Kapitel 2 - Meine Mutter
Den größten Teil ihres Lebens kümmerte sich Großmutter um einen Witwer mit einer Familie von kleinen Kindern. Scheinbar konnte in diesen Zeiten jeder, der junge Kinder aufzuziehen hatte, einen Nachbarn bitten, ihm ein Mädchen für den Haushalt zu leihen. Manchmal bewarn sich der Mann beim Armenhaus auf eine Frau, dem man unter der Bedingung entsprach, dass der Mann das Rechte tun und die Frau heiraten würde. Einige machten dass, aber häufiger wurde die arme Frau nach einigen Jahren, wenn die eigenen Kinder des Manner und der toten Frau alt genug waren sich um sich zu kümmern, mit den Kindern von ihr und dem Mann auf die Straße gesetzt und sie hatte keine Wahl als zurück ins Armenhaus zu gehen. Im Fall meiner Großmutter blieb sie die Haushälöterin des Manner bis er starb. Sie hatte da selbst ein gutes Alter, mit drei Kindern, Kate - meiner Mutter - und zwei Jungs. Bis auf einen Ehering war sie seine Frau, aber als er starb wurde ihr nichts vermacht und sie endete ihre Tage in einem Spital.
Meine Mutter und ihre zwei Brüder gingen zu Uroma, die selbst verwitwet war. Jeden Tag half Mutter im Haus und arbeitete dann auf den Feldern mit den Jungs. Den Erzählungen meiner Mutter nach arbeitete sie von morgens bis abends und half dann im Haus während ihre Brüder aus waren. Das war zu der Zeit recht gewöhnlich. Ein Mädchen war einfach Mobiliar. Im Fall meiner Mutter musste sie für ihren Unterhalt arbeiten. Es war eine schreckliche Sache, dass ein außereheliches Kind sein ganzes Leben ein Stigma trug. Erst jetzt beginnt man es in einem anderen Licht zu sehen. Die Schande daran war, dass Mutter scheinbar eine gute Bildung erhalten hatte, bezahlt von einer Tante die sie auf eine Privatschule schickte. Die Tante war kinderlos wie es scheint und hätte Kate gerne bei sich leben gehabt, aber Mutter war für ihre Großmutter sehr nützlich und konnte schon in sehr jungem Alter Disteln jäten, Feuerholz hacken, den Waschzuber füllen und so weiter.
Jeden Montag war Waschtag und früh morgens musste Feuerholz angezündet werden, dass ihre Brüder im Winter gemacht und Mutter mit einem biegsamen Band gebunden hatten. (Das erfordert einen Trick den ich nie meistern konnte. Jedes meiner Bündel war lose und fiel leicht auseinander.) Freitags war Backtag, diesmal mehr Holz von kürzerer Länge, in einen riesigen Backofen getan.
Der Ofen musste mit Holz weißglühend geheizt werden, dann wurde die Asche rausgekehrt und dann begann das Backen. Das Backen der ganzen Woche wurde in einem Durchgang gemacht., Brot, Kuchen, Pasteten, alles. Alles wurde am gleichen Tag gemacht. Wie sie es im Sommer frisch hielten weiß ich nicht, aber sie hatte alle möglichen Sachen die wir heute mit unseren modernen Mittelchen nicht brauchen. Ich erinnere mich wie Tante Bea sagte man hätte Essen in eine wasserdichte Dosen und dann in den Brunnen getan. Diese Backofen waren richtig ökonomisch. Einmal heiß blieben sie heiß und Essen konnte in verschiedene Ecken für unterschiedliche Temperaturen geschoben werden.
Der Heizkessel war aus echtem Kupfer und wurde nach Gebrauch geputzt und poliert bis man sein Gesicht darin sehen konnte. Ich hatte so einen Kupferkessel und sie sehen schön aus wenn sie poliert sind. Heutzutage werden sie von Händlern gekauft und sind ziemlich wertvoll. Ich hatte einen als ich Hausmagd war. Darin wurde Feuerholz aufbewahrt.
Meine Urgroßeltern waren landlose Bauern, die von einem großen Gut bei Shadoxhurst bei Woodchurch einen kleine Hof mieteten. Sie mussten sich scheinbar sehr vorsichtig verhalten und den Gutsbesitzer in keiner Weise gegen sich aufbringen.
Zu dieser Zeit arbeitete Mutter auf den Feldern; sie befreundete einen jungen Mann, den Neffen eines der Landbesitzer im Dorf. Es musste ein Geheimnis sein, obwohl ihre Brüder eingeweiht waren. Wie alle solche geheimen Stelldicheins wurde es entdeckt. Meine Mutter erfuhr davon als der Landbesitzer zu ihrer Großmutter kam und verlangte, dass deren Enkelin nie wieder mit seinem Neffen sprach. Als Mietsbäuerin war sie nicht in der Position abzulehnen. Ohnehin war sie schockiert, dass es "vor ihrer Nase" geschehen war, wie sie sagte.
Bevor meine Mutter wusste was geschah wurde der junge Mann nach Rhodesien geschickt, während Mutter die Suppe auslöffeln und schließlich zugeben musste, dass sie schwanger war. Mutter sagte immer der Mann hätte sie wie versprochen geheiratet, aber ich bin mir nicht so sicher. Ich werde nie etwas anderes als Verachtung für meinen Vater übrig haben. Ich war einer der von meiner Illegitimät am meisten verletzten Menschen. Meine Urgroßmutter war außer sich. Es brachte Schande für das ganze Haus. Sie sagte, dass sie ihren Kopf vor Scham einzog wenn sie einen Bekannten traf. Ohne Zweifel tat sie dass, aber die Tatsache ist, dass sie ihre Tochter selbst weggeschickt hatte um mit einem Mann zu wohnen, seine Brut zu pflegen, im vollen Bewusstsein, dass der Mann drei Kinder und nur zwei Schlafzimmer hatte.
Ich denke viel dieser gerechten Empörung war schiere Heuchelei und ein Deckmantel ihrer eigenen Schuld in dieser ganzen traurigen Angelegenheit. Als Mutter sichtbarer schwanger wurde, wurde sie weggeschickt und sollte nicht wieder kommen. Das klingt heute furchtbar, wo die meisten Mütter ihrem Mädchen in so einem Fall beistehen würden. Damals kam so etwas häufig vor. Ich erinnere mich sogar wie eine Mitschülerin eines nachts rausgeworfen wurde und um zweiundzwanzig Uhr zur Union gehen musste. Die Eltern gaben später nach und nahmen sie wieder auf. Das Baby verschwand. Man sagte sie wäre an eine kinderlose Verwandte gegangen.
Mutter musste den langen Weg von Shadoxhurst zur Union in Tenterden gehen. Ich kann mir vorstellen welchen Aufruhr sie gefühlt haben muss als sie da lief, von jedem verstoßen, verachtet von denen die ihr hätten Mitleid zeigen können. Mutter sagte sie wollte den nächsten Teich suchen und es alles beenden. Je näher sie kam desto schlimmer fühlte sie sich. Sie dachte mit Schrecken was mit ihr geschehen würde. Ich selbst wache manchmal mit dem Gefühl auf, dass etwas schreckliches passieren wird. Es geschieht nie und jetzt nehme ich es gelassen, aber ich bin mir sicher es ist ein Erbe dieses Gangs, den meine arme Mutter an jenem Tag nach Tenterden machen musste.
Im Arbeitshaus arbeitete Mutter bis ich geboren wurde und durfte mich danach zum Füttern sehen. Ansonsten war ich in der Krippe mit Fan. Als ich älter wurde durfte Mutter mich nur einmal pro Woche sehen, aber ich erinnere mich nicht daran. Als der Sommer kam brauchte Urgroßmutter Mutter als Hilfe auf dem Hof weil einer der Brüder weggezogen war um als Stallbursche zu arbeiten. Mutter durfte dafür raus wenn sie mich mitnahm. Natürlich erinnere ich mich an nichts, nur daran, was ich aus Gesprächen mit meiner Mutter erfuhr.
Sobald die Ernte eingeholt war, wurde Mutter zurück ins Arbeitshaus geschickt. Im nächsten Jahr war es das gleiche und im nächsten, aber am Ende jener Saison bekam Mutter eine Stelle als Bedienstete am College in Wye. Ich blieb dieses Mal bei meiner Uroma. Mutter ging es dort gut und sparte eine ganze Menge Geld, das sie ihrer Großmutter für meinen Unterhalt gab. Arme Frau, sie konnte nicht gewinnen. Dort am College verstand sie sich gut mit einem Schüler. Sie hätte ihre Lektion beim letzten Mal gelernt haben sollen, aber ich vermute ein wenig Freundlichkeit ließ sie vergessen, dass der andere Mann sie im Stich gelassen hatte. Die Tatsache blieb, dass sie wieder schwanger war und der Schüler verschwunden.
Es war wieder die gleiche traurige Geschichte und sie blieb in der Union bis sie achtundsechzig war, als ich sie zu mir nehmen durfte. Ich hatte versucht sie zu mir zu holen sobald ich genug Platz für sie hatte, aber der Pflegerat erlaubte es mir nie. Als sie endlich kam war es zu spät. Da war sie schon institutionalisiert und in all den siebzehn Jahren, die ich sie bei mir hatte war sie niemals wirklich entspannt mit mir und behandelte mich als eine Art Autorität über sie.
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