für die Beerdigung, aber Ellies Vater war trotz Sorgen der Schwestern nicht böse. Wir fuhren zum traditionellen Pubfamilientreffen, im kleinen Ort Cranbrook, wo praktisch die ganze Familie herkommt. Alle Großeltern wohnten oder wohnen da. Vater Howlett lebt dort, Mutter Howlett im Nachbarort. Das hatte mir Ellie vermutlich fünf Jahre lang erzählt, aber so wirklich habe ich das erst vor Ort registriert. Und das Städtchen ist richtig hübsch, wie viele in Kent; an sich wie in der Uckermark. Zum Glück erzählen Ellie und ihre Schwester immer wieder vom wirklichen Alltag dort.

Familienfeier
Neben der Trauer um ihre Oma hatten sich beide Schwestern in typischer Familienmanier etwas vor der Feier gefürchtet. Ich dagegen vermutete zu Recht, dass das alles ganz nett werden würde und habe mit meinem kontinentalen sozialen Charm und Interesse an den Leuten und ihrem Leben einen super Eindruck gemacht. Besonders interessant fand ich Fotos aus dem Leben der Oma, mit einigen aus den Dreißigern und Vierzigern, mit Szenen aus dem Alltag einer Arbeiterfamilie in einer Hopfenregion. Später brach ein Onkel zusammen und kam ins Krankenhaus. Aber zum Glück war eine ausgebildete Ersthelferin unter den Gästen und auf dem Weg in den Krankenwagen machte er gute britische Witze über sein Herz, sodass alle wieder guter Stimmung sein durften. Insbesondere Ellies Vater hat sich sichtlich gefreut, beide Töchter zusammen zu sehen. Die Schwester trifft sich, bisher jedenfalls, ungern mit der Frau des Vaters, was zusammen mit den weit auseinander liegenden Wohnorten gemeinsame Treffen schwer macht. Nach der Feier trafen wir zu dritt noch Ellies Mutter, und ich hatte auch etwas Zeit allein durch den Ort zu wandern und die Kirche zu besichtigen. Bin jetzt bereit Ellie dieses Wissen ungefragt weiterzugeben.

Burg Walmer
Samstag sind wir drei zur Burg Walmer an der Westküste gefahren. Das liegt an der engsten Stelle des Ärmelkanals, wo man tatsächlich die französische Küste sehen kann. Deshalb wurde es zusammen mit anderen Befestigungen gebaut, um die Katholiken von der Insel fernzuhalten, nachdem Heinrich VIII. sich losgesagt hatte. Als Küstenfestung sieht die Burg sehr ähnlich aus wie die in Southsea, also ziemlich klein, rund und unspektakulär, hat aber tolle Blicke über das Meer und sehr schöne Gärten. Man könnte auch in die Geschichte der sogenannten Cinque Portes, also der Fünf Häfen abgleiten, einer Art lokaler Hanse mit vorübergehend großer Macht.

Abtei St. Augustin
Bevor wir Sonntag abfuhren, sind wir auf meinen Wunsch nochmal durch Canterbury gelaufen. Vielleicht lag es an der wunderschönen Herbstsonne, dass mir die Stadt noch nie soviel Spaß gemacht hat. Vielleicht auch weil mir die Altsadt inzwischen recht vertraut ist und etwas Torun erinnert. Jedenfalls wollte ich die Ruine der Abtei St. Augustin am Rand der Altstadt sehen. Einmal, weil dort dort im 6. Jahrhundert die allererste christliche Mission aus Rom siedelte und von dort die gesamte Christianisierung England ausging (zumindest die römisch-katholische), diverse Heilige da durchkamen und es natürlich zur berühmten Kathedrale von Winchester gehörte. Zum zweiten, weil man schließlich nach und nach alle Monumente einer Stadt ansehen muss, wenn man schon die Zeit hat. Weder Ellie noch ihre Schwester waren je da gewesen und beide mussten zugeben, dass es viel besser war als erwartet.

Am Ende des Wochenendes hatte ich weiterhin keine Beerdigung gesehen und das kann auch eine ganze Weile so bleiben. Aber ich komme inzwischen gerne nach Canterbury. Nicht nur ist Kent ein schönes Land, ich mag es auch, morgens und abends vor dem Haus zu sitzen und dem Wind durch die Felder zuzusehen, bis die anderen in die Puschen kommen. Man hat ja sonst nie Zeit.

Burg Walmer und Gärten.

Canterbury in der Herbstsonne

Schwestern in Abteiruinen

Ellie klettert auf die Abtei

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