Dorothy Hatcher
Das Armenhaus und der Weald*
Meresborough Books, 1988
Weald: Eigenname einer Hügellandschaft im Südosten Englands
Kapitel 1 - Das Armenhaus
Ich werde mich immer an Fan erinnern, eine kleine weise alte Frau mit einem Haarknäuel am Hinterkopf. Fan kümmerte sich um uns im damaligen Krippenteil des alten Armenhauses** von Tenterden. Ich bin mir sicher sie mochte uns auf ihre Art, musste aber Anweisungen befolgen die Kinder ruhig und artig zu halten. An der Wand war eine Notiz, die die Regeln der Kinderabteilung festlegte, wie ich später erfuhrt. Ich fand ihre Weise sich um die Kinder zu kümmern sehr anders als meine für meine Kinder später in meinem Leben.
**wörtlich übersetzt "Arbeitshaus" - Arme durften dort wohnen, mussten aber hart arbeiten. Im Deutschen klingt "Arbeitshaus" nicht.
Morgens aßen wir zuerst Frühstück; Haferbrei, Brot und Margarine. Ich erinnere mich nicht viel an die anderen Mahlzeiten. An das Frühstück erinnere ich mich wegen dem, was direkt darauf folgte. Jedes kleine Kind wurde aufs Töpfchen gesetzt und musste dort bleiben bis es seine Plicht getan hatte, und Wehe dem Kind das beim Morgenritual nichts vorzuweisen hatte - das hieß einen harten Klatsch auf den Hintern und ich erhielt oft diese Strafe.
In der Zwischenzeit bereiteten sich die älteren Kinder auf die Schule vor. Sie trugen alle die gleichen braunen Kleider, schwarze Mäntel und runde braune Hüte. Natürlich erinnere ich mich nicht an alles aus dieser Zeit, aber ich sah sie später vielmals. Eigentlich kann ich mich an überhaupt nicht viel aus dieser Zeit meines Lebens erinnern - ich war erst vier.
Ein Ereignis sticht jedoch heraus. Eines Tages wurde ich von Fan den Flur entlang zur Oberin genommen, was immer alarmierend war, denn das wurde als Bestrafung für jedes Missverhalten über uns gehalten. "Ich nehme Dich zur Oberin", sagte Fan an jenem Morgen, sodass ich etwas beunruhigt mit Fan ging. Sie hatte mit keinem Wort erwähnt, warum wir zu ihr gingen und natürlich befürchtete ich das Schlimmste. Aber als wir ankamen, lächelte die Oberin und sagte "Weißt Du, welcher Tag heute ist?" Natürlich wusste ich das nicht. "Dein Geburtstag" sagte sie und gab mir eine schöne Puppe. Sie hatte schöne Lockenhaare und braune Augen. Ich hatte so etwas nie zuvor gehabt. Ich hatte so etwas noch nichtmal gesehen. Ich erinnere mich, wie ich sie an mich drückte als ich vor der Oberin stand und sie weiter sagte, was sie zu sagen hatte. "Du bist jetzt vier Jahre alt", sagte sie. "Alt genug "nach draußen" geschickt zu werden." Das meiste ihrer Rede ging über meinen Kopf hinaus, aber ich wusste, dass Leute zur Tür der Krippe kamen und sich ein oder zwei Kinder ansahen und ein paar Tage später wurden die zum Zimmer der Oberin genommen und nie wieder gesehen.
Fan und ich gingen zurück in den Tagesraum wo sie sogleich meine schöne Puppe wegnahm und im Schrank einschloss, "damit sie sauber bleibt" sagte sie. I sie nie wieder und fand später heraus, dass sie der Reihe nach für jedes kleine Mädchen benutzt wurde; die Jungen hatten ein ihnen entsprechendes Spielzeug. Ich erinnere mich nicht meine Mutter je gesehen zu haben, aber das muss passiert sein, da die Regel war, dass alle "Insassen" erlaubt sein sollten ihre Kinder zu sehen, wenn welche im Haus lebten. Samstag waren Besuche erlaubt.
Eines Tages zog mir Fan meine saubere Schürze an und ich wurde zur Tür genommen, damit mich eine Frau sehen konnte, aber sie wählte das andere Mädchen und ich wurde wieder zurück in Krippe genommen. Das passierte noch einige Male bis ich eines Tages einem Mann und einer Frau vorgeführt wurde. Sie standen an der Tür und Fan sagte "Wir finden kein Haus die hier - sie ist so hässlich." Naja, ich habe nie über mein Aussehen nach Hause schreiben können und scheinbar war ich zu dieser Zeit richtiggehend hässlich. Die Frau und der Herr sahen sich aber uns beide an - ein anderes Mädchen war neben mir auch dabei - und wählten sofort mich aus. Dann ging ich nach oben zur Oberin, die sagte sie freute sich endlich ein Heim für mich gefunden zu haben.
Ich bekam einen neuen Satz Kleidung, jeweils zwei Stück, und ein paar Tage später wurde ich von meiner neuen Mutter abgeholt. Mir wurde gesagt Acht zu geben ein artiges Mädchen zu sein, sonst würde sie mich zurück bringen. Ich saß in einem Kinderwagen und wurde zu ihrem Haus in Smallhythe*** gebracht.
***5km von St. Michaels wo Ellie aufwuchs, und 13km von Cranbrook, wo der Rest der Familie wohnt und wir zur Beerdigung ihrer Oma waren)
Sie erzählten mir später, dass sie mich auswählten, mein Gesicht allein aus Augen und Nase zu bestehen schien und ich so ein lustiges kleines Dinge gewesen war. Sie waren sich sicher, dass sie genau so jemanden wie mich brauchten um ihr Heim zu einer vollständigen Familie zu machen.
Später erfuhr ich, dass das Paar gerade geheiratet hatte. Es war 1909. "Tante Bea", wie ich sie nennen würde, hatte ihr ganzen Leben als Krankenpflegerin gearbeitet. Sie zog einen Monat vor der Geburt eines Kindes in ein Haus und blieb einen Monat nach der Geburt. Ich hörte viele Geschichten, in welchen schönen Häusern sie gewohnt hatte und wo sie, als Pflegerin, von den Dienern bedient wurde und selbst keine Hausarbeiten machte. In der Folge wurde sie in ihrem eigenen Haus sehr unordentlich und schien immer in einem Durcheinander zu stecken.
Onkel Ambrose war ein viel älterer Mann, mindestens dreißig Jahre älter als seine Frau. Es war wirklich eine Komfortehe, denn beide brauchten Gesellschaft und keiner hätte im Traum daran gedacht außerehelich zusammenzuwohnen, also heirateten sie und entschieden sich ein Kind aufzunehmen, um es eine Familie zu machen.
Ich liebte dieses Paar bald und sie waren, für mich, meine Eltern. Onkel war ein alter Mann mit rosigen Wangen und Schnurrbart, der früher ein Ochsenführer in Sussex gewesen war. Still und immer sanft was auch immer ich tat hob er kein einziges Mal die Hand gegen mich und ich weiß dass ich es manchmal verdient hätte. Er hätte mit seinen rosigen Wangen und seinem buschigen Bart einen tollen Weihnachtsmann abgegeben.
Tante Bea war viel jünger, aber trotzdem recht alt um die Verantwortung für ein Kind wie mich zu übernehmen. Es kann nicht einfach für sie gewesen sein. Sie glich jeden Mangel mit ihrer großen Liebe für mich aus. Als ich älter wurde, verstand ich, dass sie von anderen als exzentrisch betrachtet wurde und das war sicherlich der Fall, aber sie zeigte mir zum ersten Mal in meinem Leben Liebe, eine Liebe, die ein ganzes Leben lang anhielt. Beide standen durch alle Geschehnisse meines späteren Lebens hinter mir - für mich waren sie immer meine Eltern.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen