Mittwoch, 17. Juni 2015

Muss ja

Radeln in Richmond
Am ersten Juniwochenende hatte ich einen Tag reserviert um endlich wieder was mit Mathieu zu unternehmen. Das ist zunehmend selten, seitdem er auch eine Freundin hat und sie in einer anderen Stadt wohnt. Ursprünglich war das als Tagesradtour in der Region geplant. Am Ende sind wir bis nach Richmond westlich von London gefahren, dort wohnt ein Freund, der mit auf dem Wochenende Anfang Mai in Exmoor gewesen war. Mit ihm sind wir erstmal entlang der Themse bis zum Hampton Palast geradelt. Dort war ich 2013 mit Kalina gewesen. Richmond ist ein schöner Ort und der Tag war sonnig. Viele Leute und viel Geld war zu sehen, eine wohlhabende Verwaltung hat das alte Kanalsystem gut ausgebaut für Boote und daran entlang sehr angenehme Wege. Erstaunlich gut gekleidete Menschen für England - Zeichen von guter Bildung und Einkommen. Sehr viel Volk aus aller Herren Länder, die aus den weniger schönen Teilen Londons kamen. Wir aßen in einem libanesischen Restaurant an der Themse, bevor wir zurück fuhren und mit den anderen Freunden vom Exmoor-Ausflug den restlichen Abend in einer Kneipe am Fluss verbrachten. Dann ging es mir aus dem Ruder, weil das Abendessen mal wieder viel zu lange dauert und wir erst gegen 23 Uhr zur Rückfahrt aufbrachen.

Sommerloch

Der Sommer ist in diesem Jahr bisher eine Enttäuschung, inbesondere nach dem langen Warten auf ihn. Nach dem ersten Eisbad Ende Mai sind weitere Versuche schrittweise erträglicher geworden, aber es fehlt die Sonne der letzten zwei Sommer, um danach auch am Strand bleiben zu wollen. Ein gutes Gefühl ist es hinterher trotzdem immer und ich bin auch nicht der einzige. Insbesondere alte Frauen sind immer ganz vorne mit dabei. Wenn ich nach der Arbeit auch nicht schwimme, gehe ich doch sehr häufig noch in ein Cafe am Meer, das seit einigen Monaten bis 20 Uhr öffnet. Das ist ein wirkliches Privileg, gerade nach der Arbeit. Die Konzerte am Meer laufen seit Ende Mai auch wieder, aber eins musste bereits wegen schlechtem Wetter abgesagt werden.

Bootnot

Umso bedauerlicher, da ich Mitte Juni mit Resturlaub ein langes Wochenende hatte (was gleichzeitig den dritten Jahrestag meiner Ankunft bedeutet). Zusätzlich habe ich trotz monatelangem Vorwissen versagt einen längeren Ausflug zu organisieren. Pläne gäbe es genug - mit der Fähre nach Frankreich oder die Südküste der Isle of Wight - die nur an solchen seltenen, langen Wochenenden möglich wären. So blieben nur Tagesauflüge. Am ersten Tag sind wir nach Petersfield gefahren, nordöstlich von Portsmouth. Dort ist die einzige mir bekannte Möglichkeit in der Region, auf einem kleinen See ein Ruderboot zu mieten und ich war bitter enttäuscht, als wir vor Ort erfuhren, dass das nur am Wochenende geht. Zurück in Portsmouth bin ich nochmal ins Wasser gesprungen, dann Essen mit Freunden, dann Freiluftfilm über Jimi Hendrix, über den ich praktisch nichts wusste.

Haus Osborne III

Am Tag darauf, einem Freitag, sind wir zum dritten Mal dieses Jahr auf Isle auf Wight gefahren, diesmal um Haus Osborne zu besuchen. Das war der Lieblingsort von Königin Victoria, von mir 2012 zweimal besichtigt. Ellie war noch nicht dagewesen, aber zwei Wochen vorher auf dem Weg zur Kirche in Whippingham zweimal vorbeigelaufen. Gleichzeitig fand eins von jährlich zwei großen Musikfestivals auf der Insel statt (im übrigen seinerzeit einer der großen Auftritte von Jimi Hendrix), sodass es auf der Überfahrt richtig voll wurde. Am Palast angekommen wurde uns jedoch eine ausgesprochen ruhiger Besuch zu Teil. An einem Wochentag war es viel weniger überlaufen, als bei meinen ersten Visiten allein. Ellie und ich halten Victoria und ihren Albert ja für Spießer auf dem Thron und die weniger interessanten Monarchen der britischen Geschichte; der Palast selbst zeugt, wie wohl schon damals von mir angemerkt, mehr von guten elterlichen Absichten denn von Geschmack. Das weite Parkland dagegen war ohne Straßenlärm und mit wenigen Besuchern eine wahre Labsal. Besonders die Schweizer Hütte, das Spielhaus der königlichen Kinder, mit ihren Gärten und Wiesen, hat es uns angetan. Auch der späte Nachmittag am Strand, in einer wohl natürlich ruhigen Bucht, wird mir in Erinnerung bleiben.

Vermischtes

Weniger erfreulich: ein drittes Blutbild zeigt ein weiteres, langsames Abrutschen meiner Werte. Diesmal hat die Ärztin sich dann endlich zu weiteren Untersuchungen entschlossen und die "Chemologie" um Unterstützung gebeten. Die würden mein Blut genauer untersuchen - noch warte ich auf einen genauen Termin. Zu Euren Hinweisen: für einen Hämatologen brauche ich eine Überweisung des Hausarztes. Andere Untersuchungen werde ich vorschlagen. Am schwierigsten ist für mich eigentlich, dass sich Ellie große Sorgen macht. Ich bemühe mich, sie zu beruhigen, aber ich verstehe sie schon sehr gut. Sie war es, die mich überhaupt zum ersten Bluttest gedrängt hatte und ich hatte immer erwartet, dass er nichts ungewöhnliches zeigt, geschweige denn wiederholt. Trotz besten Bemühens kämpfe ich mit der Ungewissheit, was da seit mindestens einem halben Jahr in meinem Körper ist. Auch hilft mir der Zweifel nicht, wie genau meine Praxis mich wirklich untersucht. Den dritten Bluttest musste ich ansetzen, nicht sie. Nicht das ich etwas ändern könnte: ich bin bei der Praxiswahl an meinen Wohnort gebunden und habe sogar schon Glück, dass es eine Praxis gibt, die lange öffnet. Ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen, aber jedes Mal, wenn ich schon nachmittags müde werde, frage ich mich, ob ich schlecht geschlafen habe oder etwas Schlimmes in mir wuchert. Da ist es kaum ein Trost, dass der Zahnarzt beim letzten Termin kein einziges Loch gefunden hat.

Schließlich ist unser jüngster Mitbewohner nach einem Jahr wieder ausgezogen. Er wird nicht gerade beweint, wieder ein junger Student, dem in der Familie das Putzen nicht beigebracht worden war. Jetzt habe ich nur noch meine zwei Mädchen im Haus. Eine ist ähnlich wie ich meistens bei ihrem Partner. Ich schlafe immer Montag und Mittwoch bei mir zu Haus und habe somit Hoffnung auf einen ruhigen Sommer.


Landeskunde: In unseren Gesprächen über die merkwürdige britische Klassenteilung hat mir Ellie erläutert, dass Doppelnamen in England fast immer auf höhere Familie hindeutet. Wenn die untereinander heiraten, soll keiner der wichtigen Namen verloren gehen. Auch an exotischen Vornamen erkennt man sie, und eben nicht zuletzt an einer ganz merkwürdigen Sprechweise, sowohl in Wortwahl als auch Aussprache, die auch ich inzwischen zu erkennen beginne.


Meine Arbeit läuft weiter gut, mir wird sehr viel Zeit zum Anlernen gegeben. Auch sonst hat man viel Freiraum: neulich besuchten wir das örtliche Meldeamt und schaute uns an, wie sie Geburten, Todesfälle etc registrieren. Denn wir nutzen diese Daten und müssen wissen, was genau wie genau gemessen wird.


Nachträge: nachstehend zwei Fotonachlieferungen. Erst aus Exmoor (mit Mathieu und Freunden, Mai 2015), dann Dartmoor (mit Ellie und Papa, Ostern 2014, neulich auf Ellies Kamera entdeckt.)


Exmoor (Mai 2015)
Reflektorwesten passen immer und überall.





Kaffee und Croissants - hier bekannt als Europäisches Frühstück.
Abschiedsfoto

Dartmoor, Ostern 2014
Ellie unter dem Baum der Erkenntnis.



Einer von vielen alten Steinkreisen a la Stonehenge.






Eine traditionelle Brücke.


Niemand weiß, wann und wie der nackte Mann in den Felsen kam.

Ostereiersuchen für Ellie.



Samstag, 13. Juni 2015

31.05. Inselsingen

Einmal, vor langer, langer Zeit, hatte unser Chor die schöne Idee, auf der Isle of Wight eine Tour mit einer lokalen Folkloregruppe durchzuführen, die uns vorher noch einen Lehrgang gibt. Darauf hatten Ellie und ich sehr gefreut. Ich wegen der Isle of Wight, Ellie wegen der Folklore. Die Gruppe hat sich dann irgendwie zurückgezogen und uns blieb nur ein Konzert, zugunsten der Heizung in der St. Mildred Kirche im Dorf Whippingham. Das liegt bei East Cowes, an der Mündung des größten Flusses der Insel, der Medina, an der Nordküste.

East Cowes

Während der Großteil von Chor und Orchester in einer Jugendherberge an der Ostküste schlief, hatten Ellie und ich entschieden in einer Pension in East Cowes zu übernachten, näher am Konzert. Für die Überfahrt nahmen wir zum ersten Mal die Autofähre, die näher an unserem Ziel anlegt. Außerdem läuft sie länger als die kleinen Fähren, sodass wir 40 schöne Minuten auf dem Oberdeck in der ab und zu durchscheinenden Sonne hatten.
Am anderen Ufer erwartete uns eine merkwürdige Überraschung: gerade hatten wir auf der Hauptstraße unsere Bushaltestelle gefunden, da kam plötzlich Mathieu angeradelt. Wie sich rausstellte, war er einen Tag auf der Insel, aber dass er gerade zu diesem Zeitpunkt an der gleichen Stelle auftauchte, war für mein Gehirn im ersten Moment etwas zuviel. Viel konnten wir auch nicht sagen, denn der Bus kam ebenfalls. Mathieu fuhr abends zurück und kam daher nicht zum Konzert.
Wir lieferten erst unser Gepäck in der sehr geschmackvoll eingerichteten (weil von Ellie ausgewählten) Pension am Hafen von East Cowes ab. Das war mal mehr als das gewöhnliche Extrazimmer bei jemandem, sondern planvoll gestaltet und dekoriert. Ellie war vor allem von Bad und Qualitätsmatratze begeistert, deren Hersteller und Model sie sich gleich aufschreibt. Ellie mag Komfort.
Von dort liefen wir nachmittags eine halbe Stunde zur Kirche, entlang von Haus Osborne, dem alten Sommersitz von Königin Victoria und größtem Touristenmagnet der Insel. Ich war dort 2012 gewesen.
Nun hatte die gute Victoria ihren Stempel auch auf unserer Kirche der Hl. Mildred hinterlassen. Dort ist sie mit Familie zum Gottesdienst gegangen und hatte sich dafür nicht nur eine königliche Loge bauen lassen, sondern hat gleich ihren Mann Albert (aus dem Hause Saxe-Coburg und Gotha) auf einen Umbau losgelassen. Dazu sind verschiedene Einrichtungsstücke von ihrer musischen Tochter Louise gebaut worden. Auf dem Friedhof drumherum liegen verschiedene Hoheiten und Eminenzen, vor allem aber liegt die Kirche an der Medina, getrennt nur durch eine Feldwiese. Und dazu die in diesem Land so untypische Stille der Isle of Wight - ich beneidete Mathieu an diesem Tag regelmäßig um seine Radfreiheit.

Konzert

Nach einer Probe wurde uns Fish und Chips kredenzt und wir hatten einige Zeit für Muße vor dem Konzert. Unser Programm waren neun Volkslieder aus der Region, von den Volkstumforschern des späten 19. Jh. aus verschiedenen Armenhäusern gerettet wie es damals Mode war. Sechs davon waren von Gustav Holst bearbeitet, den wir seit seinem Programm vor einem Jahr sehr schätzen. Nach einer Pause standen einige Instrumentalversionen des Uniorchesters auf dem Programm.
Nun muss ich leider berichten, dass wir zum ersten Mal in meiner Chorkarriere ein Stück abbrechen und neu anfangen mussten. Mir war es ob meiner Position ganz hinten nicht zu Ohren gekommen, aber die Soprane (also auch meine Freundin...) sind wohl völlig durcheinander gekommen. Meine Stimmgruppe hatte sich zwar nichts zuschulden kommen lassen (Bässen passiert sowas nicht), aber mir zitterten danach etwas die Beine. Ich lächelte tapfer bis zum Ende und sagte mir, dass die Leute auf der Insel nicht direkt an Spitzenauftritte gewöhnt sind, aber ich nahm es mir mehr zu Herzen, als der Anlass wert war. Ich sollte dazu sagen, dass sowas laut Ellie bis dahin nur einmal passiert war. Aber eine Aufnahme, die ich etwas später erhielt (ausgerechnet zu diesem Fiasko habe ich endlich eine Aufnahme, in der ich auch noch durchgenend zu sehen bin), klang entsetzlich, egal ob sie nun direkt vor dem Alt aufgenommen worden war. Da hilft auch keine Entschuldigung, dass wir nicht viel Probezeit gehabt hatten.
Aber nicht nur deshalb stahlen Ellie und ich uns in der Pause mit einer Flasche Wein nach Hause. Der jüngere Teil von mir bedauerte  zwar, nicht mit anderen zu feiern, aber das größere Altteil war froh, vor Mitternacht auf der besten Matratze der Welt zu schlafen. Ich habe mir bereits die Noten für unser Herbstprogramm besorgt, Hummels Messe in h-moll, falls unser Dirigent noch will.

Burg Carisbrooke
Sonntag morgen haben wir mit unseren alten Knochen erstmal auf dieser Matratze gelegen und Musik gehört, während draußen der Regen fiel. Dann wurde uns einmal der Luxus zu Teil, Frühstück gemacht zu bekommen. Während der Rest des Chors an diesem Tag nach Frühstück nach Hause fuhr, sind wir zur Burg Carisbrooke gefahren. Die hatte ich bereits 2013 besucht. Sie ist die größte Befestigung der Insel und für Ellie vor allem wegen ihrer Verbindung zu Karl I. interessant. Das war der erzkatholische König, der einen Bürgerkrieg gegen Cromwells Parlamentarier verlor. Bevor er in London geköpft wurde, war er auf Carisbrooke erst Gast, dann, nach zwei Fluchtversuchen, Gefangener.

Der Tag war frühherbstlich, wenn auch nicht zu kühl, und die Burg wohl auch daher nicht überlaufen. Wie das gesamte Wochenende habe ich auch hier Ruhe und Grün sehr genossen. Während die Burg selbst zwar interessant aber nicht spektakulär ist, hat man von den Mauern doch eine sehr schöne Sicht über die Felder ins Land, und dazu genug Zeit, sich nicht beeilen zu müssen. Nachdem wir uns bis in den Bergfried und wieder runter gemüht hatten, haben wir Cream Tea getrunken, wie die anderen Frührentnerpaare.
Auch wir fuhren anschließend zurück zur Fähre, deren Sonnendeck wir an diesem Tag nicht nutzen wollten. Eine schöne Erfahrung blieb und aber noch: kurz vor Portsmouth hielten wir, um einen schönen Dreimastsegler vorbeizulassen. Das war wohl ein exklusiveres Kreuzfahrtschiff für meine besserverdienenden Tage. Segler vor der Küste sind sehr schön anzusehen.
Das Kreuzfahrtschiff "Seacloud II". Quelle: OceanEvent

Montag, 25. Mai 2015

Jute Jurte

Vor etwa einem Jahr habe ich über Mathieu vom "Zentrum für Nachhaltigkeit" erfahren. Das ist ein Umweltprojekt im weiteren Sinn, dem eine Stück grünes Land nordöstlich von Portsmouth, bei Petersfield, gehört. Ganz in der Nähe sind auch vergangene Besuchsziele, wie der Steinzeithof in Butser und der Elisabeth Landschaftspark. Das Zentrum bietet neben Lehrgängen zu verschiedensten alternativen Themen und Baumethoden auch diverse Unterbringung. Seit ich ein Panoramabild in einer Broschüre gesehen hatte, wollte ich dort einmal übernachten und früh morgens den weiten Blick vom Hügel hinunter sehen. Ellie fand dann heraus, dass man auch ohne Zelt kommen und dafür in einer Jurte übernachten kann, war davon als Hippiefamilienkind sofort begeistert, während auch mir der Vorteil von weniger Gepäck gefiel, sodass wir diese Option spontan buchten, nachdem ein Gespräch mit Kalina während ihres Besuchs uns wieder daran erinnert hatte.
Zeit dafür hatten wir am Pfingstwochenende, was für mich gleich 4 Tage lang war, da wir im öffentlichen Dienst noch den Geburtstag der Königin feiern. Am Samstag ging es noch nicht los, denn da hatte Ellie abends endlich mal wieder einen Bauchtanzauftritt, den ich ganz toll fand. Und während sie nachmittags auf Probe war, ging ich im schrecklich kalten Meer anbaden. Vor einem Jahr war zu diesem Zeitpunkt bereits alles viel wärmer. Aber der Rosengarten beginnt zu blühen, in all seiner Schönheit, und der Sommer ist für mich nun endlich da, denn bei 20 Grad schwitze zumindest ich in allem, was dicker ist als ein Tshirt. Die Jacke bleibt endlich zu Hause.
Sonntag fuhren wir dann hin und waren sofort bei der Ankunft begeistert. Endlich einmal ein wirklich großes Gelände, mit wirklichem Wald und wirklich viel Platz, endlich einmal kein Autolärm, nicht einmal entfernter. Der Zeltplatz lag auf einer Lichtung im Wald, die einmal ein Kalksteinbruch gewesen sein mag. Im Hauptbereich tummelten sich Familien, deren Kinder den besten Tag des Jahren haben mussten. Unsere kleine Jurte war durch Büsche davon abgegrenz am Rand. Nebenan stehen die großen Wohnjurten des Personals - eine Mitarbeiterin kenne ich ein wenig vom Salsa und weiß, dass sie dort wirklich ganzjährig wohnen. Kinder- und Hundelärm drangen auch zu uns, aber uns störte das nicht, allein schon durch den Umstand, dass es erkennbar von Bäumen zurückschallte. Und dazu wortwörtlich pausenloses Vogelzwitschern. Ich war restlos begeistert und etwas wehmütig, warum ich so einen Ort nicht häufiger habe.
Ellie war vor allem wegen der Jurte da, mir ging es auch darum den Wald zu nutzen. So sind wir mehrmals den erstbesten Weg hineingelaufen, was ein Vergnügen war. Man kommt auch an Feldern vorbei, einer Naturkläranlage, diversen Hinterlassenschaften von Lehrgängen für Kinder und nicht zuletzt einem Friedhof, genauer gesagt einer Waldbegräbnisstätte, in der sich auch mein Vermieter bereits eine Parzelle gekauft hat.
Abends haben wir vor unserer Jurte gegrillt und später las mir Ellie aus Burnetts Buch "Der Geheime Garten" vor. Vor kurzem haben wir nämlich "Momo" beendet, was ich ihr seit Jahresbeginn vorgelesen hatte. Als es dann zu dunkel zum Lesen war, bin ich noch einmal vor die Tür getreten um die Sterne zu betrachten. Eine Familie hatte sogar ein Teleskop dabei, aber trotz klaren Himmels sah man nicht soviel, wie 2012 auf der Isle of Wight (auf die wir übrigens nächstes Wochenende fahren).
Vermutlich ziemlich früh morgens wurden wir neben Vogelzwitschern tatsächlich vom Hahnenruf geweckt. Die Tage bewölken sich momentan meist, aber in der Morgensonne leuchteten die verschiedenen Baumwipfel über dem Lager, grün, gelb und vor allem rot. Vor und nach dem Frühstück sind wir noch durch den Wald gelaufen. Länger konnten wir nicht bleiben, da zu Hause eine Katze wartete. Aber wir waren restlos begeistert, nicht zuletzt noch einmal, als die meisten anderen Camper weg waren und wir den Zeltplatz für uns und in Ruhe hatten. Ich werde vorschlagen, das nächste Treffen mit Mathieu und Freunden dort in der großen Jurte zu verbringen.

Vermischtes
Weiter unten findet Ihr ein Bild von einem Ratespielabend, in der Tradition des britischen Pub-Quiz, für Unimitarbeiter, zu dem ich auch eingeladen war. Thema war "Klassenarbeit", dementsprechend hat Ellie uns in Schuluniformen eingekleidet.
Im Anschluss einige Nachträge aus Exmoor.

Unsere Jurte. Im Hintergrund die roten Baumwipfel, die am nächsten Morgen so leuchten sollten.

In der Jurte nach der Ankunft. Das Sofa wurde nachts zum Bett.

In Ellie kam, wie immer, das Kind raus.

Als der Fuchs die Gans gestohlen hatte und sie vor seiner Jurte grillte.


Abends stellten wir Kerzen in der Jurte auf. Die hellste war Muttis Weihnachtskerze. Zum Lesen reichte es trotzdem nicht. Aber von Euren Geschenken kommt nie etwas weg.

Morgens im Cafe. Tee muss dann doch sein. Ein Rotkehlchen schloss später mit Ellie Freundschaft.



Beim Uni-Quiz. Schuluniformen nach Idee von Ellie. Ihre ältere Kollegin spielt Klassenlehrerin.


Unser Haus in Exmoor mit Terasse und gutem Blick auf den Fels, auf dem es steht.
Ein Panoramabild vor unserem Haus, mit Lynton, Meer, Klippen und Terasse.

Ziemlich korrekte Darstellung der Wanderungen in Exmoor. Grau, windig, steil.

Mathieu und Carla am Küstenpfad. Der Felsen im Hintergrund ist der Wilde Jack, im vorigen Artikel gezeigt.


Die Hohe Heide des eigentlichen Nationalparks Exmoor.



Mittwoch, 6. Mai 2015

04. Mai - Exmoor

Wohin
Das erste Mai Wochenende war ein langes und seit geraumer Zeit für einen Ausflug mit Mathieu und Freunden reserviert gewesen. Ellie kam nicht mit, für sie wären soviele Südeuropäer auch zuviel des Guten gewesen. Als Ziel war der Nationalpark Exmoor ausgewählt worden, an der englischen Küste direkt unterhalb von Wales. Er liegt nicht weit nördlich von Dartmoor, wo ich mit Papa und Ellie zu Ostern 2014 gewesen war. Auch seine Attraktionen sind ähnlich, viel grün und Ruhe, aber dazu Meer und (recht niedrige) Berge.

Mit wem
Insgesamt waren wir 6 Leute, Mathieu und ich, Carla, Elisabeth und ihr Freund Adrian (in deren Wohnung in Bristol Ellie und ich über Ostern waren) und der Spanier Jaime. Wir kamen Freitag aus 3 Richtungen, Mathieu und ich waren als erste da, nach einer langen Fahrt, bei Dunkelheit durch enge Landstraßen im Nationalpark selbst, mit hohen Steigungen, war ich heilfroh, als wir halb zehn abends endlich da waren. Dann habe ich für alle nach und nach ankommenden Freunde Ellies Superchilirezept gekocht, was alle sattkriegt und mir noch die nächsten drei Tage als Proviant diente. Dann ging ich direkt ins Bett, denn ich bin weder jung noch mediterran.

Lynton
Unser Haus war, wie ich erst bei Tageslicht ganz sah, ziemlich groß, mit einer weiten Terasse und bot aufgrund der Lage einen sehr weiten Blick direkt aufs Meer. Wenn nicht gerade Dunst war, konnte man am anderen Ende der Meerenge Wales sehen. Denn der Ort Lynton zieht sich einen steilen Felsen eine Bucht hinunter, in den die Häuser gefügt sind. Diesen Einschnitt in den Fels gibt es auch nur, weil unterhalb der Fluss Lyn mündet. Daher liegt unten am Wasser auch der Zwillingsort Lynmouth ("Lynmünde"). Beide waren in dieser Region traditionell voneinander und auch vom Rest der Welt abgeschnitten und arm, bis die Romantiker und die Kontinentalsperre ihn zum Ausflugsort machten. Seit 1890 verbindet die Orte auch eine Felsbahn, sonst wäre der Fußweg eine Strapaze. Unser Haus war 1929 von einem britischen Soldaten gebaut worden.

Samstag
Zwar waren wohl auch die anderen bald schlafen gegange, doch kamen wir Samstag erst gegen Mittag los. Als erstes fuhren wir nach Westen, ins nahe, selbsterklärende Felsental. Wie auf dem Foto zu sehen war das Wetter diesig und sehr windig. Zuerst sind wir den Wilden Jack hoch, wo einen der Wind fast die Klippen runterweht. Dann den ersten Küstenpfad entlang. Etwas weiter westlich sind wir auf einer zweiten Wanderung einem Fluss durch sein tiefes Tal bis zum Meer gefolgt.
Persönlich wäre ich früher los und mehr durch die Natur gelaufen (das gilt für das ganze Wochenende), darum bin ich vor dem Abendessen noch einmal allein losgezogen, um Lynton zu erkunden. Auf dem Kirchhof kam plötzlich eine orange Katze, scheinbar allein, um abends mit mir auf das graue weite Meer zu schauen. Am Horizont lag ein undeutlicher Streifen Wales, aber wenn man nicht zu genau hinsah, war das Meer ohne Grenze und unten vom Strand und aus der ganzen Bucht klang ohne Pause die Brandung. Wie auf der Farm. Wie schon früher angemerkt ist das ein anderer Eindruck als in Portsmouth, wo der Blick immer an der Isle of Wight endet. Erst hier habe ich echte Ruhe gefunden. Und allein hat sich mein alter Instinkt wieder gemeldet, um die nächste Ecke zu gucken und noch um die nächste. So habe ich die Felsenbahn entdeckt und die Geschichte eines großen Hauses auf dem höchsten Hügel über dem Meer, was 1914 abgebrannt war und dessen Überreste und Tennisplatz noch zu sehen seien. Zurück zu Hause blieben wir im Gegensatz zum ersten Abend bis zwei morgens wach, haben gekocht, gespielt und einen verstörenden spanischen Film gesehen.

Sonntag
Dementsprechend sind wir Sonntag noch später los, erst nach Mittag. Diesmal fuhren wir nach Süden, in die Hohe Heide des eigentlichen Nationalparks und unternahmen mehrere Versuche, gute Spazierwege zu finden. Von Exford aus liefen wir blindlings über die öffentlichen Wege. Am Ende führte ich die Gruppe nach Instinkt einen Bach entlang, der dann doch kein Rundweg war und uns später keine Wahl ließ, als die ultimative britische Sünde zu begehen und über Privatland zu laufen. Denn da regnete es bereits und ich wollte nicht den ganzen Weg zurücklaufen. Der entsprechende Bauer wäre nicht glücklich gewesen, wie uns die Kühe in der Hoffnung auf Futter folgte, und die Pferde aus Angst davon stoben. Aber durch den Regen war niemand da, als wir quer über den Hof marschierten. Auf dem letzten Spaziergang des Tages entlang eines anderen Flusses ist mir dann mein Regenschirm kaputt gegangen und dann habe ich mein Fernglas verloren und dann auf der Suche im tiefen Gras meinen Fotoapparat. Am Ende habe ich aber beide wiedergefunden. An diesem letzten Abend aßen wir außer Haus und blieben dann wieder zu lange auf (was ich noch eine Woche später spüre).

Montag
Nichtsdestotrotz wachten Mathieu und ich Montag am frühen Morgen auf und sahen endlich richtige Sonne über dem Meer. Darum haben wir unsere müden Knochen gleich morgens auf die Bank vor dem Haus geschleppt und in der Sonne gesessen, bevor die anderen aufstanden. Diesmal konnten wir auf der Terasse frühstücken. Nach dem Packen gingen wir auf eine letzte Tour zu sagenumwobenen langen, breiten Sandstränden im Westen bei Barnstaple gemacht. Als man da die Küstenstraße hinunterkam, sah man tatsächlich, wie kilometerlange Wellen auf das Ufer zuliefen. Und in der Brandung sah man dutzende kleine dunkle Punkte; das waren die Köpfe von Windsurfern, die dort bei Wetter und eben Wind in großer Zahl auf Brettern mit und ohne Zugdrachen ebenjene Wellen ausnutzen. Auf dem Weg zum Strand durchläuft man hohe Dünen, wie es sie eben nur an Sandstränden und darum nicht bei uns gibt. Und die Klippen zeigen aktive Erosion, umso erstaunlicher, dass einige Häuser darauf renoviert werden.



Mathieu trinkt Morgenkaffee vor unserem Ferienhaus in Lynton in Devon.

Blick in die Bucht. Am Horizont sieht man Wales - bei gutem Wetter.

Der andere Teil der Terasse. Hier haben wir am letzten, sonnigen Morgen Frühstück gegessen.

Unser Ferienhaus am Felsen.

Das Felsental. Links der Wilde Jack. Da drauf war es so windig, dass ich ich nicht ganz an die Klippen gewagt habe.


Diesen Bach sind wir zum Meer gefolgt.






Die Bucht von Lynton und Lynmouth.

Diese Katze schaute mit mir aufs Meer und ließ sich im Gegensatz zu Buddha auch von Schnürsenkeln nicht ablenken.


Die Steilbahn bringt seit 1890 Besucher von Lynmouth in höher gelegene Lynton.

Auf dem Weg zum Landfriedensbruch.



Abends zu Hause.


Einer von mehreren endlosen Sandstränden, bevölkert von Windsurfern.