Mittwoch, 23. April 2014

Ostern im Moor

Ostern
Zu seinem Geburtstag kam mich Papa eine Woche besuchen. Am Osterwochenende fuhren wir mit Ellie ins Dartmoor, einem Nationalpark westlich von Exeter. Genau gesagt fuhr ich, zum ersten Mal in England, einen Mietwagen auf den überfüllten Autobahnen, denn jeder wollte aufs Land.  Mir hat es wie immer gut getan, in der Natur zu sein, Raum und Ruhe zu haben. Schön ist die Region allemal, sehr ländlich, überall Felder in sattem Grün und Gelb, getrennt von Feldern, dazwischen sehr enge Straßen. Es gibt aber auch Heidefelder, Wälder, Flüsse und kleinere Berge. Den ersten, sonnigen Tag sind wir im Moor gewandert. Durch Wald, über Heidefelder, an Flüssen und Picknickern und Steinzeithütten vorbei.
Den verregneten Ostersonntag haben wir in Exeter verbracht. Das besteht vor allem aus der Kathedrale, wo wir zufällig eine Kollegin und Freundin Ellies trafen. Danach rettete uns das großartige Kunst- und Geschichtsmuseum vor den leeren, nassen Straßen.
Unsere Unterkunft ist Erwähnung wert: in einem konvertierten Bierlager hatten Ellie und ich das oberste Zimmer mit Blicken auf die Felder und einem Himmelbett. Mit der Wirtin haben wir uns prächtig verstanden, sie hat uns am letzten Abend bekocht und ab und zu beim Trivial Pursuit-Spiel mitgemischt. Das war nicht zuletzt Ellie zu verdanken, denn während der Reisevorbereitung hatte sich rausgestellt, dass sie Pensionen aussuchen kann. Ich kann nur Hostels. Bei allem anderen verzweifle ich zwischen all den Angeboten und Rezensionen wie Ellie zwischen Sofabauteilen.
Das Eiersuchen im Garten wurde vom Sonntagswetter verhindert, dafür versteckte ich für Ellie am Montag etwas aus Muttis Osterpaket im Frühstücksraum. Auf dem Rückweg hielten wir nochmal an der fossilienreichen Jurassic Küste von Dorset, wo uns aber die Aussicht von den hohen Klippen auf die sonnenbeschienene Küste und Segeljachten in kleinen Buchten genügte. Außerdem besichtigten wir eine dieser (vermutlich) prähistorischen Hügelzeichnungen in einem Dorf und fuhren durch den New Forest. Den hatte Ellie nämlich zu meiner Überraschung noch nicht gesehen. Das wird sich im Sommer wohl ändern.

Neue Arbeit
Nach Ostern begann ich meine neue Arbeit. Einfach ausgedrückt arbeite ich daran, wie man Emigration besser messen kann. Da die Leute sich beim Wegziehen ja nicht abmelden, muss man verschiedene vorhandene Hilfsindikatoren nutzen, um einen Vermutungswert zu erhalten. Wie genau diese Indikatoren interagieren, wissen wir nicht und es ändert sich auch mit der allgemein fluktuierenden Migrationssituation. Darum arbeitet mein Team daran, wie die derzeitige Methode verbessert werden kann. Daran gibt es einige positive Dinge. Zum ersten, dass ich das ganze überhaupt verstehe - eine willkommener Unterschied zum Arbeitsbeginn in der Volkszählung. Zum zweiten habe ich ja an der Uni ein bisschen an Migration gearbeitet und auch an rudimentären Modellen. Das mein Studium jetzt tatsächlich was mit meiner Arbeit zu tun hat, nehme ich als seltenes Glück wahr. Dazu werde ich wohl in Fachliteratur lesen dürfen/müssen und an statistischen Computerprogrammen arbeiten, was ich explizit lernen wollte. Man gibt mir die erste Woche zum Einlesen und mein Vorgänger ist auch noch da und sehr bereit, mich auszubilden. Ich bin in einem anderen Bereich des Büros, aber aus meiner alten Abteilung kommen bald zwei Leute rüber und einige Kollegen kannte ich bereits. Als erstes bin ich aber krank geworden und habe einen wunderbaren freien Tag zu Hause verbracht, mit morgendlichem Spaziergang am Meer wie in den alten Zeiten.

Anderes
Meine eigentliche Hauptarbeit ist natürlich weiterhin Tango. Mitte April hatten wir eine erste, desaströse Bühnenprobe im Kings Theater, wo ich seinerzeit die Carmina Burana gesungen hatte. Alles lief durcheinander, ich machte grobe Fehler im Tanz und die Organisation drumherum erinnerte an einen Haufen panischer Hühner. Erst am Tag darauf Stolz halbwegs verarztet, als ich abends zwei Stunden Extraproben einlegte. Auf eine Art und Weise werde ich die intensiven Proben vermissen - abends nach der Arbeit noch zwei Stunden übers Parkett zu schwingen ist anstrengend, aber ich gewinne auch mehr Bewegungskontrolle und Freude an der Bewegung. Und nicht zuletzt das Gefühl von Fortschritt und Sinn.
Der Chor pausiert weiterhin und wenn ich ehrlich bin, hat das auch sein Gutes. Die Extrazeit macht sich im Alltag bemerkbar und ich komme wieder dazu, Sachen zu erledigen. Zum Beispiel habe ich jetzt richtige Tanzschuhe für die Tangoauftritte. Dann habe ich meine erste eigene Reparatur am offenen Computer durchgeführt. Die Hilfe eines Kollegen hat mir viel da viel Geld gespart. Mein Fahrrad muckte auch herum, wurde aber mithilfe des Radvereins repariert und befindet sich jetzt im wohl besten Zustand seit dem Neukauf. Gelernt habe ich dabei auch wieder was. Das sind die Dividenden, langfristig an einem Ort zu wohnen und die richtigen Leute gefunden zu haben.

Mathieu kam nach langer Dienstreise zurück, um eine Woche darauf gleich wieder auf Besuch zu seinem Bruder auf Martinique wegzufliegen. Wir haben es aber noch geschafft, nach langer Zeit ein Pubquiz zu besuchen und zu Papas Geburtstag im französischen Restaurant kam er auch.

Und schließlich: der Sommer hat seinen Willen gezeigt! Anfang April konnte man zum ersten mal dieses Jahr wieder abends am Strand liegen, oder am Wochenende die freie Zeit neben den Tangoproben.


Der Rosengarten blüht noch nicht, aber die Tulpen.
Portsmouth 2014
Rostock 2012
Man verbringt die Abende wieder am Meer.
Probe im normalen Tangosaal.
Die erste Bühnenprobe im Kings Theater. Zwei Paare auf der Bühne, im Hintergrund warten andere auf den Auftritt. Die Flaschen auf dem Tisch rechts sind meine Requisiten für meine Rolle als Barmann.

In der Umkleide. Guter Dinge vor der Probe.
Wanderung im Dartmoor.
Diesen Weg kamen wir. Auf den Feldern hinten liegen Überreste von steinzeitlichen Hüttenkreisen. Noch weiter hinten: viel Raum und wenig Lärm.
Heide, Wald, Felsen, Weite.




Alle machen Fotos.

Dienstag, 8. April 2014

Auf der ersten Probe nach dem Konzert stellte ich mit Schrecken fest, dass wir erstmal einen Monat Pause machen. Dann folgt das letzte Gesangsprogramm fuer dieses akademische Jahr. Es kommt nur ein kleines Konzert im Mai, bevor ein Teil des Chors auf Tour nach Krakau faehrt. Wie im letzten Jahr ist es eine Sammlung kleinerer Stuecke, darunter drei Hymne aus Gustav Holsts Rig Veda, die mir ob ihrer martialischen Exzentrik sehr gefallen. Im Anschluss kam das halbjährliche Amateurkonzert der Musikfakultaet. Diesmal war es sehr kurz, dafür hat unser Dirigent kurzerhand selbst Klavier gespielt, was allemal besser ist als Studenten.
Etwas Theater gab es auch. Zur Umstellung auf Sommerzeit wurden in der ganzen Stadt Veranstaltungen organisiert. Ich sah mir mit Ellie ein Stueck ueber Angst an, bei dem wir in kleinen Gruppen durch den verwuesteten dritten Stock der oeffentlichen Bibliothek gefuehrt wurden. Das war fuer Studententheater ziemlich gut - vor allem, wenn sonst in Portsmouth ohnehin kein Theater stattfindet.
Am 4. April bin ich wieder auf die große, halbjährliche Salsaparty im großen Spinnaker-Turm im Hafen gegangen. Diesmal ist dafür auch Kalina in einem wundervollen neuen Kleid aus Southampton gekommen. Mir blieben am Ende kaum noch Beine zum Laufen. Kalina blieb eine Nacht und lernte vor ihrer Abreise am nächsten Tag noch Ellie und unser Lieblingscafe mit Lieblingsteehund kennen. Am Abend sah ich mit Ellie die Bücherdiebin, die mir nach nicht allzu hohen Erwartungen sehr gefallen hat. Das wurde im Kino Nummer 6 gezeigt, der alternativen Lichtspielhaus der Haus, neben der Filmgesellschaft, die ich im letzten Jahr regelmäßig besucht hatte. Mathieu geht doch regelmäßig hin, ich hatte es bisher nicht geschafft.
Der erste Tangoauftritt ist am 26. April und die Nähe macht sich bemerkbar: die Proben dominieren jedes Wochenende. Am 6. April hatten wir die erste Technikprobe, die dauerte fünf Stunden. Zwei meiner vier Choreographien wurden wieder gestrichen, dafür habe ich einige kurze schauspielerische Auftritte, die mir großen Spaß machen. Trotzdem warten alle nur darauf, wieder Wochenenden zur eigenen Verfügung zu haben.
Das Meer hat sich auch mal wieder in Erinnerung gerufen, als eine gerade in die Region gezogene neue, spanische Kollegin an einem schoenen Tag zum ersten Mal Portsmouth besuchte und Ellie und ich ihr die besseren Stellen der Promenade zeigten.
Und neben dem ganzen Spass kann ich jetzt mitteilen, dass meine neue Arbeitsstelle das Bevoelkerungsforschungteam sein wird. Was genau ich da mache, stellt sich erst spaeter heraus. Arbeitsbeginn soll der 14. April sein, aber ich zweifle, dass ich bis dahin aus meinem Team rauskomme, es gibt noch zu viel zu tun.


Mit der Spanierin besuchten wir auch den japanischen Garten.

Montag, 24. März 2014

Laudate Cecilie Alme Matri Chori

Das beste Wetter des März war dem Wochenende vorbehalten, an dem Ellie in ihre neue Wohnung umzog. Ich starb innerlich, als ich mit ihrer Mutter neben deren Lieferwagen stand, das Himmelsblau sah und nicht rausfahren konnte. Zumindest war der Umzug unkompliziert, jedenfalls aus meiner Sicht, während die sicherheitsbedürftige Ellie Wochen vorher zittrig wurde, ihr kleines Nest aufzulösen. Jetzt wohnt sie um die Ecke als Untermieterin bei Freunden (und Tanzlehrern) und hat sich problemlos in ihren neuen Räumen eingefunden. Oft zweifle ich an meinem herumtreibenden Leben, aber das stellte ich in letzter Zeit wiederholt fest, es hat mir wohl mehr Gelassenheit angewöhnt, als mir ewigem Zauderer von Natur gegeben war.

Dann fiel die Temperatur merklich und die Jacke kam wieder aus dem Schrank. Trotzdem habe ich endlich einen Frühlingsausflug gemacht. Das hatte mir Landkind physisch unter den Nägeln gebrannt, seit die Sonne rauskam und ich auf dem Radweg jeden Morgen grüne Felder und blauen Himmel sah. Bisher ging das aufgrund all der Proben an Wochenendnachmittag nicht, während Mathieu bereits fröhlich auf der Isle of Wight radelte. Schließlich legte ich den Tag nach dem Konzert fest, bevor Mathieu für drei Wochen auf Dienstreisen ging. Gewählt wurde der Neuwald westlich von Southampton, wo Mathieu und ich schon im letzten Mai zelten gewesen waren. Wechselhafte Wettervorhersagen hielten Ellie von der Teilnahme ab, aber ich musste unbedingt einmal raus aus der Stadt.

Der Optimismus zahlte sich wieder aus. Zwar herrschte Aprilwetter mit buchstäblich Hagel und Sonnenschein innerhalb von fünf Minuten. Aber das störte mich genausowenig wie die weiterhin stellenweise überfluteten Wiesen, als wir an einem Bach entlangliefen. Zu sehr gefielen mir die Stille und das Grün, ganz zu schweigen von den Pferden, die in Wiese und Wald wieherten. Besonders schön war für mich ein spontanes Picknick auf einem großen Baumstamm, den wohl ebenfalls die Stürme umgeworfen hatten. Etwas kühl bei Wolken, aber eine ganz tolle Erfahrung für mich. Einmal stand ich oben auf der hölzern Wurzel und sang Schuberts Wanderlieder in den Wald. Anschließend wärmten wir uns in in einem Herrenhaus mit Tee und Büchern vor dem Panoramafenster auf. Nach einem zweiten Spaziergang durch den Wald fuhren wir bei Sonnenuntergang nach Hause.

Kultur gab es wieder genug. Ellie hat mir ihre Abschlussarbeit zum Lesen gegeben ("warum verbinden wir Filmkomödien mit bestimmter Musikuntermalung") und eine neue Kollegin einen interessanten Artikel aus der Ökonomie (man ist eben doch immer noch gern Freizeitakademiker) und ausserdem habe ich mit Schloss Gripsholm endlich den Tucholsky Sammelband aus Rostock ausgelesen. Ein Konzert des Uniblasmusikorchesters haben den Snob in mir gekitzelt, der sich anstrengen musste, Film- und Populärmusik zu akzeptieren. Vorgeschlagen hatte das Ellie, es schlossen sich Mathieu, Theresa und Laia an.

Höhepunkt war selbstverständlich das Chorkonzert mit Werken der zeitgenössischen Komponistin Cecilia McDowall eine Woche später. Sie soll wohl auch der Universität eine Hymne schreiben. Die Stücke hatten mir anfangs gleich gefallen, dann verlor ich etwas den Antrieb (nachdem ich die Musik gehört hatte, die mich stellenweise an Hollywood erinnert), zum Konzert kam er wieder zurück. Aber wie mit Poulenc vor einem Jahr hatte die moderne Komposition ihren Reiz, denn man muss mehr Acht geben als bei harmonischen Barockmelodien. Aufgrund der Akustik hörte ich im Konzert praktisch keinen der anderen Bässe und fast nur die Soprane. Speziell stand Ellie direkt hinter mir und wohlgleich mir ihr Können bekannt war, hörte ich hier mal ganz deutlich, wie gut sie wirklich ist. Insbesondere singt sie präzise und dient mir als Metronom, wenn ich die erfahrenen Bässe nicht höre. Und das macht sie alles aus dem Gedächtnis, ich muss dafür lange üben.
Als besondere Zugabe stand Cecilia im Konzert höchstselbst Rede und Antwort. Besonders interessant war dabei, dass sie Musik erst mit Ende 40 anfing und sehr schnell so scheint es zu den Größen der modernen Klassik aufstieg. Während ich bei ihrem ersten Besuch bei einer Probe nicht sicher war, was sie nun von uns denkt, waren wir jetzt alle beeindruckt, wie nett sie ist. Ich habe mir gleich ein Foto mit ihr machen lassen, und sie bat, es ihr doch auch zu schicken.
Leider haben wir auch erfahren, dass unser Dirigent den Chor nach gut elf Jahren abgeben will. Verstehen kann ich ihn, es ist für die meisten Sänger eben nicht mehr als das Mittwochsabendhobby. Aber fehlen wird er uns sehr, denn wer ihn gesehen hat weiß, das seine Art dem Chor einen besonderen Charakter gibt.


Cecilia McDowall nach dem Konzert.

Es hagelt im Neuwald...
...und fünf Minuten später sieht es so aus.
Unser Mittagstisch.
Mathieu hat eine Paprika aufs Messer gespießt (kein Glas).


Sonne und Wald...
Die Pferde laufen weiterhin frei durch den Neuwald.

Montag, 10. März 2014

Die Hyazinthen aus dem letzten Jahr blühen ganz unerwartet aus ihrer im Garten ganz vergessenen Keksdose. Bald nach dem letzten Bericht verschwanden Sturm und Regen und inzwischen herrscht regelmäßig geradezu Frühling. Soviel, dass ich für Radfahrten bereits Jacke mit Pullover vertauscht habe und viele Ideen für Frühlingsausflüge bekomme. Desweiteren ist die Seepromenade wieder im Sommermodus. Spaziergänge machen wieder Sinn, und an einem Samstagmittag saß ich mit Mathieu und Ellie draußen in einem Cafe am Meer. Später lagen wir direkt auf dem Strand in der Sonne und ich sah hinter dem Frühling direkt den Sommer auf uns zukommen. Schon gibt es die ersten Abende, an denen ich zwischen Büchern und Strand zerrieben werde.

Auch Kultur gab es zuletzt genug. Zum einen habe ich Kasias Weihnachtsgeschenk ausgelesen, Pierre Magnans Buch 'Unschuld'. Daneben bewege ich mich sehr langsam durch Tucholskys Gripsholm, weil ich durch Tango und Chor kaum zum Lesen komme. Mit Mathieu, Ellie und weiteren Bekannten habe ich die Uniproduktion der Operette "Der Mikado" von Gilbert & Sullivan gesehen. Ursprünglich, weil Theresa darin auftragt, hat es auch mir sehr gefallen, der ich Musiktheater sonst nicht ganz ernst nehmen kann. Mitgespielt hätte ich nichtgestoweniger liebend gern, nur hätte ich nie die Zeit gehabt. Anfang März sahen wir drei dann 'Carmen' in der Produktion des Russischen Staatsballetts und -openhauses. Das war eindeutig besser als die Vorstellung vor einem Jahr und besonders das Orchester hätten Ellie und ich am liebsten gleich dabehalten. Denn unser eigenes Konzert nähert sich schnell und unsere Musiker sind eben auch Amateure wie wir. Nachstehend ist unser gerade veröffentlichtes Plakat zu sehen. Am 5. März besuchte die Komponistin Cecilia McDowall selbst die Probe und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie es nun tolerabel fand oder nicht. Das ist das Problem in einer höflichen Gesellschaft, man weiß ja nie, woran man ist.
Ganz ähnlich meine Gesangslehrerin. Hat mir eine liegengelassene Edition von Schuberts Schöner Müllerin erhalten. Ob nun als Fortschritt oder weil ich die italienischen Übungsliedern nicht auf die Reihe bekomme.... Textlich finde ich die Romantiker schrecklich, aber es ist schön, in der eigenen Sprache eingängige Melodien zu singen. Leider hat sie mir bei der Gelegenheit auch gleich die Winterreise gezeigt, deren Lied vom Leiermann mir seitdem nicht von der Tränendrüse geht.
Schließlich wird Tango zu einer echten zeitlichen Belastung. Fast jedes Wochenende haben wir Probe, manchmal beide Tage. Langsam wird mir das zuviel, weil man so nie aus der Stadt kommt um den Frühling zu genießen.

Gut gelaunt bin ich hilfsbereit. Für eine deutsche Doktorantin habe ich nach längerer Zeit mal wieder an einem Experiment teilgenommen. Dabei habe ich an anonymen Gruppen kontroverse Themen besprochen und sie untersucht dann wohl das Interaktionsverhalten.
Ellie dagegen habe ich beim Umziehen geholfen. Sie ist die Straße runter als Untermieterin zu Freunden gezogen und konnte sich partout nicht vorstellen, dass Umziehen einfach sein kann.

Auf der Arbeit ändert sich einiges. Zum einen sehe ich mich in Sachen Arbeitsanfahrt plötzlich ganz an den Anfang versetzt und muss jetzt gewöhnlich Zug und Rad fahren. Mein letzter Fahrer hat jetzt aufgehört, und unter den 800 Leuten im Büro findet sich scheinbar niemand, der aus Portsmouth anfährt. Obwohl es von Bahnhof zum Büro nur 20 Minuten Rad sind, bin ich letztens abends oft müde und sehe mit Sorge auf die Zeit- und Kraftgrundlage, die mir bisher ein interessantes Leben nach der Arbeit ermöglicht hat.
Zum einen bin ich fast zwei Jahre in der Volkszählung, darum muss mich jetzt laut Amtsvorschrift zur Versetzung in eine neue Abteilung bewerben. Glatt gegen meinen Willen, wo ich mich endlich kompetent genug fühle und richtig produktiv sein kann. Ich arbeite sogar neue Leute ein, ausgerechnet ich! Und das nur ein paar Monate vor Abschluss des Projekts. Wohin es geht ist noch nicht klar, aber die halbe Abteilung migriert, und neue Leute sollen kurz vor der Zielgeraden unsere Aufgaben übernehmen.
Die "Diversitätsgruppe", die mich ja schon auf Vortragsreise geschickt hat, ging es letztens einen Tag nach Southampton zur Wohltätigkeit. Wohlpubliziertes Sozialengagement von Firmen ist hier Tradition. Wir halfen in einem Tageszentrum für Obdachlose. Ich habe Kleiderspenden geordnet und die Kleiderkammer auf Vordermann gebracht. Davon abgesehen gab es nicht wirklich genug zu tun und im Ganzen war das ein netter freier Tag. Kalina habe ich nicht sehen können, ihr dafür Blumen hinterlassen.

Rubrik Englische Unzulänglichkeiten: kein Pudding. Englischer Pudding ist irgendwas aus Nierenfett. Für deutschen Pudding gibt es nichtmal wirklich ein Wort. Und Ellie findet das auch noch gut. Zum Glück hat Lidl dafür seit kurzem frische Brötchen.


Konzertposter mit Cecilia McDowall.

Sonntag, 23. Februar 2014

Sturm ums griechische Kaffeeglas

Meine kleine Vortragsreise nach Shifnal bei Birmingham war dann doch recht angenehm. Zum einen, weil ich dafür bei Kalina übernachtete, um am nächsten Morgen von Southampton etwas später loszufahren. So häufig nacheinander habe ich sie seit Jahren nicht gesehen. Der Zug war dann eine sehr besinnliche Sache. Ich konnte wunderbar schlafen und lesen und vor allem an einer Übersetzung arbeiten, bei der ich Kasia helfe. Alles Sachen, für die ich sonst nie Zeit habe. Das Gedicht übrigens hat mich wiederholt zum Lachen gebracht. Es stammt von Julian Tuwim, wie alle polnischen Lyriker von Bedeutung geboren in Lodz, und beschreibt, wie wohl im Deutschen Kaiserreich eine Revolution aussehen würde (wissenschaftlich als nötig erwiesen, von oben verordnet, perfekt organisiert und mit HurraDemKaiser im Gleichschritt durchgeführt). Das basierte auf den Beobachtungen Tuwims, als 1915 das deutsche Heer Lodz von den Russen eroberte und besetzte. Stil von Wort und Illustrationen erinnerten mich sehr an Wilhelm Busch, mit dem ich mich ja zu Weihnachten näher beschäftigt hatte. Und überhaupt war es schön, mal wieder mit Kasia an einer Übersetzung zu arbeiten.
Auch der Vortrag kam gut an und ich war eigentlich ganz froh, etwas aufs Land zu kommen und nach Veranstaltungsende noch ein wenig die Aussicht auf die Felder zu genießen sowie durch die windgepeitschten Kleingärten der Leute zu wandern. Denn das Wetter ist ja tatsächlich seit Mitte Dezember nur Regen und Sturm. Von den Überflutungen habe ich erst aus deutschen Briefen und Nachrichten erfahren, das betrifft Portsmouth nur wenig, aber auf dem Rückweg schien der Bahndamm zeitweise allein aus der Seelandschaft links und rechts zu ragen. Meine Verspätung hielt sich in Grenzen, aber ich bin in den Folgetagen ein paar Mal runter ans Meer gegangen und tatsächlich peitscht dort scheinbar jede Nacht die See die Steine vom Strand über die Promenade, die Straße dahinter liegt voller Kiesel und seit Wochen gesperrt, und der kleine See in meiner Nähe größer als gewöhnlich. Auch war ich gegen Mitternacht gar nicht alleine am Strand, auch andere Leute kamen zum Sturmtourismus. Ich konnte mich wie im Film schräg in den Wind legen und aus dem Dunkeln peitschte das Meer über den gesamten Strand auf uns zu. Das war eine angenehme Erfahrung in dieser von den Elementen eher entkultivierten Region. Meine Mitfahrgelegenheit zur Arbeit ist dagegen in letzter Zeit nie sicher, weil mein Fahrer oft gar nicht von der Isle of Wight aufs Festland kommt. Wenn er ies schafft, steht manchmal der gesamte Parkplatz unter Wasser, wo das Auto wartet. Bisher konnte ich auch meinen fortgegangenen Primärfahrer nicht ersetzen. Der zweite hört eventuell auch bald auf, dann wäre ich auf Züge angewiesen, was teuer und bei Sturm auch nicht immer verlässlich ist.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit (grob gesagt Blaupausen zum Berechnen von Variablen) ist abgeschlossen und ich schwebe etwas gemächlich in die nächste Phase (Prüfung, ob die Blaupausen auch funktionieren). In der Zeit habe ich etwas mehr mit Menschen gearbeitet und eine neue Kollegin in die Arbeit eingewiesen und mich für einen weiteren internen Vortrag freiwillig gemeldet.

Nach der Arbeit habe ich im Moment ordentlich mit Tango zu tun. Die Auftritte Ende April nähern sich und bevor unser brasilianische Lehrer auf Urlaub nach Hause fährt, haben wir einige sehr intensive Übungen eingeplant. Teilweise war ich da an beiden Wochenendtagen drei Stunden im Saal. Im Moment klappt das auch nur teilweise. Der Chor ist ebenfalls weniger freudvoll als gewöhnlich, weil diese moderne Musik ständig das Tempo wechselt. So sorgen meine Hobbies momentan gerne für Frustration gut. Dafür gab es zum Valentinstag einen schönen Tangoabend, an dem ich allen Frauen eine Rose gegeben habe. Im Chor besucht uns dagegen Anfang März die Komponistin, vermutlich um sich zu rechtfertigen.
Mathieu ist zurück vom Urlaub in Asien und gleich wieder auf Dienstreise nach Frankreich entflogen. Vorher konnten wir aber noch eine neue isländische Bar ausprobieren. Isländisches Bier wird getreu Deutschem Reinheitsgebot gebraut! Ebenso gut ist griechischer Kaffee, zu dem Ellie und ich eines Sonntagsmorgen eingeladen waren. Eine Woche vorher waren wir zum Geburtstag einer griechischen Tangofreundin eingeladen gewesen, deren Mutter uns sehr ins Herz schloss. Leider hatten wir diesen Geburtstag relativ früh verlassen müssen, als gerade erst die Volkstänze angefangen wurden, wie in den besten Tagen meines Studiums.

Neues aus dem Bereich englische Unzulänglichkeiten: Käsekuchen wird mit richtigem Käse gemacht, dafür nicht gebacken. Quark ist völlig unbekannt. Die armen Leute.

Sonntag, 9. Februar 2014

Nach fast einem Jahr in meinem derzeitigen Projekt haben wir am 23. Januar den ersten Teil unserer Datenbank veröffentlicht. Er ist hier zu finden:
http://www.ons.gov.uk/ons/guide-method/census/2011/census-data/census-microdata/microdata-teaching-file/index.html

Jetzt kann ich also etwas über meine Arbeit sprechen. Als 2012 alle Leute ihr Volkszählungsformular ausgefülllt haben, haben wir deren Antworten in einer großen Datenbank gespeichert. Darin hat jeder einen Zeile Daten mit seinen Antworten zu den einzelnen Fragen (Alter, Wohnort, Geschlecht...). Sowas nennt man Mikrodaten - mikro weil es die kleinste Datenebene einer Datensammlung ist. Daraus haben wir bisher klassische Tabellen veröffentlicht, die für verschiedene Orte die Gesamtzahl der Menschen mit einem bestimmten Merkmal summiert ("In London sind 34,000 Menschen 35 Jahre alt"). Das ist gut für öffentliche Ämter und interessant für den Durchschnittsbürger, richtige Wissenschaftler und Analysten brauchen aber mehr Details. Unsere Datenbank besteht aus einem Auschnitt aus der Zentralbank, mit den Datenzeilen für einzelne Personen. Man weiß also nicht nur, wieviele Menschen 35 alt sind, sondern auch, wer. Natürlich haben wir die Zeilen anonymisiert, private Informationen dürfen wir nicht einfach publizieren (das klingt immer schlimm, wenn wir sagen, wir geben individuelle Datensätze raus, aber ich gehe jetzt nicht ins Detail, wie wir das sicher machen). Mit der Datenbank kann man also selbst entscheiden, nach welchen Merkmalen man die Bevölkerung untersuchen will. Bisher war man davon abhängig, welche Themen wir zur Veröffentlichung auswählten. Zum Beispiel kann man sehen, wieviele Männer in Portsmouth 35 sind, zwei Autos haben, verheiratet sind, sich gesund fühlen und halbtags arbeiten. Das ist also ganz toll, weil man solches Wissen auf so lokaler Ebene nicht bekommt und schon gar nicht gratis, was neben armen Wissenschaftlern insbesondere öffentlichen Ämtern und aktivistisch gesinnten Bürgern hilft.
Diese Art Datensatz wurde schon aus den letzten zwei Volkszählungen erstellt und ist traditionell für Spezialisten bestimmt (dementsprechend heißt meine Abteilung "Spezielprodukte"). Dieses Mal machen wir mal etwas anders: wir geben drei verschiedene "Geschmacksrichtungen" raus. Jede gewichtet die Balance zwischen Datenfülle und Datensicherheit anders. Grundsätzlich kommt man umso schwieriger an Daten ran, desto mehr Details sie bieten. Je mehr man über eine Person weiß, desto eher kann sie nämlich im Datensatz identifizieren (auch wenn keine Namen drin stehen, so kann man doch z.B. den einzigen Arzt im Dorf erkennen und).
Der jetzt veröffentlichte Datensatz kann einfach aus dem Internet geladen werden und hat nur grundlegende Informationen. Er ist das erste Mikrodatenprodukt, dass gezielt an Laien gerichtet ist und in der Hinsicht mal etwas wirklich innovatives, auf das man fast stolz ist. Daher soll es möglichst einfach und einladend sein und muss sich nicht unbedingt zur ernsthaften Forschung eignen. Es heißt offiziell "Unterrichtsdatei", was meiner Meinung nach einen falschen Eindruck vermittelt, da es nicht nur eine gratis Resource für den Unterricht in Statistik (heute in fast allen Fächern nötig), sondern einfach dem normalen Bürger als Spielzeug dienen und die Angst vor Statistik nehmen soll. Dementsprechend wenig ansprechend finde ich die Umgebung, in welche die Datei ins Internet gestellt wurde. Endloser dröger Text, wo der Nutzer direkt an die Hand genommen werden sollte. Wir hatten ein ganzer Hilfspaket an Dokumenten für genau diese Zielgruppe zusammengestellt, aber die findet man nur, wenn man ohnehin schon Experte ist.

Eine meiner liebsten Aufgaben der vergangenen Wochen war auch ein Plakat über diese erste Mikrodatenbank. Das hing neben meinem Stand auf einer internen Konferenz Ende Januar. Dummerweise hat man die Stände in eine Ecke des Raums gestellt, wo sie garantiert niemand wahrnahm. Und so war die ganze Arbeit ein wenig umsonst, weil Besucherzahlen im einstelligen Bereich blieben - obwohl mein Plakat mit Abstand das beste im Raum war, wo sonst die üblichen textlastigen Detaillangweiler von Leuten des Öffentlichen Diensts hingen. Ziemlich enttäuschend, nachdem ich mich in der Gestaltung richtig wiedergefunden hatte. Dafür waren die Vorträge sehr interessant, da man in der internen Umgebung mal kein Blatt vor den Mund nahm. Was im Land der konfliktscheuen Höflichkeit immer erfrischend ist.
Eine weiteres Stück Präsentationsarbeit bleibt mir noch: am 12. Februar muss ich im kleinen Ort Shifnal nordwestlich von Birmingham einen Vortrag über "kulturelle Diversität" für unsere Interviewer halten, damit die nicht unversehens in Fettnäpfchen treten und möglichst viele Leute unsere Umfragen beantworten. Begeistert bin ich nicht, weil ich 9 Stunden im Zug sitze, die Chorprobe verpasse und nicht viel vom Thema halte.
Ab Februar arbeitet mein bisheriger Fahrer woanders und mein bisheriger Sekundärfahrer fährt nicht immer zu angenehmen Zeiten. Das machst es erstens schwierig, meine Sollstunden zu füllen und zweitens bin ich mehr auf Züge angewiesen. Und die fallen bei jedem im Fernsehen als Sturm vermarkteten Wind aus. Der Winter fällt dagegen dieses Jahr aus. Dafür fahre ich momentan täglich eine Stunde später los und der Extraschlaf bewirkt mit mir Wunder.

Kulturell passiert einiges. Nach dem spontanen Theater mit Mathieu habe ich mir allein den "Nussknacker" des Moskauer Stadtballetts angesehen. Vielleicht liegt es am vielen Tanzen, jedenfalls hat mir Ballett noch nie so gefallen. Nur das Publikum war eine Schande, Getuschel, Plastiktüten und einmal wurde direkt vor dem Orchester eine Bierdose aufgemacht. Kurz vorher bin ich mit Ellie zufällig in die chinesische Neujahrgala im Theater gestolpert, wo neben vielen wohlmeinenden Studentin eine Zitherspielerin auftritt, die mich schon auf einem früheren Konzert begeistert hatte. Als sie ein Duett mit einem Flügel spielte, kam fast ein Hauch HMT auf. In einem Monat sehe ich noch ein Musical, in dem Theresa auftritt, und dann Carmen, inszeniert von Moskauer Staatsballett und -oper.
Ähnlich war es auf der Geburtstagsfeier einer griechischen Freundin vom Tango, wo neben ebenjenem später auch etwas Volkstanz aufkam (über die Uni besteht wohl ein dichtes griechisches Netzwerk vor Ort) und mich an Studententage mit der Balkanfraktion erinnerte. Zudem war ihre Mutter zu Besuch und hatte (ich hatte etwas darauf gebaut) einen massiven Buffettisch aufgebaut.
Jene Griechin war auch auf dem ersten von mir und Mathieu einberufenen Spieleabend gewesen. Eine Idee, die ich mir in Weymouth abgeguckt hatte; selbst wäre auf sowas nicht gekommen. Mathieu und mich wollen das in Zukunft ausbauen, weil wir uns beide über unser weiterhin dünnes lokales Sozialnetzwerk Sorgen machen.

Dazu passt auch mein seit November erster Besuch bei Kalina in Southampton. Wir gingen einmal richtig ordentlich tanzen, in einem umfunktionierten Restaurant und fragwürdiger Musik und den langweiligeren Typen des Nachtlebens, und trotzdem hat mir das einen riesigen Spaß gemacht. Während mir Bilder auf Rostock Schnee zeigen, konnten wir Sonntag im Garten des Tudorhauses Tee trinken. Auch der große Park bei der Uni hat auf mich Eindruck gemacht mit seinem weitläufigen Grün (ich: "ich würde ja gerne mal wieder Magdeburg sehen!"). Ein ganz ausgezeichnetes karibisches Restaurant gibt es inzwischen auch. Vielleicht lag es an meiner Übermüdung, aber ich war stellenweise ganz aufgewühlt, mit einer inzwischen "alten" Freundin zu sprechen, die viele durchaus prägende Jahr mitgemacht hat.
Zuletzt: es gibt auf dieser komischen Insel auch keine Saunakultur! Nur eine Sauna in Portsmouth – und dahin geht man angeblich im Schwimmanzug. Hätten diese Leute tatsächlich irgendwelche Schamgefühle, würden sie stattdessen an ihrem Samstagnachtverhalten arbeiten.

Dienstag, 21. Januar 2014

19. Januar - Weymouth

Am Wochenende des 18./19. Januar fuhren Mathieu und ich in das Küstenstädtchen Weymouth zwischen Portsmouth und Cornwall. Dort trafen wir uns mit der Gruppe Freunde aus Frankreich, Spanien und Portugal, mit denen wir bereits an den Kreidefelsen der Sieben Schwestern und später in Stonehenge gewesen waren. Man trifft sich alle paar Monate, um den Kontakt zu halten. Das ist eine sehr angenehme Gruppe, die Organisation verlief ohne Zickereien wohin und wieviel. Als Bonus leben sie zu meiner Beruhigung alle so unfestgelegt wie ich. Sie wohnen in und um Bristol, daher die Wahl des kleinen Fischerortes Weymouth vor der Insel Portland, der unter Georg III zum Kurort avancierte und bis heute dank Strand und Hafen mit Fischern und Yachten Touristenwert hat.
Mit Musik aus Mathieus Heimatort kamen wir nach nicht einmal zwei Stunden Fahrt an diesem regnerischen Samstag auf einem Hügel über Weymouth an und ich sah gleich wieder, dass das offene Meer ein anderer Eindruck ist, als unsere Meerenge. Als es trocken wurde, fuhren wir hinunter und spielten bis zum Eintreffen der anderen an der Strandpromenade Golf. Mathieu hatte die Ausrüstung eingepackt und ich machte mir einen Notiz, dass große Sandstrände ideale Spielorte sind.
Nachdem die Gesamtgruppe ihre Sachen in die Pension über einem Pub direkt am Hafenfahrwasser, neben der zweistündlich geöffneten Hebebrücke gebracht hatten, verbrachten wir den restlichen Abend im Großteil der örtlichen Kneipen, zum Teil mit Tanz, und zum Schluss mit Spielkarten auf unseren Zimmern. Ich machte mir eine Notiz, Spiele einzuplanen, wenn ich so etwas mal selbst auf die Beine stelle. Mein neuer Schal von Ellie hat sich in der Nacht auch gleich wieder in Luft aufgelöst.

Am Sonntagmorgen zog mich das sonnige Fahrwasser gleich vor die Tür, wo auch die Glocken läuteten und Fischer ihren Fang verarbeiteten. Der Sonntag blieb durchweg sonnig und nach einem Abstecher an den lokalen Strand fuhren wir über die Hafenbrücke Richtung den Chessil Strand. Das ist eine kilometerlange Landzunge, die mit ca. 400m Breite das Meer von einem angeblichen Süßwassersee trennt und eine der Hauptattraktionen der Region ist. Dazu sind wir ins Dorf Abbotsbury weiter westlich gefahren. Auf Chessil Beach blieben wir eine ganze Weile einfach liegen, als die Sonne uns direkt beschien. Als wir durch das großteils geschlossene Dorf liefen, fielen mir zwei Dinge auf, weil sie für mich inzwischen so selten geworden sind. Eins war die Stille. Kein Motorenlärm im Hintergrund. Die sehr bergige Küste isoliert die einzelnen Siedlungen voneinander und man sah keine anderen Dörfer, hörte auch nicht viel außer dem Wind und den Schafen auf den Hügelkuppen über Abbotsbury. Darum gibt es auch nicht viele Lichtquellen; nach Sonnenuntergang war es richtig dunkel. Zu dem Zeitpunkt standen wir auf einem Einzelhügel, auf dessen Spitze auf einer sonst leeren Kuhweide eine dramatisch gelegene Kapelle über dem Meer und auch dem Dorf stand. Von dort sah man auch die Umrisse der heute fast verschwundenen Abtei, und mit der Dunkelheit und der Stille hatte ich sofort einen Eindruck, wie das gewesen sein muss, als sie im Ort noch die dominante Institution war.

Weitere Nachrichten: Mit Mathieu bin ich spontan ins Theater gegangen, das erste Mal hier seit Januar 2013. Ein junges Mädchen spielte solo ein Stück eigener Produktion, bei dem sie eine kleine Gruppe durch die Räume hinter Bühne führt und ab und zu singt. Dafür hat sie wohl einen Preis bekommen und tourt durchs Land. In Portsmouth war es die erste Aufführung, nicht einmal das Theaterpersonal wusste, was kommt. Am Ende lässt sie die Leute auf der Bühne in voller Raumsausleuchtung stehen. Prädikat besonders wertvoll in dieser Stadt ohne brauchbare Theater.
Zweitens habe ich mir für Abende ohne Theater ein Puzzle gekauft.

Mehr Bilder auf 

Der Strand von Weymouth.

Der Strand Chessil. Weymouth liegt bereits ganz am Horizont, links von der sichtbaren Insel Portland.


Die Sonne ist rausgekommen.


Die Hügel über Abbotsbury sind voller Schafe.




Die Kapelle auf dem Hügel.